26.09.1977

ATOMENERGIESchwachstelle erkannt

Wie die bundesdeutsche Kerntechnik ausgebaut werden soll, ist ungewisser denn je. Außer Kritikern im eigenen Land suchen nun auch die Amerikaner eine Denkpause zu erzwingen.
Noch zieht Polizei auf, um die Dome des Atomzeitalters -- wie letztes Wochenende den Bau des Schnellbrüter-Kraftwerks Kalkar -- vor handgreiflichem Bürger-Protest und K-Gruppen-Besatzern zu schützen.
Noch kämpft die Bundesregierung für ihr Energieprogramm, das auf Zuwachs an Atomkraft und Ausbau der Kerntechnik gegründet ist -- nun schon gegen erheblichen Widerstand in den Koalitionsparteien und verfassungsrechtliche Bedenken von Gerichten.
Noch muß Ministerpräsident Ernst Albrecht taktieren, um den Niedersachsen das schmutzige Geschäft der Nuklearindustrie -- Aufbereitung und Beseitigung des radioaktiven Mülls -- möglichst lange zu ersparen.
Doch das westdeutsche Atom-Konzept könnte, stärker noch als durch Hemmnisse im eigenen Land, durch transatlantische Störungen erschüttert werden: Die Vereinigten Staaten, Schrittmacher auch bei der friedlichen Nutzung der Atomtechnologie, wollen einen Kurswechsel in der gesamten westlichen Welt erzwingen.
Denn Jimmy Carter hat sich bislang durch kein Argument von der Vorstellung abbringen lassen, der geplante atomare Fortschritt führe in einen Teufelskreis. Beim Einsatz des Bombenmaterials Plutonium, wie die Forschung es ermöglicht und die Wirtschaft es anstrebt, werde die zivile Anwendung auf Dauer gegen militärischen und terroristischen Mißbrauch nicht abzusichern sein.
In der vergangenen Woche bekräftigte der US-Präsident seinen Willen, dieser mit unkalkulierbaren Risiken belasteten ökonomischen Verlockung zu steuern, mit zwei spektakulären Vorstößen:
>Für die Schnellbrüter-Anlage Clinch River, die (wie etwa auch der bundesdeutsche Brutreaktor von Kalkar) mit Plutonium befeuert werden mußte, will Carter entgegen dem Votum der Kongreß-Mehrheit nur mehr 33 Millionen Dollar bewilligen -- zum Einmotten des Projekts. Die Aussichten für ein Veto gegen die Fortführung des bisherigen Brüter-Programms, für das die USA immerhin schon 400 Millionen Dollar aufgewendet haben, nannte Energieminister James R. Schlesinger "exzellent".
* Die US-Energiebehörde Erda wurde ermächtigt, bislang geheime Aufzeichnungen über Bombenversuche mit Kraftwerks-Plutonium zu veröffentlichen. Damit sucht die Carter-Administration die Beschwichtigungsthese der Atomindustrie zu entkräften, das zur Stromproduktion verwendete Plutonium sei zum Bau von Sprengsätzen ungeeignet.
Beide Aktionen zielen ausdrücklich auch auf die Bundesrepublik, wo zwar atomtechnologische Spitzenleistungen erarbeitet, die sozialen und politischen Konsequenzen dieser Entwicklung aber unterschätzt worden sind.
Wiederholte Analysen hätten ergeben, so erklärte Schlesinger, als ehemaliger Chef der aufgelösten US-Atomenergie-Kommission der wohl beste Sachkenner, daß weitere Investitionen in den Plutonium-Brüter nicht zu verantworten seien. Noch sträubten sich "andere Nationen" gegen das Verlassen dieser einst als neue Reaktor-Generation gefeierten Baulinie; aber es gebe Anzeichen, erläuterte er listig, "daß Großbritannien und Westdeutschland bald ihre Brüter-Programme aufgeben werden".
Die Enthüllungen über Experimente, bei denen auf dem amerikanischen Waffen-Testgelände in der Wüste von Nevada Kraftwerks-Plutonium zur Detonation gebracht wurde, sollen hingegen offenbar die Diskussion über eine seit langem erkannte Schwachstelle der Atomwirtschaft beeinflussen: den Streit um die sogenannte Entsorgung.
Westdeutsche Pläne dafür mußten erheblich abgeändert und immer wieder aufgeschoben werden. Die Grundidee freilich, daß aus ausgedienten Brennelementen der Kernkraftwerke Uran und Plutonium wiedergewonnen werden sollen, hat die Industrie bislang für unverzichtbar erklärt. Gegenwärtig sieht das Konzept vor,
* daß zunächst das abgebrannte Spaltmaterial in Frankreich verarbeitet wird -- die deutschen Elektrizitätsunternehmen hätten allerdings 2,5 Milliarden Mark für eine Aufbereitungsanlage vorzuschießen, die erst auf dem Papier steht, > daß von 1978 an Zwischenlager für solche Brennelemente gebaut werden und
* von 1989 an ein bundesdeutscher "Entsorgungspark" -- als dessen Standort nun das niedersächsische Gorleben umstritten ist -- die Aufbereitung, die Herstellung neuen Reaktorbrennstoffs aus rückgewonnenem Uran und Plutonium und die Einlagerung der radioaktiven Abfälle übernimmt.
Als spruchreif deklariert die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, ein Gemeinschaftsunternehmen der großen Stromkonzerne, vorerst nur den Bau der Zwischenlager. Vorgesehen sind dafür Standorte, an denen die Elektrizitätsunternehmen bereits genügend Grund besitzen.
Die Kommission von Bund und Ländern, die Mitte nächsten Monats darüber befinden soll, wird freilich Mühe haben zu verhindern, daß alle Vorschläge wieder gestrichen werden.
Meppen scheidet aus, weil Niedersachsen schon mit dem bundesdeutschen Atommüll in Gorleben belastet wäre. Im
nordrhein-westfälischen Ahaus gibt es kein Wasser zur Kühlung der nicht nur radioaktiven, sondern sich auch ständig erhitzenden Brennelemente; es liegt zudem unter einer Tiefflugschneise.
Das hessische Borken und die bayrischen Orte Karlstein und Wertingen liegen in Erdbebenzonen stärkerer Intensität und sind auch noch überflutungsgefährdet. Im schleswig-holsteinischen Krümmel schließlich wohnen zu viele Menschen in nächster Umgebung.
Gleichwohl brauchen die Zwischenlager nur nach Paragraph sechs des Atomgesetzes genehmigt zu werden, der ein Mitspracherecht der betroffenen Bevölkerung nicht vorsieht." Aus politischer Einsicht und Ratio", erklärte allerdings ein Sprecher des Bonner Innenministeriums, würden die Anrainer wohl befragt werden.
Sie sollten wissen, daß Zwischenlager für den Atommüll womöglich Dauereinrichtungen werden. Denn mit der Bekanntgabe des Bombentests von Nevada zielt die US-Regierung darauf ab, daß nirgendwo Reaktor-Brennelemente großindustriell aufgearbeitet werden.
"Wir haben uns zur Aufhebung der Geheimhaltung entschlossen", konstatierte letzte Woche der Erda-Beauftragte Major General Erward Giller, "weil wir die internationale Gemeinschaft überzeugen müssen, daß wir wissen, worüber in Teufels Namen wir sprechen -- Plutonium ist Plutonium."

DER SPIEGEL 40/1977
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