26.09.1977

„Nicht Weltpolizist spielen“

SPIEGEL: Herr Professor Schürmann, den Wirtschaftsdaten zufolge scheint es der Schweiz als einzigem Land in der weltweiten Konjunkturflaute gutzugehen.
SCHÜRMANN: Kurzfristig geht es uns zweifellos gut. Es wäre in der Tat schwierig, düstere Bilder über unser Land an die Wand zu malen.
SPIEGEL: Wie haben Sie dies trotz der radikalen Magerkur Ihrer Wirtschaft erreicht?
SCHÜRMANN: Rund 40 Prozent unseres Bruttosozialproduktes sind exportabhängig. Die Frage war also, wie gut wir uns nach dem enormen Aufwärtsfloaten des Frankens den neuen internationalen Verhältnissen anpassen und im internationalen Vergleich wieder konkurrenzfähig werden konnten.
SPIEGEL: Bei Ihnen gibt es seit 1974 keinen Lohndruck. Hat Sie der Arbeitsfriede wieder konkurrenzfähig gemacht?
SCHÜRMANN: Sicherlich, auch deshalb geht es uns gut: Die friedlichen schweizerischen Zustände! Löhne werden bei uns zur Hauptsache auf Betriebsebene individuell ausgehandelt. Die Gewerkschaften haben dadurch eine intime Kenntnis der finanziellen Situation jeder einzelnen Firma und können so viel Verständnis zeigen. Unsere Gewerkschaften sind dadurch ungleich flexibler als die ausländischen mit ihren globalen Tarifabsprachen.
SPIEGEL: Im Ausland herrscht der Eindruck vor, die Schweiz lebe auf Kosten anderer -- auch auf Kosten ausländischer Steuerzahler. weil Reiche und Steuerflüchtlinge ihr Geld in die Schweiz bringen.
SCHÜRMANN: Das scheint mir eine falsche Optik. Wir wehren alles Geld ab, das wir nicht wollen -- nicht der großen Welt zuliebe, sondern um den Nachfragedruck auf den Franken etwas zu lockern.
SPIEGEL: Die Affäre der Schweizerischen Kreditanstalt in Chiasso zeigt aber, daß die Banken mit manchmal dubiosen Mitteln fremde Gelder ins Land bringen.
SCHÜRMANN: Gerade aufgrund des Falles Chiasso konnten wir die Banken dazu bringen, eine Konvention zu schließen, die uns von "schmutzigem Geld" verschont. Eine Bank, die sich nicht an die Abmachung hält, muß mit beträchtlichen Bußen rechnen. Das nützt.
SPIEGEL: Doch können zum Beispiel Italiener und Franzosen, die Angst vor einer sozialistischen Regierung haben, ihr Geld den Steuerfahndern daheim entziehen.
SCHÜRMANN: Aber nur, wenn sie der betreffenden Schweizer Bank ihre Identität angeben. Wir wollen keine anonymen oder unklaren Gelder hier. Aber wir wollen auch nicht den Weltpolizisten spielen, das ist ebenfalls klar. Diese Länder müssen durch ihre eigenen Gesetzgebungen die Geldflucht eindämmen.
SPIEGEL: Kann, wer Steuer hinterzieht, sein Geld weiterhin in die Schweiz bringen?
SCHÜRMANN: Ja. Aber die Bank wird keine aktive Beihilfe mehr dazu leisten. Mehr kann man von uns nicht verlangen, schließlich haben wir eine frei konvertierbare Währung und ein völlig liberales Finanz- und Wirtschaftssystem.
SPIEGEL: Also keine Bankkuriere mehr, die das Geld holen?
SCHÜRMANN: Nein, keine Kuriere und all die anderen widrigen Machenschaften mehr.
SPIEGEL: Hat die Schweiz die Wechselkurs-Verschiebungen beim Floating seit 1973 nur verkraften können, weil im Ausland die Inflationsraten viel höher waren?
SCHÜRMANN: Wir hatten bereits 1971 zum ersten Mal aufgewertet. Aber damals hatten wir ja keine konsequente Konjunkturpolitik, damals wuchs unsere Wirtschaft ungehemmt. Erst das Floating gestattete die heute gehandhabte Konjunkturpolitik im Sinne einer weitgehenden Geldmengen-Steuerung.
SPIEGEL: Als die Franken-Nachfrage im Herbst 1975 zu groß wurde, wollten Sie doch zur Währungsschlange. Sie scheiterten am Widerstand der Franzosen. Sind Sie ihnen heute dafür dankbar?
SCHÜRMANN: Gewissermaßen. Aber wir können nicht wissen, was aus der verunglückten Schlange geworden wäre, wenn wir dabei gewesen wären. Die hätte sich vermutlich anders weiterentwickelt.
SPIEGEL: Keine EG-Mitgliedschaft, keine Währungsschlange, kein Mitglied bei der Weltbank, beim Währungsfonds oder in der Uno -- und folglich auch keine Mitverantwortung?
SCHÜRMANN: Wir nehmen das politische und wirtschaftliche Risiko, allein zu sein, voll auf uns -- und wir nehmen auch die damit verbundenen Chancen wahr.

DER SPIEGEL 40/1977
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