12.12.1977

Frauenbücher: „Lieber sich gesund schimpfen“

Eine Marktlücke füllt sich: Deutsche Verlage entdecken und pflegen, mit theoretischen wie belletristischen Büchern, das Thema Neue Frau. Angeregt wurden sie durch Verlagsgründungen und Bucherfolge einer „weiblichen Gegenöffentlichkeit“, einer „weiblichen Kultur“, die sich seit etwa zwei Jahren in der Bundesrepublik etabliert.
Die Autorin schildert Ehealltag, Familienroutine, Frustration. Aber dann auch wieder "Sehnsucht ... nach den Kindern, nach ihm, nach diesem ganzen gottverdammten morgendlichen Mulm".
Sie spricht von "prämenstrualer Depression" und vom Haß auf die Pille, die "sie wohl doch wieder fressen muß, rund und rosa, jeden Morgen zum Frühstück, um am Abend ... oder auch nicht, heidiwitzka, auf jeden Fall bombensicher und skrupellos".
Schließlich der Bericht von einer Abtreibung in Holland: "Die Schwester rasiert sie. Ritsch-ratsch, ritsch-ratsch, vier ruppige Striche, so wird kein Schaf geschoren. Spritze in die Gebärmutter ... Das Absaugen verursacht Krämpfe, etwa drei Minuten lang. Sie hört ein schlürfendes Geräusch. . Ein Frauenbuch. Die Autorin heißt Elisabeth Albertsen, ihr Buch "Das Dritte". Erschienen ist diese "Geschichte einer Entscheidung" (nämlich gegen ein drittes Kind) als erster Titel einer neuen Taschenbuchreihe, die dazu beiträgt, dem Begriff Frauenbuch einen neuen, besseren Sinn zu geben, fern allem Paretti- und Danella-Schmus: Rowohlts "neue frau".
Die von der Düsseldorfer Amerikanistin Dr. Angela Praesent herausgegebene rororo-Serie will "erzählende Texte" bringen, "deren Thema die konkrete sinnliche und emotionale Erfahrung von Frauen und ihre Suche nach einem selbstbestimmten Leben ist".
Mit der Praesent-Serie hat zum erstenmal ein Großverlag eine Spezial-Reihe für emanzipatorische Frauenliteratur eingerichtet. Doch die "neue frau" steht nicht allein: Einschlägige Werke sind auch in anderen Verlagshäusern zunehmend gefragt, und daneben hat sich längst etabliert, was kürzlich die "FAZ" als "eine weibliche Gegenöffentlichkeit mit eigenen Verlagen und Zeitschriften, eine weibliche Kultur" definierte.
"Noch vor drei Jahren", so schreibt die vom Evangelischen Pressedienst finanzierte "Korrespondenz Die Frau", hätten Verlage "müde abgewinkt, wenn ihnen Autorinnen Manuskripte zur Frauenfrage anboten"; nach dem Bestseller-Erfolg von Alice Schwarzers "Kleinem Unterschied" jedoch "rieb sich die Branche die Augen".
Seit der letzten Frankfurter Buchmesse, weiß Andree Valentin vom Münchner Verlag "Frauenoffensive", "gehen Optionen auf ausländische Frauenbücher weg wie warme Semmeln". Für die deutschen Rechte an dem amerikanischen Handbuch "Our Bodies, Our Selves" beispielsweise interessierten sich außer Frauenoffensive auch Rowohlt und Beltz; Rowohlt kaufte das Buch.
"Unsere Schonzeit ist vorbei", so glaubt denn auch Frau Valentin, deren "Kollektiv" in der bürgerlich-rechtlichen Form einer GmbH 1976 als erster reiner Frauenverlag in "diese Marktlücke" vorgestoßen war.
Die Frauenoffensive hatte sich mit einer Buchreihe beim linken Männerverlag Trikont formiert. Nach ihrem "ganz unerwarteten" Erfolg trennten sich die Geschlechter Anfang 1976, laut Andree Valentin, "im Halbguten". In diesem Jahr kommt Frauenoffensive auf einen Umsatz von etwa 650 000 Mark -- genug für sechs ganz- und zwei halbtags angestellte Verlegerinnen.
Ihr Dank gebührt Verena Stefan. Deren autobiographischer Erstling "Häutungen" erreichte nicht nur die bislang höchste Frauenoffensive- Auflage (135 000) -- die Autorin ließ auch ihre Honorare größtenteils in der Firma und bezieht nur ein Monatsgehalt" für das sie als Übersetzerin arbeitet.
Das Offensive-Programm bringt "alles, was Frauen unterstützt in ihrer Selbstfindung". Hoch im Kurs stehen weibliche Erlebnisberichte, gerade auch über Intimstes, wie jene Schrift über Menstruationsbeschwerden, die Verena Stefan gegenwärtig für den Verlag aus dem Englischen übersetzt. Von Männern wird bei Frauenoffensive prinzipiell nichts gedruckt.
Anders beim ebenfalls in München ansässigen "Frauenbuchverlag", der sich nicht verschließt, wenn, wie Sprecherin und Autorin Antje Kunstmann sagt, "zu einem Thema nur Männer etwas Gescheites geschrieben haben".
Der Frauenbuchverlag, ökonomisch mit dem linken Münchner Weismann Verlag verbunden, kommt in diesem Jahr immerhin auch schon auf 300 000 Mark Umsatz. Gehälter können sich die sechs Verlagsfrauen allerdings bisher nicht herausnehmen. Bestseller mit 16 000 Auflage ist Kunstmanns Sexualaufklärungsbuch "Mädchen". In diesem Herbst erschien ein Photoband über eine als "Hex" verschriene alte Frau: "Emilie Meier. Lieber sich gesund schimpfen, als krank heulen."
Aktivitäten wie die der beiden Münchner Unternehmen und anderer Frauenverlage -- in Münster publiziert ein "Verlag Frauenpolitik", in West-Berlin liefert ein "Frauenbuchvertrieb" auch Schallplatten und Poster aus -- und Bestseller-Erfolge wie die von Schwarzer und Stefan haben dazu beigetragen, daß nun auch im traditionellen Verlagswesen verstärkt auf Feministisches geachtet wird.
Für S. Fischer bereitet die Essener Uni-Dozentin Dr. Gisela Brinker-Gabler eine Buchreihe mit historischen Texten vor, die "die Hauptthemen der Frauenfrage zur Diskussion stellen" soll.
In Rowohlts "rororo-aktuell"-Reihe soll, herausgegeben von der Hamburger Journalistin Susanne von Paczensky, im Frühjahr 1978 eine spezielle Frauen-Serie anlaufen. Unter den ersten geplanten Titeln: ein Band über frauenfeindliche Witte ("Was ist an Frauen so komisch").
Für Suhrkamp sammelt eine Hamburger Frauengruppe Erfahrungs"Texte von Frauen"; sie sollen ein Buch füllen, "das uns auch klären hilft, was Frauenliteratur heute ist und sein kann".
Wie erfolgreich sie sein kann, hat der Fischer-Taschenbuch-Verlag schon erfahren. Während sich die maskulinen Bändchen in der Reihe "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" "gleichbleibend eingependelt haben", so sagt Fischer-Lektor Vito von Eichborn, "haben die Frauentitel ungeheuer gepuscht". Bestseller ist, mit über 47 000 Stück, der 1973 erschienene Band "Liebe Kollegin. Texte zur Emanzipation der Frau in der BRD". Schnellstrenner sind derzeit die Feminin-Titel "Ich stehe meine Frau", "Schulgeschichten" und "Liebesgeschichten".
Fischer-Mann Eichborn ist "überzeugt", daß "der Nachholbedarf an Frauen-Büchern, von Frauen über Frauen geschrieben, im Lauf der nächsten Jahre anhalten wird". Allerdings: "Qualität wird sehr genau differenziert, jedoch nicht nach den formalen, klassischen Qualitätsmerkmalen von Literatur, sondern nach inhaltlichen Kriterien. Dabei wird offensichtlich auf Authentizität besonderer Wert gelegt."
Die ist gewiß das hervorstechende Qualitätsmerkmal von Elisabeth Albertsens Abtreibungsgeschichte "Das Dritte", mit der die "neue frau" debütiert. Aber auch nach formalen Kriterien kann sich die nüchterne und sensible, ohne feministische Militanz auskommende Erzählung der 35jährigen deutschen Autorin sehen lassen.
Herausgeberin Angela Praesent glaubt, daß in Sachen Emanzipation "die Theorie-Welle abgefahren", die "wichtige Arbeit gemacht" sei. Was noch fehlt und wozu die neue Rowohlt-Reihe mit erzählender Prosa beitragen will, "ist die emotionelle Einarbeitung, wie wir das mit dem Leben verbinden sollen".
In der "neuen frau" werden auch ältere und ausländische Bücher erscheinen, wie Violette Leducs "Die Bastardin" oder Margaret Meads (seinerzeit von mehreren deutschen Verlagen abgelehnte) Autobiographie "Brombeerblüten im Winter". Doch die Herausgeberin ist vor allem um die Entdeckung neuer deutscher Autorinnen bemüht. Praesent: "Ich sitze schon zwischen Stapeln eingesandter Manuskripte."
Schreibende Männer sind nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Und sogar Science-fiction paßt ins Programm: 1978 präsentiert "neue frau" den Roman "Das Geheimnis des Mandelplaneten" -- Astronautinnen verlassen eine inzwischen per Mutation entmannte Erde und erobern einen fremden Stern, der sich nach und nach als ein einziger riesiger Männerkörper erweist.

DER SPIEGEL 51/1977
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