10.10.1977

„Eine Hand muß immer draufbleiben“

Teilnehmen wollte ich an einem Seminar zum Thema "Die Kunst des Sterbens", veranstaltet in München von einem "Zentrum für angewandtes Ganzheitstraining", abgekürzt "zagt". Daraus wurde nichts.
Statt dessen lud mich ein frisch gegründetes "ZENTRUM FÜR ALTER-NATIVE GANZHEITS-THERAPIE", abgekürzt "ZAGT", zur seminaristischen Behandlung menschlichen Ablebens in die St.-Jakobs-Mühle nahe Viechtach im Bayerischen Wald.
Beide Male hieß der Einladende Franz Susman, war Doktor der Philosophie und hatte es nach dreizehnjährigem Studium auch der Fächer Theologie und Geschichte dahin gebracht, daß er sich nun, da er fünfzig ist, berechtigt fühlen dürfte, den Sinn irdischen Seins und Verlöschens aus einer laut Werbeprospekt "großen kosmobiologischen Schau" zu erläutern.
Mögen die Gründe für die Umbenennung des Trainingsvereins auch im dunkeln liegen, hinsichtlich des Wechsels der Trainingsstätte erübrigen sich Zweifel: Ein Aufnahme-Team des Österreichischen Fernsehens hatte sich bei zagt, fortan ZAGT, angesagt, in der erklärten Absicht, das zweitägige Sterbeseminar (Lehrgeld je Teilnehmer 150 Mark) für die ORF-Reihe "Horizonte" in Bild und Ton festzuhalten. Und der Bayerische Wald, wo Susman seit längerem heilsam wirkt, liegt nun einmal näher bei Wien als die bayrische Hauptstadt.
Die da angetreten sind, um sich von Franz ihre Angst vor dem Tode "abbauen" zu lassen, stattliche 14 an der Zahl, nennen einander beflissen beim Vornamen. Die Damen heißen Agnes, Brigitte, Heidi, Helma, Ingrid, Monika, Nortrud und Ursula, die Herren Alois, Bernd, Martin, Peter, Richard und Wolfgang. Bald jedoch wird deutlich, daß sich unter den Seminaristen nur ein abnorm Todesängstlicher befindet, nämlich ·Bernd, ein Verkäufer aus Nürnberg.
Seine Angst steht im Zusammenhang mit einer kurz zurückliegenden Gehirn-Operation. Aller übrigen Hiersein hat andere Gründe. Brigitte ist ihrem Freund Bernd zuliebe mitgekommen, unter Heidi und Martin firmieren der Chronist und seine Begleiterin, der Rest beherzigt das Motto: Wenn, egal woher, das Fernsehen anrückt, müssen die Esoteriker Ober- und Niederbayerns zusammenstehen wie ein Mann! (Monikas Pflichtgefühl ist so immens, daß nicht einmal ein am Vortag gebrochenes und daher frisch geschientes Nasenbein sie am Herbeieilen hindern konnte.)
Manche pflegen den Umgang mit dem Rätselhaften beruflich. Alois, ein samtäugiger, bajuwarisierter Perser, treibt in München Metaphysisch-Pädagogisches, desgleichen Monika, Nortrud und Ursula; Peter, dürr, blond strähnig, mit verschmitzten Brillengläsern, hält ebendort Yogakurse ab.
Die verbleibenden fünf sind St.-Jakob-Stammkunden: Wolfgang, ein heimlicher Kleriker aus Regensburg, der immer zu einem Lächeln aufgelegte Richard, Helma, die redefrohe Theosophin, Ex-Krankenschwester Ingrid und schließlich Agnes, die scheue Schauspielerin im Ballerinentrikot.
Bei soviel televisionärem Eifer nimmt es kaum wunder, daß nicht Franz, sondern das ORF-Team den Ablauf des Geschehens bestimmt: Nach zwei lustlosen Trabrunden ums Haus ("Waldlauf") geht es hinauf in den Trainingsraum, wo Wolldecken und weiß-blau karierte Kissen den Neuling hoffen lassen, daß er die rechte Sterbeweise zumindest in bequemer Körperhaltung erlernen wird.
Richtig: Wenige Worte der Anleitung genügen, und wir haben, Scheitel an Scheitel auf dem Rücken liegend, einen vierzehnzackigen Stern gebildet. "So, und nun ballt eure Hände zu Fäusten, ganz fest, bis es schmerzt, spannt dabei den ganzen Körper an (der Stern bricht in vielkehliges Ächzen aus) -- so, und jetzt langsam entspa-nen und dabei gääh-nen!" (Der Stern gehorcht hörbar.)
Wir erfahren: Solche soeben erzielte "Tiefentspannung" sei zur Vertreibung lästiger Ängste dringend erforderlich, und Entspannung könne nur eintreten, wenn zuvor, aus welchem Grund auch immer, Spannung geherrscht habe. Ich pflichte Franz innerlich bei und überlege, daß ein kräftiger Hammerschlag auf den Daumen die Angst vor dem Sterben kurzfristig noch mehr mindern müßte, da will das ORE schon die nächste Nummer drehen.
Sie heißt "Todesvorstellungen zu zweit" und verlangt, daß sich jeder Teilnehmer einen Gesprächspartner wählt (oder sich von einem wählen läßt) und mit ihm sämtliche 17 Punkte eines Fragebogens erörtert. Beispiele: "Wann erlebte ich den Tod zum erstenmal?", "Welchen Tod würde ich mir nicht wünschen?", "Ist das Sterben etwas Gutes oder etwas Schlechtes?".
vorn: Seminarleiter Susman.
oder auch: "Ist das Weltall noch von anderen Lebewesen bewohnt?"
Dabei gilt folgendes Reglement: Jeder spricht zum anderen eine halbe Stunde. Während der eine spricht, muß der andere ruhig zuhören, wobei sich beide starr und verständnisinnig ins Auge blicken.
Dank dem durch das Fernsehen bewirkten Zeitdruck wird der halbstündige Monolog eines jeden um zehn Minuten ermäßigt. Ich habe obendrein das Glück, daß gerade Helma mich zu ihrem Partner kürt. Ihr theosophischer Redefluß überschwemmt mühelos auch meine zwanzig Minuten.
Danach wird im "Plenum" abgefragt, was die Zwiegespräche denn so ergeben haben. Dabei stellt sich heraus, daß sowohl für Monika und Nortrud als auch für Alois und Peter der Vorgang des Dahinscheidens nicht der Rede, geschweige eines Seminars wert ist. Alle vier sind schon auf die eine oder andere Weise tot gewesen.
Monika, die sich schon beim Akt ihrer Zeugung "mit Händen und Füßen" gegen das Geborenwerden gesträubt hat, war als Zwölfjährige während eines chirurgischen Eingriffs in einen "blühenden Garten mit spielenden Kindern" entrückt worden, und eines dieser Kinder hatte sie nach dem Erwachen aus der Narkose noch ein halbes Jahr begleitet, als für andere unsichtbarer "Freund Harvey".
Nortrud, die sich gleichfalls an vorgeburtliches Geschehen erinnert, etwa an einen Bombenangriff, den sie in Mutters Uterus erleben mußte, sah anläßlich einer Atem-Meditation ihr Leben "wie in einem Spiegel" Revue passieren. "Wiedergeburt im Fleische" kommentiert Peter der Yogi sachkundig, denn er "reist schon länger auf diesem Trip", ja, ist in der bemerkenswerten Lage, jenes "Über-sich-selbst-Schweben", das er "mystischen Tod" nennt, beliebig oft herbeizuführen.
Auch der samtäugige Alois muß an irgendeiner Stelle nicht ganz dicht sein. Nacht für Nacht findet sein Astralleib einen Durchschlupf, um sich mit den ätherischen Zweitkörpern seiner beiden Brüder zu treffen, kehrt jedoch pünktlich zum Wecken in seine sterbliche Hülle zurück.
Nun folgt eine Übung, genannt "Jakobsleiter", auf die Franz Susman besonders große Stücke hält, weil sie so kompliziert ist, daß er sie nur mit Hilfe eines Meisters im Schachspiel ertüfteln konnte. Sie soll den Sterbelehrling in der Fertigkeit unterweisen, "den Augenblick intensiv zu nützen, dann aber, auch wenn es schwerfällt, sich voneinander zu trennen".
Wir bilden nebeneinander stehend zwei Reihen, und jeder lächelt sein Gegenüber liebreich an, wobei einer mit des anderen Nase tändelt: "Monika!" -- "Gefällt dir dein Name?" -- "Wie schön du Richard sagst!" Das geschieht so lange, bis Franz, der diesmal mit von der Partie ist, das Zeichen zum "Abschiednehmen" gibt.
Daraufhin macht jeder linksum, läßt das benachbarte Visavis rechts liegen und wendet sich dem dritten zu, liebt, esoterisch gesagt, nicht den Nächsten, sondern erst den Übernächsten. Auf diese Weise begegnet jeder jedem, so oft, bis auch das letzte Lächeln steifgefroren ist.
Um zu veranschaulichen, daß Sterbende es schätzen, gestreichelt zu werden, legt sich Franz die gesundheitsstrotzende Ingrid bequem zurecht und erweist ihr, während er die übrigen davor warnt, den beim Streicheln entstehenden "Pranastrom" zu unterbrechen ("Eine Hand muß immer draufbleiben"), mit geübten Fingern Gutes an Schultern und Brustansatz.
Nach seiner Ankündigung, daß nun zwecks Erlernung solch praktischer Sterbehilfe sowie zur Überwindung der eigenen "Berührungsangst" reihum liebkost werde, und dies gleichsam in aller österreichischen Öffentlichkeit, erinnern sich vier, darunter Bernd und Brigitte aus Nürnberg, der späten Stunde und wünschen eine gute Nacht.
Am nächsten Morgen fehlt das Nürnberger Paar. Dafür ist mit dem Frühzug aus München eine Hedwig angereist, die von niemandem im Trainingsraum Notiz nimmt, es sei denn, er sähe so aus, als wüßte er mit Kamera oder Mikrophon umzugehen. Doch der ORF-Trupp, stets nach Neuem begierig, ist gerade dabei, sich im Erdgeschoß zu etablieren.
Der Mangel an elektronischer Aufnahmebereitschaft wirkt sich auch auf Franz aus, der sein Referat über die Bedeutung von Sonne, Sauberkeit und richtiger Ernährung kunstvoll durch ein häufig wiederkehrendes "Aber das würde zu weit führen" verknappt.
Immerhin lernen die Anwesenden anhand von so seriösen Gewährsleuten wie dem "Astrologen Newton" oder dem "Dramaturgen Aischylos", daß der Mensch mit Leichtigkeit achthundert Jahre alt werden kann. Er muß nur "Frischkost" knabbern, sich "damit anfreunden, in einem Sonnensystem zu leben", auf seine Nebenhöhlen achten ("ein verschleimtes Gehirn kann nicht kreativ sein") und positiv denken ("negative Gedanken einfach wegschieben").
Mein Einwand, daß sich das Problem der Vergänglichkeit allen Fleisches, welches zu bewältigen man hier sei, nach achthundert Lebensjahren genauso stellen würde wie nach zwanzig, prallt auf ein: "Wir können das verbal nicht lösen." Wie ja überhaupt Franz, und nicht nur des drängenden Fernsehens wegen, mit Antworten geizt; denn würde er all sein kosmobiologisches Wissen preisgeben, stünde er, glaubt er, "bald auf dem Scheiterhaufen der Dummen".
Bevor in mir der Verdacht aufkommen kann, Franz Susmans Sterbeseminar sei ein uralter Hut, der mit wenigen Kniffen in eine modisch erscheinende Fasson gebracht wurde, befiehlt man uns in die Wohnstube. Dort ist schon alles für den Höhepunkt der Tagung vorbereitet, den offenbar jene dazugekommene Hedwig zuwegebringen soll.
Hedwig, entgegen dem Augenschein zu "Hedi" verniedlicht, zeigt sich im Umgang mit dem Medium Fernsehen merkwürdig bewandert. Sie kennt ihr vergleichsweise günstigeres Profil, fragt branchenkundig, wie viele Minuten ihre Darbietung dauern soll, bestimmt sogar, wer an dem langen Eßtisch neben ihr sitzen darf. Das macht: Hedi war schon einmal klinisch tot, zwei Minuten lang, und was uns erwartet, ist nicht ihr erster Bericht darüber.
Die Fakten: Kurz nach einer Darm-Operation bekam sie eine Kalziumspritze, woraufhin ihre Seele durch eine "dunkle Röhre" entschwebte, immer höher himmelwärts, bis sie "zwei Dreiecken mit Augen" begegnete und eine "hohle Stimme" Unverständliches reden hörte.
Bei diesem Treff mit dem "Allgott" überkam sie "ein ganz, ganz wunderbares, herrliches Gefühl", zugleich aber auch Beklommenheit, denn die Augen in den Dreiecken blickten sie eher streng als gütig an. "Ich wurde immer kleiner vor Reue, obwohl ich doch gar keine große Sünderin war; na ja, jeder macht mal Dummheiten. Jedenfalls habe ich niemand umgebracht."
Nicht lassen kann sich Hedwig vor stolzem Erstaunen, daß es ihr "als einziger" vergönnt war, "so tief in die Materie einzudringen, viel tiefer als alle, mit denen die Kübler-Ross* gesprochen hat. Dabei war ich gar nicht mal sehr katholisch". Als Zugabe berichtet sie von einem Erlebnis in Florida, wo ihr der Allgott durch ein aufwendiges Sonnenwunder bedeutete, ein noch besserer Mensch zu werden.
Die Tischrunde, weit davon entfernt, auch nur eines ihrer Worte in Zweifel zu ziehen, klatscht verzückt Beifall. Dann begibt man sich zu neuerlichem Exerzitium ("Jeder wählt einen Partner und erzählt ihm, wie sein Tod aussehen wird, wenn er so weiterlebt wie bisher") ins obere Stockwerk, während die Sendboten des ORF zu einer nahen Waldlichtung fahren, um dort alles für die Ablichtung der letzten Sterbe-Übung vorzubereiten. Einer läßt sich vertrauensvoll rückwärts fallen, ein anderer, hinter ihm, bremst den Fall dicht über dem Waldboden. Diesen allgemeinen Aufbruch nutzen die Seminaristen Heidi und Martin, den Lehrgang ihrerseits zu beenden.
Im Januar will Franz Susman ein Sonderseminar für Wirtschaftsführer abhalten, wobei ihm das Thema "Management und Familie" vorschwebt. Mitzubringen sind, wie immer, Hausschuhe, Regenstiefel, bequeme und einfache Kleidung, ein großes Saunahandtuch sowie die Erwartung, bei der "Jakobsleiter" mit Agnes, Helma, Ingrid, Monika, Nortrud und Ursula konfrontiert zu werden.
Merke: "Schon ein einziger Tag in dieser Umgebung ist wie ein erfrischendes Bad" ("Rheinische Post").
* Sterbeforscherin und Verfasserin des Buches "Interviews mit Sterbenden" (SPIEGEL-Titel 26/1977).

DER SPIEGEL 42/1977
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