26.09.1977

„Das Beste, was der Nato zugestoßen ist“

Die Herren Generale der internationalen Streitkräfte bewegten sich in ihrer Parade-Gala locker oder gelangweilt wie auf einer Cocktailparty. Hier ein Scherz mit einem Abgeordneten oder Minister, dort ein Wink zu den frisch ondulierten Offiziersdamen -- nur so nebenbei streiften ihre Blicke auch schon mal die vor der Ehrentribüne auf dem US-Luftstützpunkt Ramstein aufmarschierten Formationen der Nato-Truppen.
Keine Spur von Preußens Gloria, eher ein Flair von Iffezheimer Rennwoche bestimmte den Aufmarsch zur Begrüßung der US-Einheiten, die Anfang September über den Atlantik zu den Nato-Herbstmanövern nach Deutschland eingeflogen waren.
Nur einer wahrte Haltung. Grimmig das kantige Kinn vorgeschoben, die hellen Augen zu Schlitzen verengt, jeder Inch des gestrafften Körpers ausgerichtet nach dem Exerzierreglement von West Point, starrte General Alexander M. Haig jr. auf die Stars and Stripes. O John Wayne, so gut war Hollywood nie!
Doch seltsam genug, die minutenlange zeremonielle Solonummer des kleinen Offiziers im olivgrünen Kampfanzug mit den vier aufgestickten schwarzen Sternen am Kragen wirkte auf seine Umgebung weder komisch noch peinlich. Eher schienen die Umstehenden geniert über die eigene Lässigkeit, verlegene Haltungskorrekturen rückten durch die Reihen. Al Haig, 52, ist keiner, der aus dem Rahmen fällt. Er prägt das Bild.
Kaum noch vorstellbar, daß der ehrgeizige Offizier 1974 bei seinem Amtsantritt als Nato-Oberbefehlshaber in Brüssel auf eisige Ablehnung stieß.
Flugblätter im Hauptquartier der Allianz, verteilt von seinen künftigen US-Kameraden, machten Stimmung gegen den Mann, der seine militärischen Meriten mehr an Schreibtischen als im Felde erworben hatte -- zuletzt als engster Berater des Skandalpräsidenten Richard Nixon und seines linkischen Verlegenheitsnachfolgers Gerald Ford. "Glauben Sie, daß Haig in irgendeine von Nixons Watergate-Affären verstrickt ist?" fragten die Handzettel.
So weit mochten nicht viele gehen, doch fest stand im Nato-Hauptquartier Casteau bei Brüssel: Haig ist ein politischer General, ein Schreibtischoffizier ohne viel Truppenerfahrung, trotz seiner 23 Orden.
Alexander Haig versuchte die Vergangenheit abzuschütteln. Er ließ sich einen feinen, aber betont simplen Kampfanzug schneidern, auf dem unter den vier Sternen nur zu lesen steht: Haig, US Army. Zunächst zurückhaltend, dann zunehmend öffentlicher arbeitete er hart an der Koordinierung der nationalen Truppeneinheiten zu einer engeren Allianz. Positives Echo ist inzwischen allgemein: "Haig ist das Beste, was der Nato in den letzten Jahren zugestoßen ist", faßt ein kanadischer Oberst die neue Stimmung im Hauptquartier zusammen.
Zum wirksamsten Vehikel für verbesserte Ausbildung, Planung und Führung der Nato-Truppen machte er die alljährlichen Herbstmanöver -- diesmal 32 verschiedene nationale und integrierte Truppenübungen zwischen Dänemark und der Türkei. Sie verschaffen dem General Gelegenheit, sein Bild als Truppenführer und Soldat aufzupolieren.
Wo immer er dieser Tage mit seinem Helikopter in die sorgsam getarnten Manöver-Stellungen einfällt, ob in den Riedgebieten zwischen Biberach und Sigmaringen in Süddeutschland oder neben rotweißen Fachwerkfarmhäusern im dänischen Seeland, stets gestaltet er seine Auftritte filmwirksam, nutzt er Landschaft und Soldaten zur Dekoration seiner Auftritte.
Dabei versteht sich, daß an Waldrändern und Straßenkreuzungen, an denen er wie zufällig niedergeht, immer schon Kamerateams warten, denen er gekonnt beiläufig vors Objektiv gerät.
Im dänischen Dorf Olstrup etwa lagert er mit einer Fischpasteten-Stulle auf der Faust zwischen dänischen Landsern, die sich die Gesichter mit Heimaterde geschwärzt haben. Auf der Straße dahinter donnern Schützenpanzer vorbei. Eine zufällig durch die Landschaft streifende Infanterie-Patrouille wird umdirigiert und lagert sich wie ein Militärballett zu seinen Füßen auf dem Acker.
Sorgfältig horcht Haig zunächst den Ton der jeweils besuchten Einheit ab, ehe er selbst redet. So befragte er zum Beispiel die Soldaten einer frierenden kanadischen Truppe in Württemberg nach ihren Lieblingssportarten: "Fußballer, was? Boxer, was?" Und als die Antwort kam: "No, Sir, Eishockey", munterte er die Kämpfer mit Durchhalte-Sprüchen im Stil eines väterlichen Trainers auf, der seine zurückliegende Mannschaft motivieren will.
Sogar den Bataillonskommandeur geht er im Profi-Coach-Ton an, als hätte er eine Art Torwart vor sich: "Goddamn, man, Sie haben eine tolle Truppe hier. Halten Sie den Laden dicht."
Wenn widrige Umstände, oder häufiger: Public-Relations-Tölpel das truppenfreundliche und pressewirksame Szenario stören, verliert Haig zwar nicht die Kontrolle -- die verliert er nie -, aber eisiges Mißfallen teilt sich seiner Umgebung mit. So, als er in Dürnau zu einem Feldpicknick mit Belgiern landete.
Eifrig setzte er etwas zu kurz über den Graben -- aber der wirkliche Reinfall sollte erst noch folgen. Denn statt an die Gulaschkanone im regenverhangenen Obstgarten führten ihn die eifrigen belgischen Obristen, freundliche schnurrbärtige ältere Herren mit bunten Baretten, in die Bauernstube des Gasthauses Kreuz. Mit bösen Blicken vertrieb Haig jeden Photographen, der ihn ablichten wollte, als ihm dort ein Ober im Smoking zum französischen Rotwein gefüllte Tomaten vorlegte.
Haig sucht die Gelegenheiten zur Selbstdarstellung als Truppenführer nicht zuletzt deshalb so hartnäckig, weil er natürlich genau das ist, was ihm zum Auftakt seiner Nato-Laufbahn vorgeworfen wurde: ein politischer General. Er ist es nicht nur durch seinen Werdegang, er muß es ais Nato-OB auch sein. Gern umschreibt der General das Doppelgesicht seiner Funktion mit einer Abwandlung des Clausewitz-Zitates über den Krieg als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln: "Das Militär hat seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik."
Tatsächlich ist er für den politischen Teil seines Amtes besser gerüstet als all die militärischen Halbdiplomaten und Halbwissenschaftler, die ihm in Brüssel vorangegangen sind. Als Stellvertreter Henry Kissingers im Nationalen Sicherheitsrat der USA von 1970 bis 1972, als "Dr. Kissingers Kissinger" -- so die damalige White-House-Charakterisierung -- hat er sowohl in weltpolitischen Denkspielen als auch in praktischer Diplomatie mehr Erfahrung gesammelt als alle seine Brüsseler Nato-Kollegen.
Haig bereitete beispielsweise Nixons China-Reise vor, und er versuchte mit konzilianter Härte Saigons Machthaber Thien mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Washington sich mit Hanoi über Vietnam einigen werde. "Der kleine Tyrann" hieß der militärische Trenchcoat-Diplomat Haig damals in Saigon.
Als Nixons ziviler Stabschef im Weißen Haus, wo er in dessen letzten Monaten nach dem Urteil des damaligen Presse-Chefs Jerry ter Horst der "eigentliche amtierende Präsident der Vereinigten Staaten" war, lernte er auch alle Mittel und Tricks des zivilen Umgangs mit der Macht.
Damals machte er eine Erfahrung, die ihn jetzt auch beim routinierten Kontakt mit der Presse im Manöver stets auf der Hut sein läßt: Die Öffentlichkeit reagiert überaus empfindlich auf die Verwischung der Grenzen zwischen politischer und militärischer Verantwortlichkeit.
Haig verwischte diese Grenzen beim "Feuersturm" (Haig) nach der Entlassung des für Nixon unbequemen Watergate-Sonderstaatsanwalts Archibald Cox. Als Justizminister Richardson den Anwalt nicht entlassen wollte und statt dessen zurücktrat, herrschte Haig dessen Stellvertreter Ruckelshaus an: "Ihr Oberbefehlshaber hat Ihnen einen Befehl erteilt!" Ungerührt nahm auch Ruckeisbaus seinen Hut: "Ich bin Zivilist, Sir."
Obwohl inzwischen selbst die journalistischen Watergate-Spürhunde Woodward und Bernstein in ihrem zweiten Buch "The Final Days" dem heutigen Nato-Chef unermüdliche und untadelige Amtsführung im Weißen Haus nachsagen, ist seit der "Feuersturm" -- Nacht ein Hauch von Watergate an seiner Uniform haften geblieben.
Um so vorsichtiger ist Haig Militärleuten gegenüber mit seinen politischen Äußerungen. Kein Zweifel, der den konservativen Republikanern nahestehende General erzählt als Dauerredner dieselbe alte "Die-Russen-kommen"-Geschichte wie alle seine Vorgänger im Amt.
Aber er bietet sie intelligenter an, verpackt alle politischen Warnungen über mögliche kommunistische Regierungsbeteiligungen in Italien, Frankreich, Portugal und Spanien, über sozialen Linksdrall von Skandinavien bis in die Türkei, in militärstrategische Sorgen über die Effektivität der Allianz.
"Das Geheimnis unseres Erfolges ist die Unsicherheit", doziert er wieder und wieder die Kernthese der Nato-Abschreckung.
Sie umschreibt zugleich auch seine persönliche Politik, denn immer ist da, wie nah man ihm auch sein mag, viel Abstand um ihn herum, viel Kalkül und Kontrolle und trotz allen militärischen Brimboriums eine eminent politische Atmosphäre.
Offiziere aus der Umgebung des Viersternegenerals werden nicht müde, über die Zukunft dieses faszinierenden Mannes zu rätseln. Eine militärische sehen sie nicht, solange der Demokrat Carter im Weißen Haus die Geschäfte führt.
Eine politische Zukunft? So stark ist die Abwehr ihres Bosses, dieses Thema auch nur anzurühren, daß die Brüsseler Stabsoffiziere nur die Achseln zucken.
Ihre Kameraden an der Manöverfront sind so zimperlich nicht: "Wissen Sie eigentlich, daß dieser Mann innerhalb der nächsten zehn Jahre Präsident der Vereinigten Staaten werden wird?" fragt ein US-Oberst.
Haig selbst reagiert auf die Präsidentenfrage mit unverhohlenem Ärger: "Darüber rede ich nicht." Er tut auch nichts dafür. Zur Zeit spielt er nicht einmal mehr Golf wie sein prominentester Vorgänger, Dwight D. Eisenhower -- sein Vorgänger bei der Nato, natürlich.

DER SPIEGEL 40/1977
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