13.06.2005

GESUNDHEITSKOSTENZucker für den Doktor

Um Geld zu sparen, will die größte deutsche Krankenkasse ihren Mitgliedern das Ärzte-Hopping abgewöhnen. Das könnte teuer werden.
Eckart Fiedler, Chef der Barmer Ersatzkasse, genießt bei seinen Kollegen den Ruf, ein echter Geizkragen zu sein. Um Kosten zu senken, ließ er sich einen Leitfaden mit Erkältungstipps ausgerechnet vom Hustenbonbonfabrikanten Wick sponsern. Seine Geschäftsstellen bringt er gern in den oberen Etagen von Randlagenimmobilien unter. Das spart Miete und schreckt Rentner ab, die ihre Gesundheitsproblemchen persönlich bei einer Tasse Kaffee ausbreiten wollen.
Umso erstaunter ist die Branche, dass die Barmer neuerdings das Geld mit vollen Händen ausgibt. Mehr als 1,4 Millionen Versicherten will sie bis Jahresende einen Großteil der Praxisgebühren erlassen. Und anstatt mit Ärzten und Apothekern um Rabatte zu feilschen, legt die Barmer für die Behandlung vieler Mitglieder plötzlich sogar noch Geld obendrauf.
Deutschlands größte Krankenkasse will ein kreatives Geschäftsmodell in Gang bringen, das im verkasteten und durchregulierten Gesundheitswesen bislang undenkbar schien - und das nicht wenige Kritiker für einen milliardenschweren Flop halten. Weil Vorstandschef Fiedler die freie Arztwahl für die Kostenexplosion mitverantwortlich macht, will er den Barmer-Versicherten das Doktor-Hopping abgewöhnen. Belohnt wird, wer sich verpflichtet, mindestens ein Jahr lang Hausarzt und Apotheker nicht zu wechseln. Die Konsultation eines Facharztes ist nur mit Überweisung erlaubt.
Fiedler träumt davon, auf diese Weise viel Geld einzusparen. Unnütze Doppeluntersuchungen könnten entfallen. In seinem Hausarztmodell würden, so die Hoffnung, viele Patienten besser und damit billiger behandelt.
Vorerst jedoch ist mit Einsparungen nicht zu rechnen - im Gegenteil: Die Anschubfinanzierung wird bei der Barmer erst einmal ein Loch von bis zu 100 Millionen Euro in die Kasse reißen. Damit möglichst viele Versicherte mitmachen, erstattet die Barmer jedem Mitglied, das auf die freie Arztwahl verzichtet, in drei von vier Quartalen die sonst übliche Praxisgebühr von zehn Euro.
Weitere Kosten verursacht ein mehr als 50 Seiten dicker Vertrag, den die Barmer mit Ärzte- und Apothekerorganisationen geschlossen hat und den bundesweit inzwischen fast 35 000 Mediziner und 17 000 Pharmazeuten unterschrieben haben. Für jeden Patienten bekommt der Hausarzt demnach zunächst eine Einmal-Pauschale von 15,30 Euro. Pro Quartal gibt es als Zückerchen weitere 5,10 Euro hinzu. Und auch die Apotheker musste die Barmer mit einer "Integrationspauschale" davon überzeugen, bei dem Modellprojekt mitzuziehen.
Vergangene Woche schließlich holte Kassenmanager Fiedler auch noch die Pharmakonzerne mit ins Boot. Die vier großen Hersteller von sogenannten Generika - Nachahmerpräparate ohne Patentschutz - unterzeichneten eine Vereinbarung, wonach sie der Barmer künftig einen zusätzlichen Rabatt gewähren. Dafür stellt ihnen die Kasse Umsatzzuwächse in Aussicht. Sie will laut Vertrag dafür sorgen, dass ihre Versicherten vor allem Pillen von Ratiopharm, Sandoz/Hexal, Stada und Betapharm schlucken.
Die Barmer ist überzeugt, dass sich der Pharma-Deal auch für sie auszahlt. Es sei gut, so Fiedler, wenn die preiswerten Generika häufiger verordnet würden - wenn denn gleichzeitig bei den überteuerten Originalpräparaten gespart werde.
Doch die Branche zweifelt. Monatelang versuchte die Barmer, andere Krankenkassen als Mitstreiter für ihre Geschäftsidee zu gewinnen - vergebens. Einige Betriebskrankenkassen kommen in einer internen Expertise zu dem Schluss, dass die Belohnungen einfach mitgenommen würden. Schon per Gesetz seien Apotheker und Ärzte schließlich verpflichtet, bei Arzneimitteln auf den Preis zu achten. Das größte Risiko aber sei, ausgerechnet die Hausärzte mit einer Lotsenfunktion zu adeln. Die Patienten sollten doch besser gleich zu einem Experten gehen, anstatt sich in die Hände eines Wald-und-Wiesen-Doktors zu begeben, der schon beim Röntgen überfordert sei.
Umso gespannter wartet die Konkurrenz nun darauf, wie das Experiment der Barmer ausgeht - zumal sich die Kasse ein Scheitern nicht leisten kann. Bis Ende 2003 hatte sie sich mit fast einer Milliarde Euro verschuldet. Nur ein Teil der Verbindlichkeiten wurde seither abgebaut. Und wie alle Sozialversicherer leidet die Barmer seit Monaten unter schwindenden Einnahmen durch die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt.
Auch der Vorstandschef deutet bereits an, dass derzeit nicht alles rund läuft. Vor einigen Monaten hatte Fiedler noch großzügig versprochen, den Beitragssatz seiner Kasse zügig senken zu wollen; jetzt ist davon keine Rede mehr. Er wäre schon froh, so Fiedler plötzlich kleinlaut, den geltenden Beitrag erst einmal "halten zu können". ALEXANDER NEUBACHER
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 24/2005
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