26.09.1977

KRIMINALITÄTAuch die Fünfer

Reihenweise gab es nach dem Schleyer-Attentat in Köln Banküberfälle: sieben binnen zwei Wochen. Ist die Fast-Millionenstadt wieder auf dem Weg zum „Chicago des Westens“?
Bis zu jenem Montag war alles wie immer gewesen. Mal ein Mord und mal ein Bankraub -- die Zeiten waren Historie, da Köln, wie Anfang der sechziger Jahre, als "Chicago des Westens" galt.
Und als sich Christian Rolshoven, Leiter des Raub-Kommissariats bei der Kölner Kripo, vor drei Wochen von seinen Leuten über den Bankraub vom Nachmittag berichten ließ, war das nur einer der Überfälle, die gelegentlich fällig sind: In der Dresdner-Bank-Filiale am Wallraf-Platz hatte kurz vor Feierabend ein Mann im grünen Parka einer Angestellten die Pistole auf die Brust gehalten und etwas von "Überfall" gesagt. 40 000 Mark ließ er sich in seine Einkaufs-Plastiktüte packen.
Am Abend hatte der Bankräuber allen Grund, sich darüber zu freuen, daß die Polizei kaum noch mit ihm beschäftigt war. Denn der Überfall interessierte allenfalls noch Rolshoven und ein paar Mitarbeiter, alle anderen Kölner Polizisten hatten nur Hanns Martin Schleyer im Sinn, der gerade entführt worden war.
Noch Anfang der siebziger Jahre war ein Bankraub in Köln ein Ereignis; 1970 zum Beispiel gab es einen einzigen. Und noch voriges Jahr waren es bescheidene sieben gewesen -- eine Quote, die, wenn es so weitergeht, demnächst schon in einer Woche erreicht wäre.
Schon zwei Tage nach der Schleyer-Entführung hatte Rolshovens Kommissariat einen neuen Fall. Wieder war es eine Dresdner-Bank-Filiale, wieder einer mit Revolver und Plastiktüte, in der er gut 55 000 Mark mitnahm. "Geld her, oder es gibt ein Blutbad" hatte der Räuber, weil er offenbar gerade nichts anderes bei der Hand hatte, auf ein Löschblatt geschrieben. Nach dem Coup machte er sich zu Fuß davon, wie alle vor und nach ihm auch.
Immer wieder in den zwei Wochen nach dem Schleyer-Attentat kamen Männer in eines der 314 Kölner Geldinstitute und kassierten -- einmal bescheidene 12 000 Mark am Dienstag vorletzter Woche, oder beachtliche 180 000 Mark Freitag zuvor: insgesamt siebenmal an zehn Werktagen. Beute alles in allem knapp 400 000.
In die Dresdner-Bank-Filiale von Köln-Bickendorf kamen gleich zweimal welche, erst ein Typ mit Filzhut -- der mit dem Löschpapier -, dann, fünf Tage später, zwei Arbeitslose, ein Matrose ohne Heuer und ein Anstreicher. "Schnell, schnell, schnell", forderte der Seemann, "alles Papiergeld und Hartgeld", und als alles nicht schnell genug ging, "auch die Fünfer". Doch trotz Drängens hatten die beiden -- mit Luftpistole und Schreckschußrevolver recht harmlos bewaffnet -- sich am Ende zu viel Zeit gelassen und wurden ganz in der Nähe der Bank gefangen.
Glück für Rolshoven, dessen Aufklärungsquote in der neuen Serie -- nur in zwei von sieben Fällen wurden die Täter gleich geschnappt -- nicht eben hoch ist. Trotz aller Fahndungspannen ist so gut wie sicher, daß die Kölner Räuber keine Anarchisten waren. "Nach dem Verhalten und dem Auftreten", so Rolshoven, "muß ich das wirklich verneinen." Viel mehr allerdings weiß er auch nicht.
Der Fahnder glaubt, daß weniger Profis, eher Amateure in Köln Hochkonjunktur wittern. Jedenfalls waren viele der Täter ungewöhnlich nervös, geradezu ängstlich. Zwar ist fu den Kölner "Express" die Stadt inzwischen schon wieder "Deutschlands Räuberhöhle Nr. 1", aber geschossen wurde in dieser Kölner Serie bislang erst ein einziges Mal, mit einer Gaspistole. Und mit einer Luftpistole werde man auch niemanden sehr ernsthaft verletzen, weiß Rolshoven, man müßte denn schon "direkt ins Auge" treffen.
Bankangestellte können soweit nicht denken. "Wenn sie so ein langes Rohr auf sich gerichtet sehen", sagt eine Angestellte, "dann fühlen sie gar nichts mehr." Derart geschockt sind bisweilen Kassierer, so klagen Polizisten, daß sie nicht nur aushändigen, was gerade daliegt, sondern auch noch -- als dürfte es ein bißchen mehr sein -- Geldbündel unter der Theke hervorholen.
Die Versicherungen zahlen es. Und inzwischen überlegen die Bankherren -die sich bisher darauf beschränkten, den Barbestand so gering wie möglich zu halten -- neue Strategien gegen Geldgangster. Eine Kölner Privatbank versucht es neuerdings mit bewaffneten Pförtnern, andere werden peu à peu nun doch Video-Kameras installieren. obwohl sie wegen der schlechten Bildqualität eigentlich "keinen zusätzlichen Sicherheitseffekt" bieten -- so Hans-Ullrich Gutschmidt, Abteilungsleiter beim Bundesverband deutscher Banken.
Wirksamer noch scheint das System der Köln-Dellbrücker Volksbank: Da haben die Angestellten überhaupt kein Geld mehr rumliegen, sondern tippen den gewünschten Betrag in eine Zahlentastatur und erhalten die Scheine per Rohrpost direkt auf den Tisch.
Falls einer kommt, um mit dem Colt um Geld zu bitten, muß er sich schon etwas Zeit lassen. Zwar ist die Geldbox binnen 30 Sekunden am Tresen -- aber sie faßt, in Hundertmarkscheinen, nicht mehr als 15 000 Mark.

DER SPIEGEL 40/1977
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