26.09.1977

HOLLANDGleiche Kapuzen

Die Regierung steuert gegenüber den Molukkern einen harten Kurs. Er vergiftet die Beziehungen zwischen den Niederländern und den Familien ihrer ehemaligen Kolonialsoldaten.
Tagelang fühlten sich Hollands Fernsehzuschauer in den ersten zwei Septemberwochen an Szenen aus Nordirland erinnert. Häuser brannten, vermummte Gestalten hetzten durch die Straßen, Schüsse fielen.
Dann war zu sehen, wie am Morgen des 10. September 1350 Polizisten und Soldaten mit Panzern und Panzerwagen die Molukkerviertel in Assen und Boven-Smilde abriegelten und die Häuser stürmten.
Zerschmetterte Fenster, faustgroße Geschützeinschläge in den Mauern, zerbrochene Möbel, zerfetzte Teppichböden, Einschläge von MG-Geschossen über Kinderbetten, zertrampelte Gärten, entwurzelte Bäume blieben zurück, als die Razzia beendet war und ohnmächtige Wut unter den 40 000 Moluckern, ehemaligen Kolonialsoldaten der Niederländer samt Familien, die immer noch von der ihnen versprochenen Republik Südmolukken im indonesischen Inselreich träumen.
Die Razzia-Methoden, dazu Presseberichte über taktische und psychologische Fehler bei der Behandlung des Doppelgeiseldramas in der Schule von Boven-Smilde und im Intercityzug Groningen-Assen in der Zeit vom 23. Mai bis zum 11. Juni, bei der radikalisierte Molukker-Jugendliche zeitweilig über 160 Reisende und Schulkinder in ihrer Gewalt hielten, haben die Beziehungen zwischen Holländern und ihrer Molukker-Minderheit auf einen neuen Tiefpunkt sacken lassen.
Während bei den Niederländern die Angst vor neuen Geiselnahmen wächst, klagen die Molukker über zunehmende Diskriminierung und Hetze. Schon verzeichnet die Eisenbahngesellschaft "Nederlandse Spoorwegen" einen Ausfall von drei Millionen Gulden, weil sich seit der Assener Geiselnahme viel weniger Menschen in Züge trauen.
Während in Boven-Smilde Anrainer der Molukkersiedlung aus ihren Häusern ausziehen, beklagen sich die Molukker in einem am 17. September veröffentlichten "Schwarzbuch" über "nordirische Eskapaden" der Sicherheitskräfte bei Hausdurchsuchungen wie beim Durchkämmen von Eisenbahn-Abteilen nach potentiellen Geiselnehmern, wo zur Verdächtigung oft schon die exotische Physiognomie reicht.
Tatsächlich ist in Holland ein härterer Kurs in der Behandlung der Molucker unverkennbar, seit der bisherige, bis zur Aufstellung eines neuen Kabinetts geschäftsführende Justizminister Andries van Agt sich entscheiden mußte: zwischen Ministersessel oder Fraktionsvorsitz der Christdemokraten in der Zweiten Kammer des Parlaments.
Van Agt, der seit der letzten Geiselaktion für Zurückhaltung von Justiz und Polizei plädiert hatte, wählte am 8. September den Fraktionsvorsitz, sein Ressort fiel an den amtierenden Innenminister Gajus ("Papagaay") de Gaay Fortmann, 66, Glied einer alten Kolonialsippe, ein Law-and-Order-Mann.
Am Tag der Übernahme durch de Gaay Fortman schon besetzten Sondereinheiten der Polizei das Gemeinschaftshaus im Assener Molukkerviertel. Gefunden wurden anderthalb Kanister Benzin -- "Rohstoff für Molotoweocktails", urteilte Oberstaatsanwalt Muntendam, "Sprit für den Motormäher", hielt der molukkische Nachbarschafts-Vereinssprecher Tuhumury dagegen.
Ergiebiger war dann zwei Tage später die Assener Ausbeute der Hausdurchsuchungen: Zwei MGs, sieben Pistolen, ein Revolver, 250 Patronen, 60 Schlag- und Stichwaffen, darunter auch Brotmesser, und eine Kiste Molotow-Cocktails.
Trotzdem blieben die Methoden der Sicherheitskräfte umstritten. "Het Parool": "Das Wort "gleiche Mönche, gleiche Kapuzen", also "gleiche Hautfarbe, gleiche Untaten" geht hier nicht auf. Das Strafgesetzbuch kennt keinen kollektiven Schuldbegriff, daher sind Massenhausdurchsuchungen gesetzlich zweifelhaft."
Die Verbitterung im Molukkerlager wird weiter geschürt durch jene Presseberichte, die den Verantwortlichen des Krisenstabes von Assen und Boven-Smilde Fehlbeurteilungen vorwerfen. Diese hätten schließlich zu der gewaltsamen Beendigung des Geiseldramas geführt, als ein unblutiger Ausgang möglich schien.
Dem Psychiater und Leiter des Krisenstabes, Dick Mulder, wird unter anderem vorgehalten, er habe die Situation im Zug falsch eingeschätzt. Mulder hatte dem Terroristenkommando ein "Zerbröckeln der Hierarchie" attestiert, was Mulder zufolge zu Panikaktionen wie etwa Geiselerschießungen fuhren würde. Darum setzte er sich für eine militärische Befreiungs-Aktion ein -- zu einem Zeitpunkt, als einer der molukkischen Vermittler, der Arzt Hassan Tan, die Mitteilung überbrachte, die "Hierarchie" der Terroristen sei keineswegs defekt. Und, was wichtiger war: Sie zeigten angeblich Bereitschaft, "über ihr freiwilliges Aufgeben nachzudenken" (Tan).
Um 4.53 Uhr morgens, kaum anderthalb Tage nach dem Gespräch Mulder-Tan, jagten Düsenjäger der niederländischen Luftwaffe über den Zug, waren Scharfschützen der "Manniers"-Spezialeinheiten in Stellung gegangen. Zwei Geiseln und sechs Terroristen kamen um. Die überlebenden sieben Täter wurden am vorigen Donnerstag zu Freiheitsstrafen zwischen sechs und neun Jahren verurteilt.
In der gespannten Stimmung zwischen Holländern und den farbigen Erben ihrer Kolonialpolitik brachte es kaum Erleichterung, daß de Gaay Fortman von den Kammerausschüssen für Justiz und Inneres "op het matje", auf die Matte, zitiert wurde: Wegen der Auswüchse in Assen mußte er Rüffel einstecken und Ersatz für materiellen Schaden ankündigen.
Weitere Schäden sind nach Ansicht des Groninger Geschichtsprofessors Han Baudet nur noch "im Dialog" mit den Molukkern zu beheben.
Aber der Dialog scheint vorwiegend über Vergangenes zu gehen: Eine nach der Geiselnahme von Beilen (1975) von der Regierung eingesetzte, je zur Häfte aus Holländern und Molukkern bestehende Kommission stürzt sich gerade mit Verve in historische Studien.

DER SPIEGEL 40/1977
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