13.06.2005

FUSSBALLDer Aufstieg des Taxifahrers

Unter dem neuen Trainer José Pekerman hat sich der Führungsstil im argentinischen Nationalteam geändert: Die Elf, nächste Woche beim Konföderationen-Pokal Gegner der Deutschen, lebt ihren Spieltrieb wieder aus. Zugleich mahnt der Coach die Fans zu landesuntypischer Bescheidenheit.
Das Stadion Monumental in Buenos Aires war längst geräumt, doch die Luft in der riesigen Betonschüssel flirrte noch immer, als wäre sie elektrisch geladen. Fast 50 000 Menschen hatten am vorigen Mittwoch in der Arena eine Spannung erzeugt, die sich so schnell nicht abbaute. Sie hatten sich mitreißen lassen von dem "Clásico" zwischen Argentinien und Brasilien, einem Fußballspiel wie einem Naturereignis. Es war großer Sport und großes Theater.
Ein Mann indes schien von den Gefühlswallungen unberührt. In einem stickigen Raum unter der Haupttribüne saß eine gute Stunde nach dem Schlusspfiff der argentinische Trainer José Nestor Pekerman, hohle Wangen, strähnige Haare, gräuliches Gesicht, und erklärte, wie das 3:1 seiner Mannschaft gegen den fünffachen Weltmeister zustande kommen konnte. Jedes Wort war abgewogen. Die Sätze bildeten einen sonderbaren Kontrast zu der fiebrigen Atmosphäre, die die vor ihm lauernden Journalisten verströmten. Es war eine magische Nacht, die Reporter brauchten Futter für ihre Schlagzeilen, sie hofften auf knackige Zitate.
Doch der hagere Coach, der in Schlips und Trainingsjacke auf dem Podium saß, ließ sich nicht locken. Er sezierte die entscheidenden Szenen und sprach trocken von der "taktischen Intelligenz" seiner Spieler. Dann stand er auf und ging, als hätte er mit seinem Reserveteam gerade ein Testspiel gegen eine Amateurauswahl aus Chacabuco gewonnen.
Dabei hatte sich die argentinische "Selección", die am Dienstag kommender Woche in Nürnberg Gegner der deutschen Nationalmannschaft beim Konföderationen-Pokal sein wird, mit dem Sieg im Prestigeduell gegen Brasilien als erstes südamerikanisches Team für die WM 2006 qualifiziert - ein Erfolg, der auch für Pekerman, 55, einer Zäsur gleichkommt.
Bei seiner Amtseinführung vor knapp neun Monaten zweifelten viele seiner Landsleute noch an seinen Führungsqualitäten. Nun wird der ehemalige Profikicker, der nach Beendigung einer bescheidenen Karriere
Ende der siebziger Jahre seine Familie in Buenos Aires eine Zeit lang als Taxifahrer ernährt hat, als der Mann gefeiert, der das Zeug hat, dem fußballbesessenen Argentinien nach 20 Jahren endlich wieder den WM-Titel zu bescheren.
Das ist bemerkenswert, weil Pekerman nicht der Wunschkandidat für den heiklen Job war. Nach dem überraschenden Rücktritt des exzentrischen, gleichwohl populären Nationaltrainers Marcelo Bielsa, der die Olympia-Auswahl bei den Spielen 2004 zu Gold geführt hatte, galt Startrainer Carlos Bianchi, 56, als Retter in der Not.
In sämtlichen Umfragen lag Bianchi weit vorn, und fast alle Medien hofierten ihn. Erstaunlich war das nicht, denn Bianchis Reputation in Argentinien ist beispiellos. Der frühere Coach von Vélez Sarsfield und Boca Juniors, eine Art südamerikanischer Ottmar Hitzfeld, hatte den Traditionsclubs zwischen 1993 und 2003 zu beeindruckenden Titelkollektionen verholfen: Bianchi gewann dreimal den Weltpokal, viermal die Copa Libertadores, das lateinamerikanische Pendant zur Champions League, und sieben Landesmeisterschaften.
Doch Bianchi, der möglichst jeden Nachmittag zum Gebet in die Kirche geht, sagte dem argentinischen Fußballverband (AFA) aus "familiären Gründen" ab. In Wahrheit hatte der eitle Coach, der vorige Woche einen Vertrag beim spanischen Erstligisten Atlético Madrid unterschrieb, ein persönliches Problem mit einem anderen Egozentriker - dem AFA-Boss Julio Grondona, 73, der seit 1979 im Amt ist und der von seinem abgedunkelten Büro im Zentrum von Buenos Aires aus im Stile eines Paten die Geschäfte führt.
Grondona, der am kleinen Finger seiner linken Hand einen goldenen Siegelring mit der Inschrift "Todo pasa" ("Alles geht vorüber") trägt, handelte umgehend - und ernannte noch am Tag von Bianchis Absage José Pekerman zum neuen Chef der Nationalmannschaft. "Wer ist Pekerman?", lästerte daraufhin César Luis Menotti, der das Land als Trainer zum ersten WM-Triumph 1978 geführt hatte.
Die gallige Bemerkung war durchaus verständlich. Sie hatte weniger mit den fachlichen Qualitäten des Neuen als vielmehr mit einem von Menotti unterstellten Autoritätsproblem zu tun: Wie sollte sich Pekerman, der niemals zuvor ein Profi- oder Nationalteam trainiert hatte, im Kreise millionenschwerer Kicker durchsetzen, die bis auf wenige Ausnahmen bei den besten europäischen Clubs unter Vertrag stehen und als verhätschelte Topstars zu den Länderspielen anreisen?
Einen Namen hatte sich Pekerman zwischen 1994 und 2002 lediglich mit der Ausbildung und Betreuung der landesbesten Nachwuchskicker gemacht. Die acht Jahre, in denen der detailbesessene Coach zunächst für das U-20-Team und später als Sportdirektor für sämtliche Auswahlmannschaften verantwortlich war, gerieten für den argentinischen Fußball immerhin zu einer großen Epoche: Dreimal - 1995, 1997 und 2001 - gewannen seine Teams die U-20-WM.
Die "Peker-Boys" wurden eine Marke, und fast alle Spieler, die heute im argentinischen Nationalteam stehen, verdanken ihre internationale Laufbahn zu großen Teilen dem heutigen Cheftrainer. Und so ist, anders als Menotti es prophezeite, Pekerman der Respekt seiner Stars von Anfang an sicher gewesen - auch wenn er unmittelbar nach seiner Berufung kundtat, dass "keiner von mir bevorzugt wird, nur weil er in früheren Zeiten in meinem Konzept eine tragende Rolle gespielt hat".
Die Gefolgschaft der Cracks hat auch damit zu tun, dass Pekerman eine andere Spielauffassung vertritt als sein Vorgänger. Bielsa ordnete seine Akteure einem rigiden taktischen System unter und ließ sein Team nach europäischem Vorbild Kraft- und Ausdauerfußball spielen. Zuweilen kehrten die argentinischen Stars geschlaucht von ihren Einsätzen nach Europa zurück, gestresst auch von den Nebenwirkungen des legalen, muskelaufbauenden Stoffwechselprodukts Kreatin, das Bielsa ihnen verabreichen ließ.
Pekerman hat mehr Sinn für Kreativität. Er verlangt keine Attacken und Spielzüge im Hochgeschwindigkeitstempo, dafür mehr Finesse und technische Dominanz. Stellvertretend für den Stilwechsel steht der Mittelfeldregisseur Juan Román Riquelme vom spanischen Erstligisten FC Villareal, der auf der zentralen Position Juan Sebastián Verón von Inter Mailand verdrängt hat.
Riquelme bewegt sich langsamer als Verón, ist auf dem Platz nicht allgegenwärtig und kombiniert nicht so mechanisch. Dafür sind seine Aktionen phantasievoller und überraschender. "Die Mannschaft spielt wieder den historischen Stil Argentiniens, der den Leuten besser gefällt", sagt der Stürmer Carlos Tevez, und sein Sturmpartner Javier Saviola sekundiert: "Wir haben mehr Freiheit auf dem Platz als unter Bielsa." Die Zeitenwende, die Pekerman auf
dem Spielfeld eingeläutet hat, flankiert er mit unbequemen Betrachtungen über den argentinischen Fußball. Die Botschaft lautet: Wir gehören noch immer zu den Besten der Welt, aber es gibt mindestens ein Team, das etwas besser ist. Hören möchte das eigentlich niemand am Río de la Plata. Es ist das Phänomen Maradona, das Argentiniens Fußballfans seit Jahren den Blick auf die Gegenwart verstellt. Keine Figur ist in dem Land medial derart präsent, es gibt kein Thema, zu dem der Nationalheld nicht den Daumen heben oder senken würde, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Sender Maradonas phantastisches Dribbling gegen England zeigt, das mit einem Tor endete und das Argentinien den Weg zum Titel in Mexiko ebnete.
Nur: Das war im Juni 1986. Seither haben die WM immer nur andere gewonnen.
"Dieser Tatsache müssen wir uns stellen", sagt José Pekerman. Er sitzt in einem Konferenzraum des Trainingszentrums in Ezeiza, einer großzügigen Anlage für die Nationalspieler unweit des internationalen Flughafens von Buenos Aires. Pekerman trägt ein helles Hemd, einen Trainingsanzug in den argentinischen Landesfarben Hellblau und Weiß, dazu Turnschuhe - seine bevorzugte Kluft, wenn er bei der Arbeit ist. Er redet vom Selbstverständnis des argentinischen Fußballfans, dem eine gewisse Überheblichkeit zu Eigen sei; er redet von der "Phase des Übergangs", in der sich seine Mannschaft befinde; und er redet davon, dass Argentinien "nicht mehr so viele unumstrittene Stars" habe.
Anfang voriger Woche vor dem Südamerika-Klassiker, als die Polizei den Verkauf der letzten Karten angesichts wahnwitzig langer Warteschlangen sichern musste, hatte der Freidenker die Öffentlichkeit in einem Interview zudem mit der Erkenntnis irritiert, dass Brasilien "momentan eine kleine Stufe über allen anderen Mannschaften steht". Ein einfacher Satz, der viel Wirbel machte im Land. Doch Pekerman verteidigte seine Haltung: "Ich bin gern Realist und objektiv."
Sein Redefluss wird unterbrochen von einer jungen Frau. Sie stellt sich kurz vor und hält ein T-Shirt in der Hand mit dem Aufdruck "Auch Lesen ist eine Leidenschaft", eine Kampagne der Regierung, die Jugendliche für Bücher begeistern soll. Ob er sich das Hemd schnell überziehe und sich fotografieren lasse, fragt die Frau.
Pekerman willigt ein. Auch er hat Büchern viel zu verdanken. Seine bevor-zugte Lektüre: Fachliteratur aus der Soziologie.
Aufgewachsen ist Pekerman in Holt Ibicuy, einem Eisenbahnernest 80 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Sein Vater führte eine Bar, in der er als Junge häufig hinter dem Tresen stand und Eis verkaufte. Auch nachdem seine Eltern in die Hauptstadt umgezogen waren und eine Pizzeria eröffnet hatten, sprang er nicht selten beim Bedienen ein. Seine erste Reise nach Buenos Aires machte er in einem kleinen Motorboot über den Río Paraná. Seine Eltern besaßen kein Auto, eine Busverbindung nach Holt Ibicuy gab es noch nicht, und der Zug hatte an manchen Tagen bis zu acht Stunden Verspätung.
Anders als viele Protagonisten des argentinischen Fußballs, die ebenfalls aus bescheidensten Verhältnissen kommen und die mit ihren schnell verdienten Millionen nun ein Leben wie auf einem anderen Planeten führen, hat José Pekerman seine Herkunft nicht verdrängt.
Er fährt mit einem Peugeot 206 zum Trainingszentrum nach Ezeiza, er teilt die 48 000 Dollar Monatslohn - einen Bruchteil dessen, was seine Spieler kassieren - unter mehreren Mitarbeitern seines Trainerstabs auf. Und er lebt weiterhin in Hurlingham, einer gutbürgerlichen Vorstadt im Westen von Buenos Aires.
An dem Morgen im vorigen September, an dem Grondona ihn zum Nationaltrainer machte, verbrachte Pekerman mehrere Stunden plaudernd in seinem Vorgarten. Freunde und Nachbarn, die die Nachricht gehört hatten, waren spontan vorbeigekommen, um ihm zu gratulieren. Höflich nahm er ihre Glückwünsche entgegen. Eine ältere Dame drückte ihm ein Heiligenbild an die Brust und sagte: "Machen Sie es gut, José, Gott und die Jungfrau mögen Ihnen beistehen."
Zumindest das Publikum hat Pekerman nun schon auf seiner Seite, was in Argentinien eine Menge wert ist. "Es el equipo de José" ("Das ist die Mannschaft von José"), sangen die Fans gegen Brasilien verzückt - das größte Kompliment, das sie Pekerman machen konnten. MICHAEL WULZINGER
* Beim Verkauf der letzten Tickets für das Brasilien-Spiel am vergangenen Montag.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 24/2005
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