13.06.2005

MUSIKTriebtäter des Klangs

Kammermusik, oft totgesagt, ist die wichtigste Talentschmiede für den Klassik-Nachwuchs - das ungewöhnliche Festival „Spannungen“ im Eifelnest Heimbach beweist es.
So jung hatten wir sie noch nie hier", sagt Wilfried Nachtigall mit kaum merklichem Lächeln. "Einfach unglaublich, dieses Können", flüstert der alte Künstlerbetreuer und deutet auf zwei junge Damen, die sich am anderen Ende des langen Restauranttischs gut amüsieren.
Eben erst haben die Geigerin Veronika Eberle, 17, und die Pianistin Alice Sara Ott, 16, mit dem auch erst 23-jährigen Cellisten Julian Steckel das "Dumky"-Trio von Antonin Dvorák derart lustvoll-schroff und packend heruntergefetzt, dass dem Zuhörer im großen Saal des Jugendstilkraftwerks Heimbach fast der Atem wegblieb.
Jetzt aber sitzen die Neulinge mit ihren Musikerkollegen an der Abendtafel im Festivalhotel Klostermühle, und es wird gefeiert ... Viele sind nicht zum ersten Mal für eine Woche in das Eifelnest gekommen. Längst wissen Profis, Kritiker und Fans, dass hier in der Provinz, zwischen Waldtälern und stockkatholischer Spießigkeit mit Blumenkübeln und Schmiedeeisen, etwas beinahe Unglaubliches geglückt ist.
Natürlich gibt es Ähnliches - von der Schubertiade im vorarlbergischen Schwarzenberg über die Lockenhaus-Konzerte des Geigers Gidon Kremer bis zu jüngeren Gründungen wie dem "Moritzburg Festival" bei Dresden. Aber nur die "Spannungen" im alljährlich für eine Woche stillgelegten Wasserkraftwerk Heimbach schaffen, was Skeptiker schon für aussichtslos hielten: Konzerte, die europaweit Maßstäbe setzen, vor vollem Saal und erstaunlich jungem Publikum, das zum Teil von weit her anreist - ohne staatliche Subventionen, ohne Eventtricks, ohne Schickeria und Medienrummel.
Das Geheimnis des Erfolgs heißt Lars Vogt, 35. Der Pianist und Festivalleiter aus der nahen Stadt Düren, bekennender Gladbach-Fan und fröhlicher Draufgänger, macht die Abendprogramme gern "aus dem Bauch heraus", aber bei der Vorplanung hat er ein klares Ziel: Junge, "beinah absurd gute Musiker" sollen ein paar Tage lang zur "Großfamilie" verschmelzen, der es allein um den Klang geht. "Die menschliche Seite ist sehr wichtig - wer vor Ort den großen Star gibt, passt hier nicht her", meint Vogt.
Er und der Geiger Christian Tetzlaff, 38, stehen, zusammen mit der Bratschistin Tatjana Masurenko und der Geigerin Antje Weithaas, im Mittelpunkt der insgesamt 28 Künstler. Gerade Jüngere, oft von Lehrjahren in einsamen Übungsräumen frustriert, möchte Vogt mit seiner Leidenschaft dafür anstecken, "wie man sich gegenseitig hochschaukelt". Weltklasseleute wie die Klarinettistin Sharon Kam aus Israel oder die britisch-indische Geigenvirtuosin Priya Mitchell schlagen für dieses Gruppenerlebnis einträglichere Angebote aus.
Denn verdienen lässt sich mit den Freundschaftsspielen auf Top-Niveau bislang noch nichts. Zu je etwa einem Drittel decken die wie in Bayreuth heftig begehrten, aber moderat taxierten Eintrittskarten, Sponsorenverträge (vor allem mit dem Kraftwerksbetreiber RWE) und Honorare für Funk- und CD-Mitschnitte (im Deutschlandfunk und bei EMI) das Budget. Viel mehr als Reise, Kost und Logis bekommen die Künstler nicht vergütet. Die Organisation bestreitet ein kleines Netzwerk ehrenamtlicher Helfer aus der Nachbarschaft.
Was zählt, ist das Dabeisein: für die Zuhörer, die ein Ticket ergattern konnten und oft schon morgens auf der Heimbacher Burg bei den Proben lauschen dürfen, erst recht aber für die Musikerschar selbst. Jedes Jahr muss Vogt "eine ziemliche Menge" Anfragen ablehnen, so viele möchten zu seinem verblüffend demokratischen Klangtrainingslager eingeladen werden.
Mozart, Schönberg, Schnittke, Xenakis - beim Repertoire gibt es kein Limit. Den alljährlichen Härtetest lieferte diesmal die scheue, aber energische Wiener Komponistin Olga Neuwirth, 36: ein neues Quartett. "Das muss einfach sein, als Herausforderung für uns", sagt Vogt. Mit der landläufigen Dudelklassik und ihrem musealen "Epochen-Ghetto" (Vogt) von Vivaldi bis Rachmaninow soll, was hier gespielt wird, eben auf keinen Fall verwechselt werden.
Sogar über die fernere Zukunft seiner Vorzeige-Unternehmung macht sich Vogt bereits Gedanken. "Es darf nicht stagnieren", sagt er hintergründig mit Blick auf den Stausee am Talende, dessen Wasserdruck hier sonst die Turbinen treibt. Aber weiter kann er jetzt nicht grübeln: Die anderen Tontriebtäter erwarten ihn schon zur nächsten Probe. JOHANNES SALTZWEDEL
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 24/2005
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