13.06.2005

KUNSTHANDELMoralischer Makel

Am Wochenende soll ein Möbel, das Hitlers Rüstungsminister Albert Speer gehörte, unter den Hammer kommen - gegen den Widerstand seiner Kinder.
Das "Kunst-Auktionshaus" im thüringischen Rudolstadt ist bekannt für seine idyllische Lage. In den Gärten um das neoklassizistische Palais begegneten sich Goethe und Schiller erstmals, seit über zehn Jahren flanieren hier kunstsinnige Kunden in den Pausen zwischen den Auktionen.
Von Beschaulichkeit und Ruhe wird am kommenden Wochenende, wenn Inhaber Martin Wendl zur Großen Sommerauktion einlädt, allerdings wenig zu spüren sein. "Ich bin froh", sagt er, "wenn der ganze Trubel vorbei ist" - wenngleich er stolz ist, dass "das kleine Rudolstadt für einen Tag zum Brennpunkt des internationalen Kunsthandels wird".
Grund für die Aufregung und die große Zahl von Bietern, die sich angemeldet haben, ist ein reichverziertes Möbelstück. Es ist ein Sekretär, der wenn möglich für mehr als das schon stattliche Mindestgebot von 45 000 Euro versteigert werden soll.
Gefertigt wurde das Prunkmöbel Anfang des 19. Jahrhunderts für den Bruder des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. - womöglich nach einem Entwurf des Hofarchitekten Karl Friedrich Schinkel.
Doch Interesse weckt der Mahagonisekretär vor allem aufgrund eines späteren und noch prominenteren Eigentümers: Adolf Hitlers Chefarchitekt und späterer Rüstungsminister Albert Speer erwarb ihn unter bislang ungeklärten Umständen 1941 aus dem Nachlass eines jüdischen Arztes.
Genau wegen dieser ungeklärten Umstände steht Wendl nicht nur ein großes Bieten ins Haus - sondern vielleicht auch noch ein Rechtsstreit. Fünf Kinder Speers, allen voran Hilde Schramm, die sich seit langem für NS-Opfer engagiert, versuchen die Versteigerung zu verhindern und ihren "Herausgabeanspruch" durchzusetzen.
Geglückt war ihnen ein Auktionsstopp schon einmal, im Herbst vergangenen Jahres. Ulrich von Heinz, ihr Berliner Anwalt, hält "angesichts der ungeklärten Provenienz" des Stückes eine Versteigerung nach wie vor für "kritikwürdig"; das Möbel sei "mit einem moralischen Makel behaftet".
Denn bis heute ist nicht geklärt, wann und wie der Sekretär, der Kunsthistorikern lange als verschollen galt, seine Besitzer wechselte. Obgleich Speer-Tochter Schramm einen NS-Experten für eine Recherche gewinnen konnte, liegt die Geschichte des Sekretärs in mehreren entscheidenden Punkten noch im Dunkeln.
Unstrittig ist, dass der Berliner Sanitätsrat und Kunstsammler Wilhelm Dosquet den Sekretär aus dem Nachlass des Preußen-Prinzen Adalbert erwarb, der ihn wiederum geerbt hatte. Der jüdische Arzt stellte das exklusive Stück dann dem Berliner Kunstgewerbemuseum als Leihgabe zur Verfügung, bevor er 1938 starb.
Was die Witwe des jüdischen Lungenspezialisten dazu bewegte, das Stück drei Jahre später im Krieg versteigern zu lassen, ist schwer nachzuvollziehen. Zeitgeschichtler vermuten, dass sie es nicht freiwillig tat - und auch keinen angemessenen Erlös erhielt. Denn die Versteigerung des Sekretärs und anderer Stücke Dosquets erledigte das auf sogenannte Judenauktionen spezialisierte Auktionshaus H. W. Lange.
Von ihm erwarb Hitler-Günstling Albert Speer den Sekretär für 15 000 Reichsmark. Doch konnte er sich nur kurze Zeit an ihm erfreuen. Wegen der Bombenangriffe auf die Reichshauptstadt musste er das gute Stück zusammen mit Gemälden auslagern lassen, wahrscheinlich in die Nähe von Leipzig. Nach seiner Entlassung aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis vermutete Speer, sein Sekretär sei in den letzten Kriegsmonaten verbrannt.
Tatsächlich geriet das feingearbeitete Möbel aber in die Hände eines Mannes namens Harry Güthert aus Jena. Ende 1946 hatte der Mediziner den Sekretär günstig ersteigert. Der Pathologe wie auch seine Erben, deren Insolvenzverwalterin das Möbel nun versteigern lässt, hatten von den prominenten Vorbesitzern keine Ahnung.
Erst nachdem das Stück bei Auktionator Wendl gelandet war, kam wenigstens etwas Licht ins Dunkel der Geschichte. Denn die Fotos des Sekretärs in Anzeigen riefen im Herbst vergangenen Jahres einen Kunsthistoriker auf den Plan, der das prominente Möbel identifizierte und die Speer-Tochter Hilde Schramm alarmierte.
Schramm, die bereits aus dem Erlös der Versteigerung von Bildern ihres Vaters eine Stiftung zur Förderung jüdischer Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen begründet hatte, reklamierte den Sekretär für ihre Familie - schließlich hatte der Hitler-Vertraute ihn nie verkauft -, um ihn der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zu schenken.
Eine andere Idee Schramms hatte sich zuvor zerschlagen: Die Jewish Claims Conference (JCC) sollte einen Restitutionsantrag für die Familie Dosquet stellen - doch sah die JCC sich dazu nicht in der Lage. Denn Frau Dosquet war im Unterschied zu ihrem Mann keine Jüdin, die jüdische Organisation mithin nicht zuständig.
Auktionator Wendl indes ist den Wirbel um Speers Sekretär langsam leid. Er will das Ding loswerden. Schramm und ihre Geschwister hätten inzwischen "genug Zeit" gehabt, "sich auszukäsen".
MICHAEL SONTHEIMER
* Mit den Kindern Margret, Fritz, Hilde, Arnold und Albert 1942 auf Hitlers Berghof.
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 24/2005
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