27.03.1978

„Lieber ein Jahr zu früh als eine Stunde zu spät“

SPIEGEL: SoIIen Jungen und Mädchen von 15 Jahren, die nach neun Schuljahren die Hauptschule verlassen, irgendwann im Unterricht für Sexualkunde das Wort "ficken" gehört haben, Herr Professor Koch?
KOCH: Wollten wir nicht zu Beginn über das neue Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sexualerziehung sprechen?
SPIEGEL: Wir sind schon dabei, wie Sie gleich sehen werden. Also unsere Frage: "ficken" oder nicht?
KOCH: Zur Realität des Sprechens über Sexualität gehört die Vulgärsprache. Sie sollte deshalb in den Unterricht einbezogen werden, allerdings erst nach Absprache mit den Eltern. Mit welchem Ziel, darüber müßten wir im einzelnen sprechen.
SPIEGEL: Sicher. Würden Sie einen Unterschied machen zwischen Hauptschülern, nach denen wir fragten, Realschülern oder Oberschülern?
KOCH: Ich wüßte nicht, warum.
SPIEGEL: Soll der Lehrer oder Studienrat auch selbst von "ficken" oder "vögeln" reden"?
KOCH: Wenn er es tut, ohne daß die Schüler ihm einen Anlaß bieten oder ohne daß er es mit den Eltern abgesprochen hat, begibt er sich in einen Schleudersitz. Das würde ich ihm nicht raten.
SPIEGEL: Ein zweites Beispiel. Sollen Hauptschul-Absolventen und gleichaltrige Real- und Oberschüler in der Sexualkunde erfahren, welche oralgenitalen Kontakte es gibt? Sie sind weithin tabuisiert. Zur Praxis des Sexualverhaltens gehören sie noch immer nur bei einer Minderheit der Deutschen.
KOCH: Erfahren sollen sie davon. Aber wann und wie, das hängt von der Situation der Klasse ab. Voraussetzung ist auch, daß der Lehrer ein Vertrauensverhältnis zur Klasse hat und wiederum, wie bei Ihrem ersten Beispiel, daß er sich mit den Eltern abgesprochen hat.
SPIEGEL: Würden Sie beides, die Information über die Vulgärsprache und über die oral-genitalen Kontakte, noch zur "allgemeinen Wissensvermittlung über "vornehmlich biologische Fakten aus dem sexuellen Bereich"
* In Scarbaths Ferienhaus. Mit SPIEGEL-Redakteuren Werner Harenberg und Manfred Müller.
zählen oder schon zur "eigentlichen Sexualerziehung"? Das Bundesverfassungsgericht macht diesen Unterschied in seinem neuesten einschlägigen Urteil und beruft sich unter anderem auf Sie, Herr Professor Scarbath.
SCARBATH: Diese Unterscheidung mag juristisch hilfreich sein, der Pädagoge muß es anders sehen. Es kann keine Information über Sexualität geben, die nicht zugleich erzieherische Bedeutung und Wirkung hat. Aber im Sinne des Karlsruher Urteils wird das, wonach Sie fragten. zur Faktenvermittlung zu zählen sein.
SPIEGEL: Den Eltern gesteht das Urteil nicht so viele Rechte zu, wie manche engagierten Gegner der Sexualkunde unter den Vätern und Müttern begehren. Bringt das mehr Freiheit in der Schule?
SCARBATH: Ich hoffe es. Ohne Zweifel wird man dem Bundesverfassungsgericht dankbar sein müssen, daß es für die eigentliche Sexualerziehung mehr rechtliche Möglichkeiten schafft, als bisher bestanden haben. Auch umfaßt das, was wir jetzt hier abgekürzt Faktenkunde nennen und worin die Lehrer sogar noch freier sind, mehr als die reinen biologischen Daten von Mann und Frau. Insofern bringt das Urteil mehr, als viele, darunter auch ich, erwartet hatten.
SPIEGEL: Noch mal zu unseren Anfangs-Beispielen. Warum ist der Gebrauch des Wortes "ficken" ein solches Ereignis, das auf jeden Fall mit den Eltern besprochen werden muß?
KOCH: Zunächst damit den Eltern klar wird, daß der Lehrer solche Termini der Vulgärsprache nur deshalb in den Unterricht aufnimmt, weil sie unter den Jugendlichen außerhalb von Elternhaus und Schule weit verbreitet sind und weil er seinen Schülern helfen will, sie richtig einzuordnen.
SPIEGEL: Was heißt denn einordnen?
KOCH: Ein Wort wie "ficken" drückt, von Ausnahmen abgesehen, nur eine sehr eingeschränkte Sicht von menschlicher Geschlechtlichkeit aus, eigentlich nur aufs Genitale. In den hochsprachlichen Ausdrücken schwingt im allgemeinen ganzheitliches Denken, schwingen mehr Zuneigung und Liebe mit.
SPIEGEL: Also soll der Lehrer die Schüler von der Vulgär- zur Hochsprache bringen?
KOCH: Nein, er soll überhaupt keine Direktiven geben, denn das wäre Indoktrination, und die darf es -- wie jetzt von Karlsruhe bekräftigt wurde -- nicht geben. Er soll Alternativen aufzeigen, eigene Entscheidungen ermöglichen, in diesem Fall für die eine oder für die andere Sprache, grundsätzlich oder je nach Situation. Es wäre ohnehin aus etlichen Gründen verfehlt, die Schüler auf eine einzige Sprachnorm einschwören zu wollen.
SPIEGEL: Aber gerade linke Autoren, mit denen zusammen Sie, Herr Koch, Ende 1977 einen Sammelband zur Sexualpädagogik verfaßt haben*, haben eben dies oft verlangt. Wollte man ihnen glauben, dann wäre der Sexualunterricht um so besser, je vulgärer die Schüler sich dort ausdrücken.
KOCH: Sie überspitzen etwas. Daß tatsächlich die Vulgärsprache von einigen Autoren positiver eingeschätzt
* Hans-Jochen Gamm/Friedrich Koch (Herausgeber): "Bilanz der Sexualpädagogik". Campus Verlag, Frankfurt-New York; 2l2 Seiten; 22,80 Mark.
wird, als es ihrer Bedeutung entsprechen mag, erkläre ich mir aus der langen Tabuisierung dieser Sprache.
SPIEGEL: Würden Sie es dem Lehrer überlassen, ob sich der Unterricht überwiegend in der Hoch- oder in der Vulgärsprache abspielt?
KOCH: Diese Freiheit kann der Lehrer nur nach Absprache mit den Eltern haben.
SCARBATH: Dies wohl, aber einigem zuvor Gesagten möchte ich widersprechen. Ich bin zwar mit Herrn Koch darin einig, daß die Vulgärsprache ihren Platz in der Sexualerziehung haben soll, eben weil sie ihren Platz auch im Leben vieler Schüler hat. Aber selbst wenn die Vulgärsprache der eigenen Lebenswirklichkeit der Jugend näher wäre, müßte doch bedacht werden, daß sich 20 oder 25 Schüler einer Klasse im Unterricht nicht so miteinander verständigen können wie ein Liebespaar in einer Intimsituation. Auch in dieser Hinsicht müssen Schüler lernen, daß es Unterschiede in der Sprechsituation gibt.
SPIEGEL: Sie würden also der Hochsprache im Unterricht in jedem Fall den Vorrang geben?
SCARBATH: Ich denke, ja. Der Lehrer soll den Jargon mal aufnehmen, aber ihn nicht gezielt als Unterrichtssprache einsetzen. Versuche in einigen einschlägigen Büchern, die viel Schlagzeilen ausgelöst haben, haben mich ohnehin nicht überzeugt, daß dies möglich ist. Die Sprache in diesen Büchern ist nicht nur sehr gewollt vulgär, sondern auch sehr künstlich, gleichsam gestanzt. Ich bin gar nicht sicher, daß das die Sprache ist, die Jugendliche oder Erwachsene wirklich gebrauchen, etwa in einer Partnerbeziehung.
SPIEGEL: Wie sagen Sie selbst es denn?
SCARBATH: Ich bin nicht bereit, die Sprachverständigung mit meiner Ehefrau hier preiszugeben.
SPIEGEL: Und wie halten Sie es, Herr Koch?
KOCH: Wird das jetzt ein Intimreport über deutsche Sexualpädagogen?
SPIEGEL: Soll der Lehrer im Unterricht auch so reagieren, wie Sie, Herr Scarbath und Herr Koch, jetzt in diesem Gespräch?
SCARBATH: Zumindest muß er die Freiheit haben, diese Auskunft zu verweigern.
SPIEGEL: Kehren wir vom Persönlichen ins Allgemeine zurück. In dem vielzitierten "kleinen roten schülerbuch", erschienen im Verlag Neue Kritik, steht über Petting:
Der Junge hat es besonders gern, wenn das Mädchen schließlich sein Glied zärtlich streichelt. Das Mädchen hat es besonders gern, wenn ihr der Junge die empfindlichen Stellen zärtlich streichelt. Diese sind der Kitzler, der im obersten Teil der Spalte sitzt, dort wo sie unter den Haaren anfängt, und der Eingang der Scheide. Wenn das Mädchen hier gestreichelt wird, findet sie es besonders schön. Bei diesem Streicheln kommt es oft zum Orgasmus. Manchmal dauert es beim Mädchen eine Weile.
Ist das eine angemessene Information für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren?
KOCH: Diese Frage läßt sich so allgemein nicht beantworten, weil es Rezepte für alle Situationen nicht geben kann.
SPIEGEL: Bilden wir ein Beispiel. Sie stehen vor einer Klasse von 15jährigen Mädchen in einer Realschule und sind noch nicht lange dort, kennen also die Schülerinnen kaum. Nun steht eine auf und fragt: Herr Koch, was ist Petting?
KOCH: Ich würde es in einer solchen Situation jedenfalls nicht so erklären, wie es in dem von Ihnen zitierten Buch geschieht.
SPIEGEL: Wie denn?
KOCH: Ich muß wiederholen, daß es dafür kein Rezept gibt. Auf jeden Fall würde ich inhaltlich den Schülerinnen sagen, daß es sich dabei um die ein- oder wechselseitige Berührung der Geschlechtsorgane mit dem Körper, vor allem mit den Händen oder mit dem Mund handelt.
SPIEGEL: Wie weit würden Sie ins Detail gehen?
KOCH: Ich würde nach Absprache mit den Eltern bereit sein, jedes Detail zu nennen, je nach Reifegrad und Interesse der Schüler. Ich würde es aber in keinem Fall bei den Details belassen, sondern das Ganze in den notwendigen Zusammenhang stellen.
SPIEGEL: Und der wäre?
KOCH: Daß es zum Beispiel Vorbedingungen auch für die Aufnahme des Pettings geben sollte: gegenseitige Zuneigung, zumindest eine gewisse Tendenz auf Dauer, das Ernstnehmen des Partners als Menschen. Ich bin gegen jede Art von Wegwerf-Sex.
SPIEGEL: Würden Sie, Herr Scarbath, einen solchen Text, wie wir ihn vorhin zitierten, im Unterricht für erlaubt halten?
SCARBATH: Das Problem wäre für mich gar nicht, ihn mit hineinzunehmen in den Unterricht. Aber dann fangen die eigentlichen pädagogischen Probleme erst an, wie Herr Koch zum Teil schon gesagt hat. Mich stört, daß in der Öffentlichkeit und auch heute in diesem Gespräch immer nur gefragt wird, ob denn ein solcher Text zulässig ist. Das ist ja auch das Muster, nach dem die Schulbehörden und Kultusministerien verfahren.
SPIEGEL: Sicher, im Konfliktfall geht es immer um die Stelle.
SCARBATH: Das ist aber falsch. Es wird nach dem Wichtigsten gar nicht gefragt, ob eine Stelle im Unterricht einfach stehenbleibt oder diskutiert wird. Ich will es mal überspitzt sagen: In einem guten Unterricht ist fast jeder Text zu gebrauchen, in einem schlechten Unterricht kann umgekehrt mit fast jedem Text Schaden angerichtet werden. Es wäre gut, wenn man von dem Stellenlesen wegkommen würde, vor allem dann, wenn es um Entscheidungen von Behörden oder Gerichten über Lehrer geht.
SPIEGEL: Zu einem anderen Thema besagt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nichts, zum richtigen Zeitpunkt der Sexualerziehung. Zwei Ansichten sind weit verbreitet. Die eine: Frühe Kenntnis bedeutet frühe Praxis und schadet deshalb. Die andere: Lieber ein Jahr zu früh als eine Stunde zu spät. Wer hat recht?
KOCH: Ich halte die zweite Meinung für richtig. Die Schule muß mit ihrer Arbeit der jeweiligen sexuellen Entwicklung vorgreifen. Die Erziehung ist ja auf diesem Gebiet mehr noch als auf anderen stark durch den prophylaktischen Aspekt bestimmt.
SPIEGEL: lm Urteil von Karlsruhe ist wieder, wie vorher schon in den Richtlinien der Kultusminister, auf die verschiedenen Wertvorstellungen hingewiesen worden, die es in der Sexualerziehung zu achten und zu beachten gelte. Führt das nicht zwangsläufig dazu, daß sich der Lehrer für den kleinsten Nenner entscheidet, also nichts bringt, was irgend jemanden stören könnte?
SCARBATH: Ich fürchte, daß es oft, allzu oft darauf hinausläuft. Dabei wäre es eine wichtige pädagogische Aufgabe, diese Unterschiede in den Wertvorstellungen nicht nur nicht zu leugnen, sondern sie im Gegenteil herauszuarbeiten und so den Schülern zu helfen, damit zu leben. Aber ich muß zugeben, daß wir hier an die Grenzen der Schule stoßen.
SPIEGEL: Inwiefern?
SCARBATH: Die Schule kann als öffentlich-rechtliche Institution über die bloße Information hinaus in der Sexualerziehung nur zweierlei leisten. Sie kann die unterschiedlichen sexualethischen Auffassungen, die es in unserer Gesellschaft gibt, von deren eigenem Anspruch her den Kindern verdolmetschen, und zweitens kann der Lehrer in Grenzen sich selbst, seine Person, seine eigenen persönlichen Lösungsversuche in den Unterricht einbringen.
Ein Drittes wäre noch wichtiger, ist aber zur Zeit noch überaus selten. Die Jugendlichen müßten in einer engen Beziehung zum Unterricht glaubwürdige Lebensformen erleben können, in denen die vielfach beschworenen Normen auch eingelöst werden. Die Erfahrung von gelebten Zusammenhängen ist allemal stärker als die bloße pädagogische Beschwörung.
SPIEGEL: Sprechen wir über alle drei Punkte, vielleicht zunächst über die Rolle des Lehrers. Er kann doch die Auskunft über sein Sexualverhalten im Unterricht genauso verweigern wie Sie vorhin die Antwort auf unsere Frage nach Ihrer eigenen Sexualsprache.
SCARBATH: Sicher, aber er sollte auch seine Gründe mit den Schülern diskutieren.
SPIEGEL: Manche Lehrer dürften wahrscheinlich über ihr Sexualverhalten auch dann nicht sprechen, wenn sie es wollten. Wird nicht vorausgesetzt, daß der Lehrer- wie heißt es doch -- in geordneten Verhältnissen lebt?
KOCH: Fälle, in denen es anders ist, beschäftigen die Öffentlichkeit jedes Jahr ein paarmal. Fast immer haben die betroffenen Lehrer den Fehler gemacht, sich nicht vorher mit den Eltern ins Einvernehmen zu setzen.
SPIEGEL: Bilden wir einen Fall. Ein Lehrer will vor die Klasse treten und sagen: Ich lebe mit meiner Freundin zusammen wie andere als Eheleute. Wir sind uns aber -- wie manche Eheleute allerdings auch -- nicht einig, ob wir zusammenbleiben wollen. Darf er das?
SCARBATH: Die Schulrechtler und die Verwaltungsgerichte würden die Frage wohl verneinen, jedenfalls wenn er es ohne Absprache mit den Eltern tut.
SPIEGEL: Daß die sich das verbitten würden, wenn sie gefragt würden, darf man wohl als Regelfall vermuten. Oder?
SCARBATH: Mag sein. Pädagogisch liegt hier ein ernstes Problem. Auf der einen Seite lernen die Schüler, daß es auf sexuellem Gebiet verschiedene Verhaltensweisen gibt und daß sie keine undiskutiert verwerfen sollen. Auf der anderen Seite haben sie unter Umständen in ihrem Lehrer einen Menschen vor sich, der über seine eigene Lebensweise nicht sprechen darf.
SPIEGEL: Läßt sich vermeiden, daß dann die Sexualerziehung unglaubwürdig wird?
SCARBATH: Es müßte zu erreichen sein, daß eigene existentielle Entscheidungen und Lösungen des Lehrers auch in einem solchen Fall mit zur Diskussion stehen. Das ist aber bitte wörtlich zu nehmen. Sie müßten zur Diskussion stehen und dürften nicht, wie es in den publik gewordenen Fällen wohl manchmal war, als eine Art normative Vorgabe dargestellt werden nach dem Motto: Schaut her, ich mache es so, und so ist es richtig, also macht es später auch so.
SPIEGEL: Nach den Richtlinien von Nordrhein-Westfalen darf überhaupt kein Lehrer über sein eigenes sexuelles Verhalten berichten.
SCARBATH: Das halte ich für pädagogisch falsch. Diese Richtlinien konnten eine Zeitlang als weise gelten, als es Lehrer gab, die nicht müde wurden, über ihr eigenes sexuelles Verhalten in jeder Hinsicht zu reden. Aber diese Welle scheint schon seit einiger Zeit vorüber zu sein.
SPIEGEL: In welchem Umfang unterschiedliche Auffassungen im Sexualunterricht eine Rolle spielen können, möchten wir an einigen umstrittenen Themen mit Ihnen erörtern, an vorehelichen Beziehungen, an Onanie und Homosexualität.
SCARBATH: Das dürften noch immer die spektakulärsten Themen der Sexualerziehung sein.
SPIEGEL: Voreheliche Beziehungen können a) ausgespart werden. Man kann sich b) zum Ziel setzen, sie den Jugendlichen schon im voraus auszureden. Man kann sich ihnen c) differenzierend widmen, etwa zwischen Beziehungen zu häufig wechselnden und zu esten Partnern unterscheiden. Und man kann d) erklären: Tut, was ihr wollt. Wofür sind Sie?
KOCH: Es kann nicht Aufgabe der Sexualerziehung sein, den Jugendlichen ein bestimmtes Verhalten vorzuschreiben.
SPIEGEL: Vorschreiben sicher nicht, aber vielleicht empfehlen?
KOCH: Die Schule sollte auch nicht Empfehlungen für ein bestimmtes Sexualverhalten aussprechen. Sie soll mit gebotener Zurückhaltung und Toleranz die verschiedenen Modi darstellen. Sie soll sexualwissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln, ohne sie zu Normierungen zu erheben. Sie soll auch die Problematik der verschiedenen sexuellen Verhaltensweisen erörtern. Mehr kann und soll sie nicht tun.
SPIEGEL: Warum ist das Thema Onanie noch immer ein Problem für die Sexualerziehung?
SCARBATH: Schon deshalb, weil manche Eltern noch immer glauben, Onanie sei schädlich und müsse verhindert werden, und weil eine noch größere Zahl von Eltern annimmt, es handle sich um ein Problem einer relativ kurzen Phase von wenigen Monaten. Dabei haben wir empirische Befunde, nach denen es Onanie häufig schon bei Dreijährigen gibt. Es scheint sich, wenn man den vorliegenden Studien glauben darf, um ein Phänomen zu handeln, das sich durch das ganze Kindheits- und Jugendalter zieht, wenn auch in verschieden starker Häufigkeit.
SPIEGEL: Onanie wäre also auch bei Grundschülern schon normal?
SCARBATH: Ja. Wobei normal nicht heißt, daß sie pädagogisch positiv bewertet werden muß. Onanie kommt so häufig vor, daß sie statistisch normal ist.
SPIEGEL: Was ist normal, was ist positiv?
SCARBATH: Hierüber ist das letzte Wort in der Pädagogik noch nicht gesprochen. Meine eigene Meinung ist zur Zeit: Wir müssen akzeptieren, daß
* Oben: "Wege in die Biologie" (Band 1, für das fünfte und sechste Schuljahr, Klett Verlag, Stuttgart); unten: Bent H. Claesson, "Sexualinformation für jugendliche" (ab zwölf Jahren, Verlag Neue Kritik, Frankfurt).
es dieses Verhalten gibt, und sollten es nicht dramatisieren, also nicht zum Anlaß von Strafaktionen oder negativen Bewertungen machen. Aber wir sollten dieses Verhalten auch nicht forcieren oder ermuntern, wie es einige Sexualpädagogen verlangen.
SPIEGEL: Die Schule soll also unter Umständen versuchen, Schüler auch von den Schuldkomplexen zu befreien, die ihnen im Elternhaus aufgezwungen werden?
KOCH: Ja, auf jeden Fall.
SPIEGEL: Über Homosexualität -- um zu unserem dritten Thema zu kommen -- gibt es in der Bevölkerung sicher eine breite Spannweite von Auffassungen, von der einen, es handle sich um eine krankhafte Veranlagung, bis zu der anderen, sie sei mit der Heterosexualität absolut gleichzusetzen. Darf diese Spannweite der Meinungen bei den Lehrern, die Sexualunterricht erteilen, gleich groß sein?
KOCH: Jeder Lehrer muß damit rechnen, daß bei dem einen oder anderen Schüler bereits die Weichen zur Homosexualität gestellt sind. Es wäre nicht zu verantworten, wenn ein Lehrer durch einseitiges Akzeptieren nur der Heterosexualität diesen Schülern eine Bürde von Gewissensbissen und -qualen aufzwingen würde. Ich halte es mithin für die Aufgabe des Lehrers, die Homosexualität nicht abzuwerten, sondern als gleichberechtigte Form des Sexualverhaltens darzustellen neben der Heterosexualität.
SCARBATH: So weit würde ich nicht gehen. Ich würde meinen, daß die Homosexualität im Unterricht durchaus als ernstzunehmende, also als eine nicht zu negierende Alternative behandelt werden soll. Aber ich hätte doch Bedenken, sie als gleichwertige Alternative darzustellen.
SPIEGEL: Wie denn?
SCARBATH: Ich würde unterscheiden zwischen dem Akzeptieren einer Entwicklung, die schon gegeben ist, mitsamt dem Respekt vor einem Menschen, der eine solche Entwicklung genommen hat, und dem, was sozusagen als pädagogische Strategie insgesamt befürwortet werden soll.
Nicht jedes Verhalten, das für straffrei erklärt und von einem Tabu befreit worden ist, muß ja gleich als pädagogisch erwünscht bezeichnet werden. Wir sind hier aber, wie ich betonen möchte, in einem pädagogischen Grenzbereich, in dem noch einiges ungeklärt ist.
SPIEGEL: Oft ist zu lesen, auch bei Ihnen, Herr Koch, Herr Scarbath, jede Erziehung sei auf Praxis ausgerichtet. Aber gerade bei der Sexualerziehung gilt das bestenfalls in Grenzen. Liegt hier ein Problem?
SCARBATH: Jedenfalls für die Schule, weil sich das Sexualverhalten der Schüler im wesentlichen außerhalb der Sicht der Schule abspielt. Natürlich gibt es Schmusereien auf dem Schulhof, es gibt auch deutliche Versuche der sexuellen Kontaktaufnahme, und es gibt schließlich Zeichnungen auf den Toiletten, die sexuelle Bezüge haben. Aber das, was man im engeren Sinn sexuelle Praxis nennt, ist eben doch dem Lebensfeld Schule sehr fern.
SPIEGEL: Ist dem Lehrer, wie Ihr hannoverscher Kollege Professor Helmut Kentler schrieb, "jede Möglichkeit, die Schüler in ihrem Sexualleben pädagogisch zu begleiten, im bestehenden Schulsystem verschlossen"?
SCARBATH: Die Möglichkeiten sind sicher begrenzt, aber Beratung ist in dem Rahmen, wie wir ihn besprochen haben, sowohl im Unterricht als auch im Einzelgespräch möglich.
SPIEGEL: Der Darmstädter Professor Hans-Jochen Gamm, mit dem zusammen Sie, Herr Koch, kürzlich die "Bilanz der Sexualpädagogik" herausgebracht haben, hat 1970 in seinem Buch "Kritische Schule" gefordert, die Schule müsse Räume erhalten, in denen die Schüler die Möglichkeit "erotischer Kommunikation" haben.
KOCH: Gamm hat nicht dazu auffordern wollen, die Kartenzimmer auszuräumen und Sofas herbeizuschaffen.
SPIEGEL: Sondern?
KOCH: Er hat an Freiräume gedacht, die die verwaltete Schule mit mehr Leben füllen und mehr zur Wohnstätte machen können.
SPIEGEL: Aber warum dann "erotische Kommunikation"?
KOCH: "Erotische Kommunikation" ist all das, was sich in den überfüllten Schulen und Klassen an zwischenmenschlichen Beziehungen kaum entfalten kann. Diese Stelle bei Gamm darf nicht zu sehr genital fixiert interpretiert werden. Denken Sie an eine Diskothek mit ihrer Atmosphäre, da gibt es doch erotische Kommunikation.
SPIEGEL: Vielleicht etwas realistischer ist eine andere Art Kommunikation, die der Hamburger Lehrer und Autor Rudolf Müller in dem Buch "Bilanz der Sexualpädagogik" anregt. Man müsse "soziosexuelle Kommunikationssituationen" organisieren, in der Klasse durch Rollenspiele und durch Umfragen, außerhalb der Klasse zum Beispiel dadurch, daß Schüler Beratungsmöglichkeiten erkunden, "Kontaktprobleme in Diskotheken" untersuchen, "Eltern, Arzte, junge Ehepaare" interviewen. Findet das Ihren Beifall?
KOCH: Dieses Konzept hat sich schon konkretisiert in einigen Materialien und in einer Fernsehserie des Norddeutschen Rundfunks.
SPIEGEL: Sie gehört zu der Fülle von Versuchen, Beziehungen zwischen der Sexualerziehung und der eigenen Sexualpraxis von Jugendlichen herzustellen. So heißt es in dem Buch "Betrifft: Sexualität", herausgegeben vom Norddeutschen Rundfunk zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
Ihr selbst sollt ausprobieren, was euch Spaß macht, was ihr schön findet. Jeder Mensch bestimmt selbst, wann er mit einem anderen Menschen zärtlich sein möchte.
Und zum Kauf von Präservativen werden die Schüler so ermuntert: Geh mal in die nächste Drogerie und laB dich unverbindlich beraten.
Was halten Sie davon?
KOCH: Ich würde dies bejahen, muß es aber sofort begründen, sonst sehe ich die "Bild"-Schlagzeile schon vor mir.
SPIEGEL: Bitte.
KOCH: Untersuchungen über das Sexualverhalten von Jugendlichen haben Widersprüchliches zutage gefördert. Einerseits sind sie sehr gut informiert über Empfängnisverhütung und deren Mittel, andererseits benutzen sie diese Mittel zum großen Teil nicht.
SPIEGEL: Ihre Erklärung?
KOCH: Die Jugendlichen sind von vielerlei Ängsten erfüllt. Von der Angst, mit dem Partner darüber zu reden, der Angst, sich Verhütungsmittel zu besorgen, der Angst, mit den Eltern darüber zu sprechen. Sätze wie die, die Sie zitieren, haben das Ziel, solche Ängste abzubauen.
SPIEGEL: In Schweden erklärt jeder dritte Schulabsolvent, für ihn habe es in der gesamten Schulzeit keine Sexualerziehung oder Sexualkunde gegeben. Was meinen Sie, ist die Zahl in der Bundesrepublik noch höher?
SCARBATH: Das vermute ich. Zuverlässige Zahlen liegen darüber nicht vor. Aber auch wenn es in der Schule keinen Sexualunterricht gibt, findet Sexualerziehung trotzdem statt, nur eben woanders, fern von Elternhaus und Schule, mit anderen Inhalten und mit erheblich größeren Risiken.
SPIEGEL: Woran liegt es, daß die Sexualerziehung in der Schule weithin ein Potemkinsches Dort" ist, eine Fassade, hinter der es gar keine Realität gibt?
SCARBATH: Zum einen an der fehlenden Bereitschaft und Qualifikation vieler Lehrer, diese schwierige Arbeit zu tun.
Zum anderen an dem Zeitdruck, unter dem heute die Schule steht. Gerade solche Aufgaben, wie die Sexualerziehung, die nicht auf ein Fach beschränkt sind, sondern "übergreifen" sollen, werden dann zum fünften Rad am Wagen.
SPIEGEL: Würden Sie ein, eigenes Unterrichtsfach Sexualkunde für besser halten?
SCARBATH: Das Abschieben in ein solches Fach wäre verheerend. Der fächerübergreifende Sexualunterricht müßte nur besser abgesichert sein. Hier sehe ich den dritten Grund für die derzeitige Misere.
Die Schulbehörden zögern zu sehr, die Sexualerziehung durch Lehrerfortbildung und insgesamt durch eine Ermutigung der Lehrer mit Leben zu erfüllen. Statt dessen überlassen sie den Lehrer seinem Schicksal. Das kann ich mir nur mit politischen Angsten erklären.
SPIEGEL: Ängsten wovor?
SCARBATH: Die Sexualerziehung ist gegenwärtig ein symbolisches Konfliktfeld, auf dem tieferliegende Konflikte, etwa um das Menschenbild, um Vorstellungen von Ehe und Familie, ausgetragen werden.
SPIEGEL: Sind deshalb viele Lehrer so zurückhaltend?
KOCH: Ja, weil diese Konflikte auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Ich denke an die Panikmache, die es in den letzten Jahren um die Sexualerziehung gegeben hat.
SPIEGEL: Wahrscheinlich wissen die meisten Eltern von Schulkindern gar nicht, daß die Sexualerziehung bis in den Sportunterricht hineingehen soll. Wie eigentlich?
KOCH: Denken Sie nur an das Duschen nach dem Sportunterricht. Allein schon die Antwort auf die Frage, ob nackt oder bekleidet, vielleicht auch, ob gemischt oder getrennt, ist immer ein Teil der Sexualerziehung -- ganz gleich, wie die Antwort ausfällt.
SPIEGEL: Herr Koch, Herr Scarbath, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 12/1978
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