13.06.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEMuttersöhnchen

Wie ein junger Türke zwei Jahre lang Rente bezog
An einem regnerischen Dienstag, dem 8. März 2005, hält gegen 15.25 Uhr ein Taxi vor einem zweigeschossigen Mietshaus in der Asik-Sokak, der "Straße der Verliebten". Der Wagen ist ein Renault, etwas verbeult, dunkelrot. Der Fahrer hupt. Eine alte Frau tritt aus dem Haus. Sie ist groß, breitschultrig, grauer Staubmantel, sie trägt eine Brille, hält einen Stock. Die Frau steigt hinten ein, "Ziraat Bankasi'na gidelim", ich will zur Ziraat-Bank. Während der Fahrt knotet sie ihr Kopftuch fest, streift schwarze Wollhandschuhe über. Dem Taxifahrer, der sie im Rückspiegel beobachtet, fällt auf, wie groß die Hände sind, er erschrickt.
Die Fahrt vom Viertel Vicdanye in die kleine Innenstadt von Balikesir in Anatolien dauert eine knappe Viertelstunde. Die Frau steigt an der Yesilli-Straße aus, das Fahrgeld hat sie griffbereit, vier neue türkische Lira, knapp zweieinhalb Euro. Der Taxifahrer blickt ihr nach, wie sie über den Kreisel schlurft, mit krummem Rücken, die sieben Stufen zur Bank hinaufhumpelt, auf ihren Gehstock gestützt, und wie sie im Gebäude verschwindet - einen Moment lang überlegt der Mann, ob er die Polizei rufen soll.
Alle drei Monate werden in der Türkei die staatlichen Renten ausgezahlt. Diese Tage sind gefürchtet: Endlose Schlangen in den Banken, die Luft ist entsetzlich. In der Ziraat-Filiale ist es an diesem Nachmittag nicht anders. Doch als die alte Frau mit dem blauen Tuch und dem Krückstock sich hinten einreiht, tritt ein Sicherheitsbeamter der Bank zu ihr. Ein riesenhafter Kerl. Er lächelt, verbeugt sich.
Merhaba, guten Tag, ein neuer, erfreulicher Service der Bank, bitte sehr, ältere Damen werden jetzt immer vorgelassen, also kommen Sie.
Der Sicherheitsbeamte geleitet die Frau an den übrigen, leise murrenden Kunden vorbei ins Untergeschoss. Sie tritt an den dritten Schreibtisch von links, wo sie sonst immer ihr Geld bekommen hat und wo ihr jetzt die Schalterbeamtin Nuray Labanta entgegenblickt.
Sie möchten sicher wieder Ihre Rente abholen?
Die Frau im grauen Mantel muss ihr Bankbuch und ihren Ausweis zücken, die Bankbeamtin studiert die Papiere, dann zählt sie langsam, sehr langsam 1300 Lira ab, 760 Euro. Die alte Frau quittiert das hellgraue Formular, sie unterschreibt wie die vielen Male zuvor: Ümmühan Gencel. Die wollenen Handschuhe hat sie anbehalten. Als sie sich zum Gehen wendet, steht da wieder der riesige Sicherheitsbeamte. Verbeugt sich.
Meine Dame, Sie sollten sich ausruhen, bitte, hier im Büro des Direktors.
Hm, nein.
Ich verstehe Sie kaum, können Sie lauter sprechen?
Will nicht ausruhen.
Sie sollten aber verschnaufen, es ist ein neuer Service für die älteren Kunden. Hier entlang, bitte.
Er lächelt, aber klar ist: Er wird nicht nachgeben. Die alte Frau hustet, rückt an ihrer Brille.
Drei Monate zuvor, Anfang Dezember, war an diesem Schreibtisch der Schalterbeamtin Nuray Labanta aufgefallen, dass die Kundin Ümmühan Gencel, 78 Jahre alt, Witwe eines Bahnbeamten, plötzlich nicht antwortete wie sonst, nämlich heiser und fistelig - sondern auf einmal sprach die Frau, offenbar ohne es zu merken, eineinhalb Oktaven tiefer. Nuray Labanta schaute sich die Frau im grauen Mantel, die schon oft da gewesen war, genauer an. Die Handschuhe, das Tuch. Die Augen hinter der Brille. Sie meldete ihre Beobachtungen dem Filialchef, beide kamen zu dem Ergebnis, dass es für alles nur eine einzige Erklärung gab.
Sechs Polizisten sind seit heute Morgen in der Bank, alle in Zivil. Die Person im grauen Mantel, die sich Ümmühan Gencel nennt, sitzt auf einem Stuhl. Man hat sie erst eine Weile warten lassen, ein Fotograf hat sie heimlich durch die halb offene Tür fotografiert. Und jetzt ist sie umringt von einem halben Dutzend Polizisten, die Heizung in dem kleinen Büro ist aufgedreht, sie muss viele Fragen über sich ergehen lassen. Wie es ihr denn gesundheitlich gehe? Und ob sie mit der Witwenrente auskomme? Ob sie denn gar keine Angst vor Dieben habe? Und ob sie vielleicht ihren Mantel ablegen wolle, weil es doch sehr warm hier sei?
Irgendwann springt sie auf, brüllt: Was ist das hier - ein Verhör? Ich will einen Anwalt! Ich will hier raus!
Der Chefermittler gibt ein Zeichen, man reißt ihr das Kopftuch weg.
Am selben Abend fahren drei Streifen- und ein Krankenwagen vor dem zweigeschossigen Wohnhaus in der "Straße der Verliebten" vor. Die Beamten ziehen ein Absperrband, brechen die Kellertür auf und fangen an zu graben. Sie finden, wahrscheinlich nach den Angaben des Festgenommenen, den verwesten Körper der Ümmühan Gencel, zum Zeitpunkt ihres Todes wahrscheinlich 76 Jahre alt. Sie ist eines natürlichen Todes gestorben. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den Sohn der Toten, den vorbestraften Gelegenheitsarbeiter Serafettin Gencel, 47, den Mann, der sich für umgerechnet 252 Euro im Monat verwandelte, in seine tote, im Keller verscharrte Mutter.
Der Taxifahrer wird in der Zeitung darüber lesen und sich fragen, ob man für so etwas in die Hölle kommt.
RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 24/2005
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