12.12.1977

FILMWahn der Zärtlichkeit

„Der Mann, der die Frauen liebte“. Film von Francois Truffaut. Frankreich 1977. 119 Minuten; Farbe.
Auf den ersten Blick scheint dies der falsche Film zur falschen Zeit zu sein: die Geschichte eines Provinz-Casanovas, der sein Waidmanns-Heil in der Schürzenlägerei sucht. So etwas riecht ja förmlich nach Stammtischzoten vom "Aufreißen" oder nach jener männlichen Seelen-Konditorei, die vom "Vernaschen" schwärmt.
Doch Truffaut, der im "Mann, der die Frauen liebt" einen Ingenieur nach Frauenbeinen und kurzen Umarmungen hetzen läßt, hat damit keine Konfekt-Geschichte mit jenem belichten "O là là" gedreht, zu dem sich Spießigkeit und Libertinage gern verbinden, sondern, wie in fast allen seinen Filmen, die Geschichte einer "amour fou" -einer Leidenschaft, die keine Wahl hat, wenn sie sich wahllos das Glück aus Teilchen zusammenstoppelt.
Die Handlung beginnt mit einer furiosen Liebesgeschichte der Vergeblichkeit: Sein Held sieht ein Paar hinreißende Beine aus einem Geschäft verschwinden, stürzt ihnen nach, muß erleben, wie die dazugehörige Frau in ein Auto steigt und abfährt, ohne daß er sie ansprechen kann. Also notiert er sich die Autonummer, zerrammt seinen Wagen, weil er nur über die Versicherung an die Fahrerin rankommen kann, gerät an eine Autovermietung, die ihm den Namen zunächst verweigert, findet die Frau in einer anderen Stadt, bestürmt sie am Telephon und verabredet sich mit ihr in einem Café.
Sie kommt, aber in Hosen, so daß er sie nicht "wiedererkennt". Und dann erfährt er, daß er die Beine, denen er nachjagte wie einem Phantom, nie wiedersehen wird, da sie einer Freundin des Mädchens gehörten, die längst wieder nach Kanada abgereist ist.
So wie in dieser rasant durchlebten Nicht-Geschichte zeigt Truffaut seinen Jäger stets als Gejagten: ein Spieler, der auf der Jagd nach dem Glück alles einsetzt, der mit einer besessenen Zärtlichkeit gewinnt und schnell wieder verliert:
Truffaut, der seinen Zuschauern den Mund nicht mit einem verfilmten Glücks-Surrogat wäßrig macht, zeigt die fortgesetzte Einsamkeit dieses nach Frauen lechzenden Mannes. Da er immerzu auf die Neue, die Einmalige aus ist, verbringt er mehr Abende allein als jeder noch so biedere Pantoffelheld.
Und ist nächtelang dabei, seine Geschichte und seine Geschichten aufzuschreiben. Das Casanova-Syndrom (soviel macht dieser kluge Moralisten-Film, der dennoch eine Komödie ist, klar) ist ein literarisches Syndrom, das unter dem Fanatismus der Aufrichtigkeit steht, an der allein sich der Held wirklich wärmen kann.
So sieht man den Helden im Restaurant sich für eine Ehefrau begeistern, die er mit Blicken dem Mann vom Tisch wegangelt -- weniger, weil gehörnte Ehemänner immer noch wohlfeilen Witz in gallischen Komödien abgäben, eher weil Truffauts Liebhaber die frierende Langeweile zwischen den beiden aufspürt.
Truffauts Optik ist gewiß auch die des Voyeurs, dem sich eine belebte Straße in Beine, nichts als Beine verwandelt. Aber Truffaut und sein Held sind Voyeure ohne Schadenfreude, kein Hahn kräht hier über die dummen Hühner, sondern Menschen suchen sieh in seiner Scherbenwelt immer wieder Glückssplitter zusammen, so als wüßten sie, daß Geben und Nehmen nur von kurzer Dauer sind.
"Der Mann, der die Frauen liebte" ist so eine Komödie, die mit Zartheit und Melancholie lächelnd über die Bedingungen vom Zusammenleben nachdenkt -- auf der kindischen und kindlichen Suche nach den versagten Glücksversprechungen einer Kindheit, die keine war: Truffauts Held ist bei einer Mutter aufgewachsen, deren Amouren ei. nur lästig im Wege stand oder als Postbote zu dienen hatte,
Der Film endet folgerichtig tödlich. Natürlich als er wieder ein unwiderstehliches Beinpaar sieht, wird der Held von einem Auto beim Überqueren der Straße erfaßt. Im Krankenhaus erwacht er aus seinem Dämmer, sieht, zu seinem Glück und Unglück, wie sich im Gegenlicht die Beine einer Krankenschwester in ihrem Schürzenkleid abzeichnen, reißt sich vom Tropf und stirbt.
Charles Denner, der diesen klinisch gerechten Liebestod stirbt, legt zuerst den Verdacht nahe, als habe Truffaut hier nach Brustkastenmännlichkeit des "Hoppla, jetzt komm ich!" besetzt.
Aber rasch merkt man, daß er mehr auf die spröde, zerknitterte Melancholie aus war: ein Mann, der von den Frauen geliebt wird, nicht, weil er unwiderstehlich wirkt, sondern weil er sie unwiderstehlich liebt.
Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 51/1977
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