12.12.1977

SICHERHEITMein Hammer

Wildgewordene Alarmanlagen an Banken, Geschäften und Privathäusern regen die Briten auf.
Als Edward Max Nicholson, 73, am 1. September zu Hammer und Leiter griff, wußte er, wie er sich heute erinnert, "daß ich mein ererbtes und verbrieftes Recht auf Frieden, Ruhe und Schlaf verteidigte".
Dennoch war illegal, was Nicholson unternahm. Gemeinsam mit fünf weiteren Bewohnern der Upper Cheyne Row im vornehmen Londoner Stadtteil Chelsea bestieg er an jenem Nachmittag die Leiter am Haus Nr. 26. Abwechselnd schlugen die Täter mit einem schweren Vorschlaghammer auf eine grüne Box gleich unterhalb der Dachrinne, aus der seit vier Stunden ein nervenfetzendes Klingeln ertönte -- die Alarmanlage des urlaubenden Nachbarn.
Die ärgerliche Lärmquelle zerbarst unter dem Jubel Dutzender Sympathisanten. Nicholson hatte Geschichte gemacht: Lynchjustiz an einer Alarmanlage.
Der Vorfall liegt zwei Jahre zurück, doch vergangenen Monat meldete sich Nicholson abermals zu Wort, und zwar in der gleichen alarmierenden Sache: Auf der Leserbrief-Seite der "Times" verkündete er: "Meine drastische und brutale Tat vom September 1975 hatte zwei Jahre himmlische Ruhe zur Folge, aber jetzt geht der Arger von neuem los."
So wie Nicholson leiden in England Zehntausende unter der permanenten Lärmbelästigung fehlzündender Diebstahlsicherungen. Das Bimmeln, Klirren, Scheppern, Rattern, je nach Hersteller und Fabrikat verschieden, von Alarmanlagen zwischen London und Londonderry zerrt Tag und Nacht an den Nerven vieler Briten.
Oft währt der Ärger stundenlang -- und nichts geschieht. 161 541 mal bimmelten Einbruchswarnungen im vergangenen Jahr allein in London. Banken, Geschäfte, Kirchen, Privathäuser signalisierten automatisch per Direktleitung zur Polizei mutmaßlichen Einbruch -- doch 159 750 mal war es blinder Alarm, mal durch einen zarten Lufthauch ausgelöst, mal durch Regen, meist jedoch ohne äußere Einwirkung: 99 Prozent aller Signale meldeten schlicht technische Fehlleistungen und sonst nichts.
So steht es im Jahresbericht des Polizeichefs von London, und die Schlußfolgerung des lärmbelästigten obersten Bobbys überrascht nicht mehr: Seit Januar 1977 führte die Polizei eine "strengere Politik des Entzugs von polizeilicher Präsenz" an solchen vermeintlichen Tatorten ein, die schon häufiger Fehlalarm gemeldet hatten. Mit anderen Worten: Wer eine Alarmanlage hat, kann im Regelfall nicht mehr damit rechnen, daß die Polizei überhaupt erscheint.
Außerdem haben die Gesetzeshüter gar nicht das Recht, die Lärmquelle zum Schweigen zu bringen, wenn die Besitzer von Privathäusern nicht zu Hause oder Geschäfte und Banken geschlossen sind,
Und, wie meist in solchen Fällen, entsteht Fehlalarm überhaupt erst am Wochenende oder nachts. Denn bei geöffneten Geschäften ist der Mechanismus der Alarmanlagen in der Regel abgeschaltet.
Nachdem die Polizei nun öffentlich Unzuständigkeit wie Machtlosigkeit in den häufigen Fällen von Fehlalarm eingestanden hat, tauschen immer mehr Briten in den Leserbrief-Spalten der "Times" praktische Winke zum Umgang mit Alarmanlagen aus.
So teilte vor kurzem ein A. C. Geddes tröstlich mit, daß nach seiner Ansicht überliefertes Recht jedermann in die Lage versetze, eine private Plage wie das Alarmklingeln durch eigene Maßnahmen notfalls auch gewaltsam zu beseitigen.
Als Beweis führte er die Popularität eines befreundeten Rechtsanwalts an, der an Wochenenden geradezu regelmäßig mit Leiter und Overall beobachtet werden könne, wie er von einem Haus zum anderen marschiere und summende Alarmanlagen unschädlich mache.
Ein Mr. J. R. Pritchard vom Umweltschutzbüro des Londoner Stadtteils Islington ist der Meinung, daß nach dem Umweltschutzgesetz von 1974 Absatz 58 die Ortsbehörden mit Strafen bis zu 1600 Mark gegen die Besitzer von häufig blind alarmierenden Anlagen vorgehen können. Auf diese Weise, so Pritchard, habe sich das Alarmunwesen in Islington erheblich eindämmen lassen.
Unterdessen ist der Kampf gegen die Alarmvorrichtungen in ein neues Stadium getreten. Nicholas Scott, Unterhausabgeordneter für den Wahlkreis Chelsea, in dem auch der Anti-Alarmist Nicholson wohnt, will eine Gesetzesvorlage in Sachen Alarmanlagen im Parlament einbringen. Danach sollen künftig nur noch solche Vorrichtungen eingebaut werden, die jeden Alarm nach 20 Minuten von selbst wieder abschalten.
Allerdings: Wie diese höhere Technologie von Herstellern bewältigt werden soll, die offensichtlich nicht einmal in der Lage sind, überhaupt betriebssichere Anlagen zu produzieren, bleibt offen. Nicholson: "ich vertraue lieber meinem Hammer."

DER SPIEGEL 51/1977
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