26.09.1977

SABOTAGEAb und zu Brocken

Mit Sabotageakten gegen Bundesbahnanlagen halt „Monsieur X“ seit zwei Jahren süddeutsche Kriminalisten in Atem. Chancen, den Unbekannten zu fangen, sieht die Polizei nur noch bei Mithilfe der Bürger.
Das Phantom zwickt fingerdicke Drahtseile durch, wuchtet Schienen zur Seite und turnt, um Fahrleitungen abzuhängen, unter Lebensgefahr auf Eisenbahnmasten herum.
Es schreibt Botschaften auf bejahrten Schreibmaschinen mit eigentümlichen Schrifttypen, läßt an Tatorten selbstgebasteltes Werkzeug zurück und hinterlegt stets seine Visitenkarte: "Neues von Monsieur X".
Seit zwei Jahren treibt der unbekannte Saboteur an der Rheintal-Strecke der Bundesbahn, zwischen Bruchsal und Offenburg im Badischen, sein Unwesen. Bei bislang 19 Anschlägen richtete er Schäden in Millionenhöhe an.
740 Spuren-Akten hat die Baden-Badener Kriminalpolizei bereits angelegt, von 2200 Schreibmaschinen wurden Schriftproben analysiert. Doch trotz der vielfältigen Recherchen, trotz greifbarer Fakten und naheliegenden Mutmaßungen -- etwa: daß Monsieur X über enorme körperliche Kräfte, handwerkliches Geschick und bahninterne Kenntnisse verfügt -- sind die Ermittler keinen Schritt weitergekommen.
Baden-Badens Kripochef Herbert Seifried kann es nicht fassen: "Diesmal hat"s der Teufel gesehen." Und daß sich der Geheimnisvolle durch eigene Aufklärungsarbeit noch fangen läßt, bezweifelt nun offenbar auch der Kriminalrat: "Ohne die Mithilfe der Öffentlichkeit kommen wir nicht mehr weiter"
Monsieur X hatte sich erstmals im Oktober 1975 bei der Bundesbahndirektion Karlsruhe gemeldet -- mit einem vom Postamt Karlsruhe 2 abgestempelten Brief, der unmißverständlich in roten Großbuchstaben mit "Erpressung" überschrieben war.
* Am 25. August 1976 bei Rastatt.
Darin forderte er 100 000 Mark und gab zugleich sein "Ehrenwort, diese Summe mit 7 Prozent Zins in spätestens einem Jahr zurückzuzahlen". Falls die Bahn ihm den "Kredit" nicht gewähren wolle, werde er den Betrag verdoppeln sowie "Zugentgleisungen" Zusammenstöße, usw." verursachen.
Um die Ernsthaftigkeit seiner Drohung zu demonstrieren, stellte Monsieur X zweimal Warnblinkleuchten auf freier Bahnstrecke auf und löste durch eine Drahtfalle die Zwangsbremsung eines Zuges aus.
Mit einem Inserat in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("DB-Transport findet statt -- Ziegler 134 399") signalisierte die Bahn scheinbar Bereitschaft, die Forderung des Erpressers zu erfüllen. Um die Übergabe-Modalitäten zu besprechen, wollte sich der Mann am 29. Oktober telephonisch in der Gaststätte "Stadt Wien" in Achern melden -- was er nicht tat" weil er offenbar bemerkt hatte, daß die Polizei "landesweit alle Vorbereitungen getroffen hatte" (Seifried). Auch ein später angekündigter Anruf im "Bären" in Zarten bei Freiburg blieb aus.
Fast ein Jahr lang ließ Monsieur X nichts mehr von sich hören, ehe er auf spektakuläre Weise wieder aktiv wurde. In der Nacht zum 25. August 1976 entfernte er auf
einer wegen Bauarbeiten kurzzeitig gesperrten Strecke 80 Schienenbefestigungsschrauben; ein Güterzug, der im Morgengrauen den Tatort passierte, entgleiste.
Dabei konnte der Saboteur vermutlich -- obschon er nach Kripo-Meinung mit Bahninterna vertraut sein muß -- nicht ahnen, daß der Streckenabschnitt später als vorgesehen wieder freigegeben wurde. Beim alten Zeitplan wäre, so Seifried, "unweigerlich ein Personenzug in die Falte gerast".
Kurz nach diesem Anschlag erhöhte der Erpresser seine Geldforderung auf 250 000 Mark, zeigte danach aber bis April dieses Jahres "keinerlei Reaktionen mehr" (Seifried). Doch dann geschah eine Serie von Sabotageakten.
Viermal kappte der Unbekannte, vermutlich mit einem Bolzenschneider, Drahtseile, an denen die Betongewichte für die Spannung des Fahrleitungs-Systems hingen. Die abgesenkten Stromleitungen besorgten an E-Loks und am Betriebssystem Schäden von mehr als 100 000 Mark. Einmal schraubte er einen Befestigungsarm für die unter 15 000 Volt Spannung stehende Fahrleitung ab, dann wieder löste er 84 Schienenbefestigungsschrauben, drückte den Schienenstrang, wahrscheinlich mit einem Brecheisen, sieben Zentimeter zur Seite -- gab jedoch über ein bahninternes Telephon rechtzeitig eine Warnung durch.
Bei den beiden bislang letzten Anschlägen hängte der Unbekannte Stahlbügel in das Fahrleitungssystem ein; die Stromabnehmer mehrerer E-Loks verfingen sich darin und wurden demoliert, die Stromdrähte wurden auf mehreren hundert Metern Länge heruntergerissen.
Bei diesen jüngsten Sabotageakten verwendete Monsieur X einmal zwei U-förmig zurechtgebogene Bügel aus zwölf Millimeter dickem Vierkantstahl. beim zweitenmal benutzte er Flacheisen und Stahlplatten-Abfälle, die er mit einem Autogenschneidbrenner zuschnitt, mit extra zugkräftigen Stahl-Maschinenschrauben verband und mit hellgrauem Nitro-Grundierlack überspritzte. Die Polizei vermutet, daß der Attentäter die so präparierten Utensilien mit einer vier Meter langen, stark isolierten und wahrscheinlich teleskopartig ausziehbaren Stange in die Fahrdrähte einklinkte.
Die Baden-Badener Staatsanwaltschaft ermittelt unterdessen wegen bedingten Mordverdachts, schwerer Transportgefährdung und räuberischer Erpressung. Der Täter könnte vielleicht, so Kriminalrat Seifried" "ein subalterner Beamter sein, der gar nicht ans Geld will", sondern nur mit seinem technischen Geschick protzen möchte. Rund 500 aktive und pensionierte Eisenbahner wurden schon von der Kripo überprüft.
Die Polizei mag auch nicht ausschließen, daß Monsieur X gar nicht unter Bahn-Bediensteten zu suchen ist, hält andererseits aber Angaben des Erpressers in den ersten Briefen -- er habe mit seinem Betrieb Konkurs gemacht und 80 000 Mark Schulden -- für Finten. Recherchen bei Industrie- und Handelskammern sowie bei Gerichtsvollziehern brachten die Kripo ebensowenig weiter wie vier Hausdurchsuchungen bei Verdächtigen. Kriminalist Seifried: "Der Mann wirft uns ab und zu einen Brocken hin, um uns zu beschäftigen."
Das ist ihm gelungen: "Regelmäßig". so Seifried, werde seit den ersten Anschlägen die gesamte Rheintalstrecke zwischen Mannheim und Basel überwacht, "bis zu hundert Mann haben wir nachts schon draußen gehabt".

DER SPIEGEL 40/1977
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