26.09.1977

DDRZuviel Herz

Wer als DDR-Entwicklungshelfer ins Ausland gehen darf, bestimmt allein der Staat -- Privataktionen werden nicht genehmigt.
Voller Stolz rühmte das amtliche "Solidaritätskomitee der DDR" in seinem jüngsten Bericht den Einsatz der Ostdeutschen für die Dritte Welt.
Zum Beweis nannten die Genossen Zahlen: Allein 60 Millionen Mark spendeten DDR-Bürger danach im vergangenen Jahr für das "vietnamesische Brudervolk". Für weitere acht Millionen gingen "Solidaritätsgüter" ins kommunistische Laos.
Und mehr als 30 Millionen Mark flossen schließlich, umgesetzt in Medikamente, Milchpulver und Vitamine, nach Angola, Guinea-Bissau oder Madagaskar, an die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO und an die Swapo in Namibia.
Auch daheim tut die Ost-Republik mit den Spenden ihrer Bürger Gutes: "Freiheitskämpfer, die im Kampf um die Unabhängigkeit ihrer Heimat verwundet wurden", so der Komitee-Bericht, "werden in der DDR gesundgepflegt, so etwa 200 Fapla-Kämpfer aus Angola und über 100 Kämpfer der PLO." Außerdem bildet der SED-Staat Ärzte und Krankenschwestern aus der Dritten Welt aus, schult Journalisten. Parteikader und Gewerkschafter.
Allzuviel Herz für die Armen indes. das mußte der parteilose DDR-Bürger Rainer Rodenwald aus dem mecklenburgischen Ludwigslust inzwischen erfahren, ist unerwünscht -- zumal dann, wenn karitativer Drang sich nicht im Geldgeben erschöpft, sondern in spontane Privatinitiative umschlägt.
Am 3. August 1976 hatte Diplom-Ingenieur Rodenwald, damals 27, für sich und seine gleichaltrige Frau Ulrike, Fachärztin für Gynäkologie an einem kirchlichen Krankenhaus, sowie für seine beiden kleinen Kinder beim Innenministerium in Ost-Berlin, Abteilung Paß- und Visaangelegenheit, beantragt, das Land verlassen zu dürfen.
Die Rodenwalds wollten nicht in den Westen, sondern nach Afrika -- als Entwicklungshelfer der DDR nach Tansania. "Solidarität mit den um ihre Unabhängigkeit von imperialistischen Mächten kämpfenden Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas", teilte der Baustatiker beim Landbaukombinat Ludwigslust den Ministerialen in Ost-Berlin als Antragsgrund mit, "ist ein Hauptanliegen der DDR-Politik." Er und seine Frau hätten sich daher entschlossen, ihren Solidaritätsbeitrag vor Ort in Tansania abzuleisten.
Das ungewöhnliche Ansinnen verwirrte die Bürokraten so sehr, daß sie das Gesuch erst einmal unter der Rubrik "Ausreiseanträge in die BRD" ablegten. Auch die Volkspolizei des Bezirks Schwerin, hei der sich die Antragsteller schließlich nach dem Verbleib ihres Gesuchs erkundigten, mochte der Argumentation des Ehepaares nicht folgen.
Auf Rodenwalds Einlassung, er wolle nicht auf Staatskosten für eine eng begrenzte Zeit nach Afrika delegiert werden, sondern ohne staatliche Unterstützung so lange in Tansania arbeiten, wie er und seine Frau dort gebraucht würden, gleichwohl aber Bürger der DDR bleiben und jederzeit in sein Land zurückkehren dürfen, reagierte sie mit dem lapidaren Verweis: "Unter diesen Gesichtspunkten" sei der Antrag "genauso egoistisch wie ein Antrag auf Übersiedlung in die BRD".
In der Tat fügten sich Rodenwalds Pläne kaum in das Solidaritätskonzept der ostdeutschen Kommunisten. Denn die gepriesene Hilfsbereitschaft ihrer Bürger hat die SED bis ins kleinste reglementiert. Direkte Kontakte, etwa zwischen Betrieben der DDR und der Entwicklungsländer, sind ebenso untersagt wie spontane Unterstützung für Flüchtlinge oder Erdbebenopfer.
Selbst private Bekanntschaften mit afrikanischen oder lateinamerikanischen Studenten im Lande werden streng kontrolliert. Derartige Aktionen, so ließ das Solidaritätskomitee Frager wissen, förderten einen "Wildwuchs, der nicht zu überblicken ist".
Statt dessen wird die Bevölkerung jährlich mehrmals zu Spendenaktionen gebeten. Arbeiter und Angestellte müssen sich zudem in ihren Betrieben kollektiv zum monatlichen Kauf von "Soli-Marken" des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) verpflichten, deren Preis die jeweilige Arbeits-Brigade festlegt. Vor den -- offiziell freiwilligen -- Beiträgen kann sich praktisch kein Brigade-Mitglied drücken, will es nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen.
Die Rodenwalds allerdings mochten sich auch nach der Abfuhr bei der Schweriner Volkspolizei nicht aufs Spenden beschränken. In einem zweiten Brief an DDR-Innenminister Friedrich Dickel erläuterten sie im Oktober 1976 nochmals ausführlich ihre Afrika-Sehnsucht.
Mit Beruf wie Einkommen, so beteuerte das Ehepaar, sei es
durchaus zufrieden, auch an ihrer "sehr großzügigen, gemütlichen und komfortablen Wohnung mit Garten und Garage in bester Wohngegend" hätten sie nichts auszusetzen. Ihnen gehe es ausschließlich um Ideelles: "Wir verstehen unsere zukünftige Tätigkeit als Mitwirkung beim Aufbau sozialistischer Verhältnisse in Tansania und als Unterstützung bei der Abwehr von Gefahren reaktionärer Umstürze. Auf diese Weise hoffen wir unsere Heimat, die DDR, im Ausland würdig zu vertreten."
Zwar forderten daraufhin die Ost-Berliner Beamten bei der Volkspolizei und Rodenwalds Arbeitgebern Zeugnisse über das Ehepaar an. Doch dann hüllten sie sich erneut in Schweigen.
Auskunft erhielt Rodenwald erst in der Sprechstunde des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, in der DDR-Bürger Mitarbeitern des SED-Chefs ihre persönlichen Sorgen und Nöte vortragen können.
Honeckers Mann erläuterte dem Bittsteller in gebotener Kürze die Grundzüge ostdeutscher Entwicklungshilfe: Die DDR leiste Solidarität vor allem in Form materieller Sachzuwendungen. Dafür sei das Solidaritätskomitee zuständig.
Fachleute hingegen würden ausschließlich vom Staat ins Ausland delegiert, mit genauem Auftrag und für begrenzte Zeit. Private Ausreiseanträge in Entwicklungsländer könnten keinesfalls genehmigt werden, da die DDR selbst zu wenig Arbeitskräfte habe.
Ähnlichen, wenn auch im Ton freundlicheren Bescheid erhielt Rodenwald beim FDGB und beim Solidaritätskomitee. Zwar versicherten die Funktionäre dem Besucher ihre Sympathie und lobten seinen selbstlosen Eifer. Doch Unterstützung für seinen Antrag lehnten sie kategorisch ab.
Zwölf Monate nach seinem ersten Gesuch gab Rodenwald endgültig auf. Ende Juli reichte er einen neuen Antrag ein. "Weil mir in der DDR jede akzeptable Möglichkeit konsequenter Arbeit im Dienste meiner Herzenssache Solidarität durch die Staatspolitik verwehrt wird", so teilte der verhinderte Entwicklungshelfer dem Innenminister mit, "verlange ich die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland."
Verbittert verwies er auf sein Vorbild, den auch von der SED hochgelobten Urwalddoktor aus Lambarene: "Wie wäre Albert Schweitzer nach Lambarene gelangt, wäre er in der DDR geboren?"

DER SPIEGEL 40/1977
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