12.12.1977

„Am besten sagen wir die Wahrheit“

Günter Guillaume, der Spion im Kanzleramt, mußte observiert werden. Ein Amtschef kann nicht selbst observieren. Selbst wenn er aufgrund eigener praktischer Erfahrungen dazu in der Lage wäre, sollte er auch keine detaillierten Anweisungen für die Anlage der Observation geben.
Solche Weisungen erfordern gründliche Erkundungen der Örtlichkeiten. Ein Chef läuft -- selbst wenn er erkunden könnte und wollte -- Gefahr, aufzufallen und dadurch den Fall zu verderben.
Ich beriet also mit Albrecht Rausch, dem Leiter der Abteilung IV (Spionageabwehr) des Bundesamtes für Verfassungsschutz, und seinen Mitarbeitern, wie die Observation angelegt werden sollte. Sie schlugen vor, sich zunächst auf die Beobachtung von Frau Guillaume zu konzentrieren.
Wir wußten, daß sie bei Guillaumes nachrichtendienstlicher Tätigkeit von Anfang an mitgewirkt hatte. Nach unserer bisherigen Erfahrung nahmen wir an. sie würde wahrscheinlich Kurierdienste leisten, ins Ausland oder in die DDR reisen oder Mittelsmänner treffen, um Material zu übergeben.
Guillaume "lückenlos" zu beobachten lehnten wir ab. Er war den ganzen Tag im Bundeskanzleramt beschäftigt. Unsere Observanten konnten nicht wochenlang vor dessen Tür stehen. Sie wären der Aufmerksamkeit der zahlreichen Wachen nicht entgangen, die dort postiert waren.
Wir beschlossen, Guillaume wird nur observiert. wenn dazu besonderer Anlaß besteht, wenn er zum Beispiel eine Reise unternimmt oder sich sonst in einer Weise verhält, die den Verdacht aufkommen läßt, er werde sich nachrichtendienstlich betätigen.
Wir fragten uns auch, ob wir uns Informationen über Guillaumes Verhalten durch eine Telephonüberwachung seines privaten Anschlusses beschaffen sollten. Nachdem wir das Für und Wider einer solchen Maßnahme erörtert hatten, sahen wir davon ab.
Wir befürchteten, der Kreis der Personen in unserem Amt, im Innenministerium. im Bundestag, bei der Post, die von einer solchen Maßnahme erfahren hätten, werde zu groß sein. Das Risiko. daß unsere Maßnahmen gegen den Spion im Bundeskanzleramt auf diese
© 1977 C. Bertelsmann Verlag. München.
Weise frühzeitig bekannt würden, wollten wir nicht eingehen. Wir verzichteten daher lieber auf Hinweise, die wir durch dieses manchmal wertvolle Hilfsmittel hätten gewinnen können.
Von Angehörigen der Ministerialbürokratie ist mir nachträglich vorgeworfen worden, daß ich sie nicht informiert hätte. Meine Antwort war: "Der Minister hätte Sie informiert, wenn er Ihre Mitwirkung für nötig gehalten hätte. Und: Was hätten Sie uns denn helfen können?"
Wenn ich heute vergleiche, welche Lehren aus den Fällen Guillaume und Traube (Abhöraffäre, entdeckt 1977) zu ziehen sind, so konstatiere ich: > Im Fall Guillaume habe ich den Minister sofort und persönlich unterrichtet. Mein Verdacht gegen Guillaume erwies sich als begründet.
* Im Fall Traube ist die Ministerialbürokratie informiert worden mit dem Effekt, daß es "Kommunikationsmängel" gab und der Minister von der Operation erst erfuhr, als sie schon zwei Wochen lief.
Im Fall Guillaume beobachteten die Observanten im Sommer 1973, daß Frau Guillaume mehrmals in der Woche ein Bonner Haus besuchte, wobei sie regelmäßig Blumen mitnahm. Es gelang zu ermitteln, daß sie dort die Wohnung einer Familie F. betrat. Das schien eine bestimmte Bedeutung zu haben, denn in den Funksprüchen war die Rede davon, daß Guillaume mit einem "F" zusammenarbeite.
Wir spielten auch mit dem Gedanken, Frau Guillaume besuche in diesem Hause möglicherweise nur einen Liebhaber. Diese Vorstellung wurde jedoch fallengelassen, als Frau Guillaume eines Tages von den Eheleuten F. gemeinsam an der Haustür verabschiedet wurde,
Die Beobachtungen wurden fortgesetzt. Nach Rückkehr der Guillaumes von der Norwegenreise wurde Frau Guillaume beobachtet, wie sie sich in Bonn mit einer Frau traf. Das Verhalten der beiden Frauen erschien den Beamten "konspirativ". Nach bewährter Praxis konzentrierte sich die Observation, nachdem sich die Frauen getrennt hatten, auf die Unbekannte. Sie fuhr mit der Eisenbahn nach Köln. Dort ging sie im Großstadtgetriebe "verloren", wie die Observanten meldeten.
Wer die Observationspraxis kennt, wird sieh hüten, in einem solchen Fall Vorwürfe zu erheben. Man vertraute darauf, daß diesem Treff weitere folgen würden. Ich berichtete Herrn Genscher im Laufe der Monate einige Male über unsere Arbeit, konnte aber weder mir noch ihm verhehlen, daß die Observationsergebnisse bisher höchst bescheiden waren.
Ende Januar 1974 besprachen wir den Fall erneut. Herr Genscher erklärte, wir könnten dem Bundeskanzler die Ungewißheit nicht länger zumuten und müßten nun zu einem Ende kommen. Ich sah das ein und bot an, binnen einer Woche einen Bericht zu liefern, der die bisherigen Ergebnisse zusammenfassen sollte, damit entschieden werden könne, was zu geschehen habe. Herr Genscher meinte, vier Wochen Zeit könne er mir noch geben.
Guillaumes Geständnis überraschte die Fahnder.
Am 1. März 1974 war ich mit dem Bericht bei Herrn Genscher. Ich schlug ihm vor, das Einverständnis Willy Brandts zur Abgabe des Falles an den Generalbundesanwalt einzuholen. Herr Genscher stimmte dem zu und meinte, er werde dem Bundeskanzler vorschlagen, sich den Fall von mir vortragen zu lassen.
Ich bat, dafür einen Zeitpunkt zu wählen, in dem Guillaume nicht im Kanzleramt sei, denn ich wollte mit ihm nicht im Vorzimmer des Kanzlers zusammentreffen. Guillaume hätte als wachsamer Spion meinen Besuch auf sich beziehen können.
Am selben Abend gegen 9 Uhr wurde ich ins Kanzleramt gerufen. Bald saß ich den Herren Brandt und Genscher gegenüber. In meinen Vortrag bezog ich selbstverständlich die Funksprüche ein, wobei ich bemerkte, ein Funkspruch habe auch einen Glückwunsch zur Geburt des zweiten Sohnes enthalten.
Da warf Willy Brandt ein, Guillaume habe doch nur einen Sohn. Er hatte recht. Mein Gedächtnis hatte mir einen Streich gespielt. Der Wortlaut des Funkspruches hatte gelautet: "Glückwünsche zum 2. Mann." An der Identifizierung Guillaumes änderte sich damit natürlich nichts.
Meine Darlegungen beendete ich mit dem Vorschlag, die Sache solle an den Generalbundesanwalt abgegeben werden. Er solle entscheiden, ob das vorhandene Material ausreiche, um ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Herr Genscher unterstützte meinen Vorschlag. Der Bundeskanzler stimmte zu, und ich empfahl mich.
Am 7. März wurden unsere Unterlagen dem Generalbundesanwalt übergeben. Dessen Mitarbeiter hatten in Dutzenden von Fällen den Wert und die Zuverlässigkeit der Tatsachen erfahren, die den entschlüsselten Funksprüchen zu entnehmen waren.
Sie schlossen sich unserer Beurteilung an, daß wir in Guillaume mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen eingeschleusten Spion vc uns hatten, daß es nur noch an Beweismaterial fehle. Die Mitarbeiter Generalbundesanwalts, in deren Händen die Beweismittelsammlung jetzt lag, suchten daher das Material durch polizeiliche Ermittlungen anzureichern.
Im April hörten wir, Guillaume plane eine Ferienfahrt nach Südfrankreich, wo er nach unserer Kenntnis schon öfter gewesen war. In Abstimmung mit dem Generalbundesanwalt versuchten wir, ihn dort beobachten zu lassen. Ich wandte mich an den Chef der französischen Spionageabwehr und bat ihn, einen Mitarbeiter zu empfangen, der ihm unsere Bitte um Unterstützung erläutern sollte.
Mein französischer Kollege stimmte -- wie stets in ähnlichen Fällen -- sofort zu. Als Guillaume seine Reise im Auto antrat, begleiteten ihn unsere Observanten bis in die Nähe der Grenze; dann übernahmen die Franzosen an einem verabredeten Treffpunkt die Beobachtung.
Guillaume fuhr bis zu einem Ort an der Côte d'Azur, wo er einen Bungalow bezog. Die Beobachtung war, wie mir berichtet wurde, lückenlos.
Guillaume traf einige Leute und empfing eine Besucherin. Die Überprüfung dieser Personen ergab keinen Beweis dafür, daß sie mit dem Spionagegeschäft zu tun hätten. Dann kehrte Guillaume nach Bonn zurück.
Der Generalbundesanwalt sah nun keinen Grund mehr, die exekutiven Schritte aufzuschieben, zu denen er sich entschlossen hatte. Er beantragte und erhielt richterliche Durchsuchungsbefehle gegen die Eheleute Guillaume und gegen das Ehepaar F., dem Frau Guillaume Blumensträuße zu überreichen pflegte.
Am 24. April sollte Guillaume vernommen und seine Wohnung durchsucht werden. Ich hatte an jenem Tag in Brüssel zu tun. Abends eilte ich nach Hause, um zu hören, wie "es" gelaufen war. Nach einigem Herumtelephonieren erreichte ich bei der Sicherungsgruppe Bonn Kriminaldirektor Schütz. Er [ragte: "Wissen Sie's noch nicht 9 Guillaume hat gestanden."
Schütz erwähnte, Guillaume habe erklärt, er sei Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und bitte entsprechend der Haager Landkriegsordnung behandelt zu werden. Dieses Geständnis erinnerte an eine Erklärung, die Leopold Trepper, der "Grand Chef" der Roten Kapelle, abgegeben hat, als er 1942 in Paris verhaftet wurde: "Ich bin Offizier und bitte, als solcher behandelt zu werden."
Guillaumes Geständnis befreite mich von einigen Sorgen, weil es die Beweisführung erleichterte. Am nächsten Vormittag begleitete ich Herrn Genscher zu einer Sitzung des Parlamentarischen Vertrauensmännergremiums. Auf dem Wege dorthin fragte er mich: "Was sollen wir denen sagen, wie der Fall aufgedeckt worden ist?"
Ich antwortete: "Am besten sagen wir die Wahrheit, erwähnen wir die Funksprüche." Das taten wir denn auch.
Nach der Sitzung sagte Professor Dr. Carstens zu mir: "Ich wundere mich, daß Sie das Risiko eingegangen sind, die entzifferten Funksprüche hier zu erwähnen. Zwölf Personen haben immerhin zugehört."
Ich erwiderte: "Jemandem muß man doch trauen."
Wer war verantwortlich für die Überprüfung Guillaumes?
Damals konnte ich nicht voraussehen, daß die Funksprüche und unsere Entschlüsselungspraxis wenig später von einem CSU-Abgeordneten doch an die Öffentlichkeit gezerrt werden würden.
Minister Genscher schien nach dieser Sitzung des Parlamentarischen Vertrauensmännergremiums mit der Behandlung des Falles durch das Amt und durch mich völlig einverstanden zu sein.
Am nächsten Tag hörte ich der Aktuellen Stunde des Bundestags auf der Regierungsbank zu. Dort erklärte Herr Genscher:
Die Ermittlungen sind von den Sicherheitsorganen unnachsichtig und ohne An. sehen der Beteiligten geführt worden. ch schließe mich denen an, die hier den Sicherheitsorganen ihre Anerkennung ausgesprochen haben. Ich tue das uneingeschränkt.
Die Arbeit meines Amtes schien damit im wesentlichen abgeschlossen. Bundesanwaltschaft und Sicherungsgruppe hatten nun das Gerichtsverfahren gegen Guillaume vorzubereiten. Dabei konnten Mitarbeiter meines Amtes behilflich sein. Ich würde aber nicht benötigt werden, dachte ich.
Deshalb hielt ich an meiner Absicht fest, eine seit Monaten geplante, vom Innenministerium längst genehmigte Kur anzutreten. Es war die erste, die ich nach 24jähriger Dienstzeit beantragt hatte. Am 30. April traf ich Herrn Genscher in Wiesbaden und fragte ihn, ob er einverstanden sei, wenn ich führe. Er äußerte keine Bedenken.
Am nächsten Tag, ich näherte mich im Auto dem Kurort Bad Tölz, rief mich Herr Genscher über das Funktelephon an. Er bezog sieh auf einen Artikel in der "Kölnischen Rundschau", in dem behauptet wurde, ich werde von meiner Kur nicht ins Amt zurückkehren. Herr Genscher legte mir nahe, für ein paar Tage in das Kölner Amt zurückzukehren, um zu demonstrieren, daß ich da sei.
Ich war von der Weisheit eines solchen Schrittes zwar nicht überzeugt, weil ich dazu neigte, meine Entschlüsse nicht aufgrund von Presse-Enten, sondern nach sachlichen Erwägungen zu fassen. Trotzdem respektierte ich den Wunsch des Ministers.
Am nächsten Morgen, es war der 2. Mai, fuhr ich zurück. Unterwegs las ich in der Presse, daß zwischen den Ministern Genscher und Ehmke ein Konflikt über die Verantwortlichkeit für Fehler entstanden sei, die bei der Sicherheitsüberprüfung Guillaumes gemacht worden waren.
Die Sicherheitsüberprüfung war abgeschlossen worden, bevor ich mein Amt als Präsident antrat. Auch mein Vorgänger hatte die Akte nicht gesehen. Guillaume sollte damals nur als kleiner Hilfsreferent im Bundeskanzleramt eingestellt werden.
Die Vorgänge, die ihn hätten belasten können, lagen mehr als fünfzehn Jahre zurück und waren wenig substantiiert. Der Abteilungsleiter, der schließlich den "Persilschein" für Guillaume unterschrieben hatte, war seit einigen Jahren im Ruhestand*.
Ich lehnte es ab, ihn zu kritisieren, weil ich mir sagte, ich hätte womöglich ebenso gehandelt wie er. Die Funksprüche, die uns später davon überzeugten, daß Guillaume ein Spion sei, waren diesem Beamten und seinen Mitarbeitern nicht bekannt gewesen.
Am Nachmittag konnten sich die Herren von der Opposition im Parlamentarischen Vertrauensmännergremium davon überzeugen, daß ich noch da war. Mit Herrn Genscher verständigte ich mich darüber, daß ich am 4. Mai an meinen Kurort zurückkehren sollte.
"Wieder eine überflüssige Reise", dachte ich. Am nächsten Tag aber änderte ich meine Meinung. Ich arbeitete im Büro, als mich ein Anruf des Präsidenten des Bundeskriminalamts, Dr.
* Gemeint: Johann Gottlieb Hermenau, 1964 bis 1970 Leiter der Abteilung V (Geheimschutz).
Herold, erreichte. Er müsse mich in einer Angelegenheit von höchster Wichtigkeit sprechen, sagte er. Mit ihm hatte ich seit Jahren vertrauensvoll zusammengearbeitet.
Bevor Dr. Herold eintraf, gab ich dem Westdeutschen Rundfunk noch ein Interview. Die letzte Frage des Reporters lautete: "Vermuten Sie noch weitere Agenten vom Kaliber Guillaume in der Bundesrepublik?" Ich antwortete: "Ja." Darauf rauschte es im Blätterwalde.
Zwei Jahre später rauschte es wieder: Einige der Agenten, die ich "vermutet" hatte, zum Beispiel Helge Berger, waren entdeckt worden. Damals, als ich mit "ja" antwortete, kannte ich noch keine Namen. Aber ich wußte, daß meine Kollegen an Projekten arbeiteten, die eines Tages Resultate erbringen mußten.
Kaum hatte ich die Journalisten verabschiedet, erschien Dr. Herold. Er fragte mich, ob ich schon etwas von den peinlichen Details wisse, die ans Tageslicht gekommen seien. Die Bundesanwaltschaft habe Kriminalbeamte vernommen, die zu Brandts Begleitkommando gehört hätten.
Ich verneinte. Zugleich erinnerte ich mich aber: Vor etwa einem Jahr hatte mich Dr. Fritsch, der damalige Leiter der Sicherungsgruppe, zu deren Aufgaben der persönliche Schutz von Politikern gehörte, gefragt: "Herr Nollau, geht uns das Privatleben unserer Schützlinge etwas an?"
Ich ahnte nicht, auf wen sich die Frage Dr. Fritschs bezog, und antwortete mit "nein".
Jetzt hörte ich Genaueres von Dr. Herold. Einige der Beamten des Begleitkommandos hatten auf die Frage, welche Aktivitäten Guillaumes sie beobachtet hätten und was er wisse, auch ausgesagt -- sie durften ja nichts verschweigen -, welche privaten Erlebnisse Willy Brandts der Spion kenne. Dr. Herold nannte Namen und schilderte Details.
Mir schoß durch den Kopf: "Da hatte also nicht nur Gehlen "Sonderverbindungen", sondern auch Brandt." Diesen unernsten Gedanken teilte ich aber Dr. Herold, der sichtlich empört war, nicht mit.
Mit ihm wurde ich bald einig: Uns ging das nur insoweit an, als es mit dem Spionagefall Guillaume zusammenhing. In diesem Zusammenhang war es allerdings höchst brisant.
Ich sagte zu Dr. Herold: "Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt, sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. Sagt er aber nichts, dann hat die Regierung der DDR, der Guillaume natürlich auch das berichtet hat, ein Mittel, jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen."
Ich fragte Dr. Herold, ob der Innenminister den Sachverhalt kenne. Dr. Herold bejahte und fügte hinzu, er wisse nicht, ob Genscher etwas unternommen habe. Darauf entschloß ich mich, sofort Herbert Wehner zu unterrichten. Dr. Herold stimmte zu: "Das hatte ich von Ihnen erwartet", erklärte er, als er sich verabschiedete.
Ich rief Wehners Stieftochter Greta an und teilte ihr mit, ich müsse "ihn" in einer höchst wichtigen Angelegenheit sofort sprechen. Da ich nicht die Angewohnheit hatte, bei meinen Angelegenheiten zu übertreiben, begriff sie, daß es an diesem Tag dringlich war. Ich konnte sofort kommen.
Nach vierzig Minuten saß ich Herbert Wehner in seiner Wohnung gegenüber. Ich berichtete, was ich von Dr. Herold gehört hatte. Dabei erwähnte ich die Namen und Details, deren ich mich erinnerte. Das fiel mir leicht, weil ich einige der Namen schon kannte.
Protokolle oder Notizen habe ich Herbert Wehner nicht übergeben, weil ich von Dr. Herold nichts Schriftliches erhalten hatte. Herbert Wehner war beeindruckt. Als ich die Konsequenzen nannte, die sich aus dieser fatalen Sache ergeben konnten, stimmte Wehner zu.
"Ich sehe "ihn" morgen in Münstereifel", bemerkte "Onkel Herbert", sibyllinisch wie manchmal. Was er unternehmen wollte, sagte er nicht, und es entsprach nicht meiner Position, ihn danach zu fragen. Wehner erwies mir noch die Höflichkeit, mich die hundert Meter von seiner Haustür bis zum Auto zu begleiten. Dann fuhr ich ab.
Am nächsten Morgen, dem 4. Mai 1974, machte ich mich zum zweitenmal auf den Weg nach Bad Tölz, um meine Kur anzutreten.
Nollau: Inforntationen von Brandts Bewachern.
Am 7. Mai hörte ich morgens sechs Uhr im Radio die Nachricht, Willy Brandt habe dem Bundespräsidenten seinen Rücktritt mit der Begründung erklärt, er übernehme die politische Verantwortung für "Fahrlässigkeiten" im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume.
Nach Brandts Rücktritt liefen die Sensationen einander den Rang ab. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb am 1/12. Mai 1974, Brandt habe moniert, die Verfassungsschützer hätten sein Privatleben eifriger beobachtet als die Aktivitäten Guillaumes. Ich versicherte dem Innenministerium, wir hätten uns nicht eine Stunde lang um Brandts Privatleben gekümmert.
Jeder Eingeweihte wußte ohnehin, daß die Informationen, die ich am 3. Mai Herrn Wehner übermittelt hatte, nicht von meinen Observanten stammten, sondern von den Kriminalbeamten, die zum Begleitkommando Brandts gehört hatten und bei ihrer Vernehmung als Zeugen aussagen mußten. Es sei ihnen schwer genug gefallen, habe ich mir sagen lassen.
Am 16. Mai schrieb der "Stern" unter Bezug auf Brandt, Wehner hätte sich dem Verfassungsschutz als Amateuragent zur Verfügung gestellt und uns ständig über Brandts Termine und Guillaumes Einsatz informiert.
Außerdem berichtete der "Stern", Wehner habe Brandt am 4. Mai aufgesucht und ein Bündel Papiere aus der abgewetzten Aktentasche gezogen: Es seien Kopien der Vernehmungsprotokolle im Fall Guillaume gewesen, die ihm sein Freund, der Verfassungsschutz-Chef Günther Nollau, überlassen habe.
In ähnlicher Weise äußerte sich der SPIEGEL. An beiden Behauptungen war buchstäblich keine Silbe wahr. Ich hatte von diesen Enten erfahren, bevor sie gedruckt waren. Mein Dementi wurde von dem verantwortlichen Sternredakteur als "politisch" abgetan.
Die Sicherheit, mit der die beiden Magazine diese Nachrichten druckten, beruhte -- wie mir ihre Vertreter mitteilten -- darauf, daß sie "von ganz oben" informiert worden waren. In der "Süddeutschen Zeitung" vom 11./12. Mai wurde der Name ihres Gesprächspartners genannt: Es war Willy Brandt.
Enten fand ich auch in einem Buch, das der frühere Korrespondent der "New York Times" in Bonn, David Binder, den ich gut kannte, Ende 1975 in den USA unter dem Titel: "The Other German, Willy Brandt's Life & Times" veröffentlicht hat. Das Schlußkapitel behandelt das Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts. Ehrlicherweise nennt der Autor seinen Bericht "unauthorized ... possibly highly idiosyncratic".
Nur so kann ich es verstehen, wenn Binder über mich schreibt: "Welche Art von Abwehrmann war das, der nicht die Selbstachtung hatte, seinem Chef in einer Zeit der Gefahr gegenüberzutreten."
Binder war zwar mehrere Jahre in Bonn, die Arbeitsweise des Bundesamtes hat er jedoch nie völlig begriffen. Mein Chef war Herr Genscher. Ihm hatte ich den Fall vorgetragen. Wie Genscher meine Information dem Bundeskanzler weitergegeben hat, habe ich erst durch den Untersuchungsausschuß erfahren.
Eine weitere Ente brüteten der SPIEGEL am 6. Mai 1974 und "Quick" am 9. Mai gemeinsam aus. Der französische Abwehrdienst, schrieb "Quick", habe schon 1972 erkannt, daß Guillaume ein Ostspion sei. Die von den Franzosen damals schon informierten deutschen Dienststellen hätten den Fall entweder "verschlampt" oder er sei von einem Gönner Guillaumes unterdrückt worden. Aus dieser Bemerkung entnahm ich später ein Indiz dafür, daß "Quick" schon damals die "Information" besaß, Guillaume habe in Köln einen Gönner, nämlich Nollau.
So weit ging der SPIEGEL nicht. Immerhin veröffentlichte auch er die Legende, die Franzosen hätten Guillaume schon lange als Spion erkannt gehabt. Ihnen sei ein übergelaufener Mitarbeiter der DDR-Staatsbank in die Hände geraten. Von ihm hätten sie erfahren, ein Mann aus der Umgebung Willy Brandts unterhalte bei der DDR-Staatsbank ein Sperrkonto.
Natürlich besaßen die Franzosen keine derartigen Informationen. Der Chef der französischen Spionageabwehr hat mir versichert, er habe das erste Mal durch mich von dem Fall Guillaume erfahren, als ich ihn im April 1974 von dessen bevorstehender Frankreichreise unterrichtete.
Im nächsten Heft
Die Opposition nutzt den Fall Guillaume zur Attacke auf Wehner -- Nollau vor dem Untersuchungsausschuß -- Die Irrtümer des Ministers Genscher
Von Günther Nollau

DER SPIEGEL 51/1977
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