27.03.1978

„Diesen Vorgang nennt man Befruchtung?

Die Sexualerziehung gehört zu den umstrittensten Aufgaben der Schule. Sie wurde 1968 durch Beschluß der Konferenz der Kultusminister (KMK) vereinheitlicht und war jüngst Gegenstand eines Urteils des höchsten deutschen Gerichts (siehe SPIEGEL-Titel 9/ 1978).
Die Richtlinien aller elf Bundesländer, die nach dem KMK-Beschluß ergingen, sehen Sexualerziehung in einem "fächerübergreifenden Unterricht" vor. Einbezogen werden sollen vor allem die Fächer Biologie, Deutsch, Gemeinschaftskunde, Kunsterziehung, Religion und Sport.
Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Unterrichtsprinzip akzeptiert, unterscheidet aber zwischen
der "reinen Information über Tatsachen, vor allem biologischer, aber auch sozialer und anderer Art aus dem Bereich der menschlichen Sexualität", und der "eigentlichen Sexualerziehung", die auch "sittliche Entscheidungen und sittlich bestimmte Verhaltensweisen im Bereich der Geschlechtlichkeit ermöglichen soll".
Die acht Richter des Ersten Senats hatten unter anderem "das Photo eines eine Stute bespringenden Hengstes" und folgenden Text zu prüfen:
Begattung und Befruchtung. Wie kommt es zur Entwicklung eines Kindes? Wie wir wissen, müssen sich zwei Keimzellen miteinander vereinen, eine weibliche Eizelle und eine männliche Spermazelle. Dies kann bei der körperlichen Vereinigung von Mann und Frau geschehen. Dabei führt der Mann das versteifte Glied in die Scheide der Frau ein, wobei die Spermien abgegeben werden. Die Übergabe der Spermien nennt man Begattung. Die Spermien wandern durch die Bewegungen ihres Schwanzfadens über die Gebärmutter in die Eileiter. Treffen sie mit einem reifen Ei zusammen, dann dringt eine Spermazelle mit Kopf und Mittelstück in die Eizelle ein und verschmilzt mit ihr. Dabei vereinigen sich die beiden Kerne, welche die Erbanlagen von Vater und Mutter enthalten. Diesen Vorgang nennt man Befruchtung.
Das Bundesverfassungsgericht befand, Bild und Text (aus einem Biologiebuch des Ernst Klett Verlages, Stuttgart) enthalte "nichts, was über das Maß neutraler Wissensvermittlung hinausginge".
Die Rechte der Eltern beschränkte Karlsruhe stärker, als die Gegner der Sexualerziehung es erwartet hatten.
Für die "bloße Wissensvermittlung" schloß das Gericht "eine Einflußnahme aufgrund des Elternrechts" grundsätzlich aus. Für die Sexualerziehung selbst verneinte es ein "Mitbestimmungsrecht" der Eltern, sie ist deshalb "nicht von der Zustimmung der Eltern abhängig".
Zum Urteil des höchsten Gerichts haben zwar schon Kultusminister und Elternfunktionäre Stellung genommen (Tendenz: kritisch bis ablehnend), aber Fachleute für Sexualerziehung und Schulpraktiker haben sich bisher kaum geäußert.
Als Fachleute von Rang gelten die Hamburger Horst Scarbath, 39, und Friedrich Koch, 42. Beide sind Professoren für Erziehungswissenschaft an der Universität der Hansestadt.
Der evangelische Scarbath war in der christlichen Jugendarbeit und Erwachsenenbildung tätig und ist an der sexualpädagogischen Lehrerfortbildung beteiligt. Koch war zunächst Volksschullehrer und hat sich insbesondere mit politischen Aspekten der Sexualität befaßt. Er ist an der Universität Hamburg zur "besonderen Berücksichtigung der Sexualpädagogik" verpflichtet.
Scarbath schrieb 1967 ein Standardwerk "Geschlechtserziehung"" Koch unter anderem Bücher über "Negative und positive Sexualerziehung" (1971) und über "Sexualpädagogik und politische Erziehung" (1975).
** Aus einem für das fünfte Schuljahr bestimmten Biologiebuch "Das Tier" des Klett Verlags, Stuttgart.

DER SPIEGEL 12/1978
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