12.12.1977

AUTOMOBILESchmelzende Werte

Tester deutscher Motorzeitschriften haben den Autofahrern einen fragwürdigen Dienst erwiesen: Sie testeten Winterreifen und kamen zu verwirrenden Ergebnissen.
Frost und Schnee, so mutmaßen Reifenhändler, ließen in diesem Jahr rund zwei Millionen bundesdeutsche Autofahrer zu neuen Winterreifen greifen. Viele von ihnen greifen ins Ungewisse.
"Die erwischen", sorgte sich ein VW-Ingenieur in Wolfsburg, "den falschen Reifen für das falsche Auto und wundern sich hinterher, wenn sie auf den Arsch fallen."
Schuld an dem drohenden Dilemma ist ein weit verbreiteter Lesestoff, den die "Frankfurter Allgemeine" empört einen "an Verbraucher-Verdummung grenzenden Beurteilungs-Salat" genannt hat: Die Reifentester haben wieder einmal zugeschlagen.
Vor dem dritten Winter ohne die verbotenen Spikesreifen hatten sich die Testteams zahlreicher Motorzeitschriften beizeiten aufgemacht, nagellose Winterreifen "dritter Generation" zu testen. Mit Stapeln von Reifen zogen sie in die verschneiten Berge, schlitterten über Eisbahnen, strapazierten dabei Testgerät wie Seilwinden und Kraftmeßdosen" maßen "die schlupffreie Raddrehzahl" und verfertigten Zugkraft-Diagramme.
"Rausfinden, wie man am besten einen verschneiten Berg hochkommt, Leistungsversprechen der Reifenfirmen überprüfen und entlarven", formulierte ein Reifentester den selbstgestellten Auftrag. Marktführer "auto motor und sport", Stuttgart, ließ sich den Reifentest rund 75 000 Mark kosten, kaum weniger investierte die "Auto Zeitung", Köln, für "die teuerste Geschichte, die wir haben".
Das Resultat derartiger Testmühen war kaum geeignet, den Autofahrern Entscheidungshilfe zu geben.
Über ein und dasselbe Reifenprodukt kamen die Tester nämlich in vielen Fällen zu völlig entgegengesetzten Aussagen: War ein bestimmter Reifen etwa beim Naßverhalten-Test einer Zeitschrift der große, vielgelobte Sieger geworden, so wurde der gleiche Pneu bei einem anderen Magazin -- als sei den dort tätigen Testern plötzlich der Sachverstand abhanden gekommen oder ein verkappter Gammelreifen untergekommen -- als der fast armseligste Gummiwulst von allen verdammt.
Dem "Dunlop SP 66 Icegrip" zum Beispiel bescheinigte "auto motor und sport" beim Eistest, mit ihm sei "beim Beschleunigen aus dem Stand" auf Eis "am leichtesten anzufahren", das "mot auto-journal" pflichtete bei: "Rollt auf Glatteis gut an."
Demgegenüber empfindet die "ADAC-Motorwelt" das Fahrverhalten dieses Eisgreifers auf Eis nur als "weniger zufriedenstellend", und die "Auto Zeitung" bemängelt: "Auf Eis" erbringe der Reifen "nur relativ mäßige Traktions- und Bremswerte".
Der Winterreifen Uniroyal Rallye MS Plus, als Eisläufer gleichfalls kraß unterschiedlich beurteilt, ist laut "ADAC-Motorwelt" ein Nässe-Schwächling ("Im tiefen Wasser aquaplaning-empfindlich, in nassen Kurven nicht sehr lenkexakt"). Den gleichen Pneu reihte "auto motor und sport" unter "Die besten bei Nässe" ein, und "mot auto-journal" bestätigte ihm "hervorragende Nässesicherheit".
Die Tester machen "die Bedingungen, die weglaufen" für das Tester-Dilemma verantwortlich: "Wir testen ja viel mehr Schnee und Eis als Reifen." So war zu berücksichtigen, daß ein Reifen auf nassem Eis anders reagiere als auf trockenem, tiefer gefrorenem.
Ein Testteam zog sich zum Glatteistest gar in einen Hallenbau zurück, weil es annahm, die kristallisierende Luftfeuchtigkeit einer offenen Eisbahn bewirke ständig wechselnde Testbedingungen." Primär", meinte gleichwohl der Stuttgarter Autotester Gert Hack" seien nur "Reifen gleicher Größe untereinander" auf gleichen Autos bei gleichen Bedingungen vergleichbar.
"Irreführend" ist nach Aussage eines Reifeningenieurs von Veith-Pirelli vor allem, daß die Tester einen Reifen zumeist "generell für alle Fahrzeuge beurteilen". Die Tester hätten sich "den Riesenjob des Testens zu einfach gemacht". Das wissen manche Tester selber: "Die Winterreifen-Tests sind mit Vorsicht zu genießen."
"Die Leute", beklagte ein Reifen-Verkaufsmanager die vielen Widersprüchlichkeiten bei Kautschuk-Testern, "wissen am Ende überhaupt nicht mehr, was sie machen sollen." Ihnen bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als den Werbesprüchen zu glauben.
Dubios genug, werden für die neuesten Werbeversprechen ungerührt die umstrittenen Aussagen der Tester herangezogen: "Die Reifenindustrie", so ein Reifentester, "ist ganz verrückt aufs Zitieren der Motorpresse."
Wohl wahr: "Knüppeldick", jammerte intern ein Uniroyal-Manager, sei es bei den Tests über den "Rallye MS Plus" gekommen. Auf ganzseitigen Annoncen der Firma ("Der Beste im ADAC-Test") wurde es gleichwohl ein großer Sieg.

DER SPIEGEL 51/1977
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