26.09.1977

„Wir wußten wirklich nicht, wo er war“

SPIEGEL: Herr Minister ...
BONNET: Ich möchte dem SPIEGEL zunächst einmal danken, daß wir dieses Gespräch führen können. Es wird mir dadurch möglich, einige Mißverständnisse auszuräumen, die unbegründet sind.
SPIEGEL: Nur Mißverständnisse? Der politische Terror hat die Bundesrepublik in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt. In dieser Krise sieht sie sich von ihrem bevorzugten Partner, Frankreich, verlassen und von einem Teil der öffentlichen Meinung Frankreichs sogar beschuldigt, ein Polizeistaat und faschistisch zu sein. Ist die so viel gerühmte deutsch-französische Freundschaft in Gefahr?
BONNET: Nicht ein einziger der von Ihnen angeführten Vorfälle kann sie wie auch immer beeinträchtigen. Übrigens, die Stellungnahmen, über die Sie sprechen, stammen von einer klei-
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Helmut Sorge und Dieter Wild.
nen, wenn auch lautstarken Minderheit von Leuten, die sich selbst als Intellektuelle verstehen und für die die Kritik an der Gesellschaft jegliche Überlegung ersetzt. Für diese Leute ist alles gut, was die Grundpfeiler der Gesellschaft erschüttern kann, in der wir leben.
SPIEGEL: Es sind immerhin Leute, die erheblichen Einfluß in Frankreich haben.
BONNET: Wichtig ist, daß die Regierungen beider Staaten ihre vorzüglichen Beziehungen weiterhin pflegen und daß sich unsere Völker weiterhin schätzen.
SPIEGEL: Schätzen sich denn unsere Völker weiterhin?
BONNET: Ich spreche jetzt mal nicht als Innenminister, sondern als Bürgermeister von Carnac, einer Gemeinde in der Bretagne, die nur mit einer einzigen Stadt auf der Welt Partnerschaft pflegt: mit Illertissen in Bayern. Ich selbst habe das Freundschaftsabkommen vor einigen Jahren in Illertissen unterzeichnet und dann meinen Freund Josef Ertl in Bad Wiessee besucht. Vor einigen Tagen habe ich im Bürgermeisteramt von Carnac über 30 junge Deutsche empfangen. Zwei Wochen lang habe ich in meinem Haus in Carnac ein deutsches Mädchen zu Besuch gehabt. Für uns ist das völlig normal, denn vor einigen Monaten war meine Tochter in Illertissen. Das ist was Handfestes, alles andere ist heiße Luft.
SPIEGEL: Aber offensichtlich haben doch alle diese französisch-deutschen Begegnungen in Frankreich nicht die geringste Solidarität mit Deutschland entstehen lassen.
BONNET: Ich kann Ihnen sagen: Die französische Regierung versteht die Lage der deutschen Regierung in der jetzigen Situation völlig, und ich als Innenminister verstehe sie besser als jeder andere. Es ist kein Geheimnis, daß der Präsident der Republik und der Bundeskanzler häufig miteinander telephonieren und daß sie sich kürzlich über die Probleme unterhalten haben, vor die der Terrorismus unsere beiden Länder stellt.
SPIEGEL: Die Deutschen waren sehr irritiert, weil der von der deutschen Justiz gesuchte Anwalt Klaus Croissant in Frankreich untertauchen und im Fernsehen auftreten konnte. Wie ist es zu erklären, daß Croissant noch nicht festgenommen wurde?
BONNET: Die Erregung deutscher Kommentatoren wegen des Interviews von Klaus Croissant im französischen Fernsehen halte ich für berechtigt. Der französische Innenminister und die überwiegende Mehrheit der französischen Öffentlichkeit verstehen dieses Befremden. Aber die Deutschen müssen auch wissen: Unsere Fernsehstationen, obgleich juristisch dem Staat unterstellt, sind absolut unabhängig. Die Regierung kann nicht beeinflussen, was sie senden.
SPIEGEL: Aber geschehen ist es schon.
BONNET: Nein. Es ist schon vorgekommen, daß sich politische Parteien und Gewerkschaften -- die ja ein Recht dazu haben -- über das Verhalten des Fernsehens beschwerten. Aber die Regierung hat keine Möglichkeit, da einzugreifen. Es ist sogar schon geschehen, daß Indiskretionen des Fernsehens oder Rundfunks Fahndungen der Polizei behindert haben. Die Meinungsfreiheit in Frankreich verbietet uns, selbst die Verbreitung solcher Indiskretionen zu unterbinden.
SPIEGEL: Wie aber konnte Klaus Croissant bisher Frankreichs Polizei entkommen, die doch den Ruf genießt, eine der fähigsten in Europa zu sein?
BONNET: Wie in ähnlichen Fällen suchen die Polizeikräfte Frankreichs und die Gendarmerie Klaus Croissant aufgrund eines Auslieferungsersuchens der deutschen Justiz. Sie sind genauso aktiv, wie es Ihre Polizei bei der Suche nach den Entführern von Arbeitgeber-Präsident Schleyer ist. Es besteht kein Zweifel, daß Klaus Croissant sofort festgenommen würde, wenn sein derzeitiges Versteck bekannt wäre.
SPIEGEL: Sie wollen damit offenbar nicht sagen, daß Klaus Croissant gleich nach seiner Flucht nach Frankreich von der französischen Polizei beschattet worden wäre?
BONNET: Die Bedeutung von Klaus Croissant hat sich uns erst im Lauf der Zeit erhellt, nämlich nachdem die deutschen Behörden uns über die Rolle aufgeklärt haben, die der Anwalt in der Baader-Meinhof-Bande gespielt haben könnte.
SPIEGEL: Und welche Rolle spielt er nach Ihrer Meinung in der Baader-Meinhof-Bande?
BONNET: Es ist nicht unsere Sache, die Rolle zu bewerten, die Herr Croissant in der Baader-Meinhof-Bande spielt. Aber wir sind überzeugt, daß die Anschuldigungen begründet sind, die von den deutschen Behörden gegen ihn erhoben werden. Seither schulden wir unserem Nachbarn jede Hilfe, zu der uns die internationalen Konventionen verpflichten. Wir leisten sie, und mit Entschlossenheit. Die Reise, die Herr Poniatowski* auf Wunsch des Staatspräsidenten nach Deutschland unternommen hat, beweist dies noch zusätzlich ganz klar.
SPIEGEL: Was ist denn auf französischer Seite geschehen, seit Sie wußten, wie bedeutend Croissant ist?
BONNET: Unsere Behörden tauschen regelmäßig ihre Informationen aus und fassen ihre Bemühungen zusammen, um die kriminellen Aktivitäten der Terroristen zu beenden. SPIEGEL: Was genau tut Paris?
BONNET: Ich kann Ihnen versichern: In diesem Moment, wo wir miteinander reden, sucht ein bedeutender Teil unserer Polizeikräfte, unter ihnen die qualifiziertesten Leute, einzig und allein nach Klaus Croissant.
SPIEGEL: Die deutschen Behörden sind überzeugt, daß die französische Polizei überhaupt erst nach dem Telephongespräch zwischen Präsident Giscard d'Estaing und Kanzler Schmidt vom 13. September ernsthaft begonnen hat, Croissant zu suchen. Wie erklären Sie diese Passivität?
BONNET: Das stimmt nicht. Wir haben ihn schon weit früher gesucht. Wir tun es jetzt besonders intensiv.
SPIEGEL: Sind Sie da sicher?
BONNET: Ich habe mich im Fall Croissant mehrmals persönlich davon überzeugt, denn diesen Fall beaufsichtige ich persönlich. Ich wiederhole: Dies ist ein Fall, den der französische Innenminister persönlich beaufsichtigt.
SPIEGEL: Aber schon technisch dürfte eine Kooperation der deutschen und französischen Polizei auf viele Hindernisse stoßen.
BONNET: Ich bin überzeugt, daß die Zusammenarbeit so eng und wirkungsvoll ist, wie sie angesichts dieses neuen Typs von Terroristen-Aktionen sein kann. Diese Terroristen bedienen sich aller Technologie, die die moderne Welt kennt. Meine klare Antwort: Die Kooperation zwischen unseren Polizeien ist fast perfekt.
SPIEGEL: Aber diese Zusammenarbeit hat nicht nur eine technische Seite, sondern auch eine psychologische: In den Augen der deutschen Öffentlich-
* Der Ex-Innenminister besprach als Sonderbotschafter Fragen der Terrorbekämpfung.
keit sind die Terroristen der Baader-Meinhof-Bande Kriminelle, aber für einen großen Teil der französischen Öffentlichkeit, insbesondere für die intellektuelle Linke, sind sie antifaschistische Widerstandskämpfer. Mithin: Sind die französischen Behörden unter diesen Umständen wirklich frei, Klaus Croissant nach einer eventuellen Festnahme auszuliefern?
BONNET: Zunächst lehne ich die Verallgemeinerung ab, die Sie soeben über das Meinungsbild der französischen Öffentlichkeit in diesem Fall gemacht haben. Sympathien erfreut sich die Baader-Meinhof-Bande in Frankreich, wie ich eingangs bereits sagte, nur bei einer winzigen, wenn auch in der Tat sehr lautstarken Minderheit.
SPIEGEL: Könnten Sie Croissant gegen den Protest auch nur dieser Minderheit an Bonn ausliefern?
BONNET: Da möchte ich sehr deutlich werden: Die Entschlossenheit der Regierung ist durch die Hirngespinste der genannten Minderheit nicht beeinflußt und wird durch sie nicht beeinflußt werden. Diese Affäre ist zunächst eine Angelegenheit der Polizei und dann der Justiz. Wie Sie wissen, ist eines der großen Gesetze des französischen Staatsrechts die Teilung der Gewalten. In Frankreich sind die Gerichte absolut unabhängig. Und zu glauben, daß die öffentliche Meinung der Baader-Meinhof-Bande Sympathien entgegenbringt, ist sicherlich nicht richtig.
SPIEGEL: Wie sehen nach den Ihnen vorliegenden Informationen die Verbindungen zwischen den französischen und deutschen Extremisten aus? Sind sie eng?
BONNET: Das ist möglich, ich bin dessen nicht sicher. Uns liegen zu diesem Thema keine genauen Informationen vor. Die Staatsgrenzen sind heute erwiesenermaßen sehr durchlässig. Ich erinnere Sie daran, daß Klaus Croissant nach Frankreich kommen konnte, ohne daß er an der deutschen Grenze festgehalten wurde.
SPIEGEL: Verglichen mit dem Terrorismus in Italien, in Großbritannien und Deutschland war Frankreich bis jetzt eine Insel der Ruhe. Müssen Sie nicht fürchten, das Beispiel ausländischer Terroristen könnte links-anarchistische Gruppen -- und davon gibt es ja genug in Frankreich -- dazu verleiten, ebenfalls Gewalt anzuwenden.
BONNET: Ich kann Ihnen da nicht zustimmen. Überall in der Welt sind Terroristen aktiv, und auch Frankreich war davon mehrmals betroffen. Das vergißt man sehr leicht.
SPIEGEL:· Uns scheint, daß in diesem Punkt in Frankreich eher die Theoretiker, in Deutschland hingegen eher die Praktiker am Werk sind.
BONNET: Es gibt bei uns ganz wenige Männer und Frauen, die oft aus wohlhabenden Familien stammen und sich darin gefallen, die Gewalt zu verteidigen. Nach dem Ponto-Mord hat sich auch bei Ihnen eine Art von Snobismus verbreitet, der Anarchisten in den schönsten Farben malt und ihnen die edelsten Absichten unterstellt. Auf der anderen Seite wird jeder kritisiert, wenn nicht sogar beschimpft, der die Ordnung verteidigt. Diese Haltung ist empörend.
SPIEGEL: Aber linke Terroristen sind bei Ihnen kaum aktiv geworden.
BONNET: Hören Sie, für eine Regierung, die diesen Namen verdient, gibt es keinen Terrorismus von links oder von rechts, sondern nur einen Terrorismus, und der ist in beiden Fällen zu verurteilen. Natürlich werden terroristische Aktionen sehr durch lokale Umstände beeinflußt. Sie unterscheiden sich von Land zu Land. Aber die Polizeidienste passen ihre Mittel und Methoden jetzt den jeweiligen Bedürfnissen an.
SPIEGEL: Wie erklären Sie dann, daß es noch in keinem Land Europas gelungen ist, mit dem Terrorismus fertig zu werden?
BONNET: Vergessen Sie nicht: Die Polizei braucht handfeste Indizien, um jemanden festzunehmen, und die Justiz solide Beweise, um gegen ihn ein Verfahren zu eröffnen. Die Fahndung und die Suche nach diesen Beweisen brauchen Zeit, Geduld und große Anstrengungen. Festnahmen sind nicht immer sofort möglich. Doch rückblickend kann man sagen, daß unser Einsatz letztlich in vielen Fällen unsere Fähigkeit und unsere Entschlossenheit bewiesen hat. Nehmen Sie zur Kenntnis: Die Regierung der französischen Republik ist im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und insbesondere im Fall Croissant mindestens ebenso entschlossen wie die Regierung der Bundesrepublik Deutschland.
SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Helmut Sorge und Dieter Wild

DER SPIEGEL 40/1977
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