10.10.1977

FILMVerfluchter Orlog

Die geplante Verfilmung von Lothar-Günther Buchheims Bestseller „Das Boot“ wurde verschoben. Das von einem amerikanischen Autor angefertigte Drehbuch war zu deutschfeindlich ausgefallen.
Die beiden U-Boot-Attrappen, vom Oscar-Preisträger Rolf Zehetbauer für knapp drei Millionen Mark gebaut, erleben zur Zeit auf dem Ateliergelände der "Bavaria" in Geiselgasteig dasselbe Schicksal, das ihr reales Vorbild vom legendären Typ VII C auch während der Einsätze im Zweiten Weltkrieg häufig erleiden mußte: Sie gammeln, wie es im Marinedeutsch heißt, wenn's nichts zu tun gibt.
Denn die Bavaria, die im Auftrag der deutschen Steuerabschreibungsgesellschaft Geria und der Hollywood-Firma "Presman Inc." die Verfilmung von Lothar-Günther Buchheims Bestseller "Das Boot" -- Weltauflage knapp zwei Millionen, Übersetzungen in 14 Sprachen -- in diesem Herbst produzieren sollte, hat das Projekt auf Frühjahr 1978 verschoben. Grund: Das von dem amerikanischen Autor Ronald M. Cohen angefertigte Drehbuch stieß bei den Deutschen auf einhellige Ablehnung.
Der 35jährige Cohen, der für die Bavaria schon bei dem Polit-Thriller "Twilight's Last Gleaming" -- unter dem Titel "Das Ultimatum" demnächst in deutschen Kinos zu sehen -- tätig war, hatte offensichtlich seiner geschäftsträchtig-antideutschen Phantasie bösen Lauf gelassen, und das bei einem Stoff, dessen Helden sich als eine quasi übernationale Ritterkaste fühlen, vergleichbar allenfalls noch den Jagdfliegern des Ersten Weltkriegs.
Cohens U-Boot mußte auf der gängigen Nazi-Welle schwimmen, weshalb er sich Szenen erdachte, die im Buch gar nicht vorkamen: So sollte zu Beginn ein französischer Widerstandskämpfer in Paris einen deutschen Offizier erstechen, und als blutrünstigen Schluß hatte Cohen vorgesehen, in einem Schlauchboot in Seenot geratene amerikanische Soldaten von einer deutschen U-Boot-Besatzung niederschießen zu lassen.
Das war dem Bavaria-Boß Helmut Jedele und seinem Chefdramaturgen Helmut Krapp zu viel des Bösen. Sie schickten Gohen nach Hause und trennten sich von ihrem US-Partner. Während die Geria durch geschickte Produktumstellung die komplizierte Abschreibungskonstruktion ins nächste Jahr hinüberrettete, stehen die Verhandlungen der Bavaria mit einer der amerikanischen Major Companies um einen Koproduktionsvertrag kurz vor dem Abschluß.
Nach dem Cohen-Abgang übernahm U-Boot-Veteran Buchheim, 59, selbst das Kommando über das mit 23 Millionen Mark kalkulierten Produktionskosten bislang teuerste deutsche Filmprojekt. Denn auch er hatte die Qualität des Cohen-Skripts, bei dem er lediglich als technischer Berater tätig gewesen war, gleich erkannt: "Bullshit. Solche Szenen wichs ich mir am Vormittag 50 Stück ab."
Der multimediale Tausendsassa vom Starnberger See -- Kunst- und Kuriosa-Sammler, Verleger, Maler, Photograph und Schriftsteller -- schreibt nun seit zwei Monaten zusammen mit Dramaturg Krapp an einem neuen Drehbuch, das allerdings auch nicht ganz buchgetreu ausfallen wird. Buchheim: "Jetzt weiche ich vom Roman ab, aber so, daß es Sinn und Verstand hat. Ich bringe Dinge ein, die ich für einen zweiten Roman vorgesehen hatte. Ich bin etwas spendabel mit der Stoffherausgabe."
Der Big Spender will, daß die Leute im Kino heulen, daß die "ausgebufften Cinéasten" befriedigt sind und die "Primitiven, die so blöde sind, daß sie nur die Action sehen", ebenfalls: "Die Kunst muß gratis mit." Daß beides zusammen geht, bezweifelt Buchheim nicht. Als großes Vorbild schwebt ihm da Carol Reeds "Der dritte Mann" vor.
An "Action" scheint Buchheim jedenfalls keinen Mangel zu spüren: "Ich kann jede Menge von Blut und Scheiße, Eiter und Urin an Deck bringen. Der Atlantik war ja das schrecklichste aller Schlachtfelder überhaupt."
Dieses Versprechen mag den amerikanischen Produzenten beruhigen, der sich wohl damit wird abfinden müssen, daß in der Buchheim-Version des Films wohlfeiles Anti-Deutschtum ausgespart bleibt. Daß dies noch zu einem Streitpunkt werden könnte, ist Buchheim bewußt, seitdem er bei einer kürzlich absolvierten Promotion-Tour durch die USA für seinen Roman auf "Abgründe von Blödheit, Borniertheit und Vorurteilen" gestoßen ist: "Was die Landserhefte bei uns verunglimpfen, feiert da drüben fröhliche Urständ."
Deshalb möchte sich Buchheim auf keine Fronten und Parteinahmen einlassen, denn "gerade bei der U-Boot-Fahrerei", so spricht er, "gibt es die nationale Enge am allerwenigsten. Das hat sogar ein äußerliches Sinnbild, weil wir damals praktisch keine Uniformen getragen haben."
Das U-Boot ist für ihn ein fast mythologisches Fahrzeug, ein Symbol für die "Bedrohung des Menschen in so einem verfluchten Orlog. Das absolute Hinausgeworfensein in ein anderes Element in einer ganz kleinen Zelle, das gibt es ja nirgends wieder. Das begründet auch den unwahrscheinlichen Erfolg des Buches".
Doch auch mit dem neuen Skript sind die Schwierigkeiten für die Bavaria noch nicht ausgeräumt. Die Besetzung mit mindestens einem internationalen Star, "von Redford aufwärts" (Krapp), steht noch nicht fest, und der als Regisseur vorgesehene Hollywood-Veteran John Sturges ("Die glorreichen Sieben") mußte wegen anderer Verpflichtungen absagen. Buchheim ist darüber gar nicht so unglücklich: "Der hätte doch nur einen U-Boot-Western daraus gemacht." Auf der Wunschliste möglicher Regisseure steht nun Sidney Pollack ("Die drei Tage des Condor") ganz, oben.
Wer auch immer den Film 1978 in München. mit Außenaufnahmen in Samt Nazaire und La Rochelle, inszenieren wird, an Buchheim führt kein Weg mehr vorbei. In der Erkenntnis, daß die Bavaria sich "eine Frikadelle auf den Teller gelegt hat, von der sie nicht geahnt hatte, wie groß sie ist", wird der Autor selbst, "wenn's zum Hauen und Stechen kommt", als Berater vor Ort mitwirken.
Hochtourig läuft derzeit der Buchheim-Boom weiter: Bei Piper erscheint Buchheims Photoband mit alten Paris-Aufnahmen, "Mein Paris", Droemer verlegt das Bilderbuch "Staatsgala", geknipstes Nebenprodukt einer Einladung Buchheims zum Empfang des spanischen Königspaares bei Walter Scheel. Zu seinem 60. Geburtstag im nächsten Jahr wird Buchheim einen Dokumentarfilm über Buchheim drehen, und selbstverständlich wird auch die "Boot"-Verfilmung multimedial genutzt: Buchheim plant einen Erfahrungsbericht darüber mit dem Titel "Filmarbeit".
Verständlich, daß es ihn da noch ganz anders in den funken Fingern juckt: "Ich frag' ja dauernd, wozu brauchen wir beim "Boot" überhaupt noch einen Regisseur. Die paar Fratzenschneider, die können wir ja auch selbst hinstellen. Das Drehbuch wird so präzise, daß wir praktisch jeden Objektivwinkel angeben. Das darf man dem Regisseur nur nicht sagen, der erschrickt ja zu Tode. Er soll sich ruhig in der Illusion wiegen, daß er dazu noch was beiträgt."

DER SPIEGEL 42/1977
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