13.06.2005

DEUTSCHE BÖRSEAllianz der Heuschrecken

Mindestens neun Hedgefonds unterstützten die Attacke auf die Deutsche Börse. Der Verdacht verstärkt sich, dass sie sich abgestimmt haben.
Die Aufsichtsräte der Deutschen Börse reagierten konsterniert, als ihnen der damalige Börsenchef, Werner Seifert, Auszüge aus einer E-Mail an ihren britischen Kollegen David Andrews präsentierte. Das Pamphlet des Hedgefonds-Managers Christopher Hohn gipfelte in dem Satz: "Wenn Sie froh sind, dass Sie von Breuer in die Halle der Schande geführt werden, dann kann ich Ihnen nicht helfen."
Genüsslich breitete Hohn in der E-Mail Interna über Rolf Breuer, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Börse, aus. Der habe ihm am 7. April gesagt, dass die meisten Aufsichtsratsmitglieder nicht zurücktreten wollten und lieber "mit einer steifen britischen Oberlippe" ausscheiden wollten. Da stehe wohl ihr Stolz vor dem Wohl des Unternehmens.
Die Aufsichtsräte störte nicht so sehr der aggressive Ton. Was sie schreckte, waren vor allem die Zahlen, mit denen der Großinvestor seine Forderung nach Rücktritt des Aufsichtsrats garnierte. Hohn zählte in der E-Mail 15 internationale Investoren auf, darunter viele Hedgefonds, die seine Position unterstützten (siehe Grafik).
59 Prozent der Kapitaleigner stünden auf seiner Seite, machte Hohn in der E-Mail an Andrews klar, der im Hauptberuf Vorstandschef der Londoner Transaktionsbank Xchanging ist. "Hoffentlich haben Sie mit den meisten oder allen Investoren gesprochen, und Sie werden keinen Zweifel mehr haben, dass der Aufsichtsrat in ernsten Problemen steckt", heißt es dort.
Bekanntlich hatte Hohns Strategie durchschlagenden Erfolg: Neben Vorstandschef Seifert erklärten fünf Aufsichtsräte inklusive Aufsichtsratschef Breuer ihren baldigen Rücktritt. Die Deutsche Börse wurde gezwungen, die Übernahme der Londoner Börse abzusagen und ihre Barreserven für den kurstreibenden Rückkauf eigener Aktien einzusetzen.
Mit der E-Mail, die auch der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) vorliegt, verstärkt sich der Eindruck, dass Hohn eine ganze Schar internationaler Finanzinvestoren dirigierte. Das ist für den Fondsmanager problematisch, weil die BaFin bereits dem Verdacht nachgeht, dass sich die Aktionäre bei ihrem Beutezug abgestimmt haben.
Neben bekannten Fondsgesellschaften wie der Capital Group und Fidelity zählt Hohn einige der aggressivsten Hedgefonds auf, die offenbar mit ihm gegen das Management der Deutschen Börse kämpften. Zu der Allianz der Heuschrecken gehört beispielsweise Jana Partners. Der Hedgefonds aus San Francisco ist gerade dabei, zusammen mit anderen Fonds den amerikanischen Software-Konzern Siebel, einen der wichtigsten Konkurrenten von SAP, nach einem ähnlichen Muster wie die Deutsche Börse zu attackieren. Bei Siebel erregt ebenfalls eine gefüllte Kasse die Phantasie der Investoren.
Daniel Loeb gehört mit seinem Hedgefonds Third Point, der an der Madison Avenue in New York residiert und laut Hohn im April auch bei der Deutschen Börse engagiert war, ebenfalls zu den Prominenten in der 1000-Milliarden-Dollar-Industrie. Er scheuchte den internationalen Kunstmarkt auf, weil er 30 Bilder des deutschen Malers Martin Kippenberger aufkaufte.
Um sich mit einigen der mindestens neun Hedgefonds, die bei der Deutschen Börse engagiert waren, abzusprechen, musste Hohn teilweise noch nicht einmal sein Büro im Londoner Stadtteil Mayfair verlassen. Seiner Bürogemeinschaft gehören drei weitere Deutsche-Börse-Aktionäre an, die Hedgefonds Urwick und Parvus sowie Cycladic Capital Management. Dessen Hauptaktionär heißt RIT Capital Partners und gehört wie Atticus, ein weiterer großer Anteilseigner der Deutschen Börse, zum Einflussbereich von Jacob Rothschild.
Der Brite, ein Nachkomme der berühmten Bankerdynastie, ist der wohl wichtigste Alliierte Hohns. Rothschild soll nach Hohns Plänen in den Aufsichtsrat der Deutschen Börse einziehen und dort die Interessen der neuen Aktionäre vertreten.
Dass die Hedgefonds einen gemeinsamen Plan verfolgten, liegt auf der Hand. In vielen Modellen der Investoren tauchte unisono die Zielgröße 84 Euro als eigentlicher Wert einer Deutsche-Börse-Aktie auf. "Das gibt es nirgends auf der Welt, dass die Analysten auf denselben Wert kommen", sagt einer der Aufsichtsräte sarkastisch.
Wenn die BaFin bei ihrer noch wenigstens bis Juli andauernden Prüfung nachweisen kann, dass sich Aktionäre mit mindestens 30 Prozent der Stimmen nicht nur in einer Frage, sondern dauerhaft abgesprochen haben, könnte sie ein Bußgeld gegen Hohn und Co. verhängen oder die Abgabe eines formellen Übernahmeangebots verlangen. Die Finanzaufsicht hat alle ihr bekannten Investoren angeschrieben und Auskunft verlangt.
Dass Investoren ihre Meinungen austauschen, könne nicht illegal sein, hat Hohn schon verlauten lassen. In seiner Antwort auf den Fragebogen der Bonner Behörde hat er jede Schuld von sich gewiesen. CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 24/2005
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