13.06.2005

BOLIVIENAufstand der Indios

Mit der Ernennung des bisherigen Präsidenten am Obersten Gerichtshof, Eduardo Rodríguez, zum neuen Staatschef hat der bolivianische Kongress in letzter Minute ein Blutbad verhindern können. Im Osten des Landes waren bereits Schlägertrupps unterwegs, um gewaltsam die Straßenblockaden zu durchbrechen, die Anhänger des Bauernführers Evo Morales in der Nähe der Wirtschaftsmetropole Santa Cruz errichtet hatten. Die mit Baseballschlägern und Gewehren ausgerüsteten Kommandos gehörten der Autonomiebewegung von Santa Cruz an, die immer drängender eine Selbstverwaltung der reichen Region fordert. Diese Organisation wird vor allem von Farmern und Unternehmern finanziert. Sie will die historische politische Vorherrschaft des Andenhochlands brechen. Über 30 000 Einwohner von Santa Cruz haben sich inzwischen in sogenannte Selbstverteidigungskomitees eingeschrieben. In der größten Stadt des Landes gibt es derzeit kaum noch Schusswaffen zu kaufen.
Die Autonomiebewegung, die während der jüngsten Krise enormen Zulauf erhalten hat, ist gegen die von den Indios geforderte Verstaatlichung der Erdöl- und Gasvorkommen, die sich in dem tropischen Flachland um
Santa Cruz konzentrieren. Sie fordert deshalb ein Referendum über die politische Autonomie der Region. Indioorganisationen, Gewerkschaften und zahlreiche andere soziale Bewegungen aus dem Hochland wollen das unter allen Umständen verhindern; mit Protestaktionen hatten sie in den vergangenen Wochen weite Teile des Landes lahm gelegt und vorgezogene Neuwahlen sowie eine verfassunggebende Versammlung gefordert. Präsident Carlos Mesa war schließlich dem Druck der Straße gewichen und vor einer Woche zurückgetreten. Der neue Staatschef Rodríguez hat jetzt Wahlen noch vor dem Ende des Jahres versprochen.

DER SPIEGEL 24/2005
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