26.09.1977

US-GETREIDERandvolle Silos

Mit einem Mittel, das nur wenige Jahre zuvor die Gefahr einer globalen Hunger-Katastrophe heraufbeschworen hatte, will Präsident Carter seinen Farmern helfen.
Die größte Hungersnot der Geschichte hat gerade angefangen", stellte ein Experten-Papier der Welternährungs-Konferenz 1974 in Rom die Horror-Prognose eines langanhaltenden globalen Nahrungsmittel-Defizits.
Ein Jahr darauf schwand nach Meinung des amerikanischen Agrar-Ökonamen Lester Brown "jede Hoffnung", die "prekär niedrigen" Weitgetreide-Vorräte "wieder auf ein sicheres Niveau zu bringen".
Nun, zwei Jahre später, quellen die Kornsilos in den wichtigsten Anbaugebieten der Welt von Getreide über. Denn nach den Überschuß-Jahren 1975 und 1976 fahren die Getreide-Farmer in diesem Herbst die dritte fette Ernte hintereinander ein.
Im Weizengürtel der USA, der exportstärksten Getreide-Region der Welt, haben die Farmer gerade mit rund 55,2 Millionen Tonnen Weizen fast so viel wie im Rekordjahr 1976 (58,4 Millionen Tonnen) abgeerntet. Die amerikanischen Maisanbauer bringen derzeit mit einer auf 158,2 Millionen Tonnen geschätzten Ernte noch 330 000 Tonnen mehr als bei ihrer Rekord-Produktion im Vorjahr ein. Spitzen-Ernten stehen auch bei Futtermittel-Getreide wie Hafer, Gerste und Hirse sowie bei Sojabohnen an.
Die Sowjets, die nach schweren Mißernten in den Jahren 1972 und 1975 den Weltgetreidemarkt durch hohe Importe aus den USA leergefegt hatten, sind durch ausgezeichnete Ernten wieder Selbstversorger. Und die einst von Hunger-Katastrophen heimgesuchten Inder haben gegenwärtig sogar mehr Getreide, als sie lagern können.
Damit fehlt es vor allem den Weizenfarmern in den USA an genügend Auslandskunden. Denn in Hunger-Regionen wie dem Sahel am Südrand der Sahara leben zwar immer noch Millionen unterernährter Menschen. Aber diese Ärmsten der Armen haben kein Geld, ihren Bedarf in Nachfrage auf dem Welt-Getreidemarkt umzusetzen.
Hungernde würden "selbst dann unter uns sein", erklärte das Londoner Magazin "The Economist", "wenn die Erde mit Getreide gepflastert wäre".
in einigen Anbau-Regionen der USA ist sie es schon. Wegen randvoller Silos mußten die Farmer Überschuß-Weizen auf Parkplätzen oder Straßen lagern.
Die Getreide-Berge drückten stark auf die Preise. Hatten die Weizenanbauer 1973 noch Über 6,5 Dollar pro Bushel (27,2 Kilo) erlöst, so sackte die Weizen-Notiz an der Chicagoer Börse dieses Jahr auf etwa zwei Dollar.
Bei Produktionskosten von über drei Dollar pro Bushel Weizen sehen Amerikas Landwirte den Getreide-Segen denn auch mehr als Sintflut an. Und gegen die will nun Präsident Jimmy Carter, selbst ein Farmer, auf Druck der Agrar-Lobby einen Damm errichten.
Carter schlug dem Kongreß höhere Subventionen für jene Farmer vor, die ihre Weizen-Anbaufläche 1978 um ein Fünftel verringern werden. Weizen-Anbauern, die dies nicht tun, werden bisherige Beihilfen gestrichen.
Für Futtergetreide erwägt der Präsident eine Anbaubeschränkung von zehn Prozent. Darüber hinaus will er eine staatliche Getreidereserve von 30 bis 35 Millionen Tonnen einschließlich eines Sechs-Millionen-Tonnen-Vorrats für internationale Nahrungsmittel-Hilfe anlegen lassen. Geschätzte Kosten des Programms: 4,4 Milliarden Dollar.
Mit dem Brachland-Beschluß setzte sich der Präsident über den Rat seiner Haus-Ökonomen hinweg. Die Wirtschaftsberater hatten vor den inflationären Gefahren eines verringerten Nahrungsmittel-Angebots gewarnt. Denn nur wenige Jahre zuvor hatte sich der durch Anbaubeschränkungen angesteuerte Grat zwischen wirksamer Unterstützung der Farmer einerseits und Versorgungskrisen andererseits schon einmal als zu schmal erwiesen.
Nach einem staatlich geförderten Zwölf-Prozent-Schnitt der Weizenanbaufläche in den Jahren 1968 bis 1972 waren die US-Reserven so stark gesunken, daß eine Reihe schlechter Ernten in den folgenden Jahren die Weizenpreise auf Rekord-Niveau trieb und die Gefahr einer Hungerkatastrophe in der von US-Importen abhängigen Dritten Welt heraufbeschwor.
Washingtons Agrar-Beamte stellen die Wirkungen des neuen Brachland-Plans für die Verbraucher dagegen als völlig harmlos hin. Da jeder Farmer den Boden mit den geringsten Erträgen brachliegen lassen werde, so die Kalkulation des US-Landwirtschaftsministeriums, werde die Weizenernte bei um 20 Prozent verringerter Fläche nur um etwa acht Prozent zurückgehen.
Selbst wenn sich dieser Produktionsverlust in den Weizenpreisen niederschlagen werde, sei dies für die Konsumenten nur ein Klacks. Denn in einem Weizenbrot, das 35,6 Cent koste, sei der Weizen selbst nur 2,4 Cent wert.
US-Landwirtschaftsminister Bob Bergland glaubt sogar zu wissen, wie gering die Gefahr weltweiter Mißernten in den nächsten Jahren ist. Die Wahrscheinlichkeit, daß Hungersnöte nur durch hohe US-Reserven zu verhindern sind, schätzt der Minister kühn auf 1:20 -- ein so kleines Risiko, daß es zu akzeptieren sei.

DER SPIEGEL 40/1977
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