12.12.1977

MATHEMATIKBewegliche Zunge

Das neben Zirkel und Lineal vielseitigste mathematische Hilfsmittel kommt außer Gebrauch -- der Rechenschieber wird vom Taschenrechner verdrängt.
Britischer Common sense und Frankreichs aufklärerischer Verstand haben das handliche Gerät ersonnen: Der Rechenschieber wurde das Standessymbol der Ingenieure, Naturwissenschaftler und Architekten.
James Watt, der die erste Dampfmaschine baute, rüstete seine Werkmeister damit aus. Und als Napoleon das metrische System einführen ließ, machte sich auch das kontinentale Europa damit vertraut -- so ließen sich am besten die umständlichen Zoll, Fuß, Ellen und Meilen auf das Richtmaß der neuen Zeit umrechnen.
Nun aber wird das schlichte Instrument, das umfangreiche Logarithmentafeln und Zahlenwerke ersetzt, von einem Zauberding verdrängt, das zwar kaum jemand versteht, doch jeder bedienen kann -- dem elektronischen Taschenrechner.
Noch 1973 wurden in der Bundesrepublik nahezu zwei Millionen der alterprobten Skalen-Stäbe verkauft, mit denen sich mathematische Operationen wie Malnehmen, Teilen und Wurzelziehen durch bloßes Hin- und Herschieben ausführen lassen.
Doch inzwischen sank der Umsatz auf bald ein Fünftel. Bei jährlich etwa 400 000 Rechenschiebern, meint Diplom-Wirtschafts-Ingenieur Jochim F. Wittern von den Hamburger Aristo-Werken, werde "vorerst die Widerstandslinie" liegen. Die meisten dieser Geräte (Preis: um 25 Mark) sind aus Spritzkunststoff gefertigt, tauglich für den Schulgebrauch.
Präzisions-Rechenstäbe, sorgsam gesägt, gehobelt, geschliffen und poliert und deshalb über 60 Mark teuer, werden nur mehr aus Lagerbeständen geliefert. In den USA haben die großen Hersteller ihre Fertigung gänzlich eingestellt.
"Das feinmechanische Know-how geht verloren", urteilt Aristo-Geschäftsführer Wittern, "aber auch die Beziehung zum Wert der Zahl."
Zwar kann der elektronische Rechner alles, was der Rechenstab kann. dazu manches mehr und vieles besser. Aber die Beschränkung bei dem mechanischen Gerät war nicht nur Nachteil: Der Kopf rechnete mit, weil die Größenordnungen der Ergebnisse bestimmt werden mußten; und vor allem konnte man sehen und verstehen, was beim Rechnen geschah.
So gibt es durchaus prominente Vielrechner, die an dem ehrwürdigen Instrument hängen. "Prozentwerte", erklärte etwa Louis Harns. einer der führenden US-Meinungsforscher, "überschlage ich mit dem Rechenschieber ebenso schnell wie mit dem Elektronikrechner."
Für solche Anwendungen -- schnelles Überschlagen vieler Zahlen-waren die Rechenschieber und ihre Vorläufer auch ersonnen worden. Den Anstoß dazu gab, daß die Mathematiker zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit schriftlichen Berechnungen nicht mehr nachkamen, als sich durch Einführung des Teleskops eine Unmenge neuer astronomischer Probleme ergab.
Hilfe boten zuerst logarithmische Skalen, auf denen sich höhere Rechenarten durch Abstecken von Strecken ausführen ließen. Die Konstruktion des ersten wirklichen Rechenschiebers gelang 1654 einem Briten, Robert Bissaker. Er markierte die Skalen auf einem Holzblock ("Körper") und einem darin beweglichen Stab ("Zunge").
Alsbald setzte in England ein wahrer Rechenschieber-Boom ein. Die See- und Handelsleute der Kolonialmacht gebrauchten Spezialstäbe zur Navigation wie zur Berechnung von Schiffsladungen, Zinsen und fremden Währungen; die Techniker im Ursprungsland der industriellen Revolution verlangten immer genauere Instrumente.
Die moderne Skalen-Anordnung, wie sie noch jeder Schul-Rechenstab trägt, ersann 1850 der 19jährige französische Artillerie-Leutnant Amédée Mannheim. Und ein Deutscher endlich, der gelernte Zirkelmacher Johann Christian Dennert, verbesserte die Fertigungstechnik. Von 1888 an verwendete er (statt der bis dahin üblichen Materialien Buchsbaum, Birnenholz, Elfenbein und Messing) Mahagoni, das mit weißem Zelluloid -- dem ersten aller Kunststoffe -. beschichtet war.
Als Lehrinstrument wurde der Rechenstab in Deutschland erst 37 Jahre später eingeführt, bei der preußischen Schulreform von 1925.
Nicht minder schwer tun sich die Kultusbehörden nun auch mit dem Nachfolge-Gerät. Elektronische Taschenrechner sind für den Schulgebrauch noch immer umstritten.
Pionierarbeit will nun der Stadtstaat Hamburg leisten; letzten Monat wurden 7500 Taschenrechner für die Hamburger Schulen bestellt. Den Zuschlag erhielten die einst von Zirkelmacher Dennert gegründeten Aristo-Werke: Die Rechenschieber-Spezialisten hatten sich rechtzeitig auf schulgemäße Elektronikrechner umgestellt.

DER SPIEGEL 51/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MATHEMATIK:
Bewegliche Zunge