26.09.1977

„Wir sind ein Verschiebebahnhof“

Praktisch keine Arbeitslosen, kaum Inflation, eine harte Währung -- die Schweiz erscheint vielen als Wirtschaftsparadies. Diese Erfolge erzielten die Schweizer durch rigorosen Export der Arbeitslosigkeit und mit Auslandsgeschäften ihrer Banken und Konzerne. „Eine komplette Schizophrenie“ nennt Sozialist Jean Ziegler das System.
Um seine europäischen Leser besser bedienen zu können, läßt der amerikanische "Newsweck"-Verlag sein Nachrichtenmagazin neuerdings in Winterthur in der Ostschweiz drucken.
Die deutschen Käufer der in Paris erscheinenden "International Herald Tribune" (Verlagswerbung: "Europas einzige internationale Tageszeitung") bekommen jeden Morgen ihr Blatt aus der Schweiz: Seit September wird für sie die Zeitung in Zürich hergestellt.
Obwohl die Schweizer Typographen im europäischen Vergleich Spitzenlöhne beziehen, gingen die Amerikaner zu den Eidgenossen -- wie immer mehr andere auch, die Produkte "Swiss made" oder Dienstleistungen kaufen, selbst wenn sie anderswo billiger sind.
Einzig die Schweiz steht heute -- so scheint es -- in Europa glänzend da:
In Schweden etwa, wie die Schweiz Mitglied der kleinen Freihandelszone (Efta), stieg die Inflation auf 13 Prozent, während die Industrieproduktion sinkt. Den Osterreichern geriet die Zahlungsbilanz ins Rutschen. Beide Länder galten bislang als krisensicher. Parlamentssession von National- und Ständerat
Während in der Europäischen Gemeinschaft durchschnittlich 5,4 Prozent der Arbeitnehmer stempeln gehen, sind es in der stabilen Schweiz nur 0,28 Prozent -- und die offenen Stellen nehmen zu. Schon klagen Textil-Industrielle über Arbeitskräftemangel.
Mit derzeit 1,3 Prozent Teuerung pro Jahr -- ein Drittel der schon beachtlich guten westdeutschen -- hält die Schweiz den Weltrekord an Stabilität. Die Großhandels-Preise bei Konsumwaren sinken, dank fallender Hypothekenzinsen wurden die Mieten billiger.
Längst sind die Eidgenossen das zweitreichste Volk der Erde: Das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt ist mit 9320 Dollar das höchste unter den Industrieländern (Bundesrepublik: 7255 Dollar, USA: 7865 Dollar). Nur die Kuweitis sind -- bei nur einer Million Einwohnern und großen Öl-Erlösen -- mit 12 565 Dollar pro Kopf noch reicher.
Stolz blicken die Teil-Erben auf ihr starkes Helvetia. Baseler und Züricher, Welschschweizer, Bündner und Tessiner, Unternehmer und Werktätige, Dichter und Denker sind ein einzig Volk von Brüdern in der Lobpreisung ihres "institutionalisierten Wunders" (so Frankreichs "Le Monde").
Louis von Planta, Chef des Baseler Chemie-Multis Ciba-Geigy und derzeitiger Präsident des Schweizerischen Handels- und Industrie-Vereins, verweist auf die Tradition: "Wissend, daß unser einziger Rohstoff unsere Hände und unser Kopf sind, sind wir seit Generationen einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt."
Für Emil Steinberger, unter dem Namen "Emil" als Prototyp des biederen Eidgenossen international bekannter Schweizer Kabarettist, ist es "einfach sensationell, was wir alles produzieren". Seiner Ansicht nach ist der Schweizer ein "nachdenklicher Typ, der zuerst zeigt, was er kann, bevor er über seine Leistung spricht".
Statt solche Leistungen zu loben, reden immer mehr Schweizer Ökonomie-Experten von Wirtschaftsmiseren und über ein drohendes Unglück für das ganze Land: Die Schweizer Regierung habe nichts zur Erhaltung der Arbeitsplätze und kaum etwas zur Belebung des Investitionsklimas getan. Das Schweizer Stabilitätswunder, folgern die Kritiker, verschleiere den wahren Krankheitszustand der Nation.
"Kreislaufstörungen" diagnostiziert Professor Emil Küng von der Wirtschafts-Hochschule in St. Gallen, während sein Kollege Walter Adolf Jöhr dem Land die "schlechtesten Konjunkturaussichten" prophezeit -- ebenso schlechte wie etwa dem streik- und inflationsgeschüttelten England. Ökonomie-Professor Silvio Borner spricht vom "Versagen der staatlichen Lenkungspolitik". Die Schweizer Wirtschaft, meint er, sei in Wahrheit ohne Schwung und Pepp geblieben -- trotz des blühenden Exportgeschäfts.
Während nämlich in anderen Industrieländern die Rezession mit aufwendigen Strukturreformen und Konjunkturspritzen angegangen wurde, glänzte der Schweizer Bundesrat vor allem durch Nichtstun -- und dies, obwohl
* die Schweizer Industrie seit 1974 rund 300 000 Arbeitsplätze wegrationalisierte oder verlor -- rund zwölf Prozent aller Arbeitsplätze;
* die Gesamtbeschäftigung zu Lasten der ausländischen Arbeitnehmer weiterhin abnimmt -- seit Sommer 1976 um weitere 0,8 Prozent;
* die Schweizer Manufakturen derzeit wohl 80 Prozent ihrer Kapazitäten auslasten, aber kaum neue Investitionen planen;
* das Wachstum der industriellen Produktion 1976 bei Null lag und 1977 unter zwei Prozent bleiben wird -- weniger als in den übrigen Industrieländern.
Die Schweiz müßte solchen Indikatoren zufolge in einer tiefen Wirtschaftskrise stecken und scheint doch gleichzeitig die Utopie einer stabilen, von Wachstumszwängen befreiten Industriegesellschaft verwirklicht zu haben, in der es keine Geldentwertung, keine Über- oder Unterbeschäftigung mehr gibt:
Zum einen bietet die Schweizer Volkswirtschaft "ein noch viel schlechteres Gesamtbild als das von Westeuropa" (so Wirtschaftsprofessor Borner) -- und zum anderen philosophieren Vertreter des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga) bereits über die Wirtschaftsordnung der nachindustriellen Ära: Gibt es zum politischen nun auch einen wirtschaftlichen Sonderfall Schweiz?
Das Besondere an den Eidgenossen scheint vor allem in ihrer Fähigkeit zu liegen, die wirtschaftliche und monetäre Schwäche anderer Länder zum eigenen Vorteil umzumünzen.
"Eine komplette Schizophrenie" nennt der Genfer Soziologie-Professor und sozialdemokratische Abgeordnete Jean Ziegler ("Eine Schweiz -- über jeden Verdacht erhaben") den Umstand, "daß wir mit unseren Waffenexporten Leute umbringen helfen und die Überlebenden durch unsere humanitären Institutionen pflegen lassen".
Für den linksliberalen Politologen Professor Arnold Künzli ist es "klar" daß wir -- mindestens zum Teil -- auf Kosten anderer leben". Der eher konservative Publizist Oskar Reck bemängelt, daß "bei uns die Leute sitzen, die welthandelspolitisch Profite auf Kosten anderer machen".
Ein Berner Gerichtsurteil bekräftigte, daß der in Vevey ansässige Nahrungsmittel-Gigant Nestle durch unsaubere Verkaufsmethoden zur Säuglingssterblichkeit in der Dritten Welt beitrug. Der Baseler Pharma-Multi Hoffmann-LaRoche ("Valium") wurde in den EG-Ländern in Verfahren verwickelt, weil er seine ausländischen Tochterfirmen hohe Gewinne schöpfen und in die Schweiz transferieren läßt.
Die Geld- und Sachwerte der Eidgenossen im Ausland betragen 306 Milliarden Mark, annähernd das Zwanzigfache des Staatshaushalts. Der aus dem Ausland zurückfließende Kapitalgewinn ist doppelt so hoch wie das Verteidigungsbudget der Eidgenossenschaft.
In Frankreich gibt es heute den Ausdruck "faire Suisse" (den Schweizer spielen) für denjenigen, der sein Vesperbrot allein ißt -- ohne zu teilen.
Daß sich der Kleinstaat Schweiz zur raffgierigen Wirtschaftsmacht aufblähen konnte, hat sie zunächst ihrer Neutralität während des Zweiten Weltkrieges zu verdanken.
"Nach dem Krieg konnten unsere Exporteure dank unserem unversehrten Produktionsapparat in alle Weltmärkte einmarschieren. Sie konnten sich so Positionen erringen, die sie unter normalen Umständen nie erreicht hätten", erinnert sich Industriellen-Präsident Louis von Planta. Die von ihm dirigierte Ciba-Geigy hat heute acht Tochterfabriken in der Bundesrepublik und baut derzeit mit der deutschen Bayer AG eine Fabrik in Brunsbüttel an der Unterelbe für eine halbe Milliarde Mark.
Dennoch meint von Planta, die Wirtschaft habe sich schon damals in die "falsche Richtung" entwickelt. "Es haben sich in der Schweiz Produktionen ausgedehnt, die im Grunde strukturell nicht in dieses Land paßten."
Dieses zwar falsche, aber profitable Wachstum führte dazu, daß immer mehr Arbeitsplätze geschaffen und immer mehr billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angelockt wurden. Teure Strukturreformen -- etwa für die veraltete Uhrenindustrie -- unterblieben.
Bereits Ende der 50er Jahre war jeder sechste Arbeitnehmer ein Ausländer -- ein höherer Anteil als in jedem anderen Industrieland. 1970 hatte jeder vierte Werktätige einen fremden Paß, 1974 war ein Sechstel der gesamten Wohnbevölkerung fremdländisch. In manchen Ballungsgebieten arbeiteten mehr Ausländer als Einheimische.
Der Boom ließ Schweizer Arbeitnehmer zu Vorgesetzten über -- zum Teil besser qualifizierte -- Ausländer aufsteigen, die Arbeitgeber warben mit immer höheren Löhnen der Konkurrenz die Einheimischen ab.
Bis 1973, als die Überbeschäftigung ihren Höhepunkt erreichte, hatten die Unternehmer die letzten Reserven des Landes mobilisiert: Alte, Invalide und Hausfrauen dienten der industriellen Expansion. Überstunden zur in der Schweiz üblichen 44-Stunden-Woche waren selbstverständlich.
Die folgende Rezession, so Biga-Vize Hans Mühlemann, überraschte die Unternehmer in "einer Phase völliger Austrocknung". Sie feierten die für andere Länder katastrophale Wirtschaftskrise als "Entkrampfung und Entspannung auf dem Arbeitsmarkt" (Mühlemann).
An zwei Dritteln der verlorenen Arbeitsplätze hatten Ausländer gearbeitet. die nun ohne Arbeitslosen-Unterstützung als "industrielle Manövriermasse" (Züricher "Tages-Anzeiger") außer Landes geschafft wurden -- vorwiegend nach Süditalien, wo ohnehin schon hohe Arbeitslosigkeit herrscht.
Bei den Einheimischen traf es in erster Linie Zweitverdiener, Leute im Rentenalter, Sozialversorgte. Schüler und Studenten. Ihre Ausgliederung aus dem Arbeitsprozeß schlug sich in keiner Arbeitslosen-Statistik nieder.
Tatsächlich mag niemand sagen, wie es den Eidgenossen erginge, wenn sie zwölf Prozent ihrer Erwerbstätigen mit Arbeitslosengeld stützen müßten, wenn über 200 000 Stempler politischen Druck auf der Straße ausüben würden.
Für das politisch so milde Klima zwischen Rhein und Rhône war es besonders wichtig, daß der "Faktor Arbeit wie ein Rohstoff beliebig importiert und exportiert werden konnte" und dadurch dar soziale Problem "einfach ins Ausland verschoben" wurde (National-Ökonom Silvio Borner). Denn so blieb das Schweizerland für ausländische Kapitaleigner attraktiv. Während die Berner Währungs-Manager der Schweizerischen Nationalbank seit 1973 den Franken -- nach oben
floaten ließen, tauschten immer mehr betuchte Ausländer ihre Vermögen in harte Franken, um dem Währungsverfall im eigenen Land zu entgehen.
Je höher die Inflation in Europa, vor allem in Italien (1976: 15,7 Prozent) und Frankreich (9,6 Prozent) kletterte, um so mehr Ausländer trugen ihr Geld den Schweizern an, die diese Mittel dann wieder im Ausland -- auf eigene Rechnung -- investierten.
Nicht mal ein striktes Verzinsungsverbot für fremde Guthaben oder zeitweise sogar Negativ-Zinsen konnten die ausländischen Franken-Liebhaber zurückhalten; Seit 1974 stieg der floatende Franken gegenüber den Währungen der Welt (gemittelt) um über 50 Prozent. Sogar zur Mark stieg sein Wert um 14 Prozent.
Durch diese Kapitalflucht, weiß der Generaldirektor und Präsidiums-Vize der Schweizer Nationalbank, Leo Schürmann, "sind wir ein Verschiebebahnhof geworden" -- ein Wechselgeschäft, bei dem die eidgenössischen Finanz-Spediteure den großen Reibach machten.
Der im übrigen Europa verheerende Teufelskreis der dauernden Geldentwertung geriet aber auch für die Schweizer Wirtschaft unversehens zum "Engelskreis" (Silvio Borner): > Die hohe Bewertung des Frankens verbilligte die Rohstoff- und Warenimporte und drückte auf die Preise der einheimischen Produkte. > Durch die Franken-Aufwertung verteuerten sich die Schweizer Exporte, was zu weiteren Rationalisierungen zu Lasten ausländischer Arbeitnehmer führte.
Die Konjunktur-Manager der Nationalbank hatten nur mehr dafür zu sorgen, daß in diesem Kreislauf der Frankenkurs langsamer stieg als die Inflationsrate in den Exportländern der Schweizer -- durch massive Interventionen auf den Devisenmärkten.
Biga-Vize Mühlemann: "Zwar ist der Franken 1976 um 2,5 Prozent teurer geworden, doch der Inflationsrückstau der OECD-Staaten* gegenüber der Schweiz beträgt rund acht Prozent. Dies ergibt eine reale Verbesserung unserer Wettbewerbsposition um annähernd sechs Prozent."
Beides -- Preisstabilität im Inland und Kapitalstrom aus dem Ausland -- verdanken die Schweizer nicht nur dem Gastarbeiter-Exodus, sondern auch der "vernünftigen Lohnpolitik der Gewerkschaften", wie Industriellen-Präsident von Planta lobt: "Mit ihnen kann man das Problem der Erhaltung der Arbeitsplätze ganz offen diskutieren."
Kein Schweizer Gewerkschafter geht für seinen gefeuerten ausländischen Kollegen auf die Straße, die Funktionäre freuen sich über die "vernünftige Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern", so Ezio Canonica, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.
Die Gewerkschafter sind nicht ohne Grund so friedlich: Das Zusammenspiel zwischen Gewerkschaften und Unternehmern ("Friedensabkommen") bescherte den Werktätigen über Jahrzehnte pralle Lohntüten. Streiks hingegen gelten auf beiden Seiten als unschweizerische Kampfform.
Schweizerisch ist das Feilschen am runden Tisch, das Aushandeln von Kompromissen. Schlimmstenfalls gehen die Partner vor ihr gemeinsames Schiedsgericht, dessen Spruch akzeptiert wird, weil sonst Bußgelder drohen.
Als sich 800 Arbeiter der Maschinenfabrik Dubied in Neuenburg "spontan zu einem Streik hinreißen ließen" ("Neue Zürcher Zeitung"), mußte die zuständige Gewerkschaft 20000 Franken Strafe zahlen, weil sie den Streik nicht verhindert hatte. Wegen Mißachtung seiner Informationspflichten gegenüber der Gewerkschaft wurde aber auch der Arbeitgeber verurteilt --
* Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der 24 führenden Industrieländer.
im Geiste ausgleichender Gerechtigkeit zu ebenfalls 20 000 Franken.
Das "Friedensabkommen", 1937 im Zeichen äußerer Bedrohung und nach dem Schock der Wirtschaftskrise geschlossen, ist zum Symbol helvetischer Friedfertigkeit geworden. Wie in keinem der Nachbarländer denkt jeder der Sozialpartner "die Probleme des anderen mit" (Gewerkschaftsboß Canonica). Der Schweizer, ergab kürzlich eine Umfrage, hält die Unternehmer für "aufrichtig, vorbildlich, besonnen" -- und sogar für "nicht unsozial".
Bei soviel sozialpartnerschaftlicher Harmonie der dauernden Konsens-Bezeugungen konnte sich die Berner Regierung im Verein mit den Nationalbank-Managern eine Politik leisten, die mit dem Kampf gegen die Teuerung vor allem die Chancen der Exportindustrie heben soll. Denn die erwirtschaftet nach wie vor fast die Hälfte des Schweizer Bruttosozialprodukts.
Dennoch droht den Eidgenossen bald "ein böses Erwachen" (Borner) an der Heimatfront, weil mit den geburtenstarken Jahrgängen immer mehr Jugendliche keine Arbeit finden.
Jedes Jahr müßte die Schweizer Wirtschaft 30 000 neue Arbeitsplätze schaffen, rechnet Hans Mühlemann vor, was ein Wachstum des Schweizer Bruttosozialprodukts von vier Prozent erfordere -- doch dieses wächst in diesem Jahr um weniger als zwei Prozent.
Überfällige Strukturreformen etwa in der Uhrenbranche -- ihr Anteil am Weltexport fiel von 68 (1971) auf 46 Prozent -- kommen zu spät. Jetzt hoffen die Berner Wirtschafspolitiker, ihr Industriewachstum über die Auslandsmärkte steuern zu können -- wohl wieder in die falsche Richtung.
Um diesen internationalen Markt kämpft die Berner Handelsabteilung des Wirtschaftsministers (Volksmund: "das heimliche Außenministerium"). Chef-Außenhändler Botschafter Jolles: "Wir sind gegen den überhandnehmenden Protektionismus und setzen uns überall für den freien Warenverkehr ein -- zur Not auch gegen die Bedürfnisse der armen Welt.
Beim Pariser Nord-Süd-Dialog blockte Botschafter Jolles noch erbitterter als die Amerikaner die "interventionistischen Forderungen der Entwicklungsländer" ah, um die mangelnde Zusammenarbeit unter den OECD-Ländern als Spielraum für die eigenen Geschäfte zu nutzen.
Dazu eignen sich vor allem die den Schweizer Bankern anvertrauten ausländischen Vermögen, die ohnehin auf dem internationalen Markt Zinsen bringen sollen: Die Berner Außenhändler können daher relativ höhere Hilfskredite (gemessen am Bruttosozialprodukt) bieten als jedes andere Land:
* Obwohl Nicht-Mitglied, hilft die Schweiz im Rahmen des Internationalen Währungsfonds mit 688 Millionen Franken den von hohen Erdölpreisen geplagten Ländern, mit 825 Millionen den Briten, mit 103 Millionen Italien und mit weiteren 1,8 Milliarden den Ländern mit Zahlungsbilanz-Sorgen.
* Im Rahmen der OECD-Kredite stellte die Schweizer Nationalbank den anderen Ländern 1,1 Milliarden als "Sicherheitsnetz" bei Finanzierungsproblemen zur Verfügung.
* Von den 5,3 Milliarden Dollar, die von den Zentralbanken der größten Industrieländer ("Zehnerklub") den Briten zur Währungsstützung offeriert wurden, trägt allein das Schweizer Noteninstitut 300 Millionen.
Dieser Geld-Aktionismus steht im krassen Gegensatz zur politischen Abstinenz der offiziellen Schweiz. Der Grundsatz der Neutralen, "daß wir keine Außenpolitik treiben, weil wir keine nötig haben" (so Schriftsteller und Politiker Adolf Muschg), gilt für die Wirtschafts-Manager längst nicht mehr.
Ihnen ist längst klar, daß sie nur vorübergehend von den Wirtschaftssorgen der anderen profitieren können. In Zukunft, weiß Silvio Borner, werden die Eidgenossen wieder vermehrt "vom Vertrauen des Auslands in unsere Wirtschaft und unser liberales politisches System" leben müssen -- und wenigstens ihr Polit-System garantiert auch weiterhin eine stabile Helvetia: Der immerwährende Arbeitsfriede ist auch bei steigender Inflation und sinkenden Wechselkursen voller Harmonien.
"Newsweck" und "International Herald Tribune" werden auch an deutschen Kiosken ausliegen, wenn die Druckereien Europas durch Streiks stillgelegt würden -- außer bei den Schweizern, die eigentlich nie streiken.

DER SPIEGEL 40/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir sind ein Verschiebebahnhof“