13.06.2005

BESTATTUNGENZurück zu den Wurzeln

Pflegeleicht, naturnah, günstig: Immer mehr Menschen wollen im Wald beerdigt werden - Firmen machen es möglich.
Vögel zwitschern in den Bäumen, als Hannelore Grote, 82, die Vorbereitungen für die Zeit nach ihrem Tod trifft: Tango soll bei der Beerdigung erklingen, die Trauerfamilie tanzen - und die Frage, ob Eiche oder Buche, hat Grote auch soeben beantwortet: Rotbuche, 180 Jahre alt, gerader Stand, gut gewachsen. Ein Prachtexemplar.
"Super, wirklich toll", frohlockt die resolute Rentnerin und tätschelt das Holz. Es ist kein rustikaler Sarg, den sie im Blick hat, sondern ein stattlicher Baum. Unter ihm will sie ihre sterblichen Überreste begraben lassen, tief im Wald bei Bramsche, nördlich von Osnabrück, mitten in der freien Natur. Ohne Gedenkstein, Kranz und Blumen, weit weg von Friedhofsmauern.
Menschen wie Hannelore Grote sind zwar der Alptraum von Steinmetzen und Friedhofsgärtnern, aber dafür ein Segen für Geschäftsleute wie Axel Baudach. "Friedwald" heißt seine Firma, mit der er von Darmstadt aus das Bestattungswesen aufmischen will. Sein Unternehmen verpachtet Urnenplätze zwischen den Wurzeln von Bäumen irgendwo im Wald für 99 Jahre. Im Ursprungsland Schweiz längst ein Erfolg, hat sich dieser Trend nun in Deutschland eingestellt. Tausend Menschen haben im vergangenen Jahr ein Urnengrab im Grünen reserviert, ebenso viele wurden in den neun bestehenden Friedwäldern bestattet. 20 weitere Standorte sind bundesweit geplant. Und mit der Hilchenbacher Firma "Ruheforst" ist auch bereits ein Konkurrent auf dem Markt.
Friedwald und Ruheforst profitieren von der Bereitschaft von Kommunen und Landkreisen in einigen Bundesländern, die bislang strengen Bestattungsgesetze großzügiger auszulegen. Einfriedungspflicht? Kein Problem, ein paar Hinweisschilder am Waldrand, und die Sache ist geregelt. Die Forderung nach einer widerstandsfähigen Urne? Zellulose ist ein paar Wochen lang durchaus widerstandsfähig, dann zersetzt sie sich ökologisch korrekt.
Und der Friedhofszwang? Hier übernehmen Kommunen die Trägerschaft für die neuen Gottesäcker, viele helfen gern, mittlerweile. "Am Anfang war ich froh um jeden Baum, der mir angeboten wurde", erinnert sich Baudach an die Zeit vor dreieinhalb Jahren. "Heute vergeht kein Tag, an dem nicht einer seinen Wald vergolden will."
Sinkende Holzpreise und leere Stadtsäckel treiben manchen Rathauschef dazu, den kommunalen Wald als Freiland-Friedhof anzubieten. Aber Baudach profitiert auch von der Tatsache, dass die Deutschen ins "pflegeleichte Grab" drängen, wie der Bundesverband der Bestatter klagt. Lieber Urne statt Sarg, gern auch anonym im Gemeinschafts- statt im schmucken Einzelgrab - so ist der Trend, vor allem in Großstädten und in Norddeutschland.
In Hamburg etwa wurden 2004 doppelt so viele Urnen wie Särge bestattet, davon etwas weniger als die Hälfte anonym. "Die Lebensverhältnisse haben sich anonymisiert, Familienstrukturen brechen auseinander, man möchte niemandem nach dem Tod zur Last fallen", sagt Gerold Eppler vom Zentralinstitut für Sepulkralkultur in Kassel. Friedwälder seien also ein "pfiffiges Konzept", komme das Geschäftsmodell doch auch der "romantischen Natursehnsucht von Städtern" entgegen.
Auch Rentnerin Grote ist Naturliebhaberin und möchte zudem ihren beiden Kindern die mühsame Grabpflege ersparen. Für den Platz an der Rotbuche, einem Gemeinschaftsbaum, zahlt sie 770 Euro. Familien oder Freundeskreise können für 3350 Euro aufwärts einen Baum mit maximal zehn Plätzen pachten. Ein Kegelclub und ein Ruderverein haben sich bereits ihr Gemeinschaftsgrab bei Baudach gesichert.
Frau Grote schaut noch einmal stolz auf ihren Baum, dann reiht sie sich wieder ein in den Zug der 25 Interessenten, der durch das Laub streift. Idyllisch ist es hier. Blumenschmuck und Grabpflege sind verboten, kleine Namensschilder an den Stämmen erlaubt. Viele haben darauf verzichtet, die Angehörigen finden sie trotzdem: Auf Plänen verzeichnet die Firma jeden Baum, jede Urne. "Hier ist es schön, nicht so parkähnlich und clean wie sonst", schwärmt der Osnabrücker Dave Ziegenhagen, 52.
Trotzdem haben die Firmen Widersacher: In Baden-Württemberg kämpft die katholische Kirche erbittert gegen Friedwälder, bezeichnet sie als inhuman und unchristlich. Die evangelische Kirche äußert sich zurückhaltender: Unter bestimmten Voraussetzungen seien Friedwälder "mit den christlichen Grundüberzeugungen" zur Würde des Totengedenkens "nicht vollkommen inkompatibel".
Selbst weltliche Instanzen haben Vorbehalte: In Hessen hat der Innenminister wegen offener Rechtsfragen einen Genehmigungsstopp verfügt, auch Thüringen verschließt sich.
Andernorts gehen Gemeinderäte und Bürger auf die Barrikaden. Auf Usedom etwa wird es Ende des Monats einen Bürgerentscheid zum Thema geben. Der Wald solle der Erholung dienen, die Urnen würden da stören, sagen die Kritiker. Von Geschäftemacherei und Bestattungstourismus ist die Rede.
Sollten sich die Bürger auf Usedom gegen die Baumgräber entscheiden, bliebe der Osten auch weiterhin Friedwald-freie Zone. Zwar gebe es in den neuen Bundesländern viele schöne Wälder, so Baudach, doch die Genehmigungsverfahren seien sehr langwierig. "Ich habe den Eindruck, dass gerade vielen Landkreisen der Mut fehlt, etwas Innovatives zu wagen."
CHRISTINE BÖHRINGER
Von Christine Böhringer

DER SPIEGEL 24/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BESTATTUNGEN:
Zurück zu den Wurzeln

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling