12.12.1977

Gröblicher Angriff

Um Sperren gegen ihre Eiskunstlauf-Punktrichter aufzuheben, schickten die Sowjets sogar Diplomaten. Vergebens -- nun drohen sie mit Boykott.
Die Sowjets bemühten ihre angesehenste sportliche Instanz. "Dieser gröbliche, unverdiente und einmalige Angriff, der einen Schatten auf unsere sportliche Ehre wirft", drohte das Nationale Olympische Komitee (NOK) der UdSSR, könne "selbstverständlich nicht ohne Konsequenzen" hingenommen werden.
Mit der "Boykottdrohung der sowjetischen Eiskunstläufer" ("L'Equipe", Paris) gegen die Europameisterschaften in Straßburg Ende Januar 1978 sollte offensichtlich der Weltverband der Eiskunstläufer (Isu) eingeschüchtert werden. Denn ohne die besten sowjetischen Eispaare, vor allem die Olympiasieger Irina Rodnina und Alexander Saizew, sind internationale Wettkämpfe nur halb soviel wert.
Die Isu hatte erstmals die schwerstmögliche Strafe verhängt und alle sowjetischen Punktrichter für 1978 gesperrt -- "wegen wiederholter nationaler Parteilichkeit".
Im Kalten Sport entscheiden oft Zehntelpunkte darüber, ob ein Eisamateur später in seiner Vertragsgage bei einer Eisrevue fünf oder sechs Stellen vor dem Komma vorfindet. Aber auch den Kampfrichtern ist daran gelegen, möglichst viele Landsleute unter die ersten Zehn zu bringen. Von der Zahl der Eisläufer, die sich aus einem Lande für die nächste Europa- oder Weltmeisterschaft qualifizieren, hängt es ab, wie viele Punktrichter dieses Land schicken darf.
Aus der UdSSR punktete zuletzt die Höchstzahl von vier Schiedsrichtern. So gehören Vorzugsnoten für Landsleute seit jeher zum guten Mißton, Wertungsskandale zum Eislauf wie die Fellmützen der Juroren.
Die österreichische Trainerin Hertha Wachtler taufte die Branche deshalb schon zum "Eisgunstlaufen" um, und Frankreichs frühere Weltmeisterin Jacqueline du Bief faßte bündig zusammen: "Von zehn Kampfrichtern sind vier unfähig, drei bewußt unehrlich und nur drei wirklich gut."
Eine Punktrichterin verschlief schon mal ihren Einsatz und wurde auf immer disqualifiziert. Ein Eisrichter erwies sich als kurzsichtig. Den nächsten ertappten die Funktionäre, als er vor dem Wettkampf entsprechend der Reihenfolge der letzten Meisterschaft die Rangfolge im voraus festlegte. Einmal wertete sogar ein Richter unter falschem Namen mit.
Doch einige Ostrichter vergriffen sich häufiger, als die Toleranz zuließ. "Schiedsrichter neigen dazu, ihre Landsleute zu begünstigen", urteilte die "Times", aber "keiner mehr als die Russen." In anderen Sportarten, etwa im Fußball, sind Ostblock-Spielleiter geradezu begehrt. Sie haben es allerdings leichter, sachlich zu entscheiden: Im internationalen Fußball pfeifen Unparteiische aus neutralen Ländern.
Im Eiskunstlauf dagegen hängen Punktrichter auch vom Wohlwollen ihres Heimatverbandes ab. Falls sie mit Gunstnoten geizen, können die Funktionäre einen anderen beauftragen, der die Eisläufer ihres Verbandes wirksamer unterstützt. Stets waren Sowjet-Juroren dabei, wenn das Exekutiv-Komitee der Isu alle Jahre wieder Kampfrichter wegen übertrieben auffälliger Fehlwertungen ausschloß.
Seit fünf Jahren entsendet der Weltverband unabhängige Beobachter, die über die Benotungen Buch führen. Entfernen sich die Noten eines Punktrichters deutlich vom Durchschnitt, wird er verwarnt oder disqualifiziert. In den letzten vier Jahren schloß die Isu 24 Punktrichter zeitweilig aus, darunter sieben Sowjets. 1974 trafen drei von zehn Sperren Sowjet-Schiedsrichter.
"Das störte die gar nicht", erklärte der Schweizer Isu-Generalsekretär Beat Häsler, "dann schickten sie eben andere, und die machten so weiter." Sogar den DDR-Weltmeister Jan Hoffmann, dem fünf Richter den ersten Platz zuerkannt hatten, setzte der Russe auf den dritten Rang.
Einen sowjetischen Läufer, den die anderen Richter zwischen Platz drei und fünf eingestuft hatten, bewertete der sowjetische Punktesammler als Sieger. Einmal versuchte der Juror aus der UdSSR gar, den drei Teilnehmern seines Landes in der Herren-Konkurrenz die ersten drei Plätze zuzuschanzen. Die Kür seines Paares benotete ein Sowjetrichter trotz offensichtlicher Patzer mit der Höchstnote 6,0.
Deshalb beschloß das Isu-Exekutiv-Komitee im Mai die von den Statuten für fortgesetzte, national gefärbte Fehlurteile vorgesehene Höchststrafe: Ausschluß aller sowjetischer Punktrichter von den internationalen Meisterschaften des Jahres 1978.
Zuerst schickten die Sowjets nun ihren NOK-Präsidenten Sergej Pawlow vor. Er beklagte sich brieflich bei der Isu. Der Weltverband begründete seine Sperre mit 80 Seiten Unterlagen über die Fehileistungen der sowjetischen Eisrichter.
Nun schalteten die Sowjets Diplomaten ein. Über ihre Pariser Botschaft traten sie an Paul Dijoud heran, den französischen Staatssekretär für Jugend und Sport. Aber auch über Oslo trachteten sie Isu-Vorstandsmitglieder oder andere Funktionäre zu beeinflussen.
Als keine Demarche das Eis taute, warnte das sowjetische NOK vor "Konsequenzen". Doch mit einem Boykott könnten die Eis-Sowjets vollends ausrutschen: Die Ostblock-Länder schließen sich einem Boykott nicht mehr bedenkenlos an, zumal besonders die DDR mehrere medaillenreife Eisläufer aufzubieten hat.
Sollte die UdSSR-Equipe 1978 Europa- und Weltmeisterschaften meiden, dürften 1979 statt 17 nur sechs Eisläuferinnen und Eisläufer in Einzel- und Paarlauf-Wettbewerben für die Sowjet-Union starten. So erging es bereits den sowjetischen Eissprintern, nachdem sie 1976 die Weltmeisterschaft in West-Berlin boykottiert hatten.
Außerdem wäre dann auch für 1979 kein Punktrichter aus der UdSSR qualifiziert.

DER SPIEGEL 51/1977
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