12.12.1977

SCHACHWiktor der Schreckliche

In Belgrad will sich der sowjetische Schach-Dissident Kortschnoi als WM-Herausforderer qualifizieren. Der Halb-Dissident Spasski soll ihn stoppen.
Die Sowjetmacht hat ihn verstoßen. Er ist als "Intrigant" verhaßt und hat, "von Eitelkeit und Neid besessen", sein Vaterland "verleumdet und verraten".
So giftete de Sowjetpresse, als Wiktor Kortschnoi, 46, im Sommer letzten Jahres in Holland um Asyl nachsuchte, um fortan "nur noch dem westlichen Lager" zu dienen. Der Leningrader Schach-Großmeister, Weitranglisten-Zweite und viermalige sowjetische Landesmeister, ging seiner Titel und patriotischen Ehren verlustig; am liebsten hätte die mächtige Moskauer Verbandsbürokratie den Republikflüchtigen wohl lebenslänglich boykottiert.
Aber Kortschnoi blieb am Zug. Der Weltschachbund erteilte ihm, ungeachtet sowjetischer Proteste, die Spielerlaubnis für die Qualifikationsrunde zur Weltmeisterschaft -- vitaler, listenreicher und ehrgeiziger denn je rüstete der Schach-Dissident zum Rachefeldzug gegen das verhaßte Sowjetregime, das ihn so hartnäckig "unterdrückt" und "psychisch terrorisiert" hatte. Kortschnoi, in den Turniersälen als "Wiktor, der Schreckliche" gefürchtet, wurde der Schach-Supermacht Sowjet-Union, für die das Brettspiel immer eine Angelegenheit von höchstem nationalem Prestige war, langsam zum Alptraum.
Wie ein Würge-Engel hauste er, in der WM-Herausforderrunde, unter den sowjetischen Schach-Majestäten. Triumphal, "mit bewundernswerter Präzision" (Großmeister Ludek Pachman), boxte er sich bis ins Finale durch: In Belgrad spielt er jetzt ein 20-Partien-Turnier gegen den Landsmann Boris Spasski, jenen Ex-Weltmeister. der einst vom kapriziösen amerikanischen Denk-Genie Bobby Fischer entthront worden war. Der Sieger trifft kommenden Sommer auf den amtierenden Welt-Champion Anatolij ("Tolja") Karpow, UdSSR.
Der scheue, bubenhafte Tolja, 25, ist Kortschnoi als Kontrahent gerade recht. Karpow nämlich, dem "Muster-Proletarier", hatte er sich stets unterordnen müssen. Karpow wurde "wie ein Volksheld gehätschelt"; er war -- so sieht es Kortschnoi -- auserkoren, die an Fischer verlorene WM-Krone ins russische Reich heimzuholen.
Als Kortschnoi 1974 gegen Karpow zum entscheidenden Qualifikationskampf antrat (und knapp verlor), fühlte er sich als "Opfer einer psychologischen Kampagne". Schmähbriefe wünschten ihn, den Halbjuden, "ins KZ"; Morddrohungen entnervten ihn so, daß er schließlich gar fürchtete, "mir könnte eines Tages ein Dachziegel auf den Kopf fallen".
Der Geschlagene schlug zurück, übte -- ein Sakrileg -- herbe Kritik am heiligen Karpow, dem er "keine Chance" gegen den wilden Bobby Fischer einräumte, und fiel endgültig in Ungnade. Kortschnois Beschwerden erreichten ihren Höhepunkt.
Im Juli "76 rochierte er, nach einem Turnier in Amsterdam, in den Westen. Nun wollte auch kein braver Sowjetmensch mit Kortschnois Frau Bella und dem 19jährigen Sohn Igor, die in Leningrad zurückblieben, etwas zu schaffen haben: Ein Nachbar, der Frau Kortschnaja einen jungen Pudel abgekauft hatte, brachte das Tier mit dem Ausdruck des Ekels zurück -- einem "Volksverräter" wolle er nicht einmal einen Hund abnehmen.
Befreit von seelischem Druck, als hochdotierter Trainer im neuen Schachzent rum Köln-Porz auch materiell gut abgesichert, entfaltete der Abtrünnige seine wahre Spielstärke, gewaltigen Kampfgeist. Mit "einmaliger Kombinationsgabe" und "brillanter Verteidigungskunst" (so das Experten-Urteil) setzte er im vergangenen Frühjahr, in Italien, den sowjetischen WM-Aspiranten Tigran Petrossjan außer Gefecht. Ihn, den gerissenen Armenier, hatte Kortschnoi einmal öffentlich geohrfeigt, weil er unablässig mit den Füßen gegen den Schachtisch stieß.
In Italien traten die Erzfeinde gruß- und sprachlos ans Brett, jeder benutzte eine eigene Toilette, Petrossjan klagte, Kortschnoi pflege telepathische Verbindungen zu seinen Sekundanten. Kortschnoi zeterte, der schwerhörige Tigran mißbrauche sein Hörgerät als Sprechfunk-Empfänger und bestand, immer in Ängsten vor dem KGB, auf persönlichem Polizeischutz.
Im französischen Evian fegte Kortschnoi ein Vierteljahr später den sowjetischen Kandidaten Lew Polugajewski fulminant vom Brett. Kortschnoi, nun staatenlos, hätte gern unter einer Piratenflagge gespielt, aber die russische Delegation verhinderte den Jux.
Die eleganten, mühelosen Siege über die Moskauer Schach-Elite heizten Kortschnois Selbstbewußtsein, seinen aggressiven, politisch motivierten Ehrgeiz weiter auf. Und mit sichtlichem Behagen weist er jetzt, in Belgrad, darauf hin, daß die Sowjetfunktionäre auch an seinem Gegner Spasski keine rechte Freude haben.
Denn Spasski, die letzte sowjetische Notbremse gegen den rasenden Wiktor, ist in der UdSSR selbst als Dissident in spe verdächtig. Er lebt mit seiner französischen Frau Marina schon geraume Zeit in der Nähe von Grenoble, schätzt gallische Lebenslust und denkt nicht daran, in die kalte Heimat zurückzugehen. Logisch. daß die Sowjet-Presse über den Belgrader Giganten-Fight nur höchst einsilbig berichtet, ausführlich hingegen über die nationalen Meisterschaften.
Aber auch Kortschnoi hegt wenig Sympathie für Spasski, den lässigen Bonvivant. Er verübelt ihm, daß er "die Brücken nicht abgebrochen hat", sowjetische Sekundanten und Botschaftshilfe akzeptiert und sich gebärdet, "wie ein Kalb, das an zwei Kühen saugt". Gräßlich hat es ihn erzürnt, daß Spasski während einer Partie versuchte, seinen Sowjetwimpel in die Mitte des Schachtisches zu schieben, weil er sich -- so Kortschnoi erregt -- "offenbar schämt, unter diesem Symbol zu spielen, und mich da reinziehen möchte". Grollend registriert das Kortschnoi-Lager auch, daß Spasskis schöne Marina keinen Gruß mehr erwidert.
An seinem Sieg über den "verwestlichten" Spasski zweifelt der Neu-Kölner Kortschnoi keinen Augenblick. In dem Wettkampf, der bis Januar dauert, führte er letzte Woche souverän mit zwei Punkten. Und im Geist hat der Großmeister schon mit seinem letzten, größten Rivalen abgerechnet, mit Weltmeister Karpow: "Ich spiele gegen ihn, ich werde ihn schlagen."

DER SPIEGEL 51/1977
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