26.09.1977

CHINAFische angeln

Ein Erdrutsch im Führungsgremium der KP Chinas: Fast die Hälfte der Mitglieder des Zentralkomitees wurde ausgewechselt- die linken Radikalen, darunter Ex-Außenminister Tschiao.
Von großen Werken reden, sich einen großen Namen machen -- das ist Politik. So lieben es die Weisen an den Höfen, die ihren Herrn ehren und ihren Staat stark machen wollen ... In einsamen Gefilden weilen, Fische angeln und müßig sein -- so lieben es die Weisen, die sich von der Welt zurückgezogen haben ..."
So zitierte 1937 der Tübinger Doktorand Tschiao in seiner Dissertation einen alten chinesischen Philosophen. Dr. phil. Tschiao brachte es 1974 -- kurz nach einem Besuch in Bonn -- zum Außenminister der Volksrepublik China. Im folgenden Jahr empfing er in Peking CSU-Chef Strauß und Kanzler Schmidt.
Doch kurz nach der Verhaftung der "Viererbande" -- der Ehefrau Mao Tse-tungs und ihrer drei engsten Verbündeten -- verlor Tschiao Kuan-hua 1976 sein Außenamt: Er war ein Alliierter der Vier.
Jetzt kann Tschiao nicht mehr von großen Werken reden, sondern nur noch wenn er Glück hat -- Fische angeln: Vorigen Monat wurde Tschiao nicht wieder in das Zentralkomitee der KP Chinas gewählt.
Selbst für chinesische Verhältnisse entspricht die Zusammensetzung des neuen ZK einem Erdrutsch: Fast die Hälfte der Führungsgenossen sind Neulinge. Von den 195 Mitgliedern des vorigen ZK wurden 76 nicht wiederberufen (16 sind verstorben).
Außer Tschiao verloren noch drei Minister ihren ZK-Sitz: die Ressortchefs für Kultur, Sport und Gesundheit -- auch sie geschaßte Anhänger der Mao-Gattin Tschiang Tsching. Verschwunden sind zudem der Vize-Polizeiminister und auch Vizepremier Sun, der sich laut einer in der Biologischen Fakultät der Uni Peking im August aufgehängten Wandzeitung gegen die Rückkehr Teng Hsiaopings gewehrt hatte.
Es fehlen ferner neun Provinz-Parteichefs, die Befehlshaber der Luftwaffe, der Artillerie und des Pionierkorps, der oberste Politkommissar und der Kommandeur des Wehrbezirks Nanking -- demnach hatte Frau Maos linkes Quartett bereits einige Machtpositionen selbst unter den Militärs erobert.
Den vier Führungs-Linken diente Tschiaos Wohnung, so ermittelte der Parteiausschuß des Außenministeriums beim Verhör des Ex-Außenministers, als Treffpunkt, Kuriere aus den Provinzen stiegen dort ab.
Außenpolitische Dokumente leitete Tschiao insgeheim der Mao-Witwe und ihrem Vertrauten Wang zu. Beide berieten den damaligen AA-Chef auch bei Personalentscheidungen. Botschafter, die zur Berichterstattung nach Peking kamen, mußten auf Tschiaos Befehl auch Frau Tschiang Tsching ihre Aufwartung machen -- und dabei Geschenke mitbringen.
So steht es in dem Partei-Bericht an den Staatsrat, der per Wandzeitung den Angestellten des Außenministeriums bekanntgemacht wurde. Die Untersuchungskommission schlug vor, das diplomatische Personal vom Botschaftsrat an aufwärts einer Loyalitätsprüfung zu unterwerfen und Tschiao keinen neuen Posten zu übertragen, solange seine politischen Probleme nicht geklärt seien.
Deshalb kam der im Ausland hoch angesehene Doktor Tschiao Kuan-hua, 65, nun nicht wieder ins ZK -- wie auch 30 (von 47) der von den Radikalen geschätzten Arbeiter und Bauern (die in der Links-Ära meist zu Gewerkschaftsführern und Volksmiliz-Kommandeuren befördert worden waren). Ihr Anteil sank von 24 auf 17 Prozent.
Von einem Teil der prominenten Linken wurde bekannt, daß sie ihren ZK-Sitz mit einer Haftzelle tauschen mußten: Insgesamt sollen etwa 3000 Radikale einsitzen.
Von den 201 Mitgliedern des neuen ZK sind nur 109 vom vorigen ZK übernommen. 20 "Rehabilitierte" aber gehörten bereits früher einmal dem ZK an, wie beispielsweise der Ex-Generalstabschef Jang, der schon 1968 mit einem Putsch gegen Frau Tschiang Tsching gescheitert war. Von den amtierenden Generalstäblern sind jetzt neben Chef Teng Hsiao-ping sieben seiner acht Vize im ZK.
Sämtliche Wehrbezirks-Kommandeure sowie die meisten ihrer Stellvertreter sitzen in dem hohen Parteigremium, ferner der Präsident der Militär-Akademie, der Vorsitzende der Rüstungswissenschaftlichen Kommission und der Politkommissar des Militär-Eisenbahnbüros. Reine Berufsmilitärs stellen allerdings nur noch ein Fünftel der ZK-Mitglieder -- während sich ihr Anteil im obersten Machtzentrum, dem Politbüro, auf zehn Mitglieder (von 23) erhöht hat.
Die Hälfte der ZK-Sitze hat wieder der Parteiapparat besetzt. Sämtliche Provinz-Parteichefs dürfen mit den meisten ihrer Stellvertreter einmal im Jahr zur ZK-Sitzung nach Peking reisen.
Die Frauen, denen laut Mao "die Hälfte des Himmels gehört", halten nur sieben Prozent der Sitze im ZK der KP Chinas: Ihre Vertretung sank von 20 auf 14 Mitglieder. Drei davon genießen Ehrenplätze vor allem wegen der Verdienste ihrer Ehemänner: Die von der Frau des früheren Premier Tschou En-lai angeführte Witwen-Fraktion verlor zwar Maos Tschiang Tsching sowie die Frau des Polizeiministers, der vor Hua amtierte, gewann jedoch die Frau des verstorbenen Marschalls Tschu Teh.
Die Ehefrau des entlassenen Außenministers aber war im Ministerium stellvertretende Abteilungsleiterin und hatte für Tschou En-lai Englisch gedolmetscht. Eine Rivalin denunzierte sie auf einer Belegschaftsversammlung: Maos Nichte Wang Hai-jung -- die es zur Vize-Außenministerin gebracht hat -- teilte den Kollegen mit, Frau Tschiao habe Maos und Tschous Gespräche mit ausländischen Besuchern heimlich auf Tonband aufgenommen und der "Viererbande" zugespielt.
Gemäß Empfehlung ihrer Vernehmer führt Frau Tschiao nun das von ihrem Mann einst in Tübingen gepriesene weise Leben: Sie weilt in einsamen Gefilden, wahrscheinlich wie ihr Mann unter Hausarrest.
* SPIEGEL-Titel 18/1976.

DER SPIEGEL 40/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHINA:
Fische angeln