13.06.2005

ÖSTERREICHBraunes Trauma

Auch zum Höhepunkt des Gedenkjahres 2005, in dem die Alpenrepublik an die Befreiung vom Nazi-Terror vor 60 Jahren und die Republikgründung vor einem halben Jahrhundert erinnert, wird Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) die braunen Schatten aus dem geistigen Umfeld seines Koalitionspartners Jörg Haider und dessen neuem Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) nicht los. Erst am Donnerstag vergangener Woche musste eine Allparteien-Koalition in nur einem Tag eine Verfassungsänderung durch den Nationalrat peitschen. In letzter Minute konnte damit verhindert werden, dass der Kärntner BZÖ-Politiker Siegfried Kampl, ein Freund Haiders, turnusgemäß zum Vorsitzenden des Bundesrates gewählt wurde. Er hatte öffentlich darüber schwadroniert, dass Wehrmachtsdeserteure im Zweiten Weltkrieg zum Teil als "Kameradenmörder" zu betrachten seien. Bundesrat John Gudenus, freigestellter Oberst des Bundesheeres und ehemaliger Haider-Getreuer, setzte noch einen üblen Spruch drauf: Es habe zwar Gaskammern gegeben, "aber nicht im Dritten Reich, sondern in Polen". Dass Gudenus darauf verweisen kann, dass er bereits im November in Pension geht und es angesichts der "Zeitnot" wohl nicht mehr zu einer disziplinarischen Verurteilung als Soldat kommen wird, ist eine weitere Peinlichkeit für die Regierung Schüssel. Schlimmer dürfte sich aber Haiders Kommentar zu den jüngsten Affären auswirken. Kampl sei ein "anständiger Mensch", der im Parlament nur sein "Kindheitstrauma ausbreite", erklärte der BZÖ-Chef und Kärntner Landeshauptmann im Fernsehen verständnisvoll. Schließlich sei auch er, Haider, "ein Nazi-Kind gewesen", dessen Mutter nach dem Krieg "den Boden vor ehemaligen KZ-Häftlingen wischen" musste.

DER SPIEGEL 24/2005
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