12.12.1977

SPIELZEUGViel Dampf

Die Hits der letzten Jahre sind passé, unter dem Weihnachtsbaum 1977 geht es eher nostalgisch zu.
Knecht Ruprecht ist auf dem Rückwartstrip: Wo der Alte in diesem Jahr seinen Sack aufschnürt, da kollern nicht nur die wohlbekannten Pfeffernüss', Äpfelchen, Mandeln, Korinth' auf den Gabentisch -- unterm Weihnachtsbaum 1977 sollen auch die größeren Geschenke möglichst an Großmutters Zeiten gemahnen.
So jedenfalls sagt es im Finale des Weihnachtsgeschäfts der Spielwarenhandel voraus: Einer der beherrschenden Trends zielt voll ins Volksliedhaft-Schlichte, Gemütvoll-Vergangene; "auch beim Spielzeug", so formuliert es das Versandhaus Quelle in Fürth, "geht der Trend zur Nostalgie".
Hauptgewinnler der verspielten Lust an der Vergangenheit sind die teuren blassen Porzellan-Puppen im properen Dreß der Jahrhundertwende, die (Preise ab etwa 120 Mark) ausdrucksarm, aber in vornehmer Blasiertheit die Gegenwart mustern. "Wir haben den Umsatz an Nostalgie-Puppen", sagt Quelle-Sprecher Gerhard Probst, "in diesem Winter glatt verdoppelt."
Die alten Damen haben damit den Hit der letzten Jahre voll aus der Käufergunst gedrängt: Die sogenannten Funktionspuppen, ausgerüstet mit Vorrichtungen zum Essen, Greinen, Niesen und Nässen, zum Mama-Schreien und Augenklimpern, sind nicht mehr sehr gefragt.
Und auch Stromlinien-Bahys wie die kesse Barbie, das von allen Eltern gefürchtete Aus-und-Anzieh-Pin-up mit den tausend teuren Garderoben, bleiben immer häufiger in den Regalen liegen. Statt dessen fragen gutdressierte Eltern nach Holly Hobbie, der amerikanischen Stoffpuppe, die einer Illustration zu "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" entstiegen scheint, mit grotesken Gesichtszügen und gewandet in die Südstaaten-Mode der "Vom Winde verweht"-Ära.
Die knautschige Holly, lieferbar in Formaten zwischen Däumling und lebensgroß, hat auch noch Brüder, Schwestern, Freunde und Freundinnen; es gibt Holly-Hobbie-Briefpapier und -Wandkacheln, -Partygeschirr, -Umhängetaschen und -Poesie-Alben.
Daß die Welle der harten, smarten Puppen zu Ende geht, signalisiert auch das Geschick von "Action Team", "Big Jim" und ähnlichen Brutalo-Typen: "Die können Sie getrost vergessen", heißt es bei Spielwaren-Eickelberg in Berlin. Und selbst der Millionenerfolg des letzten Jahres, mit den sogenannten Play-Figuren (SPIEGEL 47/1976), ist abgeklungen: "Die sind durch."
Die Hersteller indes sind noch voll mit der Zubehör-Produktion beschäftigt: "Play-Big" mit Autos, "Playmobil" mit Häusern, die "weggehen, als gäb" es sie umsonst" (Verkäufer bei Spielzeug-Rasch in Hamburg) -- und auch sie kitzeln, mit mittelalterlichem Fachwerk (bevorzugte Modelle: "Schuldturm", "Stadtmauer/Kastell"). die nämlichen nostalgischen Vorlieben.
Elektrische Eisenbahnen, im Zeitalter der (dahinschwindenden) elektronischen TV-Spiele auch schon ein Spielzeug von gestern, nehmen wieder zu. Marklins alter Metall-Stabilbaukasten, von der perfekten "Fischertechnik" fast verdrängt, kommt langsam wieder; und "Dampfmaschinen, insbesondere als Dampfmobil und als Dampfauto, sind dieses Jahr ganz groß" (Spielzeugparadies Hamburg).
Ob da Väter die bewährten Spielsachen der eigenen Jugend zur neuen Mode küren, ob die Kinder selbst einen Überdruß gegenüber Supermännern, Super-Moderne und Super-Technik verspüren -- die Motive der neuen Trend-Wende sind noch unerforscht. Und die Analyse wird auch nicht leichter durch die "ungeheure Flut von Hobbysachen" (Fachhändler Eckart Rasch), die über alle Läden hinwegbrandet: Emaille-, Tauchlack-, Töpfer-, Brenn-, Zinn-, Holz-Arbeiten müssen, nach Absatzlage. Weihnachten Millionen Familien beschäftigen.
Der kurioseste Artikel für die Hobby-Fraktion sind die "Bastelklammern": halbe, von ihrem Drahtgelenk befreite Wäscheklammern, die in großen Beuteln (200 Teile: 4,75 Mark) verkauft werden und von ihren Anhängern kunstvoll zu Untersetzern, Kerzenhaltern, Windmühlen und Puppenmöbeln verleimt werden.
Die Anleitungsbroschüre "Basteln mit Wäscheklammern" (6,60 Mark) ist bereits in der zehnten Auflage gedruckt; das Material, so Rasch, "geht wäschekörbeweise weg".

DER SPIEGEL 51/1977
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