12.12.1977

SOWJET-UNIONLeicht brennbar

Experten aus dem Westen prüften die Feuersicherheit in Moskau. Das Resultat: Es gibt sie nicht.
Unter der Telephonnummer "01" meldet sich in Moskau die Feuerwehr. Auf Alarmruf kommt sie auch, steht dann aber oft hilflos herum.
Wenn Moskaus Lösehautos funktionieren, haben die Feuerwehrleute Mühe, die Hydranten zu finden, weil keine Zeichen den Standort andeuten. Häuser sind in der Regel schon niedergebrannt, bevor unter Schnee und Eis der Wasseranschluß gefunden wurde.
Seit dem Brand im Hotel "Rossija" am 25. Februar (45 Tote) schreiben auch Moskauer Zeitungen über Feuersicherheit in Häusern, Theatern und Hotels. Feuerwehr-Inspekteure besuchten im Auftrag der Zeitung "Iswestija" Moskauer Schauspielhäuser.
Über die Sicherheit im "Taganka"-Theater zum Beispiel, einem alten Gebäude. urteilten sic: "Offen gesagt, haben wir das Theater erschüttert verlassen." Während der Vorstellungen seien die Gänge mit so vielen zusätzlichen Stühlen vollgestellt gewesen, daß im Falle eines Brandes kaum jemand entkommen könne. Die Vorhänge seien aus leicht entzündlichem Material, obwohl während der Vorstellung mit allerlei Feuereffekten gearbeitet werde.
Erklärung für die Gleichgültigkeit: Traditionell nur an Holzhäuser gewöhnt, fühlen sich viele Russen in Stein und Beton absolut sicher. Früher brannte es viel öfter, gelegentlich steckten die Moskauer zur Selbstverteidigung gegen Tataren und Franzosen auch selbst die ganze Stadt an.
Nach dem Rossija-Brand holten sie Frankfurts Oberbranddirektor Ernst Achilles als Ratgeber nach Moskau. Ein westeuropäischer Großkonzern, dessen Vertreter ständig in Moskau wohnen, ließ heimlich die Sicherheit der Hotels und Wohnhäuser erforschen. Die Experten berichteten nach Hause:
Im feinsten Hotel, dem "National" gegenüber dem Kreml, befand sich nur eine Feuerleiter, und die war durchgerostet, sie bot keine Gewähr, nach unten zu kommen. Die Tür zur Feuerleiter war verschlossen. Nach 15 Minuten erst konnte festgestellt werden, daß der Fahrstuhlwächter den Schlüssel besaß, der aber war nicht aufzufinden.
Die Notausgänge sind im gesamten Hotel nicht gekennzeichnet. Es gibt keine Notlichter, die bei Ausfall des elektrischen Systems leuchten, und Ventilationsmöglichkeiten sind ebenfalls nicht vorhanden. Handfeuerlöscher waren zwar sichtbar, aber keiner konnte sagen, ob sie funktionieren oder je funktioniert haben. Gesamteindruck: Selbst aus dem niedrigen Hotel "National" kaum Rettungsmöglichkeiten.
Das beste Hotel in puncto Sicherheit ist das im Zuckerbäckerstil erbaute Hotel "Ukraina". Dennoch: Alle Türen, die vom Hotel zur Feuerleiter führen, sind aus brennbarem Material.
In den langen Fluren von 60 bis 80 Metern sind keine Feuer- oder Rauchkontroll-Türen eingebaut. Es gibt kein Alarmsystem, keine Notbeleuchtung und keine automatischen Ventilationssysteme. Tragbare Feuerlöscher waren nicht zu finden, auch waren die Notausgänge nicht gekennzeichnet.
Feuer-Inspekteure aus dem Westen prüften auch die Mietwohnungen Moskauer Residenten: Die wenigsten Häuser haben Feuerleitern. Die Treppenaufgänge sind oft mit Hausrat und Müll verstopft, der zwar täglich abgeräumt wird, aber zu unterschiedlichen Zeiten -- zeitweilig sind manche Treppen nicht begehbar.
Nirgendwo wurden Rauch- oder Feuerbarrieren ausgemacht, so daß ein Feuer sich ungehindert im ganzen Haus fortpflanzen kann. In keinem Haus befand sich eine Notbeleuchtung. Zeichen für Notausgänge, tragbare Feuerlöscher oder Ventilatoren gegen Hitze- und Rauchentwicklung fehlten zumeist, Wasseranschlußstellen waren, wenn vorhanden, ohne Druck. Das elektrische Leitungssystem in den Wohnungen ist teilweise nicht geerdet, die Kabel befinden sich in schlechtem Zustand. Leitungen werden oft unterm Teppich durch die Räume geführt.
Fahrzeuge und Geräte der Moskauer Feuerwehr sind veraltet, die Autos fahren zu langsam (40 bis 50 Kilometer in der Stunde). Nicht einmal auf dem Moskauer Flughafen sind die Löschfahrzeuge nahe genug am Einsatzort stationiert. Beobachtungswagen sind auf dem Vorfeld so geparkt, daß sich der Flughafen nicht übersehen läßt.
Die Feuerwehr-Leitung verweigerte die Auskunft, welche feuerdämmenden Materialien im Container des Wagens waren, in welchen Abständen Alarmübungen durchgeführt werden und ob überhaupt eine festgeschriebene Ordnung besteht. Resümee der Untersuchung: Alles hängt ab vom persönlichen Einsatz und Mut der einzelnen Feuerwehrleute.
Die tun auch mal mehr als nötig: Beim Brand der US-Botschaft im August nahmen sie, so vermutet Botschafter Toon, US-Stempel, Notizbücher und eine Video-Kassette mit.

DER SPIEGEL 51/1977
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