13.06.2005

POP„Das Leben ist gefährlich“

Chris Martin, Sänger der britischen Band Coldplay, über seine neuen Lieder, seine Arbeitsweise und Paparazzi
Martin, 28, ist mit seiner Gruppe Coldplay einer der erfolgreichsten Popsänger der Gegenwart. Er lebt in London und New York. Die Band veröffentlichte soeben ihr neues Album "X&Y" und tourt in dieser Woche durch Deutschland.
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SPIEGEL: Mr Martin, Sie haben es als begnadeter Trübsalbläser zu Weltruhm gebracht. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie mit Ihrer Stimme die Menschen zu Tränen rühren können?
Martin: Mit meiner Stimme habe ich schon zu Schulzeiten viele Leute zum Heulen gebracht - aber nur, weil ich so grottenschlecht sang damals. In meinen ersten Jahren als Sänger einer Popband musste ich mir regelmäßig sagen lassen, dass ich hoffnungslos mies sei und besser damit aufhören sollte. Noch auf dem College meinte mir ein guter Freund gestehen zu müssen, dass er meinen Gesang beim besten Willen keine fünf Minuten ertragen könne. So ein Idiot! Ich bin vielleicht nicht der größte Sänger der Welt, aber inzwischen finde ich meine Stimme ganz in Ordnung. Und im Übrigen bin ich keineswegs der Jammerlappen, als den die Kritiker mich gern darstellen. Ich finde auch nicht dauernd die ganze Welt todtraurig. Ich halte mich für einen Realisten. Oder vielleicht für einen optimistischen Pessimisten, wenn Ihnen das besser gefällt.
SPIEGEL: Hat der Welterfolg Ihrer Band Coldplay Ihren Optimismus gestärkt?
Martin: Das Problem ist, dass ich mich 70 Prozent des Tages für einen katastrophalen Songwriter, Sänger und Musiker halte. Aber die übrigen 30 Prozent fühle ich mich dafür als der beste der Welt. Diese Mischung aus Demut und Größenwahn ist auf Dauer sehr anstrengend.
SPIEGEL: Wohl aus diesem Grund hält man Ihnen häufig vor, nicht cool zu sein. Stört Sie das?
Martin: Was ist schon cool? Mein Konzept von cool bedeutet zu tun, wozu ich Lust habe, ohne anderen damit zu schaden. Ich trage keine Lederjacke, nur weil sie gerade angesagt ist, ich nehme keine Designerdrogen, und ich singe auch nicht mit verstellter Stimme, weil irgendwer mir das empfiehlt - insofern bin ich definitiv nicht cool.
SPIEGEL: Bei der Arbeit an Ihrem neuen Album sind sie offenbar auch keineswegs lässig zu Werke gegangen: Über 18 Monate feilten Sie in acht verschiedenen Studios an den Liedern. Macht so viel Aufwand die Musik besser?
Martin: Quatsch. Aber warum müssen wir uns für die Mühe rechtfertigen? Ich hätte es schlimm gefunden, etwas abzuliefern, von dem wir das Gefühl gehabt hätten, es sei nicht gut genug. In jeder ernstzunehmenden Industrie werden in aller Ruhe Prototypen entwickelt. Die werden dann getestet - und wenn etwas nicht stimmt mit ihnen, werden sie zurückgezogen und nachgebessert. Erst dann kommt das Produkt auf den Markt. Genauso halten wir es mit unseren Liedern.
SPIEGEL: Immerhin ließ die Ankündigung, dass sich die Veröffentlichung Ihres neuen Albums etwas verzögern würde, im Februar den Aktienkurs Ihrer Plattenfirma EMI gleich um ein paar Prozent einbrechen. Belastet so etwas nicht die Künstlerseele?
Martin: Wir haben eine tolle Plattenfirma mit Leuten, die uns die Dinge in Ruhe zu Ende bringen lassen. Vielleicht gibt es dort Menschen, die gern noch schneller Geld verdienen möchten. Aber uns gegenüber waren sie bisher immer sehr verständnisvoll.
SPIEGEL: Viele Lieder Ihres neuen Albums handeln von Verlust und Tod. Stimmt es, dass Sie den melancholischen Song "'Til Kingdom Come" ursprünglich für Johnny Cash verfasst haben?
Martin: Ja, das ist richtig. Er wollte ihn mit seinem Produzenten Rick Rubin aufnehmen, aber dazu kam es leider nicht mehr. Als ich den Song schrieb, habe ich versucht, mich in seine Lage zu versetzen, und auch als ich ihn selbst aufnahm, schraubte ich meine Stimme runter und malte mir aus, wie es ist, den Tod vor Augen zu haben. Ich finde, man kann sich auf den Tod nicht früh genug vorbereiten. Ich bin zwar erst 28 Jahre alt, aber ich könnte jeden Tag von einem Auto überfahren werden. Das Leben ist gefährlich.
SPIEGEL: Klingt sehr weise und abgeklärt. Trotzdem hört man, dass Sie manchmal doch aus der Haut fahren und sogar mal einen Fotografen geschlagen hätten, der Ihnen und Ihrer Gattin, der Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow, nachstellte.
Martin: Ich habe niemanden verprügelt. Das haben viele Zeitungen geschrieben, es ist aber wie das meiste, das über uns zu lesen ist, frei erfunden. Ich beklage mich nicht, das wäre elend. Aber manche Fotografen sind schlimme Typen. Sie jagen wie auf einer großen Safari hinter Menschen wie mir und meiner Frau her, als wären wir Büffel und zum Abschuss freigegeben. Manchmal wünsche ich mir schon, ich würde im Mittelalter leben und könnte mir solche Kerle mit einem Schwert vom Leib halten. Aber damit sind wir wieder beim Größenwahn.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,
WOLFGANG HÖBEL
Von Christoph Dallach und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 24/2005
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