26.09.1977

Die Dritte Welt hat kein Interesse

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher holte sich einen Korb. Als der Vielbeschäftigte den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt für Dienstag dieser Woche zum Abendessen in New York einlud, mußte der Ex-Kanzler absagen -- wegen "Terminschwierigkeiten".
Denn Brandt wird in der Uno-Hauptstadt in einer neuen internationalen Rolle aktiv: als Vorsitzender der von Weltbank-Präsident Robert McNamara angeregten "Unabhängigen Kommission für internationale Zusammenarbeit".
Die "Brandt-Kommission" (Weltbank-Jargon) will "den Entwicklungsprozeß in benachteiligten Weltgegenden voranbringen und einen Beitrag zur Errichtung einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung leisten" -- so verspricht es der SPD-Vorsitzende in einem Prospekt, den er zu seinen Gesprächen in die USA mitnahm.
Brandt weiß auch schon, wie er den festgefahrenen Dialog zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern wieder flottmachen will: Gesteuert von einem Stab internationaler Experten unter der Geschäftsführung des schwedischen Wirtschaftsprofessors Göran Ohlin, soll sich die Kommission, die sich voraussichtlich aus je sieben Vertretern der Industrie- und der Entwicklungsländer zusammensetzen wird, zu regelmäßigen Sitzungen in den verschiedensten Weltgegenden treffen. Die Eröffnungskonferenz hofft Brandt im Dezember in der Bundesrepublik abhalten zu können. Für die auf höchstens 18 Monate veranschlagte Tätigkeit des Brandtschen Nord-Süd-Braintrusts haben vor allem Stiftungen aus Holland, Kanada und einigen Nahost-Staaten drei Millionen Dollar bereitgestellt. Für die Bundesrepublik spendierte der noch unter Kanzler Brandt gegründete deutsche Marshall-Fonds 100 000 Dollar. Die Weltbank selber hingegen zahlt, um die ideelogische Unabhängigkeit der Kommission zu unterstreichen, keinen Pfennig.
Unklar ist bislang noch, ob es Brandt bei seinen Uno-Gesprächen in New York gelingt, politische Prominenz als Kommissionsmitglieder zu verpflichten. Als Kandidaten der Industrieländer gelten die Ex-Premiers Olof Palme und Edward Heath; auch der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat Interesse angemeldet.
Schwerer tut sich Brandt, geeignete Mitarbeiter aus den Entwicklungsländern zu finden. Denn die in der "Gruppe der 77" zusammengeschlossenen Dritte-Welt-Staaten haben signalisiert, daß sie von der ganzen Kommission nichts halten. Nach dem Fehlschlag des Nord-Süd-Dialogs im vergangenen Mai in Paris kamen sie überein, sich nicht mehr auf Extra-Veranstaltungen einzulassen, in denen sie den Vertretern der Industriestaaten stimmengleich gegenübersitzen.
Statt dessen wollen sie sich lieber auf die Uno-Debatten verlassen: Dort haben sie eine satte Mehrheit.

DER SPIEGEL 40/1977
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