12.12.1977

GESCHICHTEDas Scheusal

Juden-König Herodes der Große wird in einer neuen Biographie als geschickter Staatsmann dargestellt. Sein Fehler war nur, daß er die Juden nicht als auserwähltes Volk ansah.
Der spanische Dramatiker Calderón nannte ihn "El mayor Monstruo del Mundo" -- das größte Scheusal der. Welt, und Christen sind noch immer davon überzeugt, daß er neben Kam und Judas für ewige Zeiten in der Hölle schmoren müsse.
Fast zwei Jahrtausende lang waren sich Historiker, Dramatiker und Biographen einig, daß der Judenkönig Herodes der Große ein absoluter Bösewicht gewesen sei, der Prototyp des grausamen, zu allen nur erdenklichen Schandtaten fähigen Tyrannen.
Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat der deutsche Historiker Leopold von Ranke, der Begründer der kritischen Geschichtswissenschaft, versucht, den vielgeschmähten Monarchen zu rehabilitieren: "Nicht ganz zu Unrecht ist Herodes in der Reihe der Beherrscher von Judäa als der Große bezeichnet worden."
Seither wird der Juden-König zwar für nicht ganz so schlecht gehalten wie sein Ruf, aber, so meint der israelische Herodes-Biograph Professor Abraham Schalit: "Wie sehr man auch immer wieder seine Leistungen preisen oder mildernde Umstände für seine Gewalttaten anführen mag: im Grunde war Herodes doch ein verruchter Mensch."
Wie es dazu kam, daß Herodes der Große noch immer als "Scheusal" verunglimpft wird, versucht der Hamburger Publizist Gerhard Prause in seiner kürzlich erschienenen Biographie aufzudecken**.
Den miesen Leumund verdankt Herodes zwei Landsleuten: dem Evangelisten Mattäus und dem altjüdischen Historiker Josephus Flavius. Der eine hat ihm den Betlehemitischen Kindermord angehängt, der andere hat ihn zum Bösewicht in einem Sex-and-Crime-Drama gemacht, in dessen Verlauf Frau, Söhne und fast die ganze übrige Verwandtschaft dem Wüterich zum Opfer fielen.
Daß der Betlehemitische Kindermord, von dem im Mattäus-Evangelium berichtet wird, eine Legende ist, darüber sind sich fast alle Herodes-Forscher einig. Nach dem Bibel-Bericht habe Herodes, als er durch die drei Weisen von der Geburt Jesu, dem verheißenen Messias und neuen "König der Juden", in Betlehem erfahren hatte, alle Kinder des Ortes im Alter bis zu zwei Jahren umbringen lassen.
Abgesehen davon, daß das Geburtsjahr Jesu keineswegs feststeht, es also ungewiß ist, ob der "Menschensohn" zur Zeit Herodes" auf die Welt kam, gibt es weder in den anderen Evangelien noch in außerbiblischen Quellen, etwa bei Josephus Flavius, einen Hinweis auf diesen Massenmord.
Dafür gibt es "eine Reihe literarischer Vorbilder" (Prause), und auch der Theologe und Jesus-Biograph Professor Ethelhert Stauffer, der an der Geschichtlichkeit des Kindermordes gern festhalten will, muß zugeben: "Die Bedrohung und wunderbare Errettung kleiner Kinder, aus denen später große Männer werden, ist ein Lieblingsthema der Weltliteratur."
Freilich, solche Erkenntnisse können den kaputten Ruf des Juden-Herr-
* Walther Richter und Antje Weisgerber in einer Fernsehaufführung 1965.
** Gerhard Prause: "Herodes der Große. König der Juden" Hoffmann und Campe verlag, Hamburg; 376 Seiten: 34 Mark
schers nicht reparieren. So sieht der Herodes-Forscher Schalit in seiner 1959 erschienenen Biographie "in dem Befehl (zum Kindermord) als solchem kein Ding der Unmöglichkeit".
Dafür, daß bei Herodes kein Ding unmöglich gewesen sein soll, trägt Josephus Flavius die Verantwortung. In seinen beiden Werken "Der Jüdische Krieg" und "Jüdische Altertümer", die im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden sind, berichtet er ausführlich über Herodes und dessen Zeit.
Herodes, um 73 vor Christus geboren, war kein Jude, "und das blieb", glaubt Prause, "für sein ganzes Leben und Wirken von entscheidender Bedeutung". Er war Idumäer. er gehörte also einem Volksstamm an, der erst um 130 vor Christus zwangsweise zum Judentum bekehrt worden war, und außerdem war seine Mutter Kypros eine nabatäische Araberin.
Im Jahre 47 vor Christus wurde der damals etwa 25jährige Herodes zum Statthalter von Galiläa ernannt. Nach der Ermordung Cäsars im Jahre 44 gelang es ihm, dessen Nachfolger Antonius und Oktavian für sich zu gewinnen. Den Einfall der Parther in Palästina im Jahre 40 nutzte Herodes geschickt aus. Er diente sich den Römern als starker Mann an, der die römischen Interessen in Palästina sichern könne. In einer Sondersitzung des Senats wurde Herodes auf Vorschlag von Antonius und Oktavian zum König der Juden ernannt.
Der Griff des Nicht-Juden nach der Königswürde, die eigentlich den Hasmonäern zustand, trug Herodes den Unwillen des Volkes ein, die in ihm nichts anderes als einen Usurpator sahen, den Zerstörer des auserwählten Volkes. Auch als er den in parthischer Gefangenschaft seiner Ohren beraubten Hohenpriester Hyrkanos, der nun als Verstümmelter sein Amt nicht mehr ausüben durfte, durch einen unbedeutenden Priester ersetzte, wurde ihm dies als Beginn einer systematischen, feindlichen Politik gegen den jüdischen Adel und die Tradition angekreidet.
"Was immer Herodes tat", schreibt Prause, "von nun an wurden ihm grundsätzlich nur noch hinterlistige, mörderische Absichten unterstellt." Weil er Festungen und Burgen im Lande, wie in Masada, Jerusalem, Jericho und Herodeion, aus- oder aufbaute, warf man ihm vor, "er habe die Burgen zur Unterdrückung des Volkes errichtet", obwohl es den Juden unter Herodes wirtschaftlich gut ging.
Sogar als sich Herodes entschloß, den Tempel in Jerusalem auszubauen, fürchteten die Juden, ihm sei nur daran gelegen, den alten Tempel abzureißen, denn angesichts der gigantischen Pläne für den Neubau sei er nicht in der Lage, das neue Projekt zu verwirklichen.
Das Mißtrauen der Juden gegenüber ihrem König wirkte sieh für Herodes besonders verheerend in der Affäre Mariamne aus, seiner zweiten Frau, die dem alten Herrschergeschlecht der Hasmonäer entstammte. Josephus, ein Verwandter der Hasmonäer, hat diese Ehetragödie ausführlich überliefert und mit seinem Bericht zweifellos des Volkes Stimme wiedergegeben, die Herodes alle Schuld aufbürdete.
Der Josephus-Bericht diente später Hans Sachs ("Der Wüterich Herodes"), Calderón ("Das größte Scheusal der Welt"), Voltaire ("Hérode et Mariamme"), Friedrich Rückert ("Herodes der Große"), Friedrich Hebbel ("Herodes und Mariamne") und dem Dänen Kaj Munk ("Ein Idealist. Einige Eindrücke aus dem Leben eines Königs") als Vorlage für ihre schaurigen Theater-Spektakel, in denen Herodes als absoluter Bösewicht dargestellt wurde.
Was war geschehen? Im Streit zwischen Antonius und Oktavian hatte der Juden-König wiederum sein politisches Fingerspitzengefühl bewiesen und sich rechtzeitig für den späteren Sieger Oktavian entschieden. Im Jahre 30 vor Christus reiste er zu Oktavian nach Rhodos, um sich als König der Juden bestätigen zu lassen. Doch zuvor klagte er noch den ehemaligen Hohenpriester Hyrkanos des Hochverrats an. Der Prozeß endete mit einem Schuldspruch und der Hinrichtung des Hyrkanos.
Während die Mehrheit der Historiker die Hinrichtung für glatten Mord hält, versucht Prause -- sicherlich des Guten zuviel -- Herodes auch in dieser Sache zu entschuldigen: "Mit Sicherheit läßt sich heute nicht mehr feststellen, wie die Sache mit Hyrkanos wirklich gewesen ist." Und Herodes habe befürchten müssen, daß seine Gegner seine Abwesenheit zu einem Umsturz ausnutzen würden. Also "wurde Hyrkanos ein Opfer der Staatsräson".
Doch damit nicht genug: Nicht nur, daß er den Großvater seiner Frau hinrichten ließ, er soll auch dem Festungskommandanten Soemus und seinem Schatzmeister Joseph den Befehl gegeben haben, "sobald sie etwas Ungünstiges über des Herodes Schicksal erführen, unverzüglich beide Frauen (Mariamme und deren Mutter Alexandra) zu töten" (Josephus Flavius).
Schon einmal -- fünf Jahre vorher -soll Herodes, so berichtet Josephus, einen ähnlichen Befehl erteilt haben. Für viele Historiker und Dramatiker war Herodes" krankhafte Eifersucht der Grund für diesen und den anderen Tötungsbefehl gewesen. Für Prause gibt es keine "eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Grund oder den Gründen für den Tötungsbefehl": "Offen bleibt letztlich sogar die Frage, ob Herodes den Tötungsbefehl überhaupt gegeben hat." Anders freilich urteilt der israelische Professor Schalit. Er ist überzeugt, daß Herodes den Tötungsbefehl zweimal gegeben habe.
Doch die wirklichen oder angeblichen Totungsbefehle sind nur das Vorspiel für das Drama, bei dem Herodes" Schwester Salome die Rolle der großen Intrigantin spielt.
Fast im Stil eines Groschenromans schildert Josephus Flavius die nun folgenden Ereignisse: die glückliche Heimkehr Herodes', den "Kummer" und die "Seufzer" Mariammes, der angeblich der Tötungsbefehl verraten worden sei, ihren "unverhohlenen Abscheu" gegen den König. Sie "behandelte ihn aber nach Weiberart etwas abstoßend und von oben herab, da er in Liebe zu ihr schmachtete".
"Als der König", so klatscht Josephus weiter, "sich eines Tages um die Mittagszeit zur Ruhe begab, rief er aus großer Liebe die Mariamme zu sich. Mariamme trat auch in das Gemach, weigerte sich aber, bei ihm zu ruhen, und erwiderte sein Begehren mit Schmähungen und Vorwürfen ...
Den schief hängenden Haussegen habe nun Salome ausgenutzt, um Herodes gegen seine Frau aufzustacheln. Mariamme sei ihm nicht mehr treu, soll sie ihrem Bruder eingeredet haben. Schließlich habe sie den Mundschenk des Königs bestochen, damit er Herodes einen angeblichen Mordanschlag Mariammes verrate.
Wohl eher aus enttäuschter Liebe als aus Überzeugung" daß Mariamme tatsächlich Ehebruch begangen habe und ihn vergiften wollte, ließ Herodes seine Frau vor Gericht stellen. Der König, so kolportiert Josephus die Verhandlung, "redete bei der Anklage heftiger und ergrimmter, als es sich ... ziemte, und als die Anwesenden ihn in solcher Erregung sahen, verurteilten sie Mariamme zu Tode".
Auch die in den folgenden Jahren beginnenden Intrigen der Herodes-Söhne um die Thronfolge hat der Juden-König lange Zeit nicht durchschaut. Und wiederum, so Prause, war es enttäuschte Liebe, die ihn dazu veranlaßte, drei seiner neun Söhne des Hochverrats anzuklagen und hinrichten zu lassen, den ältesten fünf Tage vor seinem Tod im Jahre 4 vor Christus.
In der Beurteilung dieser Hinrichtungen sei, meint Prause, "die herodesfeindliche Tradition" wiederum am Werk gewesen, für die diese "Tragödie ... der endgültige Beweis für die maßlose Grausamkeit des Herodes" gewesen sei, "der seine eigenen Kinder ermordet". Doch für Prause steht fest. "daß vom Mord des Vaters an seinen Söhnen nicht die Rede sein kann, denn zugrunde lag das Urteil eines von Herodes ... unabhängigen Gerichts".
Warum Herodes der Große zum größten Scheusal der Welt erklärt worden ist, hat laut Prause politisch-religiöse Gründe. Die Ausschaltung des schwachen Königsgeschlechts der Hasmonäer durch den Nicht-Juden Herodes habe nicht nur damals den Adel des Judenreiches und Josephus Flavius gegen ihn aufgebracht, sondern sei noch heute der Grund für die Herodes-Feindlichkeit jüdischer Historiker. Dazu kommt, daß Herodes "die in den Augen der Welt schwer verständliche ablehnende Exklusivität des jüdischen Volkes ... abbauen wollte". Er war "zu sehr Realpolitiker, um hinter den verheißungsvollen Messias-Ideen der Juden etwas anderes sehen zu können als eben die pax Romana".
Herodes hat also den Auserwähltheitsanspruch der Juden bestritten, und das war sein eigentlicher Fehler. Prause: "Herodes unterschätzte die Eigenwilligkeit der Juden, die prägende Kraft ihres Auserwähltheitsglaubens."

DER SPIEGEL 51/1977
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