13.06.2005

DEBATTEDer röhrende Hirsch

In der letzten Woche schrieb SPIEGEL-Korrespondent Matthias Matussek über die ungehaltene Wahlkampfrede eines „jungen Konservativen“, in dieser Woche antwortet ihm SPIEGEL-Reporter Cordt Schnibben.
Es gibt Momente im Leben, die das Leben verändern; man trifft eine Frau, man sieht einen Film, man stürzt von der Leiter. Es sind die Weichen des Lebenslaufs, die Scharniere des Schicksals. Ich weiß nicht, ob dieser Abend in Husum so ein Moment sein wird, auf jeden Fall war es ein seltsamer Abend, der mir meine erste Wahlkampfrede bescherte, und wenn ich diesen Abend nicht in der Husumer Messehalle verbracht hätte, würde mir ein Leben lang etwas fehlen.
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Was mich in diese Wahlkampfveranstaltung zog, kann ich nicht mehr sagen, ich gehe selten auf Wahlkampfveranstaltungen, noch seltener auf Wahlkampfveranstaltungen der CDU, vielleicht war es so etwas wie Wechselstimmung, mal gucken, was die zu bieten haben, mal hören, wie die mich kriegen wollen, mal spüren, ob da der Geist der neuen Zeit herumschwebt.
Mein letzter Besuch bei der CDU war 2002 in Westerland auf Sylt, ich wollte sehen, wie sich Angela Merkel schlägt. Sie stand verloren in der Betonmuschel, in der sonst Kurorchester für Kurgäste aufspielen, sie trug die viel zu große Windjacke eines bärtigen Dicken, der so redete, als wollte er Buddelschiffe an blinde Kinder verkaufen (und der inzwischen Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ist). Es stürmte, es regnete, man hörte die Nordseewellen tosend an den Strand schlagen, und Angela Merkel redete mit ihrer hohen gepressten Stimme auf die paar hundert Leute ein, denen man ansah, dass sie lieber irgendwo im Warmen einen Grog trinken wollten und nicht an sie glaubten.
Nun, drei Jahre später, war das anders. Durch die Husumer Messehalle toste der Sturm des Aufbruchs, die 3000 Leute erlebten den Auftritt eines fanatisierten, ja, wie soll man ihn nennen - Rechten, Provokateurs, Kulturkriegers? Mein Kollege Matthias Matussek, alles andere als ein Kulturkrieger, hat ihn in seinem Artikel (SPIEGEL 23/2005) einen "jungen Konservativen" genannt, das stimmt nicht ganz, er war Ende vierzig, und er wurde am Ende seiner Rede auch nicht von jubelnden Anhängern aus der Halle getragen, dafür war er zu beleibt, er wurde von Sicherheitsleuten aus der Halle eskortiert, aber sonst war die Beschreibung seines Auftritts korrekt.
Was der Mann von sich gegeben hatte, war großartig - das Manifest eines Amokläufers. Der Selbstmordanschlag dieses schwarzgelben Taliban zertrümmerte in zehn Minuten alle Regeln der politischen Kommunikation. Er wirkte besessen von seiner Mission und erinnerte mich in seinem Außenseitertum seltsamerweise an einen Mann namens Jost Stollmann, dessen Namen die meisten Deutschen wieder vergessen haben werden, aber der sollte mal Wirtschaftsminister der Bundesrepublik werden, 1998, als Gerhard Schröder einen brauchte, der seiner Partei beibringen sollte, dass die guten alten Zeiten mit "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" und Bezirksdelegiertenversammlungen nun vorbei seien, und darum auf Versammlungen von "Aufbruch", von "Netzwerken", von "Visionen", von "Lust", von "Revolution" sprach. Er redete von einer neuen Zeit, die nun anbreche, von einem neuen Deutschland, das man schaffen müsse, von einem "dritten Weg" in die "Wissensgesellschaft" und von den "Schmerzen der Innovation", die die SPD den Bürgern besser unterjubeln könne als andere Parteien.
Ja, an diesen Stollmann musste ich denken, während auf der Bühne der Husumer Messehalle dieser schwarze Mullah vor Visionen zu glühen anfing. Er war ein großartiger Entertainer, und was er den Leuten zu sagen hatte, war natürlich großartiger Blödsinn. Sie müssten länger arbeiten, für weniger Geld, selbst für ihre Rente sorgen, wer arm sei, müsse trotzdem glücklich sein, denn das sei gottgewollt, die neue Regierung werde Mütter mit Kindergeld überschütten und einen Kulturkrieg entfesseln gegen Claudia Roth und Heiner Geißler, gegen alle Feministinnen und vor allem gegen alle 68er, denn die seien schuld an der Zerstörung der Familien, aber die Familien, die seien die Keimzelle der deutschen Nation, und die werde nur gesunden, wenn sie durch patriotisches Feuer angefacht werde, stolz müssen wir sein auf den deutschen Papst und auf dieses Land, so stolz wie Angela Merkel, denn die komme aus dem Osten, und da seien sie alle stolzer und wüssten, wie wichtig Visionen sind in Zeiten der Entbehrung, also müssen wir alle wieder Idealisten werden und wie Friedrich Schiller allein durch unseren Geist auch über einen kranken Körper triumphieren. Hurra! Heil! Halleluja!
Was Osama Bin Laden für den Islam ist dieser Kerl für Angela Merkel, er verwandelte die Husumer Messehalle in ein Schlachtfeld, er machte aus jedem Zuhörer einen Kulturkrieger, aber wenn ich es richtig hörte, kämpften nur wenige an seiner Seite. Auch ich stand auf einem Stuhl, provoziert von so viel Schwachsinn, und begann seine Sätze zu zerschreddern, brüllte den vier, fünf Leuten, die mir zuhörten, etwas von "Adenauer" ins Gesicht, von "Kaltem Krieg", von "Faschismus" - was so aus einem herausbricht, wenn
jemand einen wunden Punkt erwischt. Die Worte des Hasspredigers kamen mir bekannt vor, von Mutterglück, heiliger Familie und Nationalstolz hatten unsere Lehrer im Gymnasium geredet, unser Kunstlehrer, bei dem ich Plakate über die "Schande von Verdun" gemacht hatte, unser Mathelehrer, der bei guten Antworten "eins rauf mit Mappe" zu bellen pflegte, unser Turnlehrer, der an seinem Geburtstag gern vom Ersten Weltkrieg erzählte.
Das war alles Mitte der sechziger Jahre, mitten in einem Land, in dem das Gitarrespielen an einem Münchner Brunnen ausreichte, um einen Polizeiaufmarsch auszulösen; in dem Eltern wegen Kuppelei angezeigt werden konnten, wenn ihre Tochter mit ihrem Freund zusammen im Haus übernachtete; in dem sich die Fernsehansagerin bei allen Zuschauern entschuldigte, als sie die erste Sendung "nur für junge Leute" ankündigte, den "Beat-Club"; mitten in einem Land, in dem man Piratensender aus Holland hören musste, wenn man abends im Radio englische Popmusik hören wollte; in dem Demonstrationen für die "Frankfurter Allgemeine" als "das dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung" galten; in dem man sich verdächtig machte, wenn man Marx las oder etwas gegen die USA sagte; in dem man eingesperrt war in nationalstaatlicher Korrektheit und ein paar hundert Regeln - Sitz gerade!, Geh zum Friseur!, Mach die Negermusik leiser!, Geh zur Tanzstunde!, Wasch den Wagen!
Gegen diese wilhelminische Sofakissendiktatur hatten die 68er rebelliert, hatten das Alltagsleben verwestlicht, die Republik demokratisiert, die Autoritäten beschnitten, das Land weltoffener gemacht - alles bekannt, weiß jedes Kind, nur nicht dieser vom Himmel gefallene Erzkonservative und die im Osten aufgewachsene Kanzlerkandidatin. Die ist der Meinung, die Bundesrepublik sei "seit 1949 ununterbrochen eine freiheitliche, solidarische, weltoffene Republik", und wer - wie etwa Joschka Fischer - der Meinung sei, "die 68er hätten einen Beitrag zur Befreiung geleistet", der irre, müsse sich von dieser Sicht distanzieren und - wie sie vor einigen Jahren forderte - "Buße tun".
Die Kanzlerkandidatin beschwört neuerdings häufig den Geist der Adenauer-Zeit, die Deutschen müssten den "Geist der Freiheit" dieser Jahre wiederaufnehmen, nicht nur den Geist des Wirtschaftswunders, sondern "auch in der Kultur" müsse man "zu einer zweiten Gründerzeit" kommen.
Noch mal von vorn? BRD reloaded? Die Kulturkämpfe der Fünfziger und Sechziger wiederaufführen? Der Abend in der Husumer Messehalle gab einen Vorgeschmack, der Kampfhund der Kandidatin verbiss sich in den "68ern", warf ihnen vor, sie hätten die deutschen Familien zerstört und "die Verachtung zwischen den Generationen gefördert" und hätten das ganze Volk auf dem Gewissen.
Diese verbissene Sicht auf die 68er ist typisch deutsch, die Kulturrevolution brachte in Paris, Rom und San Francisco die Verhältnisse zum Tanzen, aber nur in Deutschland blickt man immer wieder auf diese Zeit zurück, anklagend oder preisend. So gern der Alt-68er verantwortlich wäre für alles Bunte, Schöne, Zivilisatorische, was diese Republik hat, so gern möchte der 68er-Hasser die Rebellion verantwortlich machen für alles Böse, Kaputte und Verfluchte - für Rauschgifttote, für Politikverdrossenheit, für Aids, für die Talkshows im Fernsehen, für "Big Brother".
Die Rebellion habe mehr Werke zerstört als das "Dritte Reich", diese Meinung war in den siebziger Jahren weitverbreitet in reaktionären Kreisen, danach beruhigten sich die Geister etwas, zwischen "nichts bewirkt" und "alles ruiniert" pendelten seither die Rückblicke im Fünf-Jahres-Rhythmus der Gedenktage. Den letzten großen Showdown gab es im Januar 2001, als die Union Joschka Fischer und seine Straßenkämpfervergangenheit nutzen wollte, um noch mal mit der 68er-Revolte abzurechnen. Im Ergebnis bescherte sie den Rot-Grünen einen langen Moment des Glücks: Die Regierung war so eins mit ihrem kulturell-politischen Milieu wie am Wahlabend 1998 und wie später nur noch mal vor dem Irak-Krieg, sie konnte sich fühlen als Regierung des Zeitgeistes, als Regierung der 68er, obwohl ihre Minister (Fischer ausgenommen) damals eher Zaungäste der außerparlamentarischen Opposition waren.
Mit dem Abschied von Rot-Grün wird das Deutungsduell über die Generation der 68er und ihre geschichtliche Leistung wieder auflodern, und als Angehöriger dieser Generation wünscht man sich, diese Regierung hätte mehr zustande gebracht als die Homo-Ehe und ein paar Windräder, na gut, Steuerreform, Atomausstieg, Zuwanderungsgesetz, okay, wir waren nicht im Irak dabei, auch gut, die Außenpolitik war in Ordnung - da stimmten mir meine drei Zuhörer zu, ich stand nicht mehr brüllend auf dem Stuhl der Messehalle, wir saßen jetzt gemütlich im Ratskeller, und ich versuchte, die Herrschaften nicht zu langweilen, der eine war um die sechzig, die beiden Damen um die vierzig, nette CDU-Wähler.
Ihnen war die Rede des Fanatikers immer noch peinlich, das nutzte ich, um ihnen noch ein paar Grundwahrheiten über die vergangenen Jahrzehnte näher zu bringen, ich sprach über Woodstock, Brokdorf, Vietnam, all so interessante Themen, es wurde eine großartige Rede über Deutschland und Rot-Grün. Ob ich bei den Grünen sei, wollte die eine wissen, oder in der SPD, nein, sagte ich, aber sind wir nicht alle soziale Demokraten, ich würde mich anhören wie ein unverdrossener Sozialdemokrat, sagte die andere, ob ich mich nicht darüber freue, dass nun die Generation der Nach-68er ihre Chance bekäme, na ja, Stoiber, Glos, Gerhardt, gut, sie meine das programmatisch, neue Konzepte und so was, für ihre Generation ginge es bei dieser Wahl um die Chance, das Land so zu reformieren, dass sie selbst noch etwas davon habe, sie habe auch schon mal grün gewählt, aber das könne sie sich jetzt nicht mehr leisten, die Zeiten seien zu hart, sie müsse jetzt an sich denken und die Regierung wählen, die sich für sie am meisten lohne.
Dagegen war nichts zu sagen, ich kannte den Gedanken aus der "FAZ", Frank Schirrmacher hatte ihn dort formuliert, seine Generation dürfe nicht mehr ideologisch oder ästhetisch wählen, sondern sie müsse materialistisch wählen, klang ein bisschen nach dem Kampf um die letzten Rettungsboote auf der "Titanic", aber wem will man verdenken, dass er nach sieben Jahren rot-grüner Achterbahnfahrt nun im schwarz-gelben Transrapid geradewegs ins deutsche Reich der Zukunft gleiten möchte?
Auch ich freue mich auf 39 Prozent Spitzensteuersatz, auf sinkende Krankenkassenbeiträge, her damit, auf sinkende Arbeitslosenzahlen,
auf steigende Wachstumsraten, wunderbar, vor allem freue ich mich darauf, das Wort "Vermittlungsausschuss" ein paar Jahre nicht mehr in der "Tagesschau" zu hören.
Eigentlich könnten wir alle CDU und FDP wählen, wenn da nicht diese Seltsamkeiten wären, die einem so grauenerregend bekannt vorkommen. Dieser Stoiber, der sich Merkel gegenüber so aufführt wie Lafontaine gegenüber Schröder; diese Dutzende Wortführer in der CDU, die so viele Reformen, Kürzungen und Segnungen ankündigen wie 1998 die Dutzende Wortführer der SPD; diese Programmlosigkeit der CDU, die erinnert an die Programmlosigkeit der SPD; am schlimmsten aber: dieser Glaube daran, dass allein die Euphorie des Neuanfangs die Wirtschaft des Landes beleben und das Wirtschaftswachstum dann alle Probleme lösen werde.
Die Hoffnung auf Wachstum hört sich 2005 so an wie 1998, die Mittelchen der CDU (ein bisschen weniger Steuern, ein bisschen weniger Kündigungsschutz, ein bisschen weniger Bürokratie) wirken schon jetzt so wirkungslos wie die Mittelchen der SPD vor sieben Jahren.
Ihre Erfolgsformel laute "Arbeit braucht Wachstum, Wachstum braucht Freiheit", verspricht Angela Merkel, und wenn man unter "Freiheit" die Freiheit der Unternehmer versteht, von Lohnnebenkosten und Steuern immer mehr befreit zu werden, dann war das auch die Regierungsformel von Gerhard Schröder. 1998 hat er geglaubt, wenn er die Steuern und die Lohnnebenkosten senke, dann würden die Unternehmergewinne so steigen, dass mehr Investitionen und mehr Beschäftigung dabei herauskämen. 2005 weiß er, dass die Unternehmergewinne so hoch sind wie jahrelang nicht, dass aber gleichzeitig die Arbeitslosenzahlen so hoch sind wie noch nie nach dem Krieg und dass die Sozialausgaben des Staates so hoch sind wie nie.
Schröders Versprechen, die Arbeitslosigkeit halbieren zu können, sei "von vornherein ökonomischer Quatsch gewesen", sagt der Geschäftsführer des BDI, "unsere Politiker machen zu viele unrealistische Versprechen". Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat die CDU "Arbeit für alle" versprochen, Ähnliches wird Angela Merkel den Deutschen zur Bundestagswahl ankündigen, aber schon die Formel des Bundespräsidenten "Vorfahrt für Arbeit" macht nach Meinung des BDI-Geschäftsführers den Leuten vor, Politik könne Arbeit schaffen.
Darin liegt das schwere Erbe der rot-grünen Regierung - dass sie mit den Mitteln schon keinen Erfolg hatte, mit denen die schwarz-gelbe Regierung Erfolg haben muss; und darin liegt die Gefahr dieses Neuanfangs - dass die Wähler, erschöpft und entnervt von einer Reformpolitik, die zu viel versprach und zu wenig hielt, zu einer Partei überlaufen, die dasselbe verspricht, obwohl sie wissen muss, dass sie zu viel verspricht.
Wie soll eine Regierung ihren Wählern beibringen, dass aus Erhards "Arbeit für alle, Wohlstand für alle" im 21. Jahrhundert "Immer weniger Arbeit, immer weniger Wohlstand" wird? Wie soll die Union ihren Mitgliedern beibringen, dass trotz niedriger Steuern, niedriger Löhne und weniger Kündigungsschutz nicht automatisch mehr Arbeitsplätze entstehen? Wen sollen die Arbeiter und Arbeitslosen wählen, wenn die neue Regierung so wenig Erfolg hat wie die alte?
Alles Fragen, auf die meine beiden Zuhörerinnen im Ratskeller zu Husum - der ältere Herr hatte sich verabschiedet - keine Antwort hatten, aber wir waren uns einig darin, dass die CDU erst noch vor sich hat, was die SPD hinter sich hat: Die SPD musste ihren Mitgliedern und Wählern in den Regierungsjahren beibringen, dass es nicht nur vorbei ist mit dem demokratischen Sozialismus, sondern dass auch der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts verschwinde. Die CDU wird ihren Mitgliedern und Wählern eröffnen müssen, dass im Kapitalismus, diesem großartigen ökonomischen System, nicht mehr gilt: Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen. Jetzt gilt: Die Gewinne von heute sind die Entlassungen von morgen und die noch höheren Gewinne von übermorgen.
Der SPD sind in den Jahren der Wahrheit die Mitglieder zu Zehntausenden davongelaufen und die Wähler zu Millionen. Was macht die CDU, wenn das Wirtschaftssystem, das sie seit Jahrzehnten preist, in Zeiten der Globalisierung nicht mehr Wohlstand für alle produziert, sondern Gewinne für immer weniger und Armut für immer mehr? Was macht Angela Merkel, und das ist die eigentliche Herausforderung ihrer Regierungszeit, wenn sich die Systemfrage stellt, wenn sie für ein System werben muss, das dauerhaft ein paar Millionen Deutsche nicht braucht?
Für die SPD ist es einfach: Sie wird jene 70 Prozent der Deutschen mit Parolen bedienen, die schon jetzt die Kapitalismuskritik ihres Vorsitzenden nachvollziehbar finden. Die CDU aber muss den Deutschen erklären, dass ein Wirtschaftssystem auch dann gut ist, wenn es ein paar Millionen Menschen nicht mehr braucht. Die Union muss einen Kapitalismus verteidigen, der nicht mehr so vernünftig und sozial ist, wie Ludwig Erhard das gepredigt hat; "neue soziale Marktwirtschaft" hat Angela Merkel das System schon mal nennen lassen und ihre Vorliebe für die sprachliche Lösung dieses Problems angedacht. Nicht mehr "Grausamkeiten" solle man zu Einschnitten in das soziale Netz sagen, sondern "Voraussetzung für Hoffnung". Politik sei ein "wertegebundenes System", von "Revitalisierung der aktiven Bürgergesellschaft" spricht die Kandidatin gern und davon, dass man in diesen Zeiten "neben dem ökonomischen Effizienzdenken auch die nichtökonomischen Motivationsquellen von Solidarität" brauche.
Schröder strich seinen Redenschreibern immer den "Schmus" aus ihren Entwürfen, selbst aus der Rede über die Agenda 2010 tilgte er gedankliche Überhöhungen - wenn man den Leuten in die Tasche greife, so sein Credo, solle man ihnen nicht auch noch erzählen, dass das was mit Solidarität und Freiheit zu tun habe. Unter Merkel werden wir die Renaissance der großen Worte und der schönen Werte erleben, wenigstens redet sie nicht von "Famillje" wie Helmut Kohl.
Die Sehnsucht nach Werten deutet immer auf die Abwesenheit von Geld hin, und darum war das schöngeistige Gebrüll in der Messehalle zu Husum so etwas wie das weitsichtige Röhren eines Hirsches, der weiß, dass die Zeiten hart werden. Dem Mann ist klar: Wenn die neue Zeit so muffig, so papieren, so bügelfaltig, so faltenröckig daherkommt, wenn sie eingezwängt ist zwischen Eigenheimzulage und Pendlerpauschale, dann ist sie schnell zu Ende. Aber wer soll den Stolz auf das Land entfachen und den Weihrauch der Werte verbreiten? Stoiber? Gerhardt? Glos? Westerwelle? Merkel? "Wer denkt für die CDU?", fragt "Die Zeit" besorgt. Pofalla? Altmaier? Röttgen? Klaeden? Der Union fehle das Umfeld der Dichter und Denker, aus dem sich Rot-Grün bei Bedarf
bedienen konnte. Botho Strauß kann man sich bei Kaminabenden im Kanzleramt nicht vorstellen.
Daran ist ja auch schon die geistig-moralische Wende Anfang der achtziger Jahre krepiert, es gab neben Helmut Kohl einfach keine großartigen Moralisten, und auch die zweite große Wertewelle Anfang der neunziger Jahre, als Martin Walser, Arnulf Bahring und andere Männer ihrer Generation mehr Nationalstolz der Deutschen einforderten, blieb ohne Echo.
Es muss daran liegen, dass für die Deutschen - nach dem nationalen Rausch der dreißiger und vierziger Jahre - die "Nation" nicht mehr eine Schicksalsgemeinschaft sein sollte, sondern eine Arbeitsgemeinschaft, und dass ihre Vaterlandsliebe um die Mark kreiste. Die Nation als Versorgungseinrichtung, als Garant für Arbeit und Brot, als Arbeitsamt und Rentenbehörde - das wurde zum Kern deutschen Stolzes. Geht's mir gut, bin ich stolz, geht's mir schlecht, warum soll ich dann stolz sein? Noch immer wird der Wert der Nation am Export gemessen, und daran werden alle Versuche, den Deutschen Stolz als Ersatz für Wohlstand einzureden, scheitern.
Nationale Identität entsteht nicht durch flammende Reden, präsidiale Appelle, wortsatte Stiftungen, sie wächst von Generation zu Generation; jede Generation verändert die Nation, gibt ihr etwas, nimmt ihr etwas. Die Nachkriegsgeneration gab der Nation den Glauben an die Mark und an die Amerikaner, an die Freiheit und die Marktwirtschaft. Die 68er haben Deutschland den Gehorsam entzogen und das Provinzielle. Und gegeben? Die Bürgerinitiativen und das Gutmenschentum.
Die rot-grüne Regierung hat es versäumt, diesen solidarischen Anspruch ihres Milieus in Politik zu verwandeln, mehr auf den Bürger zu setzen statt auf den Staat. Immer da, wo sie es getan hat oder wo es passierte, bei der Flut im Osten, im Widerstand gegen den Irak-Krieg, nach der Flutwelle in Asien, entfachte diese Regierung im Land so etwas wie Nationalstolz.
In der Husumer Messehalle war davon etwas zu spüren, nicht an jenem seltsamen Abend im Juni, als der konservative Prediger vom nationalen Aufbruch schwärmte, sondern Anfang Februar, als der Kanzler noch glaubte, durch Wahlkampfauftritte die rot-grüne Landesregierung in Schleswig-Holstein retten zu können.
Wie ein Herrscher der Welt blickte Schröder an jenem Abend auf den Globus, erklärte die Welt und die Weltpolitik, Deutschland müsse mit friedlichen Mitteln und gutem Beispiel vorangehen (Beifall), und deshalb werde er nie deutsche Soldaten in den Irak schicken (tosender Beifall).
Und als der Kanzler bei der großen Flut im Indischen Ozean und der Hilfswelle der Deutschen landete, da überschütteten die Leute ihn mit Zuneigung. Das Bild von den Deutschen, das Schröder mit leidenschaftlichen Worten entwarf, von Deutschen, die aus ihrer Vergangenheit gelernt haben und deshalb mit diplomatischem Geschick und Großzügigkeit anderen Völkern helfen, das gefiel ihnen, und deshalb nahmen sie auch ohne öffentliches Murren hin, dass er ihnen Hartz IV und ein saniertes Deutschland als Voraussetzung für internationales Engagement unterjubelte.
Man könnte ihn demagogisch nennen, diesen Bogen zwischen Flut und Hartz IV, aber die Leute folgten dem Kanzler glücklich. Der hat von George W. Bush gelernt, dass man seine Landsleute weltpolitisch aufladen muss, und darum gelang es dem Kanzler des Jahres 2005 an diesem Abend so geschickt, über das hinwegzukommen, was der Kanzler des Jahres 1998 seinen Wählern versprochen hatte.
In jenen Stunden war es dem Kanzler gelungen, seine Wähler für seine Vision vom "toleranten, weltoffenen Deutschland" zu begeistern, das könnte auch eine Vision sein für den Bundestagswahlkampf, aber in Deutschland wird es so sein wie in Schleswig-Holstein: Über fünf Millionen Arbeitslose hilft keine noch so schöne Vision hinweg.
Eine schwarz-gelbe Regierung wird stärker als die rot-grüne versuchen, den natürlichen Gemeinsinn der Menschen zu nutzen, den weitverbreiteten Sozialdemokratismus der Deutschen zu instrumentalisieren, dummerweise muss sie aber ein Volk rufen, das nach mehrjährigem Reformgeläut die Schnauze voll hat von dem Gebimmel.
Dem Parteienforscher Franz Walter verdanken wir die Erkenntnis, dass neue Regierungen in Deutschland erst dann an die Macht kommen, wenn sich der Zeitgeist, der sie ins Kanzleramt trägt, bereits erschöpft hat. Ein Regierungswechsel ist nicht der Beginn einer neuen Zeit, sondern er vollendet einen Zeitenwechsel. So war das mit Willy Brandt, mit Helmut Kohl, so war das mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer, und mit demselben Problem haben bald Angela Merkel und Guido Westerwelle zu kämpfen.
Der Neoliberalismus nimmt Besitz vom Kanzleramt, aber eigentlich saß er da schon verschämt herum, und deshalb will das Volk, das ihn gerade auf den Thron gehoben hat, schon neue Botschaften hören und nicht mehr den anschwellenden Reformgesang, den es schon von Rot-Grün kennt. Obwohl fast 60 Prozent der Deutschen Schwarz-Gelb wählen wollen, glauben 65 Prozent nicht daran, dass sich ihre persönliche Lage verbessern werde, 19 Prozent rechnen sogar mit einer Verschlechterung.
Eine Volkspartei wie die CSU kennt das Volk, sie spürt die geistig-moralische Erschöpfung der Untertanen, sie will schon vor der Inthronisation vor der neuen Zeit gewarnt haben und erklärt prophetisch, nach "schmerzhaften Entscheidungen" werde der Erfolg bestimmt "sechs bis acht Jahre" auf sich warten lassen. Der Neoliberalismus der FDP habe keine Zukunft, die neoliberale Welle in der CDU sei abgeebbt, "ein verlässliches soziales Netz" brauche das Volk.
Wohin wird das Volk, dies unberechenbare, empfindliche Wesen, das Land treiben? Wird es wieder deutlicher zerfallen in Klassen, wie der konservative Historiker und Parteienberater Paul Nolte glaubt? Wird Schwarz-Gelb das beschleunigen? Wird das neue Klassenbewusstsein den Kampf zwischen Reformern und Traditionalisten in allen Parteien verschärfen? Wohin wird das Volk die SPD treiben? Weg von der Mitte, hin zu mehr Marx und Heuschrecken? Was kommt nach Schwarz-Gelb - Rot-Rot-Grün, Schwarz-Rot?
Leider konnte ich diese Fragen nicht mehr beantworten an diesem großartigen Abend in Husum, die Kellnerin wollte Schluss machen im Ratskeller, nur eine Zuhörerin war mir geblieben, Angelika, 42, geschieden, Werbekauffrau, nett, sehr nett, sie hatte müde Augen, vielleicht hatte ich doch etwas viel geredet. Ob ich nicht mitkommen wolle, fragte sie, das nächste Mal zur Mitgliederversammlung der CDU in Rendsburg? Ob man denn da auch richtig diskutieren könne, fragte ich zurück, nicht nur über die Eigenheimzulage, auch über die Ordnung der Freiheit, über die Dialektik der Aufklärung, über Friedrich Schiller und den deutschen Idealismus, über all diese wichtigen Fragen, die neu zu klären seien in der neuen Zeit? Sie wirkte verwirrt, aber sie brachte dieses Carmen-Nebel-Lächeln zustande, mit dem Angela Merkel seit einigen Wochen Rot-Grün ängstigt. Ich versprach, ihr das Buch "Marx fürs 21. Jahrhundert" mitzubringen.
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 24/2005
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