12.12.1977

MEDIZINVoll Bitterkeit

Eine amerikanische Journalistin, selber krebskrank, brach ein Tabu: In einer Zeitungskolumne schreibt sie regelmäßig über Krebs.
Als die Dreizehnjährige gestorben war, fanden die Eltern ihr Tagebuch. Auf engbeschriebenen Seiten hatte das Kind darin seine Ängste vor dem bevorstehenden Krebstod niedergelegt und darüber geklagt, daß es nicht mit den Eltern darüber hatte reden können -weil sie ja nichts davon wüßten.
Die Eltern hatten doch davon gewußt. Aber sie hatten ihrerseits versucht, die Diagnose der Ärzte vor dem Kind zu verbergen. Aus "falsch verstandener und noch dazu vergeblicher Rücksicht" hatten sie ihre Tochter in den Monaten vor ihrem Tod in eine "fürchterliche Einsamkeit verbannt", so wertet es die Autorin Jory Graham -- in einem bislang einzigartigen journatistischen Unternehmen.
Regelmäßig alle zwei Wochen veröffentlicht Jory Graham, seit Juni dieses Jahres, in der Chicagoer "Daily News" eine Kolumne über das Tabu-Thema Krebs, eine Art Lebens- und Sterbehilfe für Krebskranke und deren Angehörige: "Der Moment, offen über Krebs zu reden, ist immer jetzt."
Die Autorin weiß, wovon sie schreibt und spricht. Sie hat selber Krebs. Ihre Brüste sind amputiert worden, langwierige Bestrahlungen haben ihre Metastasen gestoppt, wenigstens vorläufig." Im Moment sterbe ich nicht", schrieb Jory Graham in ihrer ersten Kolumne, aber der Krebs, den sie habe, sei "unberechenbar".
Jory Graham, 50, hat etliche Kinderbücher und einen "Definitiven Führer für Chicago" verfaßt. In einer Kolumne, die sie früher regelmäßig schrieb, gab sie Tips für "Entdeckungsreisen in der Großstadt".
Im Frühjahr eröffneten ihr die Ärzte, daß sich ihr Krebs auf die Wirbelsäule und ein Bein ausgebreitet habe. Daraufhin entschloß sie sich, "noch etwas zu tun, was wirklich zählt". Um die "Mauer des Schweigens zu durchbrechen, hinter der tödliche Krankheiten meistens verborgen werden", begann sie mit ihrer "Daily News"-Kolumne über Krebs aus der Sicht des betroffenen Patienten.
Übermittelnswertes aus der Tabuzone, in der Todkranke leben, fand Jory Graham genug; so zum Beispiel das Problem, daß viele Leute nicht wissen, was sie zu Krebskranken sagen sollen. Mit dem Herumstottern, dem Darüberhinweggehen, den Phrasen, in die sich die meisten flüchten, fängt für den Krebskranken der Zusammenbruch der Kommunikation mit seiner Umwelt an.
"Man kann durchaus Sinnvolles zu Leuten sagen, die Krebs haben", schrieb Jory Graham, und sie nannte Beispiele aus ihrem eigenen Leben: Da war ein Freund, der ihren Schwimmübungen applaudiert und dann gesagt hatte: "Schwimmen ist eigentlich ein fabelhafter Sport für dich." Oder ein anderer, der auf die Nachricht von ihrer Krankheit seine Betroffenheit unmittelbar so ausdrückte: "Jory, das ist eine Tragödie."
Man kann auch etwas für Krebskranke tun. Freunde sollten simple Hilfestellungen geben: "Kocht für den Kranken eine Mahlzeit. Wascht die Teller ab. Gießt die Pflanzen. Flickt. was zu flicken ist."
Jory Graham nahm entschieden Stellung in der Kontroverse, die in den Vereinigten Staaten um das angebliche Krebsmittel "Laetrile" entstanden ist: "Im besten Fall ist es ein teurer Betrug. Im schlimmsten ist es gefährlich."
Und sie schrieb, was für sie am schwierigsten zu bewältigen sei: der Verlust der Zukunft. "Wir wissen einfach nicht, wieviel Zukunft wir noch haben." Andere können über die Reise nach Japan im nächsten Jahr reden, aber "wir gehören nicht mehr zum Club der langfristigen Planer, und Bitterkeit füllt unseren Mund".
In einer "Warum ich?" genannten Kolumne schrieb sie über das Bemühen, in ihrer Krankheit Sinn zu entdecken. Sie bekannte sich zu der existentialistischen Auffassung, daß das Universum absurd, ihre Krankheit rein zufällig sei. Und von der Gegenfrage: "Warum sollte es mich nicht treffen?" sei es dann nur ein Schritt, die Krankheit zu akzeptieren und die "machtverleihende Einsicht" zu gewinnen, daß ein Kranker in der Zeit, die ihm bleibt, immer noch "wählen und Entscheidungen treffen" kann.
Ohne die besondere Gegenwart von Tod in ihrem Leben zu verwischen, macht Jory Graham klar, daß Krebskranke leben, wenn auch unter schwierigen Umständen. Ihre Kolumne heißt in Anspielung auf den biblischen Vers eine Zeit zum Leben", wobei, unausgesprochen, die nächste Zeile, "eine Zeit zum Sterben", schon mitschwingt.
"Ich glaube, daß ich noch eine ganze Weile nicht sterben werde", schrieb Jory Graham kürzlich in den "Daily News". "Aber wenn das geschieht", versprach sie ihren Lesern, "werde ich auch das mitteilen jedenfalls soweit es erträglich ist."

DER SPIEGEL 51/1977
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