13.06.2005

ARCHÄOLOGIEIm Reich der Waldkönige

Sie umhüllten ihre Toten mit Kautschuk und schwitzten in Dschungelsaunas: Ruinen im Regenwald liefern neue Details über Aufstieg und Fall der Maya. Auch deutsche Archäologen arbeiten in Guatemala. Doch Raubgräber sind meist schneller. Dem kulturellen Erbe droht irreparabler Schaden.
Flink läuft Fredi Baldison durch den Tropenwald. Er hat einen Tipp von Arbeitern bekommen, die in abgelegenen Gebieten Saft von Kaugummibäumen abzapfen. Es ist sechs Uhr morgens. Nebel liegt über dem dichten Grün. Hart fährt die Machete des Fahnders ins Blattwerk.
Nach zwei Stunden Marsch in nordöstliche Richtung öffnet sich der Dschungel. Schweißnass steht der Mann vor getreppten Bauten. Er sieht eine Zisterne. Ein steiler mit Gestrüpp übersäter Hügel entpuppt sich als Sternwarte.
Baldison ist Mitarbeiter des "Triángulo Cultural", das im Tiefland Guatemalas nach den Spuren einer der erstaunlichsten Hochkulturen des Erdkreises sucht. 308 Personen gehören dem Unternehmen an: Ethnologen, Bauingenieure, aber auch Köche und Helfer, die bei 35 Grad Hitze rote Schubkarren mit Geröll füllen.
Hunderte Ruinen liegen in der Umgebung. Baumwurzeln halten Steinwände im Klammergriff. Prozessionsstraßen und riesige Pyramidenstümpfe modern im feuchten Grab des Urwalds.
"Hier war einst der Ruhrpott der Maya", erklärt der Ausgräber Oscar Quintana. Mit Fördergeldern der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt versucht das Team nun, die verfallenden Tempel zu sichern.
Etwa 1200 Quadratkilometer ist der Archäopark groß - gefüllt mit 113 Großstädten, Unterzentren und Dörfern. Die Forscher sind in Grabkammern vorgedrungen. Sie haben Frösche aus Stein geborgen, lilafarbene Steindolche und ein königliches Skelett: Ein anderer Leichnam war mit Zinnober bestrichen.
Und immer wieder stoßen sie auf Ruinen, die noch in keinem Lehrbuch stehen. Er arbeite "an der Front zum Unbekannten", sagt Quintana: "Allein in diesem Jahr haben wir schon zehn neue Orte entdeckt."
Schrittweise enthüllt sich so die wahre Topografie eines Rätselvolks, das zwischen 300 und 900 n. Chr. seine Blütezeit erlebte. Rund 50 Stadtstaaten erhoben sich einst im gerodeten Tropenwald. Regiert wurden sie von Ch''ul Ahaws, "heiligen Herrn", die zweizipfelige Lendenschurze trugen und sich in schmerzhaften Ritualen dornenbewehrte Schnüre durch die Zungen rissen. Die Blutentnahme war ihre wichtigste liturgische Handlung.
Maya paddelten im Karibischen Meer, sie sagten Mondfinsternisse vorher. Ihre Städte, meist auf Hügeln errichtet, waren mit Mörtel verputzt und bunt angemalt. Nachrichten übermittelten sie mit Spiegeln aus Obsidian oder mit Rauchzeichen. Bei Gefahr ertönten Muschelhörner.
Voller Zauberei war diese Welt, jedes Ding galt als beseelt. Diese Einwohner Altamerikas konnten kein Metall schmelzen, sie nutzten weder Flaschenzug noch Rad. Gleichwohl erschufen sie steil aufragende Pyramiden. Die von El Mirador war 72 Meter hoch.
Von Mexiko bis nach Honduras ziehen sich die Spuren. Vieles ist unberührt und von dichter Flora überwuchert. "Wir haben hier Arbeit für tausend Jahre", erklärt Quintana. Doch es gibt auch andere Grabungsteams im Land. Über 30 Gruppen sind im Reich der Edel-Indianer tätig. Zu den spannendsten Funden gehören
* ein mit Kautschuk verschmiertes Mumienbündel - Hinweis auf eine Balsamierung wie in Ägypten;
* Wandmalereien aus San Bartolo. Sie zeigen einen Mann, der sich mit dem Stachel eines Rochens in den Penis sticht;
* ein Maya-Bauerndorf, entdeckt in El Salvador, das im 6. Jahrhundert unter Vulkanasche versank. Erhalten sind Häuser aus Holz, Geräte und eine Sauna mit Ofen und Sitzbänken.
Aber es gibt auch Düsteres zu berichten. "Noch vor 30 Jahren galten die Maya als sanftmütige Kalendermacher, die von ihren Sternwarten aus den Lauf der Venus verfolgten", erklärt Berthold Riese von der Universität Bonn. Das Gegenteil ist der Fall: Gewalt bestimmte den politischen Alltag Altamerikas.
Heere federgeschmückter Krieger mit Feuersteinlanzen, Schilden und Helmen
aus Hirsch- oder Nabelschweinleder zogen einst plündernd und Tribute fordernd durch den Petén: das unwegsame Tiefland Guatemalas. Zahllose Türstürze und Stelen sind mit Hieroglyphen übersät. Es sind fast alles Propagandatexte, die vom Krieg handeln.
Zwei führende Maya-Schriftexperten, Simon Martin (London) und Nikolai Grube (Bonn), haben die Vielzahl an Kampfberichten und Thronbesteigungen nun zu einer Chronik verzahnt. Langsam bildet sich eine klare Landkarte heraus, ein Who''s who? im Tropenland*.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Indianer in zwei Machtblöcke gespalten waren. Ähnlich wie im antiken Griechenland mit Athen und Sparta standen sich zwei Städte gegenüber. Der Ethnologe Riese vergleicht die Lage mit dem "Kalten Krieg und der Feindschaft USA - Sowjetunion".
Die eine Supermacht, so viel ist klar, war Tikal, deren Ruinen noch heute monumental aus dem Regenwald ragen. Jährlich 250 000 Besucher lockt der Ort an. Ein Tempel ist 65 Meter hoch. Über eine steile Holzstiege krauchen die Gäste bis zur Spitze.
Der große Gegenspieler dagegen blieb den Forschern lange verborgen. In den Texten heißt er nur "Kaan" oder "Königreich der Schlange". Erst durch die Entzifferung einer sogenannten Emblemglyphe gelang der Durchbruch. Tikals politischer Rivale war Calakmul.
Calak-wie? In den Touristenkreisen der westlichen Welt ist dieser Name noch weitgehend unbekannt.
Das hat seinen Grund. Lianen wuchern auf den Sternwarten und Tempeln dieser
einst übermächtigen Stadt. Brüllaffen turnen herum - eine Szene wie bei Mogli im "Dschungelbuch".
Erst seit den neunziger Jahren ist die oberste Antikenbehörde Mexikos (INAH) vor Ort und macht klar, was Sache ist: Calakmul erstreckte sich auf einer Fläche von 30 Quadratkilometern und besaß 117 Kolossalbauten. Die größte Pyramide hat eine Seitenlänge von 120 Metern. Am Stadtrand erhob sich ein Meer aus Holzhütten, in denen Jadeschleifer, Federschmuckmacher und einfache Maisbauern lebten.
Im sakralen Zentrum der Stadt stand einst das Pentagon Altamerikas - eine Art Kriegsministerium. Immer wieder versetzten sich die Könige Calakmuls durch Selbstverstümmelung in Trance, um das Portal ins Jenseits aufzustoßen und die "Visionsschlange" hervorzulocken. Sie war der Verbindungsweg, auf dem die Ahnen ins Diesseits gelangten und die geplanten Kriegszüge absegneten.
Unter Häuptlingen wie "Erster Axtschwinger" und "Gerollte Schlange" kam es zu blutrünstigen Schlachten. 599 n. Chr. fiel die Armee über Palenque her. Alle Adligen wurden getötet.
Erst im Jahr 695 gelang Tikal der Gegenschlag. Calakmuls Regent "Jaguartatze" geriet in Gefangenschaft. Was für ein Triumph! Grausam wurde der Würdenträger seines Edelkostüms beraubt, aufs Tempeldach geschleift. Andere Opfer wurden mit dem Obsidianmesser geköpft, rote Fontänen schossen hervor.
Götter brauchen Blut zum Leben - es ist diese unbarmherzige religiöse Idee, welche die Maya in eine moralische und politische Sackgasse führte. Für Gnadengesuche war in ihrer Welt kein Platz. Von Kopaldampf und Zigarrenqualm umnebelt und den Absud aus dem Giftschleim der Kröte Bufo marinus trinkend, entfachten die rivalisierenden Herrscher immer neuen Streit. Um
das Jahr 800 setzte im Reich der Tortilla-Esser eine Götterdämmerung ein. Das Kerngebiet der Maya versank in Mord und Totschlag.
Doch auch hier hält der Dschungel neue Ergebnisse parat. "Kommen Sie!", sagt Quintana und besteigt einen Geländewagen. Der Pick-up juckelt über eine schlammige Waldpiste. Die Fahrt nervt. Es geht Richtung Nakum. Endlich tut sich eine Lichtung auf. Arbeiter stehen neben einem zerzausten Steintrumm, auf dem Bäume wuchern.
Was da mal war? Quintana zeigt auf meterdicke Mauern: "Das ist ein Königspalast, und zwar einer der größten, den wir bisher kennen." Der Clou: Das Schloss wurde erst um 950 n. Chr. gebaut. Zu der Zeit war der Rest des Reiches bereits eine Trümmerwüste.
Nakum weist eine weitere Besonderheit auf. Die Stadt, bewohnt von vielleicht 20 000 Menschen, hat nur wenige Tempel. Fast scheint es, als hätten die Priester am Ende an Ansehen verloren und die Könige die Religion zurückgedrängt.
Der Königspalast wirkt dafür umso protziger. An seiner Hauptfront befanden sich 73 schmale Einlässe, an denen einst Wächter standen. Die Forscher haben einen Verwaltungstrakt mit 38 Schreibstuben entdeckt. Es gab Küchen, herrliche Innenhöfe und ein Schwitzbad.
Der Regent selbst lebte in 20 Meter Höhe auf einer abgeplatteten Pyramide hoch über den Baumwipfeln. Seine Schlafstube war kaum vier Quadratmeter groß und schwarz gestrichen. Statt Türen gab es Vorhänge.
Wenn dieser letzte Edel-Indio zur Morgentoilette schritt, erklangen Flöten aus Keramik. Diener reichten ihm Mineralseife. Gekocht wurde im Freien. Der Hofstaat saß im Schneidersitz unter bunten Baldachinen. Wollte der König das Schloss verlassen, bestieg er einen tragbaren Thron.
All das fasziniert. Immer mehr Besucher strömen in den mexikanischen Busch. Palenque verzeichnete im vergangenen Jahr 500 000 Gäste. Das postklassische Chichen Itza mit seinen steilen Riesenbauten (die der Mitarbeiter Dieter Richter in eine Linie mit der "Architektur Adolf Hitlers" stellt) lockte im vorigen Jahr sogar drei Millionen Besucher an.
Aber auch Guatemala zieht langsam nach. Derzeit wird Yaxha für den Tourismus flottgemacht. Maurer haben Wege angelegt und die Tempel teilweise rekonstruiert.
Quintana nennt das "kulturelle Prostitution". Er habe Yaxha opfern müssen, "weil unsere Regierung Geld braucht". Ihn ärgert vor allem, dass von der US-Kreditbank für Entwicklungshilfe bezahlte Architekten die zerbröselten Tempel aufmauern lassen. "Es ist wie in Chichen Itza: das reine Disneyland."
Hauptproblem aber bleibt die Plünderei. Der Staat Guatemala, klein und finanzschwach, erlebt seit langem einen schmählichen Ausverkauf seines Kulturerbes.
Bereits die spanischen Eroberer gingen mit den Hinterlassenschaften der Maya (Durchschnittsgröße der Männer: knapp 1,60 Meter) nicht zimperlich um. Die Indios schrieben auf Papier aus weichgeklopftem Bast, den sie in Kalkmilch getränkt hatten. Die Spanier verbrannten ihre Bibliotheken.
Danach fiel tiefes Vergessen auf das Land. Erst im 19. Jahrhundert trafen die ersten Gelehrten und Abenteurer aus Europa ein.
Dann nahmen US-Archäologen das Heft in die Hand - und begingen neue Sünden. Noch in den fünfziger Jahren schlugen sie mit Bulldozern Schneisen durch die Ruinen. In Tikal wurde der Tempel 33 komplett abgerissen, um seine Schichtung im Inneren zu studieren.
Zeugen dieser Brachialtaten gab es kaum. Das Tiefland Petén war jahrhundertelang unbewohnt. Erst in den sechziger Jahren lotste die Regierung Siedler in das menschenleere Gebiet. Mit dem Ergebnis: Während die Ausgräber unverdrossen in den Kosmos Altamerikas vordrangen (und immer neue Sensationsmeldungen herausposaunten), gingen die vor Ort lebenden Bauern im Dickicht auf Klautour.
So kam ein Karussell aus Raub und Begierde in Gang, das sich bis heute dreht. Ungeniert deckten sich viele US-Museen ein. Das Duke University Museum in
Durham, North Carolina, das Dumbarton Oaks in Washington oder die Metropolitan-Sammlung in New York strotzen von Pretiosen "unbekannter Herkunft".
Die Ausfuhr erfolgte meist über die geheimen Landebahnen der Drogenbarone. Und der Ausverkauf hält an. "Es werden auch Hubschrauber benutzt", erzählt Quintana. Erst im vergangenen Februar drangen Bewaffnete in das Grabungscamp von Yaxha ein und entwendeten die Stele 7.
Schlimmer ist der Verlust von Grabschmuck aus der Pyramide Nummer 216. Mit Maschinengewehren kamen nachts Gauner und bedrohten den Wächter.
Weil die USA mittlerweile die Konvention der Vereinten Nationen zum Schutz von Kulturgütern unterzeichnet haben, wird die schwarze Ware nun auf Umwegen in den gefräßigen Kunstmarkt eingespeist. Sie geht zuerst nach Belgien - ein Land, welches das Schutzabkommen nicht unterzeichnet hat.
Der Forscher Grube besuchte jüngst einen Multimillionär in Phoenix, Arizona. "Er zeigte mir eine Maske, hergestellt aus Jade, dem grünen Gold der Maya", erzählt er, "so was Schönes habe ich noch nie gesehen."
Erlesenes hortet auch der Bankier Lewis Ranieri. Neben seiner Villa in Crystal River, Florida, liegt sein privater Schauraum. Wissenschaftlern gewährt er zuweilen Einlass. Ein Insider: "Dort liegt die feinste farbige Maya-Keramik überhaupt."
Im Moment kursieren in der Szene Fotos von Schnitzereien tanzender Könige. Sie wurden Anfang der neunziger Jahre gestohlen. Im Hintergrund ist ein Gewölbe zu sehen. Es könnte der Keller einer Schweizer Bank sein.
"Alles Banditen, und wir kriegen nichts zurück!" Lautstark haut Quintana auf den Tisch. Ihn schmerzt vor allem der Verlust einer 1400 Jahre alten Maske aus Rio Azul, deren Zunge aus einem Haifischzahn besteht. Wahrscheinlich um 1980 gestohlen, tauchte die Prunklarve in Barcelona wieder auf. "Wir haben die Vereinten Nationen und unsere Polizei eingeschaltet", erzählt der Archäologe. Ohne Erfolg.
So bleibt den Guatemalteken nur, das Ausmaß des Schadens zu ermitteln. Über 3000 Raubstollen haben sie vermessen. Selbst abgelegenste Maya-Orte, die noch nie ein Forscher betreten hat, sind zerlöchert wie Termitenhaufen. Den Rekord hält die Akropolis von La Muralla. Dort klaffen über hundert Suchtunnel.
Dabei täte Aufklärung Not. Noch immer gibt das architektonische und spirituelle Vermächtnis Mesoamerikas Rätsel auf: Viele Fragen sind ungeklärt:
* Warum bauten die Maya schnurgerade Straßen ("Sakbes"), ohne Zugtiere noch Karren zu kennen? Die längste dieser Busch-Autobahnen ist 100 Kilometer lang.
* Wie lauteten die Regeln des Ballspiels, bei dem offenbar auch Menschenköpfe herumkollerten?
Immerhin sehen die Forscher inzwischen klarer, warum die Hochkultur am Ende unterging. Alles begann damit, dass die Maya zu Beginn der klassischen Epoche von Fremdlingen überfallen wurden. Es waren Leute aus Teotihuacan, die das Reich überrannten.
Teotihuacan, genannt "das Rom Altamerikas", lag etwa tausend Kilometer weit entfernt nördlich im Hochland Mexikos. Rund 200 000 Menschen lebten dort am Fuß einer Sonnenpyramide. Es ist das größte antike Bauwerk des Kontinents.
Die Kaufleute aus dieser Superstadt zogen weit umher. Ihr begehrtes grünes Vulkanglas verkauften sie bis tief in den Süden. Nun aber zeigt sich: Die Ur-Mexikaner drangen auch mit Waffengewalt in den Petén ein. "Im Jahr 378 haben Soldaten aus Teotihuacan Tikal erobert", erklärt Grube.
Wenige hundert Krieger reichten offenbar aus, um mindestens drei Großstädte zu erstürmen. Die Invasoren stießen die alten Herrscher vom Thron und setzten eigene Prinzen ein - eine Art Staatsstreich.
Auf der Stele 5 aus Uaxactun ist einer der Heerführer abgebildet. Rechts hält er eine mit Obsidianklingen besetzte Keule in der Hand. Auf seinem Kopf wölbt sich ein Turban, am Gürtel hängt ein Federschweif - die Kriegstracht der Teotihuacaner.
Es sind diese Ausländer, die den Maya offenbar ein straffes Gottkönigtum und eine neue und weit brutalere Form der Kriegsführung beibrachten. Bis dahin hatten die Kakaotrinker ihre Streitigkeiten eher rituell ausgelebt. Vergleichbar den Ritterturnieren im Mittelalter, traten sich die Adeligen in Zweikämpfen entgegen. Das änderte sich nun, es kam zu Massengefechten.
Wandgemälde zeigen große Gruppen mordender Soldaten. Gefangene kauern
gefesselt am Boden, sich hilflos gegen ihr Schicksal auflehnend. Der amerikanische Anthropologe David Webster unterstellt den Maya eine "fast krankhafte" Lust auf Gefechte. Dies habe schließlich in den Untergang geführt.
Unstrittig ist, dass um 800 n. Chr. die Klassik mit einem schlimmen Misston ausklang. Nach Jahren des Aufschwungs hatte sich die Bevölkerung stark vermehrt. Um die 500 000 Untertanen lebten allein im größten Königtum Tikal.
Doch dann ging es jäh bergab. Zuerst bröckelte es im Westen. 799 n. Chr. wurde in Palenque die letzte Schriftstele aufgestellt. Stadt um Stadt verstummte. Um 900 war das Kernland zerfallen. In den Kalksteintempeln nisteten Fledermäuse.
Seuchen und Vulkanausbrüche wurden für das "schreckliche Schicksal" (US-Experte Patrick Culbert) verantwortlich gemacht. Einige meinten gar, die tabakrauchenden Urwäldler seien von den Wikingern verjagt worden. Doch die neueren Analysen rücken immer mehr interne politische Faktoren in den Vordergrund.
Da wäre zum einem der Hochadel, der sich immer mehr aufblähte. Es bildete sich ein "elitärer Wasserkopf" (Grube). All diese Nichtstuer mussten von den Bauern durchgefüttert werden. Muscheln schlürfend saß die feine Gesellschaft unter Sonnenschirmen. Mit angefeilten Zähnen und Jadeschmuck im Gebiss verspeiste sie geröstete Leguane. Hofzwerge reichten Tonbecher mit Kakao.
Zugespitzt hat sich die Lage durch Dürren. Das Geoforschungszentrum Potsdam hat die Klimageschichte vor der Küste Venezuelas untersucht. Demnach kam es 810, 860 und 910 n. Chr. jeweils zu mehrjährigen Trockenperioden. Mais und Bohnen verdorrten auf den Feldern.
Ruppige Verteilungskämpfe waren die Folge, bei denen alle moralischen Standards fielen. Mit "ungehemmter Gewalttätigkeit", so der Brite Simon Martin, hätten sich die Armeen nun gegenseitig zerfleischt. Die Archäologen fanden Brandspuren und Massengräber. Darin lagen Opfer mit gehäuteten Gesichtern.
Gleichwohl sind längst nicht alle Fragen geklärt. Nakum beweist, dass noch um 950 n. Chr. Bauprogramme angeschoben wurden. Umgeben von Trümmern saßen die Könige Zigarren schmökend in einem Luxusschloss und lauschten lieblichem Flötenspiel.
Die Wissenschaftler des "Triángulo Cultural" haben noch viel zu tun. Jeden Tag schwärmen die Arbeiter aus. Niemand weiß, wie viel Totenköpfe und Jadeketten noch im Tropenwald verborgen sind.
Als Schirmherr eines "bedrohten Erbes" fühlt sich Quintana, das erst zu einem Bruchteil entdeckt sei. Der Mann, der mit zerfurchter Stirn im Grabungscamp von Yaxha sitzt, weiß, wie schwer sein Job ist. "Jeder Weg, den wir zu den Ruinen schlagen, erhöht unser Wissen über die mesoamerikanische Hochkultur", sagt er.
Dann fügt er hinzu: "Aber auf demselben Pfad schleppen die Diebe die Schätze weg." MATTHIAS SCHULZ
* Dargestellt ist der "Herrscher B" von Tikal (734 bis 746 n. Chr.). * Simon Martin und Nikolai Grube: "Chronicle of the Maya Kings and Queens". Verlag Thames & Hudson, London; 240 Seiten; 19,95 Pfund. * Oben links ist die berühmte Sonnenpyramide zu erkennen.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 24/2005
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