12.12.1977

TAGEBÜCHERBad im Tee

Die Tagebücher der Anais Nin sind zur Bibel der Feministinnen geworden. Im jetzt erscheinenden vierten Band beschreibt die Freundin Henry Millers die „Algebra der Gefühle“ ihrer vierziger Jahre.
Einem jungen Freunde, der an Weltverdrossenheit litt, gab sie den Rat, er solle doch ein Tagebuch führen: "Entfalte Dich, öffne Dich, spreche, benenne, beschreibe, schreie, male, karikiere, tanze, springe in Deinem Schreiben."
Anais Nin, sie starb, 73jährig, Anfang dieses Jahres, hat ihr Leben lang Tagebuch geführt. 15 000 Manuskript-Seiten liegen in einem amerikanischen Safe; drei Auswahl-Bände, über die Jahre 1931 bis 1944, sind in den letzten Jahren auf deutsch erschienen; der neue Band reicht bis ins Jahr 1947*.
Das Logbuch einer Lebensreise, intimes Protokoll der Bewußtwerdung einer schöpferischen Frau, hat längst eine Gemeinde von Ninomanen gefunden. Der Nin-Freund Henry Miller verglich das Mammutwerk mit den "Konfessionen" des Heiligen Augustin; Feministinnen rufen die Nin als eine ihrer ersten Hausgöttinnen an.
Unerbittlich wie in der Ich-Recherche, sie ist psychoanalytisch geschult, observierte sie auch ihre Umwelt; sie benennt und beschreibt mit einer Subti-
* "Die Tagebücher der Anais Nin 1944-1947" Herausgegeben von Gunther Stuhlmann. Deutsch von Manfred Ob! und Hans Sartorius. Nymphenburger Verlagshandlung: 316 Seiten; 29,80 Mark.
lität und fließenden Schönheit der Sprache, wie sie sich bei Virginia Woolf oder Doris Lessing findet; und sie hat ihr Leben nicht vertrödelt.
Kosmopolitisch, undinenhaft, sensibel: In dem schimmernden Zwischenreich aus Society und Bohème, Hauptschauplätze Paris und New York, nahm sie wach und gierig teil an dem, was sich als Avantgarde oder Alternative sah; bedeutenden Männern war sie Muse und mehr, Henry Miller, Antonin Artaud, Max Ernst.
Die Tochter eines spanischen Klavier-Virtuosen, eines eleganten Übervaters, hat auch selbst getanzt, gemalt, Modell gestanden, ein Dutzend Romane geschrieben und zum Teil eigenhändig gedruckt. Die Tagebücher freilich, "Droge und Laster" für sie, sind ihr Chef d'oeuvre.
In dem nun erschienenen Band ist sie Anfang Vierzig, lebt im Greenwich Village von New York. "51 Kilogramm schwer, 1 Meter 54 groß", beschreibt sie sich, sie kleidet sich "elegant", nimmt gelegentlich ein "Teebad", um sonnengebräunt zu erscheinen, und sammelt Menschen um sich.
Nun sind es "transparente" Jünglinge, die sie anzieht, homosexuelle Maler und Poeten. Truman Capote taucht kurz auf ("Die Hand, die er mir gab, war unbeschreiblich weich"), Gore Vidat ("Er hat ein Vorurteil gegen Neger") wird Star ihrer Suite; er verrät ihr, er wolle US-Präsident werden.
Obgleich sie auf Partys noch "wild" tanzt, scheint die wildbewegte Zeit vorbei. Sie versenkt sich noch intensiver in die "Algebra der Gefühle", die Schattierungen und Verschattungen von Beziehungen, und sie sucht nach einem "weiblichen Konzept der Wirklichkeitsbewältigung".
Dazu braucht es einer "weiblichen Sprache", einer Sprache "der Gefühle und Sinne". Anais Nin: "Ich bewohne das Unbewußte und werde immer aus diesem Bereich schreiben"; sie will, "daß der Inhalt den Körper nicht über den Kopf erreicht, sondern auf einem anderen Weg".
Ums Kriegsende ist sie eine akzeptierte Figur der literarischen Szene; der Kritiker Edmund Wilson, der ihr dazu verholfen hat, wird im Tagebuch als "Patriarch" gnadenlos tranchiert. Und die Anais Nin dieser Jahre desertiert zu ihrem Gegen-Ich.
"Was mir an mir selbst am besten gefällt", schrieb sie früher, "ist meine Kühnheit, mein Mut." Was sie "so sehr hasse, ist meine Eitelkeit, meine Sucht, zu glänzen, Applaus zu bekommen, und meine Sentimentalität".
Sie zitiert nun hemmungslos lobhudelnde Briefe, vermerkt lackierte Komplimente und paradiert in heroischem Selbstmitleid. Das vibrierende Lebensgefühl von einst scheint einer dunkleren Phase Platz zu machen.
Ein wenig Intim-Tratsch kam auch über die Hürde der strengen Text-Auswahl. Ihr leidenschaftliches Werben um June, Henry Millers Spitzenfrau, wurde "nie erfüllt", schreibt Anais Nin. Und ähnlich Bitteres erfuhr sie von einer Picasso-Geliebten: Der Meister "machte sich ein Vergnügen daraus, den Frauen die Lust zu versagen

DER SPIEGEL 51/1977
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