10.10.1977

KOLONIALISMUSFeuer In den Himmel

Weil eine deutsche Privatfirma auf Pacht-Gelände in Afrika -- von Bonn unbehelligt -- Raketen erprobt, gerät die Bundesregierung in Verdacht, sie unterstütze Neo-Kolonialismus und heimlichen Waffenexport.
Bei einem Krimsekt-Frühstück zu Ehren des Präsidenten der Volksrepublik Angola, António Agostinho Neto, verlas KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew die gewohnten Propaganda-Sprüche. Wie vor Gästen aus Afrika üblich, prangerte er "die Imperialisten" und ihre "fieberhaften Anstrengungen zur Festigung der letzten Bollwerke des Rassismus und Kolonialismus" im schwarzen Erdteil an. Doch nach dieser Pflichtübung empörte sich der Kreml-Herr noch im besonderen.
Zum erstenmal hielt es Breschnew für angebracht, "jenes Raketenversuchsgelände in Zaire" zu erwähnen, das die westlichen Neokolonialisten zu einem "Militärstützpunkt" ausbauen wollten. Spätestens seit dieser Tischrede am Mittwoch vorletzter Woche muß sich die Bonner Außenpolitik mit einem Problem herumschlagen, dessen Dimension die Experten des Hans-Dietrich Genscher bis dahin nicht erkannt hatten.
Seit Monaten richten sich die Kameras sowjetischer Spionage-Satelliten gezielt auf ein Gebiet im Herzen Afrikas, in das Weiße und Schwarze seit kurzem nur noch in Ausnahmefällen mit besonderer Genehmigung vordringen können. Seit einigen Monaten auch kreisen sowjetische Mig-23-Düsenjäger, auf dem Flug von der angolanischen Basis Luanda nach Daressalam, über einem Areal an der Grenze der ehemaligen Kongo-Provinz Katanga, dem heutigen Shaba. Und seit neuestem klären die Amerikaner aus dem Weltraum mit Spezialgerät auf und tauschen ihre Erfahrungen mit den Russen aus.
Das vereinigte Interesse der Weltmächte konzentriert sich auf einen Teil der Republik Zaire, auf eine Fläche von rund 100 000 Quadratkilometern -- etwa so groß wie das Staatsgebiet der fünf afrikanischen Länder Ruanda, Burundi, Gambia, Swasiland und Dschibuti zusammengenommen und fast so groß wie die DDR. Das Gebiet ist fest in deutscher Hand.
Bis zum Jahre 2000 hat die Firma Orbital Transport- und Raketen-AG (Otrag) des Stuttgarter Ingenieurs Lutz Kayser einen Staat im Staate Zaire gepachtet -- samt Hoheitsrechten wie eigener Gerichtsbarkeit und der Befugnis, eigene Wachtruppen aufzustellen oder die Ureinwohner nach Gutdünken zu evakuieren.
Selbstverständlich genießen die deutschen Herren "das uneingeschränkte Nutzungsrecht", diplomatische Immunität, Zoll- und Steuerfreiheit sowie das Privileg, Unbefugten den Zutritt in das Kayser-Reich zu verweigern. Zur Verteidigung des Mandatsgebiets gegen äußere Feinde ist die Armee des zairischen Staatschefs Mobutu Sese Seko verpflichtet.
Ausgestattet mit dieser Machtvollkommenheit, erprobt die Otrag im afrikanischen Busch mit Wissen der Bundesregierung den Einsatz von Trägerraketen: Kayser und seine Crew aus nur 35 Experten haben das Ziel, als erste Privatfirma das Monopol der beiden Weltmächte USA und Sowjet-Union für den Satellitentransport in den Weltraum zu brechen.
Als Vehikel ins All erprobt Kayser ein Raketen-System, das fast ausschließlich aus industriellen Fertigwaren zuammengebastelt ist und pro Abschuß angeblich nur 30 Millionen Mark kosten soll -- nur 50 Prozent von dem,
*Mit Raketenmodell
was bislang die Amerikaner für einen Satelliten-Schuß ins All nehmen.
Der Otrag-Chef träumt davon, daß er schon nach wenigen Jahren "Milliardengewinne" einstreichen wird. Schon jetzt haben 25 Länder der Dritten Welt ihr dringendes Interesse an eigenen Erdbeobachtungssatelliten angemeldet -- "und das sind nur diejenigen, die das auch bezahlen können" (Kayser). Was sich die Entwicklungsländer kaufen wollen, scheint klar: militärische Einsatzbereitschaft der Trabanten.
Kayser zum SPIEGEL: "Der Bedarf an militärischer Aufklärung ist ungeheuer groß. Viele Präsidenten wollen ihre Grenzen kontrollieren und gegnerische Truppen überwachen. Da guckt gerne ein Staatschef dem anderen in die Suppe." Die Himmelsspione können freilich, gleichsam nebenher, auch zivilen Zielen dienen: für die Erschließung von Bodenschätzen, zur Erntebeobachtung oder für Vermessungsarbeiten.
Freimütig gibt der deutsche Raketenbauer zu, daß seine Geschosse, wenn sie wirklich ab 1979 einsatzbereit sein sollten, nicht allein zum Satellitentransport taugen. Bei Reichweiten von "5000 bis 6000 Kilometern" seien theoretisch auch ballistische Schüsse durch den Weltraum von Kontinent zu Kontinent möglich. Kayser: "Wie mit dem Lkw kann man alles befördern, natürlich auch Wasserstoffbomben."
Mag der Otrag-Mann auch noch so sehr versichern, er wolle mit seinen Flugkörpern keine atomare Ware transportieren -- die Weltmächte sind alarmiert. Denn am 17. Mai 1977 um 10.15 Uhr widerlegte der 38jährige Techniker all jene Wissenschaftler, die den Billigraketen bis dahin jede Tauglichkeit abgesprochen hatten. Am selben Tag, als Bonns Außenminister Genscher dem Zaire-Präsidenten Mobutu seine Aufwartung machte und ihm als Gastgeschenk für zehn Millionen Mark Hilfe-Zusagen überbrachte, feuerte die Otrag ihren ersten Probeschuß zehn Kilometer in den Himmel am Aquator.
Das Projektil, zusammengefügt aus vier Pipeline-Stücken, einer Prise Baukasten-Elektronik und angetrieben von einer Mixtur aus Heizöl und Salpetersäure, funktionierte einwandfrei. Beim zweiten Test im nächsten Frühjahr will Kayser 16 Triebwerke bündeln und 60 Kilometer hoch schießen. Ende 1979 soll dann der erste Forschungssatellit mit der "Lufthansa des Alls" (Kayser) spediert werden.
Selbst wenn die hochfliegenden Pläne scheitern sollten -- Genschers Afrika-Politik ist schon jetzt ins Zwielicht geraten. Eben noch bot er sich vor der Uno-Vollversammlung "mit einer neuen Außenpolitik" als Freund und Partner der Dritten Welt an. Jetzt laufen er und die ganze Bundesregierung Gefahr, in West und Ost je nach Bedarf als Kolonialisten oder Militaristen in Verruf zu geraten.
Denn die Bonner ließen zu, daß
* ein deutscher Unternehmer im Stil des 19. Jahrhunderts eine eigene Kolonie gründet und damit die offizielle Afrikapolitik konterkariert; ein Genscher-Berater kleinlaut über den Vertrag: "Das ist reinrassiger Kolonialismus",
* ausgerechnet deutsche Raketenspezialisten in einem der Brennpunkte der Weltpolitik mit Schießgerät hantieren und schwarze Nachbarländer beunruhigen; Angolas Außenminister Paulo Jorge: "Diese deutsche Firma ist eine Bedrohung für unseren Staat",
* nach dem Fall Kappier, der Schleyer-Entführung und dem NS-Spektakel Münchner Bundeswehr-Studenten die antideutsche Propaganda im Ausland mit den Zaire-Raketen brisante Munition nachladen kann. Der entwicklungspolitische Experte der SPD im Bundestag, Uwe Holtz: "Das Ansehen der Bundesrepublik steht auf dem Spiel."
Holtz konnte schon einschlägige Erfahrungen sammeln. Als er vor kurzem dem angolanischen Staatschef Neto im Auftrag des Kanzlers eine persönliche Botschaft überbrachte, in der Helmut Schmidt für eine "Verbesserung der Beziehungen" zwischen Bonn und Luanda warb, verlangte Neto in Sachen Otrag barsch: "Vorher erwarten wir von Ihnen konkrete Schritte."
Da nutzen dem AA die Entschuldigungen wenig, man könne einer deutschen Privatfirma nicht in ein rein privates Geschäft hineinreden. Genschers Staatsminister Klaus von Dohnanyi: "Wir legen Wert auf die Feststellung: Wir haben mit der ganzen Sache nichts zu tun."
Doch auch unter der Ägide des Forschungsministers Dohnanyi förderte der Bund mit kräftigen Finanzspritzen die Entwicklung der Kayser-Triebwerke in Testserien. Bis 1974 zahlte Bonn 4,3 Millionen Mark. Den Wert aller staatlichen Hilfen, die Gratis-Benutzung von Prüfständen eingeschlossen, beziffert Kayser selber auf zehn Millionen Mark.
Wesentlich höhere Beträge fließen von 1974 an der Otrag zu, seit das sozialdemokratisch geführte Land Hessen Kaysers Unternehmen als Abschreibungsfirma anerkannte und damit Großverdienern ermöglichte, statt Steuern zu zahlen ihr Geld vermögensbildend in die Otrag zu investieren. Zwar wird jetzt vor Gericht darüber gestritten, ob dies Rechtens war, aber inzwischen haben sich 600 stille Gesellschafter in der Otrag engagiert und verringern, auf Kosten der Allgemeinheit, bei Verlustzuweisungen bis zu 260 Prozent kräftig ihre Steuerschuld.
Auch das Auswärtige Amt zahlte. Im Auftrag des Bundes flog die Otrageigene Airline "Oras" in diesem Sommer mit ihren beiden Frachtflugzeugen vom Typ "Argosy 660" Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff während der Unruhen in der Zaire-Provinz Shaba von Nairobi aus ins Frontgebiet. Die Firma kassierte dafür 945 000 Mark aus Bonn.
Dann wieder verdient die Otrag am Bund, weil die von ihr aufgekaufte Baufirma Stewering eine Brücke in Zaire betoniert, für die zehn Millionen Mark aus der Entwicklungshilfe bereitstehen. Ein seltsamer Zufall will es, daß dieses Bauwerk über den Lukuga-Fluß mitten in die Otrag-Kolonie führt.
Hauptnutznießer: die deutschen Raketen-Bauer, die ihre Startbasis bald leichter auf dem Landwege erreichen können und dann nicht mehr allein auf ihren Flugplatz am "gespaltenen Hintern", wie das Hochplateau Kapani Tono bei den Eingeborenen heißt, angewiesen sind.
Auch durch Untätigkeit förderte Bonn das Kayser-Manöver in Zaire. Denn die Otrag durfte die in Stuttgart gefertigten Raketenteile samt Startanlagen unbehelligt von der Bundesregierung nach Zaire exportieren.
Zwar ist nach der deutschen Ausfuhrliste der Export von "Bomben, Torpedos und Raketen" genehmigungspflichtig, aber niemanden in Bonn störte es, daß die Otrag ihre Geschosse ohne Erlaubnis außer Landes schaffte. Zwar hält das Bonner Wirtschaftsministerium eine Exportlizenz für unbedingt erforderlich, aber amtliche Konsequenzen gegen die eigenmächtige Raketenfirma blieben bisher aus.
Schließlich müssen sich die Bonner Regenten auf den Vorwurf der Mitwisserschaft gefaßt machen. Denn die Otrag ließ gleich nach Unterzeichnung im Frühjahr 1976 je ein Exemplar ihres Pachtvertrages dem AA und dem Kanzleramt zugehen -- ohne daß dort jemand reagiert hätte. Erst als aus der Zaire-Botschaft in der Bundeshauptstadt ein Exemplar des Vertragstextes verschwand und drei Monate später in der linksorientierten Pariser Gazette "Afrique-Asie" veröffentlicht wurde, begannen die Bonner Diplomaten aufzuwachen.
Jetzt müssen sie sich auf neuen Ärger gefaßt machen. Kayser verhandelt inzwischen nach eigenen Angaben mit sechs weiteren Entwicklungsländern über den Bau neuer Startrampen für seine -- so die englische "Sunday Times" -- "Volks-Rockets", darunter mit Indonesien und Brasilien.
Wie leicht Machthaber der Dritten Welt für seine Ideen zu gewinnen sind, hatte Kayser im Fall Zaire gelernt. Über die Vermittlung des deutschstämmigen Finanzberaters Fred Weymar, der mal Mobutu, mal auch dem CSU-Vorsitzenden und Mobutu-Freund Franz Josef Strauß zu Diensten ist, kam Kayser mit dem Staatschef in Kontakt.
Den konnte er "in einer halben Stunde" vom militärischen und geschäftlichen Nutzen, vor allem aber vom Prestige-Wert eines "afrikanischen Cape Canaveral" (Kayser) überzeugen. Zaire feierte denn auch nach dem ersten Test den Deutschen als "großen weißen Freund, der Feuer in den Himmel fliegen macht".
Der Schwabe, chronisch knapp bei Kasse, sucht jetzt hastig neue Geldgeber. Ihm schwant, daß seine Zeit in der Bundesrepublik abzulaufen beginnt. Doch für den Fall, daß deutsche Behörden den Raumspediteur unter Kuratel stellen, hat er vorgesorgt: Er will dann emigrieren und sich mit seinem Raketenteam wahrscheinlich in Frankreich niederlassen.
Kayser: "Seit einigen Wochen haben wir das Gefühl, daß sich was zusammenbraut. Böswillige Beamte sehen in uns ein außenpolitisches Übel."

DER SPIEGEL 42/1977
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