26.09.1977

FAHNDUNGGrünes Veilchen

Funkverkehr der Polizei, etwa bei der Ringfahndung nach der Schleyer-Entführung, kann von Terroristen leicht abgehört werden. Eine Gegenwaffe gibt es, doch die ist den meisten Behörden zu teuer.
Bei "Gewitter" steht eine Großfahndung bevor, unter "Bali" oder "Nidda" meldet sich die Kripo. "Dahinter dichtmachen" heißt, daß eine Straße zu sperren ist, "Ring 50" will sagen, alle Kontrollstellen im Radius von 50 Kilometern sind zu besetzen.
Wenn etwa in München ein Verbrecher in einem grünen Mercedes über eine Ausfallstraße fliehen will, wird die Ringfahndung so ausgelöst: "Das Veilchen ist grün und wächst in der Dachrinne, der große Regen muß einsetzen."
Mit ständig wechselnden und zudem noch regional verschiedenen Kodeworten und Kürzeln verständigt sich Deutschlands Polizei, wenn sie Jagd nach Straftätern macht, nach Verkehrssündern wie Terroristen. Und dennoch wird das meiste unverblümt durch den Äther gefunkt, weil es sich anders nicht sagen läßt: Kennzeichen von Fahrzeugen, Beschreibungen flüchtiger Täter oder die Adresse einer Wohnung, in der sich ein Gesuchter angeblich versteckt.
Es ist kein Geheimnis, daß viele mithören, was nur für Polizeiohren bestimmt ist. Und längst gehört zur Logistik terroristischer Gewalttäter, die Aktionen der Polizei am Lautsprecher zu verfolgen -- Fahndungen wie Observationen. "Seit 1973 haben wir die Gewißheit", räumt ein Staatsschützer ein, "daß in diesen Kreisen mit den entsprechenden Geräten gearbeitet wird."
Kein Kunststück: Schon durch einen einfachen Eingriff kann jeder den Empfang seines Radios auf einige wenige Polizeifrequenzen erweitern. Sogenannte "Panorama-Empfänger" garantieren das Mithören auf sämtlichen Wellenlängen.
Diese Lauschgeräte haben Versandhäuser und Fachgeschäfte reichlich auf Lager. Ein "12 Band Weltempfänger", der keine Frequenz ausläßt, wird schon für 635 Mark angeboten. Ein Schweizer Hersteller offeriert zusätzlichen Komfort: Auf seinem Scanner können bestimmte Wellenlängen vorprogrammiert werden -- etwa sämtliche Polizeisender. Ein automatischer Sucher rastet blitzschnell ein, wenn sich Fahnder etwas zu sagen haben.
Zwar ist der Betrieb solcher Instrumente nach dem Fernmeldeanlagengesetz unter Strafe gestellt; der Vertrieb aber, anders als etwa der Verkauf von Waffen, ist freigegeben. Wer bar über den Tisch bezahlt, wird nicht einmal nach dem Namen gefragt.
Kaum eine Frage, daß auch die Mörder Pontos und die Entführer Schleyers mit dem technischen Gerät gerüstet waren. So konnten sie, das gibt ein hoher Polizeibeamter zu, "mithören, was über Funk angeordnet wurde" -womöglich eine Erklärung, warum die Ringfahndungen um Oberursel und Köln ohne Erfolg blieben.
Mit einem Portable im Fond wäre es ein leichtes, den Zeitpunkt einer Alarmfahndung auszumachen, Kontrollen könnten umgangen werden. Der Lauscher erfährt, wenn die Polizei auf falscher Fährte ist oder das Versteck ins Visier nimmt.
Solche Schwachstellen im Fahndungsnetz könnten ausgeschaltet werden. Schon lange stellen Fabrikanten Geräte her, die Funksprechverkehr unverständlich machen: sogenannte "Zerhacker", die Nachrichten verstümmeln und erst beim Empfang, nach einem eingegebenen Schlüssel, wieder in Klartext umsetzen.
Das Instrument wird von Polizeibehörden gepriesen, doch vielen ist der Preis zu hoch. Das baden-württembergische Innenministerium etwa hält die "Scrambler" "für notwendig" und hat auch schon 80 Exemplare (zu je rund 8000 Mark) in Betrieb. Hessens Polizei ist mit 150 Zerhackern gerüstet. Und Nordrhein-Westfalens Polizei rühmt sich, sie habe schon mehr Geräte "als alle anderen Länder". Hamburg hat gerade 20 Scrambler.
Wirksame Waffe gegen Lauscher bei Großfahndungen sind die Scrambler aber nur, wenn alle Einsatzfahrzeuge mit den Apparaten ausgestattet sind. "Der Ruf der Zentrale an alle", so ein Frankfurter Polizeifunker, "muß noch immer offen rausgehen."
Auch der Technik trauen manche nicht: Beamte des bayrischen Innenministeriums halten eine unbefugte Erkennung der zerhackten Wörter bei den bereits eingesetzten Scramblern für "sehr leicht möglich". Bessere Geräte sollen, so Manfred Wutzlhofer vom Münchner Innenministerium, "schubweise angeschafft" werden; der Lauseher vernimmt dann nur noch ein monotones Tickern, und 3000 Jahre würde es dauern, bis er alle Schlüssel durchprobiert hätte.
Solche Geräte sind noch teurer. Und so erklärt sich womöglich das billige Argument einiger Fahnder, lieber gar nicht zu verschlüsseln. "Denn dann". sagt einer, "könnten wir auch noch Täuschungsmanöver machen."

DER SPIEGEL 40/1977
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