13.06.2005

„Zeit zum Aufbruch“

Präsidentschaftskandidat Mohammed Ghalibaf über das Versagen der Reformer und seine Chancen auf einen Sieg
SPIEGEL: Innerhalb kürzester Zeit haben Sie es vom Polizeichef zum wohl schärfsten Konkurrenten des ehemaligen Staatschefs Ali Akbar Haschemi Rafsandschani bei der Präsidentschaftswahl am 17. Juni gebracht. Wie fühlen Sie sich als unerwarteter Mitfavorit?
Ghalibaf: Ich bin sehr zuversichtlich. Mein Erfolg mag manche Menschen überraschen. Aber ich habe mir schon vorher einen Namen gemacht - als Oberbefehlshaber der iranischen Sicherheitskräfte. Auch als Berater von Staatspräsident Mohammed Chatami für die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität bin ich kein Unbekannter.
SPIEGEL: Gerade der Posten des obersten Ordnungshüters dürfte viele abhalten, für Sie zu stimmen.
Ghalibaf: Unter meiner Führung haben unsere Sicherheitskräfte ein besseres Verhältnis zu den Menschen im Lande gefunden. Gerade die Studenten wissen, dass ich ein guter Polizist war. Als promovierter Geopolitiker bin ich selbst ein Mann der Universität.
SPIEGEL: Sicher sind Ihnen die Stimmen der Studenten bei der Wahl trotzdem nicht.
Ghalibaf: Auf meinen Wahlveranstaltungen im ganzen Land gewinne ich einen anderen Eindruck. Die jungen Menschen spüren sehr wohl, dass ich ihre Situation verstehe.
SPIEGEL: Das nimmt auch Ihr Mitbewerber Rafsandschani für sich in Anspruch.
Ghalibaf: Ich habe großen Respekt vor dem Lebenswerk Rafsandschanis. Aber wir gehören unterschiedlichen Generationen an. Er ist gut 70 Jahre alt, ich bin 43. Deshalb stehe ich den jungen Wählern näher.
SPIEGEL: Der Kandidat der Reformer, der frühere Minister für Hochschulbildung und Technologie Mostafa Moin, sieht sich gleichfalls als Mittler zwischen den Generationen.
Ghalibaf: Die letzten Jahre haben Iran in eine schwere Krise geführt. Unsere Arbeitslosenquote ist hoch, auch in unseren internationalen Beziehungen stehen wir vor großen Problemen. Eine Fortsetzung der bisherigen Politik ist deshalb keine Lösung.
SPIEGEL: Sie werfen den Reformern um Staatspräsident Chatami Versagen vor?
Ghalibaf: Es geht nicht um Schuldzuweisung. Wir alle haben versagt. Doch jetzt ist die Zeit reif für einen Aufbruch. Wir müssen nach vorn blicken. Alle Iraner haben ein Recht auf ein gutes Leben.
SPIEGEL: Mit vollmundigen Sprüchen allein ist das nicht zu erreichen.
Ghalibaf: Deshalb kündige ich ein umfangreiches Wirtschaftsprogramm an. Damit die Produkte eine Chance auf dem Markt haben, möchten wir mit der Neuordnung des Managements beginnen, eine umfangreiche Privatisierung soll langsam folgen. Unsere jungen Menschen brauchen Perspektiven und Jobs. Beides werden wir ihnen geben.
SPIEGEL: Die Jugend verlangt auch mehr Freiheit und wahre Demokratie.
Ghalibaf: Niemand weiß das besser als ich. Wenn Jugendliche eine eigene Meinung haben, sollen sie diese auch äußern dürfen.
SPIEGEL: Das sagt ausgerechnet jemand, der als Kandidat des rechten Lagers gilt.
Ghalibaf: Es ist erstaunlich, was in diesem Wahlkampf alles über mich gesagt wird. Ich bin kein Kandidat der Rechten. Tatsächlich bin ich ein Mensch, dem Prinzipien und Tradition wichtig sind ...
SPIEGEL: ... und dessen Frau einem fremden Mann nicht die Hand geben darf.
Ghalibaf: Würden Sie etwas tun, das gegen die Bräuche Ihres Landes verstößt? Das aber schließt Reformen überhaupt nicht aus. Ich bin ein sehr pragmatischer Politiker. Um unsere Probleme zu lösen, werde ich mich der Fachleute bedienen, über die wir verfügen. Iraner sind weise Menschen, sie werden sich ihre Chance auf eine wirkliche Wende nicht entgehen lassen.

DER SPIEGEL 24/2005
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