13.06.2005

TEXTILINDUSTRIEBlut in der Zulieferkette

Vor zwei Monaten starben beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 79 Menschen. Das war weit weg und wäre auch schnell vergessen - wenn nicht deutsche Handelsunternehmen die illegal aufgestockte Fabrik als Billigwerkbank genutzt hätten. Von Nils Klawitter
Am 11. April, kurz nach Mitternacht, verlor Milon Houlader den Boden unter den Füßen. Das Mauerwerk sackte einfach weg. Fast lautlos.
Houlader fiel sechs Stockwerke tief. Zwischen Trümmern, Nähmaschinenresten und zerrissenen Pullovern kam er wieder zu sich. Als er um Hilfe rief, antwortete sein Freund Rotan, der nicht weit weg von ihm verschüttet war. Die beiden Näher gehörten zu den schnellsten in der Fabrik.
Sie redeten sich Mut zu. Zwei Stunden lang. Dann antwortete Milon Houladers Freund nicht mehr.
Nach 16 Stunden zog Houladers Vater seinen schwerverletzten Sohn unter den Fabrikresten hervor. Zwischen Trümmerklumpen aus geborstenem Beton, verbogenen Garnspulen, roten Kindersweatern der spanischen Textilkette Zara und lila gestreiften Damenpullovern der Kölner Bekleidungsfirma Bluhm starben 79 Menschen. Es war der schwerste Unfall der Textilindustrie des Landes, in der Unglücke keine Seltenheit sind.
Die Nachricht der kollabierten Fabrik Spectrum Sweater nördlich der Hauptstadt Dhaka schaffte es sogar in die deutschen Zeitungen. Unter der Rubrik "Vermischtes" reichte es für eine kurze Meldung - neben Neuigkeiten über die Genesung des trinkfreudigen Prinzen Ernst August und über Popstar Elton John, der 9400 Dollar pro Woche für Tierarztrechnungen ausgibt. Das Unglück allein wäre wohl keine Nachricht gewesen. Als aber durchsickerte, dass sich von KarstadtQuelle bis Steilmann ein Teil der deutschen Textilhändler dort eindeckte, bekam sie ausreichende Fallhöhe.
Vier Wochen nach dem Einsturz nimmt kaum einer in Savar noch Notiz von der Trümmerhalde am Rande der Hauptstraße. In der wildwuchernden Textilkolonie 30 Kilometer vor Dhaka fällt sie zwischen notdürftigen Hüttensiedlungen, Müllkippen, Schrotthändlern und maroden Fabrikgebäuden auch nicht besonders auf.
Neben dem eingestürzten Gebäude steht noch die zweite Fabrik des Inhabers. Sie konnte sich gerade so halten. Im vierten Stock balancieren Jungen auf der Abbruchkante und ziehen eine schiefe Außenmauer hoch. Sie wirken wie Zirkusartisten, die den Nervenkitzel noch dadurch erhöhen, dass unter ihren Füßen Mörtel wegrutscht. Zwei Wochen später werden die Behörden die geflickte Fabrik abnicken und eine neue Betriebserlaubnis erteilen.
Vier stabile Stockwerke zu bauen scheint auf dem sumpfigen Grund in Savar schon
eine Glückssache. Der Besitzer, Sayed Shahriyar, dessen Schwiegervater im Parlament sitzt, dessen Frau Richterin am High Court ist und der auf Kaution das Gefängnis bereits wieder verlassen hat - Shahriyar also setzte im Fall seines vor drei Jahren errichteten Hochbaus auf die vier noch fünf Etagen drauf, ohne Genehmigung.
"Der Besitzer war ein guter Mann", sagt Milon Houlader. Nur der Direktor sei schlecht gewesen und habe rumgeschrien. Vor einem Jahr fing der 22-Jährige bei Spectrum Sweater an. Er sitzt auf einem Bett in einem zwölf Quadratmeter großen Steinverschlag in der Nähe der Fabrik. Sechs Personen leben in dem Raum. Die Mutter sitzt hinter ihm und stützt ihn. Sein Körper ist zu schwach, sich gerade zu halten. Seine Nieren funktionieren nicht richtig. Er trägt eine Kanüle mit sich herum. Die Ärzte mussten ihm einen künstlichen Harnausgang legen.
Vom Besitzer bekam Houlader keine Hilfe. Erst als sich sein Vater vor Funktionären der Fabrikbesitzervereinigung aufbaute, die den Unfallort besichtigten, wurden ihm 11 000 Taka (140 Euro) versprochen.
"Für so viel Geld", sagt Zohurul Islam, "muss man gut vorsprechen können." Der 33-jährige Näher, der 17 Stunden mit gequetschtem Brustkorb unter den Trümmern lag, redet leise. Er ist kein guter Vorsprecher. Er bekam 16 Euro, einen halben Monatslohn, womit er nicht einmal die Ärzte bezahlen kann. Womöglich wird er nicht mehr arbeiten können. "Bis jetzt waren wir eine glückliche Familie", sagt seine Frau.
Auch aus Deutschland, dem zweitgrößten Importeur nach den USA, kam keine Hilfe. Zuerst gab es scheinbar auch keinen Grund dazu. Noch acht Tage nach dem Einsturz dementierten KarstadtQuelle und die Bochumer Firma Steilmann gegenüber der "taz" Geschäftskontakte mit Spectrum Sweater. Der Pressesprecher der Hamburger Rehfeld-Gruppe, die vor einem Jahr dort produzieren ließ, hatte noch gar nichts von dem Unfall gehört.
Den Dementis folgten Argumente, die halfen, die Unklarheit zu erhalten. Die Verantwortung wurde auf Subunternehmer geschoben, die man - so suggerieren es zumindest die von schwerer sozialer Verantwortung geprägten Nachhaltigkeitsberichte der Firmen - doch eigentlich unter Kontrolle haben will. Schließlich räumte der KarstadtQuelle-Sprecher Jörg Howe ein, dass vier Aufträge direkt bei Spectrum Sweater platziert worden seien - allerdings nur für die Versandtochter Neckermann. Warum eine Mitarbeiterin der Clean Clothes Campaign unter den Trümmern auch das Karstadt-Label "Le Frog" fand, kann Howe nicht erklären. Das Unternehmen müsse aber das Umschlagtempo der Ware erhöhen und, wenn möglich, an das von H&M anpassen, so Howe.
Die Geschwindigkeit gab vor kurzem der deutsche H&M-Chef aus, als er "marktfrische" Ware forderte - vom Design bis in die Läden in 20 Tagen. Bei Spectrum Sweater war der Druck so groß, dass in der Nacht des Einsturzes noch Arbeiter in der Fabrik waren, deren Schicht eigentlich um 18 Uhr beendet gewesen wäre.
Alle Zulieferer könne man eben nicht kontrollieren, meint Maren Boehm. Sie ist bei KarstadtQuelle für Fragen der Nachhaltigkeit und "Beschaffungsethik" zuständig - eine Art Sozialversicherung des Unternehmens. "Für uns produzieren Fabriken ja, ohne dass wir es mitbekommen", erzählt sie. Mit den wenigsten tritt KarstadtQuelle direkt in Kontakt. Das Textilgeschäft besorgen weltweit rund 25 000 Lieferanten und deren Subunternehmer, "die nicht immer offen legen, woher die Ware kommt". Wie kann sie dann die Zulieferkette kontrollieren? "Das", sagt Boehm, "ist ein langer Prozess."
In Bangladesch darf Boehm seit einiger Zeit 25 große Zulieferfabriken überprüfen. Tatsächlich lässt der deutsche Konzern dort bei rund doppelt so vielen Fabriken produzieren, die um die günstigsten Preise gegeneinander antreten müssen. Die genaue Zahl kennt Boehm nicht.
Vergangene Woche kam sie mit anderen europäischen Spectrum-Kunden zu einem runden Tisch in Dhaka zusammen, den die BSCI schon vor über einem Monat angekündigt hatte. BSCI steht für Business Social Compliance Initiative, eine Gründung der europäischen Außenhandelsvereinigung FTA. Sie soll Standards bei Textilzulieferern verbessern helfen. Zu ihren Mitgliedern zählen Handelskonzerne wie KarstadtQuelle, Metro und Zara.
Beim runden Tisch helfen soll Christian von Mitzlaff, ein 44-jähriger Politologe, der vor elf Jahren das erste Mal nach Bangladesch kam und dort eine Firma aufbaute, die Sozialstandards in der Textilindustrie prüft. 1996 ermittelte er in einer Studie einen Kinderarbeiteranteil von 43 Prozent in der Textilindustrie. Durch den Druck der USA sei die Quote der unter 14-Jährigen inzwischen gegen null gesunken.
Wenn genügend wichtige Menschen am runden Tisch Platz nehmen, erscheint auch Annisul Huq, der Präsident der Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA). In Bangladesch, wo Textilausfuhren 75 Prozent der gesamten Exporte ausmachen, ist dieses Amt wichtiger als das eines Ministers.
Sayed Shahriyar, stellt Huq gleich zu Beginn des Gesprächs klar, sei "ein gutes Beispiel für einen verantwortungsvollen Eigentümer" gewesen. Immerhin habe er sich sofort am Unfallort sehen lassen. Dann kommt er zu sich und den Seinen: "Wir haben 4000 Mitglieder, kontrollieren zwei Millionen Arbeiter in etwa 3000 Fabriken und formulieren politische Ziele. Alles dreht sich um die BGMEA."
Huq sitzt an seinem Schreibtisch im neunten Stock eines gläsernen Bürotraktes in Dhaka. Bis zum Januar galt Huq, 52, auch als Herr der Quoten. Ohne Beistand des BGMEA konnte kein Fabrikant exportieren. Nun, nach Ablauf des Welttextilabkommens, fürchten alle, Bangladesch werde von der chinesischen Konkurrenz aus dem Markt gedrückt.
Jüngste Statistiken belegen das Gegenteil. Stundenlöhne von umgerechnet 5 bis 10 US-Cent kann selbst China nicht unterbieten. "Der Himmel ist jetzt offen", sagt Huq, der selbst seit 20 Jahren im Geschäft ist. In seinem gläsernen Showroom liegen
sauber verpackte Calvin-Klein-Hemden. 7000 Menschen arbeiten für ihn "in sieben oder acht Fabriken". Genau weiß er das nicht - denn um die Immobiliensparte, die Software-Firmen und die Fotolabors, die zu seiner Gruppe gehören, muss er sich schließlich auch kümmern.
Früher war Huq TV-Entertainer. Und so tritt er noch immer auf. Kinderarbeit? "Haben wir längst ausgerottet", sagt er lächelnd. Das würden die 48 Kontrolleure der Regierung außerdem ständig überprüfen.
Brüchige Fabriken scheint Huq nicht zu kennen. Man solle sich bitte mal umgucken: "Viele der neuen Fabriken sehen aus wie Fünf-Sterne-Hotels." Die gibt es tatsächlich - in einer steuerbegünstigten Exportzone am nördlichen Rand Dhakas. Es sind glänzende Klötze für Tausende Arbeiter. Weil sie mit Feuermeldern, Notausgängen und Krankenzimmern versehen sind, werden sie westlichen Gästen gern als Zukunft des Landes vorgeführt.
Entsteht eine neue Fabrik, wie in diesen Wochen, werden Besuche allerdings vermieden. Dutzende Frauen, die für einen Dollar am Tag Steine zum Zementmischer schleppen und dabei von Vorarbeitern mit Stöcken zum schnelleren Arbeiten getrieben werden, würden die Inszenierung der Moderne leicht stören.
Die Konzerne, so ein bengalischer Einkäufer, dessen feines Stadtbüro in Dhaka nur ein paar Häuser vom stacheldrahtumzäunten Büro Shahriyars entfernt liegt, leisteten sich einige solcher "Vorzeigebetriebe", die sie auch überprüfen ließen.
Die Masse der Ware entsteht jedoch nicht dort, sondern in den mittelgroßen Zulieferfabriken, die an fast jeder Ecke der Hauptstadt stehen. Es sind heruntergekommene Häuser, an deren vergitterten Fenstern Frauen Luft schnappen.
Große Firmen wie die deutsche Metro oder der amerikanische Einzelhandelsgigant Wal Mart, schätzt der Einkäufer, arbeiten mit bis zu 200 verschiedenen Zulieferern zusammen, die sie gegeneinander antreten lassen. "Vor drei Jahren lag der Produktionspreis für eine Jeans hier bei sechs Dollar. Jetzt müssen die es hier für die Hälfte machen. Der Druck ist gnadenlos."
Seit über 30 Jahren versucht Bangladesch, mit Nähen, Wirken und Färben der Armut zu entkommen - und schafft es doch nicht. Die Hälfte der Einwohner lebt heute von weniger als einem Dollar am Tag.
Im Büro von Aminul Haque hängt eine Liste. Es ist eine Liste von Unfällen in der Textilindustrie: Allein durch Brände kamen in den vergangenen 15 Jahren 295 Arbeiter ums Leben, 2782 wurden verletzt. Haque ist Sekretär der Textilarbeitergewerkschaft NGWF, auch er ist Gast des runden Tischs.
Haque ist dabei, Buch über das Unglück in Savar zu führen: Drei Monate vor dem Einsturz starb eine Arbeiterin, deren Schal sich in einem offenen Stromkabel verfangen hatte. 15 Tage vor dem Einsturz machte eine falsche chemische Mischung einen Arbeiter an der Färbemaschine zum Invaliden.
Haque weiß, dass sein Land auf absehbare Zeit die Schneiderei der globalen Welt bleiben wird. Es hat ideale Voraussetzungen: Bangladesch ist so bestechlich, dass die Korruptionsprüfer von Transparency International das Land auf dem letzten Platz ihrer Liste führen. Es ist muslimisch, aber nicht fundamentalistisch. Es ist arm und an feudale Strukturen, an Vorarbeiter mit Stöcken gewöhnt. Die Arbeiter sind "weisungstreu", sagt Ghassan Arab. Seine Düsseldorfer Firma Multiline ist einer der größten T-Shirt-Produzenten der Welt. Auch Arabs Ware lag unter den Trümmern in Savar, obwohl er nur mit Shahriyars noch stehender Fabrik Geschäfte gemacht haben will.
In letzter Zeit häufen sich Stimmen, die auf die Vorteile der Textilarbeit verweisen: Die Emanzipation der Frauen werde gefördert, selbst Kinder kämen so aus der Armutsfalle.
Es ist eine merkwürdige Befreiung, die um acht Uhr morgens beginnt und oft erst um Mitternacht endet - wie etwa bei Fatima, einer zwölfjährigen Näherin, die bei der Firma Raza Knit in Chanmari südlich von Dhaka arbeitet. Fatima lebt in einem Slum nahe der Fabrik. Die Wohnungen dort sind Basthütten, die - von labilen Stielen gehalten - schräg über bestialisch stinkendem Wasser hängen, das die Fabriken gerade lila gefärbt haben. Fatima wollte einmal Lehrerin werden, bevor sie nach der vierten Klasse die Schule abbrach und für 1200 Taka monatlich, umgerechnet 15 Euro, zu arbeiten begann.
Die Fabrik, besagt ein Schild am Gebäude, sei "100% Export-Oriented". Zu den Abnehmern gehört auch Metro, die hier für ihre Real-Märkte Anfang des Jahres T-Shirts zum Stückpreis von 1,066 Dollar fertigen ließ "und dann den Preis noch 20 Prozent drückte", so der verärgerte Inhaber. Rund 40 Prozent der Arbeiter sind Kinder. Einen etwa elfjährigen Jungen verscheucht ein Vorarbeiter mit Tritten aus dem Blickfeld des Fotografen. Ein Vorhängeschloss versperrt die Toilette. Notausgänge gibt es nicht.
Metro-Sprecher Jürgen Homeyer lässt auf Nachfrage wissen, dass Raza Knit von einem Lieferanten als Subunternehmen beauftragt wurde. Allerdings habe Metro bisher bei keiner ihrer überprüften Fabriken Kinderarbeit festgestellt.
Astrid Bade glaubt, Kinder hätten "da doch gar keine andere Chance". Bade ist "Produktmanagerin Strick" bei der Kölner Firma Bluhm, deren Pullover gerade in den Nähmaschinen steckten, als die Fabrik zusammenfiel. Etwa fünf Dollar kostet ein günstiger Pullover in der Herstellung, den Bluhm dann für rund 20 Euro verkaufen kann.
Am Tag des Unfalls war Astrid Bade zufällig bei der Agentur von Bluhm in Dhaka. Zum Unglücksort ist sie lieber nicht gefahren. "Ich bin immer froh, wenn ich hier wieder raus bin", sagt sie.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 24/2005
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