13.06.2005

Basar der Welten

Die World Trade Organization will globale Regierung und Gerichtshof des Handels sein. Sie stellt die Regeln auf, nach denen wir kaufen und verkaufen, und sie ist urdemokratisch, da alle 148 Mitglieder, Lesotho ebenso wie die USA, nur eine Stimme haben. Theoretisch. Von Klaus Brinkbäumer
Der Tag, der die Weltwirtschaft zum Beben bringt, der Tag, an dem Boeing gegen Airbus in den Handelskrieg zieht, jener Tag, an dem die Vereinigten Staaten von Amerika Europa verklagen, ist kein besonderer Tag für Moussa B. Nebie.
Moussa B. Nebie muss arbeiten. Er sitzt in Genf, Chemin Louis-Dunant Nummer 7, in seinem ziemlich engen, ziemlich dunklen Büro im Erdgeschoss, er sitzt vor der Fahne von Burkina Faso und telefoniert mit der Heimat. Er trifft seine afrikanischen Kollegen. Er schreibt Berichte. Über Baumwolle, nicht über Boeing.
"Es geht um Baumwolle für uns, es geht für uns immer und ausschließlich um Baumwolle", sagt Moussa B. Nebie, seit einem Jahr Botschafter in Genf. Es geht deshalb um Baumwolle für Burkina Faso, weil dort, im Westen Afrikas, drei Millionen Menschen, ein Viertel der Einwohner, abhängig sind von Baumwolle, im stärksten Sinne: Es ist eine Frage von Verhungern oder Überleben für sie. Doch weil die amerikanische Regierung von der Agrarlobby der Südstaaten durch ihre Wahlkämpfe getragen wurde, erhalten ein paar tausend Baumwollfarmer in Texas oder Arkansas über drei Milliarden Dollar Subventionen im Jahr, und deshalb fallen die Preise, und deshalb kann ein Land wie Burkina Faso seinen wichtigsten Exportartikel nicht exportieren. Weltwirtschaft ist gnadenlos, aus der Sicht der Verlierer.
Amerika und Europa, so sieht es der Mann aus Burkina Faso, reden sehr viel von offenen Märkten, aber damit meinen sie die Märkte der anderen: "Sie wollen den Zugang", sagt Moussa B. Nebie. Gleichzeitig wollen Amerika und Europa diese anderen aber von den eigenen Märkten fern halten, um die eigenen Landwirte zu schützen. "Liberalisierung muss für alle das Gleiche bedeuten", sagt Moussa B. Nebie. Deshalb versucht er, die Koalition der Schwachen, die Baumwoll-Koalition von Mali, Tschad, Benin und Burkina Faso, zusammenzuhalten. Nebie lächelt, und die Sekretärin serviert "Granini Mehrfrucht", ein deutsches Produkt, pfandfrei. "Es sind nicht wir, die blockieren", sagt Moussa B. Nebie nun, "aber wir werden jeden Konsens in der Welthandelsorganisation verhindern, der nicht die Interessen unserer Bauern berücksichtigt."
Weltwirtschaft könnte klar sein, ganz einfach, aus der Sicht aller. Welthandel hilft gegen Armut, weil freie Grenzen und der Fall von Zöllen allen nutzen, und darum ist Welthandel ein Spiel, in dem alle gewinnen können. Dies ist die Lehre, das ist die Theorie der World Trade Organization (WTO), der Welthandelsorganisation. Und es ist ihre Religion, entworfen beim Blick auf den Genfer See und den Montblanc.
Burkina Faso gegen die USA, das ist die Wirklichkeit.
In dieser Wirklichkeit muss ein Mann wie Moussa B. Nebie verhindern, dass sein Land auf eine der schwarzen Listen von Genf kommt, diese geheimen, diese langen Listen derer, die den USA nicht genehm sind. Er muss sicherstellen, dass kein Amerikaner in Ouagadougou anruft und sagt, der Botschafter Burkina Fasos sei leider ein schlechter Botschafter, der abzuberufen sei, oder sollen die bilateralen Beziehungen etwa Schaden nehmen?
Weltwirtschaft ist niemals einfach. Weltwirtschaft ist ein Spiel der Finten und Fallen, der Drohungen und Lockrufe, ein Spiel mit doppelten Böden und ständig wechselnden Allianzen. Und die Arena oder das Schlachtfeld ist ein grauer Bau mit rotem und grünem Dach, ein Viereck mit Innenhof, und die nördliche Seite dieses Vierecks geht über in ein angebautes Rechteck mit zweitem Innenhof. Rue de Lausanne 154, Seeseite: Das Centre William Rappard, 1926 eingeweiht, vier Stockwerke, ist die Zentrale der Globalisierung, hier sitzt das Sekretariat der WTO.
Die WTO wäre gern so etwas wie die Vereinten Nationen des Handels: Alle 148 Mitglieder, Lesotho ebenso wie die USA,
haben jeweils eine Stimme, und sie entscheiden im Konsens; die WTO ist urdemokratisch, den Menschenrechten und der Umwelt verpflichtet, sie ist eine Organisation, die eine gerechte Weltordnung anstrebt, eine Welt ohne Hunger. Es gibt eine schöne Zahl in den Papieren der WTO: Gäbe es keine Zölle mehr, würden sofort 500 Milliarden Dollar mehr in den Welthandel fließen, es wäre genug da für alle.
Es ist allerdings so, dass wenige Organisationen, nicht einmal die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds, so gehasst werden wie die WTO. Wenn deren höchstes Gremium, die Ministerkonferenz, zusammentrifft - das war 1999 in Seattle so, 2001 in Doha weniger, 2003 in Cancún dafür noch viel mehr -, dann rücken Hundertschaften von Reportern an, weil die Demonstranten zu Zehntausenden kommen, und am Ende scheitern die Konferenzen an viel zu vielen eitlen Reden, noch mehr offenen Fragen und vor allem an diesem ewigen Streit zwischen Arm und Reich und Nord und Süd. Und darum begreifen ihre Feinde die WTO eher als Gegenteil der Uno, als Vereinigte Staaten des Kapitals: hegemonial, aggressiv, dogmatisch.
Natürlich muss die Wahrheit irgendwo zwischen diesen beiden Wahrnehmungen liegen. Die WTO kann ja, einerseits, nicht so edel sein, wie ihre Leute erzählen, sonst würden nicht so viele afrikanische Botschafter in Genf sagen, dass sie selten etwas so Absurdes gehört hätten wie die Verbindung der Begriffe "Weltwirtschaft" und "Demokratie". Andererseits müsste jeder, der nicht blind alle hassen will, die einmal "Globalisierung" sagen, sehr schnell verstehen, dass diese WTO nicht die Kraft hat, der Teufel der Moderne zu sein. Sie ist nicht Firma, nicht Partei, nur eine Agentur oder nicht einmal das: Sie ist ein Vertragswerk. Die World Trade Organization, 1995 als Nachfolgerin des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) gegründet, müsste World Trade Agreement heißen.
Denn es gibt die WTO als Organisation eigentlich nicht, weil sie in 148 Teile zerfällt: Die Mitglieder entscheiden alles. Der Generaldirektor hat kaum Befugnisse und keine Macht, nur die über sein Personal im Sekretariat. Dieses Personal soll ausschließlich bürokratisch wirken und neutral.
Die WTO-Leute sagen: "Welches Personal?" Das finden sie lustig. Denn die WTO hat verdammt wenig Personal (608 Leute, die meisten sind Übersetzer) und so gut wie kein Geld (110 Millionen Euro im Jahr), jedenfalls verglichen mit Uno, Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds, für den 2700 Menschen arbeiten. Und die WTO ist langsam, weil die Menschen in Saal D drei Stunden darüber streiten können, ob das "sollte" auf Seite soundso nicht ein "müsste" oder doch ein "könnte" sein sollte. Oder müsste. Oder könnte? Sie ist eine Organisation, deren Gründungsvertrag 27 000 Seiten dick ist.
Und doch, die Regeln, die aus Genf in die Welt geblasen werden, bestimmen unser Leben: Sie regeln Arbeitsmärkte, Import und Export, sie befassen sich mit Landwirtschaft, Textilien, Dienstleistungen und Patenten. Sie beeinflussen, wie hoch Steuern sein müssen und wer wie viel verdient, und von diesen Regeln hängt ab, zwischen welchen Waren wir wählen können und wie teuer sie sind. Und irgendwo in den Abgründen dieser Regeln ist heute schon verborgen, wer in einigen Jahren den Handelskrieg gewinnen wird, Boeing oder Airbus, Amerika oder Europa. Was also geschieht in der Arena von Genf?
"Es gibt keinen in diesem Gebäude, der alles versteht, was wir tun", sagt Keith Rockwell, zu viel sei das, zu komplex, "doch alle wissen, wir sind wichtig. Wir bieten Regeln des Kommerzes und das Fundament, auf dem Handelsstreitigkeiten gelöst werden. Die Welt braucht diese Regeln. Hätte sie sie nicht, würden wir nach dem Gesetz des Dschungels leben."
Keith Rockwell, 1958 in Boston geboren, Sohn eines Predigers, aufgewachsen in Neuengland und New York, ist die Stimme der WTO, ihr Sprecher, ein Mann mit langen Ohren, grünen Augen, runder Brille, immer vergnügt. Die Schattenseiten der Globalisierung? Bier ohne Reinheitsgebot. Die fürchterlichen Folgen des Diplomatenlebens? Wenn der Sohn heim nach New York fliegt und von amerikanischen Grenzbeamten nach seinem liebsten Football-Spieler gefragt wird und sagt: "Zinedine Zidane".
So plaudert Keith Rockwell dahin, und während er so redet, wird die Welt der Handelsorganisation immer fröhlicher. Rockwell hat zwei Fenster zum See, das ist das Privileg der oberen Garde. Und er schwärmt: Sogar ein Land wie Saint Lucia, gekränkt im legendären Bananenkrieg, in dem es um Hilfen der Europäer für ehemalige Kolonien ging, "konnte mit seinem
Veto eine ganze Agenda blockieren, das ist pure Demokratie". Und die Wahl erst, die Wahl Pascal Lamys zum Generaldirektor: "ein Zeichen dafür, wie gut wir funktionieren", sagt Rockwell.
Damit hat er Recht, denn beim letzten Mal, vor sechs Jahren, waren Amerikaner und Europäer für den Neuseeländer Mike Moore, und Japan und Australien stützten den Thailänder Supachai Panitchpakdi; die WTO war drei Monate lang führungslos, ehe der thailändische Außenminister Surin Pitsuwan und die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright zum Telefonhörer griffen.
Pitsuwan: "Statt eines Direktors für vier Jahre - warum denken wir nicht an sechs Jahre, aufgeteilt zwischen beiden?" Albright: "Klingt interessant."
So feilschen die Führer der politischen Welt, die der Welt der Wirtschaft die Richtung weisen dürfen. Sie feilschen, da es für sie immer um Gewinnen und Verlieren geht, um Stolz und Kränkung; wer hier ein Zugeständnis macht, kann anderswo etwas erwarten. Die WTO ist der Basar, wo die Erste Welt mit allen anderen Welten Geschäfte macht, und so vergingen sechs Jahre mit zwei schwachen Generaldirektoren, die beide schon vor ihrem Amtsantritt ausgezählt waren; keiner hatte verloren, na ja, bis auf die beiden Wahlsieger.
Wie es eben so läuft in einer Organisation, in der alle vom großen Ganzen reden und reden und reden und dann mal gucken, was herausspringt für sie.
Diesmal gab es vier Kandidaten und einen Kodex und klare Absprachen. Eine Kommission reiste über den Globus und filterte Stimmungen, und wirklich: Kandidat nach Kandidat stieg, wie abgesprochen, freiwillig aus, und übrig blieb der Favorit der Mehrheit: Pascal Lamy, ab 1. September für vier Jahre im Amt mit der Chance, wiedergewählt zu werden. Beglückt fuhren die WTO-Leute die geheimen Akten der Findungskommission zur kanadischen Botschaft und jagten sie dort durch den Reißwolf, weil sie selbst keinen haben.
"Es ist eine großartige Wahl", sagt Rockwell, "wir sind eben doch handlungsfähig, wenn es wichtig wird."
Moment. Ihr habt einen Chef. Schön. Aber bei der nächsten Ministerkonferenz, im Dezember in Hongkong, kann die WTO wieder zerbrechen wegen der ungelösten Konflikte. Wieso dieser Optimismus?
"Nun", erklärt Keith Rockwell, "zu einem gewissen Grad bezahlen sie mich, damit ich optimistisch bin."
Und wer dann durch die Gänge geht, unten in der Cafeteria hockt, draußen bei den Rauchern oder im vierten Stock bei Steak und Rosé in der Kantine, wer in die Konferenzsäle geht, wo Land neben Land sitzt und Getränke verboten sind, wer sich ein paar Tage aufhält in dieser Welt, begreift, wie sie funktioniert.
Es ist eine Versammlung der Hochintelligenten, geballte Bildung, und arbeitssüchtig sind die meisten hier. Es ist wie in vielen dieser internationalen Organi- sationen: Die meisten sind Kinder von Diplomaten, überall aufgewachsen und nirgendwo, aber mindestens zweisprachig. Sie haben einen Master in Wirtschaft oder Jura, alle meinen sehr ernst, was sie tun, alle können etwas, denn sie sind schlau, schlagfertig, scharfsinnig. Die Schattenseite dieses Lebens: Man ist geschieden bei der WTO oder mindestens getrennt, denn dieser Job verlangt Kraft, er macht dich schlaflos, er fängt dich ein. Es ist ein bisschen wie bei der Uno, nur nüchterner, denn hier geht es um Geld und Macht und nicht um eine bessere Welt. Oder doch: Um die geht es auch, in der Theorie.
"Der Transfer des theoretisch Wünschenswerten in Gesetze ist die Herausforderung", sagt Alexander Keck, Zimmer 2077, Berufsbezeichnung: "Counsellor, Economic Research and Statistics Division".
Es gibt 26 Divisionen auf dem Planeten WTO, und beneidet werden die, die mit "Dispute Settlement", den Streitfällen, befasst sind; die haben Kontakt zur Erde.
Die WTO ist schließlich nicht nur Regierung der Weltwirtschaft, sie ist zugleich ihr Gerichtshof, und ihre Schlichtungsverfahren, die sogenannten Panels, sind das einzige Weltgericht, dem sich selbst die USA unterwerfen.
Darf amerikanisches Rindfleisch, "Gen-Food", wie die Europäer sagen, in die EU exportiert werden? Dürfen Chemiekonzerne der Ersten Welt ihre Patente auf eine Weise schützen, die verhindert, dass Patienten der Dritten Welt Medikamente gegen Aids erhalten? Dürfen Europäer und Amerikaner die Globalisierung vorantreiben, solange sie Nähmaschinen, Webstühle und Wissen nach China verkaufen - und ihre Grenzen schließen, sobald China im ersten Quartal dieses Jahres den Export von Stoffen und Kleidung nach Deutschland um 89 Prozent und in die USA um 79 Prozent
steigert? Nun ja, sie dürfen ein bisschen schließen, weil China eine Menge Auflagen akzeptierte, um Mitglied der WTO zu werden, aber sie dürfen nicht übertreiben. "Wir spielen nach euren Regeln, und wenn wir gewinnen, wollt ihr die Regeln ändern", sagt ein Chinese in Genf, namenlos wie viele der Diplomaten hier, sobald es heikel wird.
China ist sehr heikel. China verändert die Weltwirtschaft, und China verändert die WTO, weil China laut und lauter wird und längst schon Tagesordnungen mit seinem Veto blockiert. "China nimmt seinen Platz ein, und dieser Platz ist groß", so sagt es einer der europäischen Botschafter in der Arena von Genf.
Aber auch die Kleinen spielen mit. Durften die USA Internet-Spiele aus Antigua und Barbuda verbieten? Durften sie nicht. Antigua gewann. Hat es etwas davon? Antigua könnte Handelssanktionen gegen die USA verhängen, und die Frage wäre, wen das schmerzen würde. "Dass die Gleichheit der Staaten Fiktion ist, dass die USA stark sind und Druckmittel haben, nun, das ist wohl so", sagt ein deutscher Dipomat. Und trotzdem hält dieser Mann eine WTO, in der sich die Reichen schon aus Gründen der eigenen Sicherheit um Regeln mühen, die die Armen "nicht versinken lassen", für "die Zukunftswelt".
Dies sind die Themen der WTO: Darf die EU die Herkunft von Produkten, "Thüringer" oder "Budweiser", zum geschützten Begriff erheben? Die USA klagten, es ging hin und her, "heute fühlen sich beide Seiten als Sieger", sagt Doaa Abdel-Motaal von der Handels- und Umwelt-Division. Und durfte Frankreich den Import von Asbest verhindern, wegen gesundheitlicher Bedenken, obwohl die Menschen in Québec, Kanada, vom Asbest-Export leben? Es war ein erbitterter Kampf, und in der Mitte der Schlachten saß Doaa Abdel-Motaal, Ägypterin, in Belgien geboren, in Indien, China, Japan, Sri Lanka und auf den Philippinen groß geworden und mit 23 Jahren von Talentsuchern der WTO aus Cambridge nach Genf geholt.
Frankreich gewann, Kanada widersprach, Frankreich gewann wieder, und Doaa Abdel-Motaal sagt: "Manchmal ist alles sehr zäh hier. Wenn es zum Beispiel um das Überfischen der Meere und die Subventionen geht und wenn dann erst einmal wochenlang über die Definition des Wortes Subvention gerungen wird, und in der See schrumpfen die Artenbestände, dann wird man ungeduldig. Aber Zeiten des Disputs sind aufregende Zeiten, da zählt jedes Wort, jedes Komma und jede Nuance in den Übersetzungen."
Nun also Boeing, Airbus, Amerika, Europa, größer geht es nicht. Nach der Beschwerde hatten beide Parteien Zeit für Verhandlungen, nun tritt das dreiköpfige Panel zusammen, dann gibt es Befragungen, Schriftsätze, ein Urteil, vielleicht einen Widerspruch, ein neues Urteil.
In Genf staunen sie über diesen Streit: Dass beide subventioniert werden, Airbus über zinsgünstige Kredite und Boeing über Standortbeihilfen und Rüstungsetats, gilt hier als so erwiesen wie logisch, da der Bau ziviler Großflugzeuge ohne staatliche Hilfe nirgendwo finanzierbar ist; wie komisch, dass das auf der Erde noch jemand bestreitet! "Dass beide Seiten gewinnen und verlieren werden oder beide ausschließlich verlieren werden", wie einer sagt, der es wissen muss, weil es sein Thema ist, dies bezweifelt bei der WTO niemand. Am Ende, das sagt der Fachmann voraus, werden China und Kanada die Sieger sein, weil die Führenden ihren Vorsprung durch den Hahnenkampf verzockt haben werden.
Aber auch so ist Weltwirtschaft: getrieben von Wut, von Lobbys und Wahlversprechen, von Nationalstolz - und darum manchmal dumm. "Groß, bewegend, bedeutend", sagt Doaa Abdel-Motaal.
Die anderen im Centre William Rappard haben vor allem damit zu tun, Wirtschaftsdaten zu erfassen oder festzulegen, wie man zum Beispiel Zahlungsschwierigkeiten misst; die meisten schreiben Papiere und stellen Tabellen auf. Und alle hier kommen früh und gehen spät, und die meisten haben 70, 80 Tage Resturlaub; doch sie verdienen gut, 10 000, 13 000 Euro im Monat. Und wer es geschafft hat, Befragung und schriftlichen Test zu überstehen, hat es tatsächlich geschafft: Nach zwei Jahren gibt es unbefristete Verträge. Klug? Auch auf den Gängen der WTO tragen sie Generationenkonflikte aus, Jung gegen Alt, denn die Jungen sind besser ausgebildet, und viele der Alten können noch immer keine E-Mails schreiben, aber natürlich sagen die Alten, wie die Jungen zu arbeiten haben.
Sie haben ihre Codes hier. Die Frauen tragen Blazer. Die Männer tragen Hemd und Schlips, die Sakkos hängen über den Stuhllehnen. Raucher gehen in den Hof. Spanisch, Französisch und Englisch sind die offiziellen Sprachen der WTO, aber man spricht Englisch, es ist ein Englisch der Kürzel und Chiffren: Jeder weiß, welche Nationen sich hinter den "G 90" verbergen (die ärmsten), alle hier nennen Supachai Panitchpakdi, den etwas stillen, etwas netten Generaldirektor, nur den "D. G." (für "Director-General"). Und wer abends beim Bier am Genfer See über "Ausnahmetatbestände" und die Behandlung dieser Ausnahmen - englisch: "special and differential treatment" - reden will, muss nur ein lässiges "s 'n' d" in die Runde werfen; diese Sprache ist der Rock 'n' Roll der Welt des Geldes.
Es gibt bei der WTO die offiziellen Zusammenkünfte in den vielen großen Sälen, in denen an langen Tischen Brunei neben Kambodscha sitzt und Jordanien neben Israel, an diesem Mittwoch zum Beispiel im dritten Stock im "Salle Olivier Long". Es gibt ständig rund zehn Verhandlungsgruppen, in denen die Experten tagen. Es gibt pro Jahr ungefähr tausend Konferenzen bei der WTO.
Deshalb haben alle Gesandten, die hier zugange sind, inzwischen verstanden, dass
sie am meisten erreichen, wenn sie sich zusammenschließen zu Koalitionen, fließend und flexibel, da die Koalitionen sich je nach Thema und politischen Allianzen formen.
Tonangebend sind die "Quad", das sind USA, EU, Japan und Kanada, die gemeinsam 50 Prozent des Weltmarkts beherrschen, und die "G 10", das sind die Reicheren, die Netto-Importeure von Lebensmitteln. Und China, der seltsame Solist. Aber auch die anderen, die Afrikanische Union, die "ACP" (Afrikanisch-Karibisch-Pazifische Gruppe), die "Like-minded group", in der sich Staaten mit ähnlichen Interessen zusammengeschlossen haben, Kuba und Indien, Ägypten und Jamaika, oder die "Cairns"-Gruppe der Agrarstaaten finden ihre Wege ins Regelwerk, weil es ihnen hilft, dass hier nichts geht ohne Konsens.
Meistens.
Politik funktioniert anders, auf mehreren Ebenen, und die WTO ist definitiv politisch. Neu sind zum Beispiel die vielen bilateralen und regionalen Abkommen, 300 sind zurzeit weltweit gültig. Die Amerikaner treffen solche Verabredungen gern mit ihren liebsten Partnern, denn damit belohnen sie deren tapferen Dienst im Irak und hin und wieder auch das richtige Abstimmungsverhalten in Genf. Manchmal, das ist die gute Seite, helfen solche Verträge den ärmeren Ländern, einen Marktzugang in einem reichen Land zu finden, für den sie in Genf viele Jahre lang kämpfen müssten.
Der Haken ist, dass die Absprachen sehr direkt gegen das wesentliche Grundprinzip der WTO verstoßen, den "Most favored nation"-Status, der die Diskriminierung bestimmter, zum Beispiel gegen den Irak-Krieg angetretener Handelspartner und die Bevorzugung anderer verbietet. Der WTO geht es ja gerade um den Abbau regionaler Regelungen und weltweite Fairness. Darum gibt es sie, das ist ihr Sinn, gegründet wurde sie im Verständnis, dass die Welt zu steuern ist.
So ist das eben mit Ideen und Realpolitik; sehr real ist deshalb heute die in Genf von jedem zweiten Gesprächspartner zitierte "Spaghettischüssel", was eine hübsche Metapher dafür ist, dass die WTO mit dem Abbau von Regeln nicht wirklich vorankommt: In Wahrheit hat sie es inzwischen mit einem Nudelberg zu tun, und an den Enden jeder Nudel sitzen zwei Handelspartner, jede Nudel ist ein bilaterales Abkommen, und kein Mensch wird das Ganze jemals wieder entwirren können.
"Es gefährdet unsere Richtung nicht", sagt Keith Rockwell, der Optimist, aber einige derer, die ihre Namen nicht lesen mögen, sagen, dass die bilateralen Abkommen ausgerechnet die WTO so irrelevant werden lassen könnten, wie George W. Bush die Uno gern hätte.
Realpolitik heißt auch, dass vieles auf Partys und Empfängen verabredet wird, zu denen Amerikaner und Europäer immer geladen werden und Afrikaner eher selten. Realpolitik heißt, dass die Starken viele Leute in Genf haben und die Schwachen nur wenige und dass die Starken sich zurückziehen und die Türen schließen, und auf dem Gang stehen die Schwachen herum und fragen hinterher ab, womit sie bald offiziell konfrontiert werden. Selbst der Generaldirektor lädt immer wieder zu diesen "Green Room"-Treffen, die so heißen, weil sein Teppichboden so grün ist. Die Botschafter aus Afrika und Südostasien hassen das "Grüne Zimmer", die meisten kennen nur die Tür, von außen.
Doch die Starken sagen, und auch sie haben natürlich Recht: In diesem Irrenhaus würde endgültig nichts mehr vorangehen, wenn wir tatsächlich alles mit 147 anderen Meinungen abstimmen würden.
Realpolitik heißt eben, so sagt es Rudolf Adlung, Zimmer 3124, Berufsbezeichnung: "Counsellor, Trade in Services Divison", dass "weniger das Formale zählt, vielmehr Intellekt und Format", und "für uns im Sekretariat heißt das, zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten Gespräche zu führen und unsere Mittlerposition anzubieten".
Adlung, ein Mann mit Kinnbart und kurzen, stets ein wenig zerstrubbelten Haaren, liebt Architektur, Schiller und den VfB Stuttgart, er hat lange im Bundeswirtschaftsministerium gearbeitet und begann 1990 in Genf, das waren noch die Zeiten des GATT. Heute ist Adlung ständig unterwegs, um Regierungen zu beraten, in Kuba, in Singapur, in Afrika; er hat vor allem mit der Liberalisierung von Dienstleistungen zu tun, was sehr glatt läuft auf dem Markt der Telekommunikation und sehr viel holpriger, sobald es um die Mobilität von Arbeitskräften geht. Aber auch Adlung scheint einer derer zu sein, die lieben, was sie tun, und die an das glauben, worum es geht: "Das Ziel ist ein nicht diskriminierendes Handelssystem, in dem jedes Land gleiche Rechte hat. Wenn wir so weit sind, kommt die Liberalisierung von allein", sagt er.
Und auf der Dachterrasse sitzt Gabrielle Marceau, Berufsbezeichnung: "Counsellor, Legal Affairs Divison", geboren in Québec City, und Gabrielle Marceau trinkt Kaffee und sagt, die WTO, erst zehn Jahre alt, sei wie ein Teenager: "Manchmal stimmen die Bewegungen noch nicht, die Stimme kippt, da muss alles erst zueinander finden." Wenn jeder Autofahrer die Verkehrsregeln biege, könne eine Agentur für globale Geschäfte kein Idyll schaffen, keine gute Welt. Aber eine bessere. Wer sonst verbessert die Welt?
Außerdem: "Konzerne liegen immer Meilen vor Regierungen, und Regierungen liegen Meilen vor der WTO. Das heißt nicht, dass wir still sein müssen", so sagt es Gabrielle Marceau.
Feinde der Globalisierung, Leute von Nicht-Regierungsorganisationen wie Oxfam, halten dagegen nicht Startschwierigkeiten oder Egoismen, sondern die WTO an und für sich für das Übel. "Die WTO funktioniert nicht, und wo sie mal funktioniert, dient sie dazu, die Weltlage zu zementieren: Die entwickelten Länder bestimmen das Spiel, und für jedes Eingeständnis, das sie bei irgendeiner Kleinigkeit machen, bekommen sie Profite, die den Abstand zu den nichtentwickelten Ländern vergrößern", sagt ein Oxfam-Mann am Abend am See.
Es geht in der Arena von Genf mit Druck und Versprechen zu oder mit dem
Angebot und dem Entzug von Entwicklungshilfen oder Krediten. So war es auch nach Cancún.
Die Ministerrunde scheiterte, weil die Vorbereitungen lausig gewesen waren: 400 offene Stellen fanden die Minister in den Verträgen, und 400 Probleme sind in fünf Tagen nicht zu lösen, schon gar nicht, wenn drei Tage für Fensterreden draufgehen. Aber nachdem die Runde ohne Handelsabkommen kollabiert war, gaben die Amerikaner der Gruppe namens G 20 die Schuld, Afrikanern und Südamerikanern vor allem, die zu unbeweglich seien.
Und dann zog der damalige amerikanische Handelsbeauftragte Robert Zoellick durch die Welt und drohte zum Beispiel Costa Rica den Ausschluss aus dem geplanten zentralamerikanischen Handelsabkommen Cafta an, falls Costa Rica ernsthaft Teil dieser subversiven G 20 bleiben wolle; als Zoellick dann auch noch 6,75 Millionen Dollar für alle Cafta-Staaten versprach, damit diese die Arbeitsbedingungen verbessern könnten, trat Costa Rica aus der G 20 aus. Und kassierte. Und verstummte.
Und so kann die industrialisierte Welt weiterhin Rohstoffe, die sie selbst nicht hat, zollfrei importieren und auf solche, die sie selbst hat, verhängt sie Importquoten und Abgaben; und Freiheit fordert die industrialisierte Welt für Märkte, in die sie hineinwill, und ihre Sprecher sagen dann, dass freie Märkte den Wohlstand fördern.
Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die das für eine Legende halten, weil schwache Staaten, die sich öffneten, erst einmal überrollt würden von denen, die heute schon stark sind - die Aufsteiger der letzten Jahrzehnte, Vietnam, China, Brasilien, hätten sich zunächst hinter Zollmauern versteckt und erst nach dem Aufstieg ihre Märkte geöffnet. Wie einst Großbritannien. Oder Frankreich. Oder die USA.
In Hongkong, im Dezember, soll die nächste Runde abgeschlossen werden, und diesmal sollen Verträge unterzeichnet werden, aber einfacher wird es nicht werden.
Hoch über Genf, Rue de Moillebeau 58, neunte Etage, sitzt der französische Botschafter Philippe Gros, die Fenster sind geöffnet, weil es heiß ist in der Schweiz, an der Wand hängen Tim-und-Struppi-Zeichnungen, und Gros sagt, dass bis Hongkong noch 22 Themen, davon 6, 7 wesentliche, zu verhandeln seien: Landwirtschaft, Dienstleistungen, Marktöffnungen, Anti-Dumping-Regeln, Entwicklung sowie Patente und Copyright, laut WTO-Sprache "Trips" ("Trade-related aspects of intellectual property rights").
"Gute politische Absichten in rechtlich bindende Abkommen zu verwandeln ist immer schwierig", sagt Philippe Gros, denn wenn man zum Beispiel über Landwirtschaft diskutiere, dürfe niemand vergessen, dass Brasilien extrem leistungsfähig geworden sei: "Wenn wir alles öffnen, übernimmt Brasilien weite Teile des Markts, und die afrikanischen Staaten haben nichts von der Öffnung." Dies ist das größte Problem der WTO: Selten sind die einfachen Lösungen, denn wenig ist für alle Länder gleich richtig.
Der neue Generaldirektor, Pascal Lamy, ist für Journalisten bis zum Amtsantritt am 1. September nicht zu sprechen, aber man kann seine Reden in Paris verfolgen und seine Aufsätze lesen, um eine Ahnung zu bekommen von dem, was er will. Lamy ist Sozialdemokrat, er sagt, er wolle "regulieren, kontrollieren, ausbalancieren, umverteilen". Lange wirkte Lamy als EU-Handelskommissar, und für die EU versuchte er die Verhandlungen von Cancún zu führen. "Mittelalterlich" nannte er die WTO danach, er kennt sie vermutlich ganz gut. Pascal Lamy ist mit Robert Zoellick befreundet, der inzwischen stellvertretender Außenminister der USA ist; die beiden reden gern über ihre Marathonläufe und dann über Geschäfte.
Ein Übererfüller sei dieser Lamy, sagen sie in Genf, ehrgeizig sei er, laut, kraftvoll; Pascal Lamy werde dem Amt und mit dem Amt dem Sekretariat und mit dem Sekretariat der WTO neues Tempo geben. Viele der Menschen auf den Fluren von Genf hoffen auf Reformen, und die meisten wünschen sich ein Gremium, das so ähnlich arbeiten würde wie der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen; sie wünschen sich, dass die Mitglieder klug genug sein werden, aus losen Koalitionen feste Verbände werden zu lassen, auf dass jeder Verband einen Vertreter in den Sicherheitsrat schicke. 15 Redner statt 148? Es könnte vorangehen.
Der Botschafter von Burkina Faso aber sagt, dass Reformen nur möglich sind, wenn die Großmächte diesmal, endlich, über Baumwolle reden. Schon die Regel, dass Entscheidungen im Konsens und ohne Veto zu treffen sind, sagt Moussa B. Nebie, "kann ja nur auf eine Weise abgeschafft werden: im Konsens, ohne Veto".
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 24/2005
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