13.06.2005

FESTIVALSBaumfäller und andere Monster

Eine historische Premiere: Erstmals haben bei der Kunst-Biennale in Venedig, dem beliebtesten Bilderspektakel der Welt, zwei Frauen die Herrschaft übernommen. Doch an ihnen allein liegt es nicht, dass Ironie und Neo-Romantik über das politische Engagement triumphieren.
Eigentlich sollte diesmal vieles anders sein als bei den Ausstellungen der vergangenen 110 Jahre: Die Biennale Venedig, das legendäre Gute-Laune-Spektakel eines Wettstreits der Kunstnationen, wollte noch deutlich internationaler werden als bisher und zugleich den weiblichen Part richtig ernst nehmen - in jeder Hinsicht emanzipiert und politisch ziemlich korrekt.
Keine Sorge. Seit Sonntag ist Biennale-Zeit, und diese publikumswirksamste aller Kunstschauen verstört ihre vielen hunderttausend Besucher höchst selten mit übertriebener Tiefsinnigkeit oder gar grimmiger Provokation. Das gilt in diesem Jahr mehr denn je.
In den Tagen vor der Eröffnung fliegt stets erst einmal die internationale Kunstschickeria zur Vorbesichtigung ein. Dann wird rituell viel gefeiert, getratscht und zwischendurch nach neuen Trends Ausschau gehalten, obwohl die "Financial Times" schon im Vorfeld warnte, angesichts der Biennale-typischen Vielfalt müsse jeder scheitern - "besser versucht man, Klarheit ins notorisch opake System der Hausnummern Venedigs zu bringen".
Immerhin zeigen nicht weniger als 70 Nationen in den Parkanlagen der "Giardini", und dort in ländereigenen Pavillons, oder aber in diversen Kirchen und Palazzi ihre Talente. Das sind so viele Staaten wie nie zuvor - zum ersten Mal sind China und Afghanistan vertreten. Das wohl auffälligste Werk eines Debütanten ist die turmhohe Ku-Klux-Klan-Maske der Albaner.
Ergänzend zum Länder-Grand-Prix präsentiert die meist nur für eine Biennale berufene Direktion ihren Kanon der wichtigsten und zukunftsträchtigsten Kunstpositionen. Die Leitung dieser Superkunstschau gilt als Topjob - er wurde bei dieser 51. Biennale erstmals zwei Frauen anvertraut: Die Ernennung der Spanierinnen María de Corral, 63, und Rosa Martínez, 50, gilt in Kunstkreisen als kleine Sensation. Zumindest was das Marketing betrifft, hat sich die Besetzung gelohnt. Alle reden zunächst einmal über die Frauen auf der Biennale, auf welche Weise auch immer.
Die beiden Kuratorinnen selbst wurden vom britischen "Economist" unter der Rubrik "Girl power" porträtiert - und mit den Frauengestalten aus den Filmen Pedro Almodóvars verglichen; sie seien clever, gut vernetzt und sogar "stylish", also modebewusst.
Das Frauenregiment bleibt fürs Erste die Ausnahme. Schon jetzt steht fest: Beim nächsten Mal hat wieder ein Mann, der Amerikaner Robert Storr, das Sagen. Außerdem erweckt Davide Croff, Präsident der Biennale-Stiftung und damit eine Art Aufsichtsratschef, gern den Eindruck, der eigentliche Mastermind der diesjährigen Kunstausstellung zu sein.
Zumindest eine der Direktorinnen, Rosa Martínez, bedient in ihrem Ausstellungsteil und dort gleich im ersten Raum den Verdacht auf einen Überfall des Feminismus - und zwar auf betont ironische Weise. Die von ihr eingeladene New Yorker Künstlergruppe Guerrilla Girls ruft auf bunten Riesenpostern die "Biennale Feminista" aus und rügt die "Mucho-Macho"-Biennalen der Vergangenheit - eine Polemik, die aber schnell verpufft.
Co-Chefin de Corral setzt wie angekündigt auf etliche weltberühmte Künstler, etwa Antoni Tàpies oder William Kentridge - und auf einträchtiges Geschlechter-Teamwork: Da formen im Eingangsbereich der Giardini und auf Anweisung der Künstlerin Monica Bonvicini ein paar Bauarbeiter einen Steinklotz zu einer Felslandschaft, die an die Szenarien des Romantikers Caspar David Friedrich erinnert.
Und es wirkt wie eine schöne Bestätigung für die Biennale-Frauenbewegung, dass der Preis für den besten Länderauftritt in diesem Jahr an Frankreich vergeben wurde - und damit an die Soloschau der Künstlerin Annette Messager, 61. Sie hat den Pavillon der Grande Nation mit Leuchtreklameschrift in "Casino" umbenannt. Drinnen lässt sie den Märchenhelden Pinocchio durch eine Kissenlandschaft fahren, und schließlich sprengt sie mit ohrenbetäubendem Geknalle Stofftiere in die Luft. Sie versteht das als Modell der Menschheit, der naive Märchenheld wird erwachsen "und zur Bestie".
Der Frauen-Power huldigt auf andere Weise der isländische Beitrag: Für die Party der im Namen der Insel angetretenen Videokünstlerin Gabríela Fridriksdóttir, 34, wurde ein Auftritt von Megastar Björk angekündigt. Die Sängerin taucht auch in einigen der - ziemlich eindrucksvollen - Videos ihrer Gastgeberin als archaischer Monster-Troll auf. Besonders feminin wirkt dieses Ur-Girlie nicht, aber unterhaltsam.
Und die männlichen Kollegen? Ein junges britisch-französisches Künstlerteam bietet netterweise jedermann aus dem Publikum die Probeinszenierung seiner Beerdigung an. Ruck, zuck wird dem Besucher aus dem Internet die von ihm gewünschte Musik heruntergeladen; anschließend darf er sich selbst aufbahren.
Die Zeiten des Polit-Kunst-Chics sind offenbar vorbei. Viele Künstler beschwören irgendeine Art von romantischem Idyll (inklusive kollektiver Sternschnuppenguckerei) oder vergnügen sich mit der Kritik am Kunstbetrieb, auch am Biennale-Prinzip der nationalen Selbstfeier.
Zu den Belgiern gelangt man nur durch eine Art Vaporetto-Schranke, nachgebildet den typischen Zugängen zu den schwimmenden "Straßenbahnen" Venedigs. Schließlich sei die Stadt, wie man im belgischen Pavillon sagt, für jeden Künstler "the place to be".
Bei den Rumänen bleibt die Halle provozierend leer. Heißt das: "Wir fangen bei null an"? Oder: "So viel Verweigerung hätte uns niemand zugetraut"? Es soll wohl beides bedeuten.
Der Österreicher Hans Schabus, 34, hat einen Berg um den Pavillon seines bergigen Landes herummontiert. "Pavillons sind ursprünglich als etwas Befristetes gedacht gewesen und nicht wie in Venedig als steingewordene Zeltstadt", sagt Schabus. Das mit der zementierten Selbstdarstellung wollte er mal ändern.
Deutschland zeigt sich in Geberlaune. Der Künstler Tino Sehgal lässt einen Statisten mit dem Publikum über den Kapitalismus diskutieren, und wer ganz unverblümt seine Meinung dazu sagt, erhält als Belohnung ein Passwort und dann die Hälfte seines Eintrittsgelds zurück.
Geld regiert tatsächlich die Biennale-Welt. Und das offen wie noch nie. Viele Länderpavillons werden von Luxusmarken wie Hugo Boss oder Louis Vuitton gesponsert - Neuseeland lässt sich von einem Spirituosenproduzenten unterstützen und machte vergangene Woche mehr Werbung für dessen Wodka-Fete als für die eigene Kunst.
Auch Biennale-Präsident Croff weiß, wie man mit Budgetfragen umgeht. Der ehemalige Fiat-Manager betont gern, darauf bestanden zu haben, dass auch in den von de Corral und Martínez verantworteten Überblickspräsentationen möglichst viele Projekte privat finanziert werden. Die Jetset-Kunstmäzenin Francesca von Habsburg zum Beispiel bezahlte über ihre Stiftung gleich zwei Projekte und nutzte diese nette Geste zur Eigen-PR.
Und nur mit der innigen Nähe zur Sponsorenszene ist auch das harmloseste Werk dieser Biennale zu erklären: Der Italiener Fabrizio Plessi hat als "Sonderprojekt der Biennale und des italienischen Außenministeriums" eine riesige multimediale Stele in Ufernähe aufgestellt, die einen Wasserfall simuliert. Dieses "Vertikale Meer" verbreitet Las-Vegas-Ästhetik. Es wurde von diversen Firmen gewünscht und mitspendiert. Motto: Friede, Freude, Leichtigkeit.
Da überrascht es wenig, dass kurz vor der Eröffnung ein Störenfried zurückgepfiffen wurde, der im Auftrag der Biennale-Direktion ein vermeintlich heikles Werk geplant hatte. Der deutsche (und vor vier Jahren in Venedig mit der höchsten Auszeichnung geehrte) Künstler Gregor Schneider wollte auf dem Markusplatz einen dunklen Klotz errichten, der formal von der Kaaba in Mekka inspiriert ist. Nun wird das Vorhaben nur in einem Film dokumentiert - und dort wird betont, das Projekt sei aus "politischen Gründen" und gegen den Willen der Kuratorin abgesagt worden. Die Seiten im Katalog blieben schwarz.
Verweise auf den Islam oder antiamerikanische Sticheleien waren offenbar nicht erwünscht. Bei wem genau die Vorhaben Unbehagen verursacht haben, bei Croff vielleicht oder der Regierung in Rom - darüber wird nicht gesprochen.
Venedig gibt sich diplomatisch - und will wohl bloß nicht riskieren, dass sich solche Nationen wie die USA ganz verabschieden. Die US-Regierung hatte schon bei diesem Durchgang ihr Desinteresse an der künstlerischen Außenpolitik bekundet, ihre Biennale-Jury aufgelöst und die Künstlerauswahl ein paar Museumsleuten überlassen.
Auch dieses Ersatzgremium ging auf Nummer sicher: Man entschied sich für den malenden Altmeister Ed Ruscha, 67 - er bespielte schon einmal vor 35 Jahren den US-Pavillon. Mit dieser Retro-Einstellung wurden sogar die Briten getoppt. Sie ehrten das bewährte Künstlerduo Gilbert und George, die beiden Ex-Anarchos gelten selbst in ihrer Heimat als ewiges "Twinset" und "Golden Oldies der Kunstwelt".
Und der mit besonders viel Spannung erwartete Biennale-Neuling China? Peking hat einen in New York ansässigen Landsmann als Kurator beauftragt, und dessen Assistentin betont, "well, es ist keinerlei Zensur ausgeübt worden". Ein Künstlerteam hat von Bauern ein flugunfähiges Ufo gestalten lassen, das nun silbrig und klapprig dasteht, aber "Vergangenheit und Zukunft verbinden soll". Wie brav.
Die aus Afghanistan stammende, in Los Angeles ansässige und an einer deutschen Hochschule lehrende Künstlerin Lida Abdul, 32, wagt als eine der wenigen Teilnehmenden der Superkunstschau wirklich Brisantes: Die Taliban erhängten viele Opfer an Bäumen. Abdul zeigt in einem ihrer Filme Männer beim Fällen eines Baumes - "Sie handeln in dem irrigen Glauben, auf diese Art könne man einen Neuanfang schaffen". Gedreht wurde in ihrer Heimat, "Wir mussten mit vielen Schwierigkeiten zurechtkommen".
Es ist ein kurzes, fast schon unterkühltes Video - eines ohne große Effekte, aber mit beklemmender Aussagekraft.
ULRIKE KNÖFEL
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 24/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FESTIVALS:
Baumfäller und andere Monster

  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab
  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"