26.09.1977

TOURISTIKDie ordnende Hand

Schon in wenigen Monaten werden die Reiseunternehmen NUR und g-u-t fusioniert. Verlierer des Spiels ist der Marktführer Touristik Union.
Paul Lepach, Vorstandssprecher des in Hannover registrierten Reise-Konzerns Touristik Union International (TUI), sieht sich unverhofft in der Rolle des gehörnten und zu miesen Bedingungen verlassenen Ehemannes.
Gehörnt und im Stich gelassen fühlt sich der Chef von Deutschlands größtem und umsatzstärkstem Reisekonzern durch seinen einstigen 12,5-Prozent-Gesellschafter Karstadt, dessen über neunzig Reisebüros seit Ende August nicht mehr die Angebote der TUI-Töchter Scharnow, Touropa, Transeuropa, Hummel, Dr. Tigges, Airtours und twen tours, sondern die des Konkurrenten Neckermann und Reisen (NUR) vertreiben.
Die Kehrtwendung der Karstadt-Büros von TUI- auf NUR-Angebote, eine Folge der Übernahme des Neckermann-Konzerns durch Karstadt, verringert den Abstand zwischen den beiden Spitzenreitern des Reisegewerbes um bis zu 200 000 Buchungen: Rund 100 000 Reisen, die künftig bei Karstadt für Neckermann verkauft werden, gehen der TUt verloren.
Indes -- trotz allem konnte Lepach sich mit 1,9 Millionen Jahresbuchungen und 1,5 Milliarden Mark Umsatz weiterhin als Vorsteher des unangefochtenen Marktführers fühlen. Seit wenigen Wochen aber weiß der gelernte Volkswirt, daß auch diese Position inzwischen wackelt -- wieder dank Karstadt.
Kaum nämlich, daß Karstadts Manager das Sagen über die NUR -- Jahresbuchungen 810 000, Umsatz 750 Millionen -- bekommen hatten, spähten sie nach Möglichkeiten, ihren neuen Besitz genügend abzurunden, um auch am Reisemarkt die von der Kaufhausbranche geschätzte Marktform des Oligopols, der Herrschaft von wenigen ganz Großen, zu entwickeln.
Wohlgefällig fiel der Blick des für das Touristik-Geschäft verantwortlichen Karstadt-Vorstands Karl Laschet dabei auf den viertgrößten deutschen Verkäufer von Normreisen, die der Gewerkschaft und ihrer Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) verbundene Firma g-u-t (Gemeinwirtschaftliches Unternehmen für Touristik).
Aus den Etagen der ihnen nahestehenden Großbanken (siehe Graphik Seite 118) wußten die Karstadt-Leute, daß der nach ihnen zweitgrößte Kaufhauskonzern, die Kaufhof AG, schon im Sommer 1977 um eine Übernahme der g-u-t-Gruppe verhandelt hatte. Die Kaufhof-Vorstände jedoch hatten das von der Bank für Gemeinwirtschaft unterbreitete Angebot als für ihre Reisegruppe ITS (335 000 Buchungen) unattraktiv abgelehnt.
Als der Karstadt-Vorstand vom Scheitern der Kaufhof-Gespräche hörte, waren seine Abgesandten sofort zur Stelle. Für die in Frankfurt residierende Tochter NUR schien g-u-t im nahen Eschborn, nicht nur wegen des seit Jahren gemeinsam betriebenen Einkaufsgeschäfts von Charterkapazitäten, ein sehr viel geeigneterer Partner. g-u-t (270 000 Buchungen) ist im Bahn- und Ferienhausgeschäft größer als Neckermann. Einzig die aufgelaufenen Verluste und das Bundeskartellamt konnten stören.
Verlustreich nämlich waren die g-u-t-Geschäfte seit der Gründung des Unternehmens im Jahre 1969 gelaufen. Trotz steigender Buchungszahlen schob das gemeinwirtschaftliche Unternehmen seine Defizite auf 120 Millionen Mark hoch. Auch im vergangenen Jahr wieder setzten die g-u-t-Manager erklecklich über zehn Millionen Mark zu. BfG-Sprecher Gert Müggenburg vorsichtig: "Da mögen betriebswirtschaftliche Verluste gewesen sein, die sind dann irgendwo ausgeglichen worden."
Natürlich von der Bank für Gemeinwirtschaft. Trotz ideologischer Bedenken kamen die Gewerkschaftsbankiers deshalb mit den Karstadt-Kapitalisten zusammen und vereinbarten die Übergabe der g-u-t an den Warenhaus-Konzern. Vorteil für die BfG: Die Verlustquelle wird gestopft. Vorteil für Karstadt: Zugewinn von Marktanteilen ohne Geldeinsatz.
Schnell hatten die Rechner des Warenhaus-Konzerns erkannt, wo die g-u-t-Verlustquellen lagen und wie sie beseitigt werden könnten. Oberste Verlustquelle war die zu geringe Betriebsgröße, ein Umstand, der sich durch Fusion mit der gewinnträchtigen NUR von selbst beseitigt. Zweite Verlustquelle war die mit 280 Mitarbeitern überbesetzte g-u-t-Zentrale. Die Karstadt-Manager wollen das Problem mit Sozialplänen lösen -- wobei die BfG gar noch mithilft.
Dritte Schwachstelle der g-u-t war ihr aufwendiges Vertriebssystem. Das Unternehmen muß seine Angebote zumeist über freie Reisebüros vertreiben, kommt damit aber nicht zurecht, weil die besseren Reisebüros lieber exklusiv TUI-Reisen verkaufen. Die TUT selber trug durch gelegentlichen, wenngleich vom Kartellamt verbotenen Druck auf die Reisebüros zum g-u-t-Desaster kräftig bei.
Nun allerdings muß TUT-Chef Paul Lepach zusehen, daß seine Politik der Stärke den Schwachen in die Arme der Konkurrenz treibt. Und dort trägt der Schwache so entscheidend zur Stärkung des Unternehmens bei, daß jetzt dem Paul Lepach schwach wird. Unversehens nämlich rutscht seine TUI nun im umsatz- und gewinnstarken Charterflug-Geschäft vom ersten auf den zweiten Platz.
Denn rund 120 000 der 270 000 g-u-t-Buchungen sind Flugreisen. Einschließlich der 100 000 Neuerwerbungen über die Karstadt-Reisebüros macht die Frankfurter NUR jetzt einen Sprung um über 200 000 Flugbuchungen. Da TUI gleichzeitig fast 100 000 solcher Buchungen verliert, zieht Neckermann nach vorn.
In der Gesamtzahl der Reisen -- einschließlich Linienflug, Schiffahrt, Bahn- und Ferienwohnungen -- rückt die NUR dem Branchenersten auf einen Schlag um eine halbe Million Buchungen näher. TU, bislang scheinbar unerreichbar, schrumpft von 1,9 auf 1,8 Millionen, NUR springt von 810 000 auf 1,2 Millionen.
Karstadts Laschet und BfG-Vorstand Thomas Wegscheider haben denn auch schon die notwendigen Schritte zur Vollfusion abgesprochen.
* Die Bank für Gemeinwirtschaft übernimmt die aufgelaufenen Schulden.
* Im Zuge der Geschäftsbesorgung übernimmt NUR den Flug- und Hoteleinkauf und zusätzlich auch Teile des Vertriebs.
* Noch in diesem Jahr sollen die Abteilungen der beiden Unternehmen so verzahnt sein, daß eine Fusion sich von selbst anbietet.
Kartellamtspräsident Wolfgang Kartte, just aus dem Urlaub zurück, ist in die künftigen Geschehnisse noch nicht eingeweiht worden. Damit das Kartellamt, das gegenwärtig noch keine juristische Möglichkeit zu einem Gegenzug besitzt, nicht unversehens propagandistisch tätig wird, geben sich die Karstadt-Manager stramm national.
Die engere Zusammenarbeit der beiden Reisekonzerne, so die offizielle Lesart der Handelsherren, sei notwendig, weil starke ausländische Anbieter auf den deutschen Markt drängen.
Gemeint soll der dänische Reisepastor Eilif Krogager sein, dessen Touristik-Konzern Tjaereborg vergangenes Jahr mit einer Wachstumsrate von 40 Prozent größter Gewinner am deutschen Markt war. Gemeint soll auch der britische Reise-Konzern Thomson sein, der angeblich nach einem europäischen Festlandsdegen, also nach der Beteiligung an einem kontinentalen Reisekonzern, sucht -- was niemand beweisen kann.
So oder so aber sind Karstadt und die anderen, wenn das g-u-t-Geschäft erst einmal gelaufen ist, am deutschen Markt fein heraus, Denn die Lust an großen Preiskämpfen, früher eine Gewohnheit der Branche, wird durch die ordnende Hand der Großaktionäre gebremst. An sämtlichen drei Reisegruppen, der TUI, Karstadts NUR und Kaufhofs ITS, sind -- siehe Graphik -- über Kreuz die gleichen Institutionen beteiligt: Deutschlands drei Großbanken.

DER SPIEGEL 40/1977
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