26.09.1977

INDUSTRIEWas ist schon passiert

Mit einem Handstreich sollte die Marburger Gummifirma Phoenix dem Konkurrenten Conti zugeschoben werden. Vorstand und Betriebsrat legten sich quer.
Im Blitzeinsatz stoppte der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner vergangenen Montag in seinem Hamburg-Harburger Wahlkreis einen kapitalen Akt.
An diesem Montag nämlich sollte Peter Weinlig, Chef der 120 Jahre alten Harburger Gummiwarenfabrik Phoenix AG, beim Großaktionär Deutsche Bank in Frankfurt akzeptieren, daß er verkauft sei.
Als Käufer hatten die Deutsch-Bankiers, die bei Phoenix über ihre gemeinsam mit dem Chemie-Konzern Bayer und der Münchner Rück betriebene Beteiligungsgesellschaft Corona GmbH herrschten, die dreimal so große, aber stark defizitäre Continental Gummi-Werke AG in Hannover im Sinn. Auch die Conti wird von der Corona kontrolliert.
"Wir sollten überrumpelt werden", so Phoenix-Betriebsratsvorsitzender Rudolf Thöle, "so etwas hat es in der Geschichte der Phoenix noch nie gegeben." Onkel Herbert in Bonn und Bürgermeister Klose im Hamburger Rathaus wurden alarmiert -- die Bankiers zuckten zurück.
Denn die Deutsch-Bankiers, mit unguten Gefühlen, hatten das Ding als geheime Kommandosache betrieben. Streng vertraulich hatten sich Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank, Fritz Sonnenholzner, Vorstand der Münchner Rückversicherung, und der Bayer-Manager Wilhelm Meyerheim jüngst erst zu einem diskreten Gespräch verabredet, um die lange vorbereitete Fusion der beiden Gummi-Unternehmen auf elegante Art zu besiegeln.
Nur zusammen, so wurden die Bankiers seit den Zeiten des ehrwürdigen Hermann Josef Abs nicht müde zu beteuern, nämlich könnten die beiden deutschen Gummizwerge sich gegen die Konkurrenz der Kautschuk-Multis wie Michelin und Dunlop, Goodyear und Firestone behaupten.
Deshalb hatte der damalige Phoenix-Oberaufseher Abs schon Anfang dieses Jahrzehnts die ganz große Reifenfusion zwischen Conti und Phoenix vollziehen wollen. Doch die Aktion scheiterte am Widerstand einer Riege von Phoenix-Aktionären und -Managern.
Weil die kleine Phoenix (Umsatz: 540 Millionen Mark) in der Fusion unweigerlich von der weitaus größeren Conti (Umsatz: 1,8 Milliarden Mark) geschluckt worden wäre, mochte sich eine starke Fraktion im Phoenix-Vorstand die Pläne der Bankiers nicht zu eigen machen.
Auch die Gewerkschaft und der Betriebsrat spielten schon damals nicht mit. Die älteste Fabrik der Fusionskandidaten, das Harburger Phoenix-Werk, wollte man nämlich schließen und damit 5000 Arbeitsplätze wegrationalisieren. "Phoenix und Conti"" so Herrhausen damals, "sind jetzt damit ausgelastet, sich aus ihrer desolaten Lage allein zu befreien."
Das allerdings schafften sie beide nicht. Kapazitäten für 45 Millionen Pkw-Pneus treffen am deutschen Markt auf einen Bedarf von allenfalls 20 Millionen. Fast jeder zweite in Deutschland verkaufte Reifen kommt dabei von jenseits der Landesgrenzen.
"Mit unerhörter Zielstrebigkeit", so Herrhausen, machten sich Conti- und Phoenix-Manager ans Aufräumen. So spezialisierten sich die Hannoveraner auf moderne und profitable Lkw-Reifen. Die Harburger dagegen setzten das Reifengeschäft auf halbe Kraft und favorisierten die Produktion hochwertiger technischer Artikel.
Mit ihrem Hauptproblem -- der Überkapazität bei Pkw-Reifen -- wurden die beiden Unternehmen jedoch nicht fertig. Ohne eine deutliche Bereinigung der Kapazitäten aber, so lernte die alte Fusions-Riege um Herrhausen vor kurzem aus einer internen Marktstudie, sei eine nachhaltige Genesung der Gummibranche unmöglich.
Die frische Studie und die Aussicht, daß ein Abflauen des Autobooms die beiden Fusionskandidaten wieder tief in die roten Zahlen drücken muß, ließ Herrhausen und seine Equipe nun zur Eile drängen. In Abstimmung wohl mit Conti-Chef Carl H. Hahn, den Herrhausen einst selbst nach Hannover geholt hatte, wurde ein sehr schlichter Schachzug, mit dem beide Firmen unter ein Dach geraten sollten, ersonnen.
Danach sollte Conti rund 60 Prozent des Aktienkapitals der Phoenix aus dem Portefeuille der Corona GmbH übernehmen. Erst einmal von der Conti majorisiert, so das Kalkül, würde Phoenix dann allmählich zu einer Conti-Filiale absinken.
Erst am Donnerstag vorvergangener Woche wurden die Harburger von Bankier Herrhausen über den beabsichtigten Coup informiert. Chef Weinlig, Betriebsrat Thöle und die IG Chemie alarmierten daraufhin das hanseatische Polit-Establishment.
"Sie alle", erinnert sich Betriebsrat Thöle jetzt, "haben uns sehr geholfen." Denn schon am Montag vergangener Woche, dem vorgesehenen Termin der Aktienübernahme, war bei den Bankiers von einem Verkauf der Phoenix-Aktien an Conti nicht mehr die Rede. Die Parteien kamen nur noch überein, eine Neuorganisation der Corona zu beginnen und sich um mehr Kooperation zu bemühen.
Verstimmt verließen die Kapitaleigner Montagnacht die Frankfurter Sitzungsrunde. "Was ist schon Großartiges passiert", fragt sich Teilnehmer Sonnenholzner, "nichts anderes, als daß die Corona GmbH in eine Corona-Kautschuk AG umgewandelt wird."
Die Harburger dagegen feierten am Dienstag ihren Sieg. Gemeinsam verkündeten Vorstand und Betriebsrat Vw Phoenix per Aushang am Schwarzen Brett: "Die Angst vor einer Überfremdung durch Conti ist gebannt."

DER SPIEGEL 40/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INDUSTRIE:
Was ist schon passiert