13.06.2005

EINWANDERERFrau Antje macht rüber

Günstige Grundstücke und Häuser locken Tausende Niederländer nach Deutschland. Mancherorts sind Einheimische schon in der Minderheit.
Das niederländische Städtchen Losser kurz hinter der deutschen Grenze ist ein beliebtes Urlaubsziel: niedliche Häuser, zwischen Wald und Feldern mäandriert ein Flüsschen. Doch kürzlich planten die Bewohner einer Straße die kollektive Flucht aus dem Idyll. Sie wollten ihre Häuser verkaufen - und zwölf Kilometer weiter nordöstlich, im deutschen Bad Bentheim, die gesamte Zeile originalgetreu nachbauen.
Ein holländischer Straßenzug mitten in seinem Städtchen - das ging dem Bad Bentheimer Bürgermeister Günter Alsmeier dann doch zu weit. Über tausend Niederländer sind in den vergangenen vier Jahren in den niedersächsischen Kurort umgesiedelt und haben alles aufgekauft, was der Markt hergab: Resthöfe, Einfamilienhäuschen, Grundstücke. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überfremdet werden", warnt Alsmeier. Er meine das nicht fremdenfeindlich, sagt er, aber "schließlich müssen auch unsere Familien eine Chance bekommen". Dafür hat der Stadtrat jetzt gesorgt: Die Par-zellen des nächsten Neubaugebiets sollen zu 60 Prozent an Einheimische vergeben werden. Damit die Mischung stimme, sagt Alsmeier.
Tatsächlich teilt er sein Problem mit vielen Orten entlang der Grenze. Mehr als 23 000 Niederländer haben sich bereits ihren Traum in Deutschland erfüllt. Denn Eigenheime kosten im prosperierenden Holland mindestens das Doppelte.
Besonders für Pendler lohnt sich der Umzug ins Billigwohnland Bundesrepublik. Wer in Holland arbeitet, zahlt bei gleichem Gehalt im Schnitt bis zu 20 Prozent weniger Steuern als hierzulande. Die Hypothekenzinsen für das Haus können in den Niederlanden
als Werbekosten abgesetzt werden - selbst wenn man jenseits der Grenze wohnt. Als Dreingabe gibt's für Holländer in Deutschland unter bestimmten Bedingungen die Eigenheimzulage, die in den Niederlanden unbekannt ist.
Kein Wunder also, dass bei den Maklern und Handwerkern zwischen Aachen und Leer das Geschäft brummt - noch. Denn immer mehr Gemeinden wollen den Zuzug aus Holland bremsen.
Im Bad Bentheimer Neubaugebiet Pieper-Werning entsteht derzeit "Klein-Amsterdam", wie Einheimische spotten. Vier von fünf Bauherren sind Niederländer. Die Häuser gleichen sich - roter Antik-Klinker, große Fenster, Durchblick vom Flur bis in den Garten. Der Holland-Stil. "Wenn die Klinker geliefert werden, sieht man an der Farbe: Da baut einer von drüben", lästert ein deutscher Anwohner. Den neuen Nachbarn dagegen macht derselbe Anblick glücklich: "In Deutschland gibt es mehr Freiheit beim Bauen", schwärmt der Niederländer Otto Roesink. Er kann es kaum abwarten, endlich einzuziehen, und campiert so lange im Wohnwagen.
Die meisten Holländer finden ihre neuen Nachbarn wunderbar. Gertian van der Molen, ein Schulrektor, schätzt die deutsche Mentalität: "Man merkt am Denken der Menschen, dass sie in einem großen Land leben." Kunstlehrer Wilhelmus Nieuwenhuisen, seit vier Jahren hier, findet: "Die Deutschen sind sehr tolerant."
Kurt Dieks lässt sich von solchem Lob nicht einwickeln. Der Rentner aus Kranenburg-Wyler fühlt sich von Holländern umzingelt. Fast verdoppelt hat sich deren Zahl, sie stellen nun fast die Hälfte der knapp 500 Einwohner. Nebenan, in Grafwegen, sind sie mit 52 Prozent schon in der Übermacht. Deshalb muss Dieks ab und zu demonstrieren, wer Herr im Haus ist. Dann hisst er im Garten die schwarzrotgoldene Fahne. "Man muss denen mal zeigen, wo wir hier sind."
Arg treibt es ihn um, wenn Mitglieder der Goudafraktion deutsche Etikette verletzen. Schlimm, wenn sie sonntags ihre Unterwäsche auf die Leine hängen. Noch schlimmer: Rasenmähen am Feiertag.
Kontakte zwischen Niederländern und Deutschen sind eher selten. Neun von zehn Zuzüglern haben ihren Job behalten, allmorgendlich wälzt sich die Pendlerkarawane über die Grenze. Viele nehmen ihre Kinder mit in dortige Schulen und manche den Abfall mit in holländische Tonnen: "Die kommen mit unserer Mülltrennung nicht zurecht", feixt der Bad Bentheimer Stadtrat Michael Aßmann.
Erst zum Schlafen kehren die Oranjes zurück, sehr zur Enttäuschung von Werner Hartmann vom SV Bad Bentheim. Vergebens wartet er auf Verstärkung für seine Fußballer: "Die spielen technisch besser als unsere Jungs. Nur leider lieber drüben", klagt er.
So gestaltet sich die Integration von Frau Antje schwieriger als gedacht. Eine Marktlücke, befand Bert Schipper, der 2001 nach Deutschland kam. Als "Emigrationsberater" hilft er seinen Landsleuten beim Umzug und gibt Nachhilfe in deutscher Kultur - etwa so: "Wenn ein schwarzgekleideter Mann vor der Türe steht, nicht gleich die Polizei rufen. Der Unbekannte könnte der Schoorsteenveger sein", rät er. Den gibt es in Holland so nicht. Kamine reinigen dort, wenn überhaupt, Heizungsmonteure.
MICHAEL FRÖHLINGSDORF, MARKUS VERBEET
Von Michael Fröhlingsdorf und Markus Verbeet

DER SPIEGEL 24/2005
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EINWANDERER:
Frau Antje macht rüber

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